{"id":45090,"date":"2017-11-24T07:00:00","date_gmt":"2017-11-24T05:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/?p=45090"},"modified":"2020-05-26T16:51:41","modified_gmt":"2020-05-26T14:51:41","slug":"ein-geschenk-der-besonderen-art-warum-uns-das-huhn-heilig-ist","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/hintergrund\/45090\/ein-geschenk-der-besonderen-art-warum-uns-das-huhn-heilig-ist\/","title":{"rendered":"Ein Geschenk der besonderen Art: Warum uns das Huhn heilig ist"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Im Mittelalter galten in Europa strenge Fastenregeln. Weil sie den Konsum von H\u00fchnern erlaubten, kam es zum Boom dieser Haustiere \u2013 mit Folgen bis heute.<\/strong><\/p>\n\n<p class=\"text\">Hat der liebe Gott die Welt erschaffen? Dar\u00fcber streiten sich die Geister bis zum heutigen Tag. Zumindest aber haben seine treuen Diener auf Erden geh\u00f6rig in den Lauf der Natur eingriffen. Dass unser liebstes Federvieh \u2013 das Haushuhn \u2013 so ist und sich so verh\u00e4lt, wie wir es kennen, haben wir in erster Linie den Benediktinerm\u00f6nchen zu verdanken.<\/p>\n\n<p class=\"text\">Mit ihren strengen Fastenregeln pr\u00e4gten sie die Ern\u00e4hrungsgewohnheiten der Menschen im Mittelalter und l\u00f6sten damit einen eigentlichen Boom in der Haltung und der Zucht von H\u00fchnern in Europa aus. Zu diesem Schluss kommt ein britisches Team von Arch\u00e4ologen, Genetikern und Zoologen um Greger Larson von der University of Oxford in einer neuen Studie (<a href=\"https:\/\/academic.oup.com\/mbe\/article\/3746559\/Inferring-Allele-Frequency-Trajectories-from?searchresult=1\">\u00abMolecular Biology and Evolution\u00bb, online.<\/a>)<\/p>\n\n<p class=\"text\">Die Domestikation von Rindern, Schafen oder Schweinen begann vor mehr als 10 000 Jahren. Durch die Zuchtwahl des Menschen nahmen diese Tiere schon bald die Eigenschaften an, die noch heute f\u00fcr sie typisch sind \u2013 etwa, dass Schafe dem Menschen nicht nur Fleisch, sondern auch Wolle liefern. \u00abBei den H\u00fchnern lief die entsprechende Entwicklung erst sehr viel sp\u00e4ter ab\u00bb, erkl\u00e4rt der Bioarch\u00e4ologe Greger Larson.<\/p>\n\n<p class=\"text\">2010 analysierte er zusammen mit anderen Forschern aus Knochenresten das Erbgut von 80 H\u00fchnern. Sie stammten aus der Zeit von 280 v. Chr. bis 1800 n. Chr. und waren in verschiedenen arch\u00e4ologischen Fundst\u00e4tten in Europa ausgegraben worden. Zu Larsons \u00dcberraschung zeigte das antike Federvieh an den entscheidenden Stellen des Erbguts wenig \u00dcbereinstimmung mit den H\u00fchnern aus dem 18. Jahrhundert.<\/p>\n\n<p class=\"text\">Den antiken H\u00fchnern fehlten die Gene f\u00fcr die heute am meisten verbreitete gelbe Farbe der Beine. Vor allem aber wiesen nur wenige dieser Tiere jene Variante des TSHR-Gens auf, die typisch f\u00fcr moderne H\u00fchner ist (<a href=\"http:\/\/www.pnas.org\/content\/111\/17\/6184.abstract\">\u00abPNAS\u00bb, Bd. 111, S. 6184<\/a>). H\u00fchner mit zwei Kopien dieser TSHR-Variante k\u00f6nnen sich \u00fcber das ganze Jahr hinweg fortpflanzen, sie sind weniger aggressiv, zeigen weniger Scheu vor dem Menschen und legen schneller Eier, wenn sie erwachsen sind.<\/p>\n\n<p>Larsons Folgerung: Die Zucht von H\u00fchnern auf f\u00fcr den Menschen n\u00fctzliche Eigenschaften nahm erst in den letzten 500 Jahren so richtig Fahrt auf. Im Zeitraster der Evolution entspricht das nicht viel mehr als der Dauer eines Wimpernschlags.<\/p>\n\n<div class=\"wp-block-image  caption-style-blue-overlay caption-alignment-center\"><figure class=\"aligncenter\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/2020\/04\/1f3c3baa-kalenderbilder_seite_09-e1511434151417.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4688\"\/><figcaption>\u00a9 Markus Burke<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">H\u00fchnerfleisch in der Fastenzeit<\/h3>\n\n<p class=\"text\">Mithilfe einer statistischen Analyse konnten Larson und sein Team nun in ihrer neuen Studie aufzeigen, dass sich der Selektionsdruck auf das TSHR-Gen um 1000 n. Chr. \u2013 zur Zeit des Hochmittelalters \u2013 zu entwickeln begann. Dazu passt, dass in arch\u00e4ologischen Fundstellen in Deutschland und England vom 9. Jahrhundert bis ins 12. Jahrhundert immer h\u00e4ufiger Knochen von H\u00fchnern entdeckt wurden. Offensichtlich fingen die Menschen in dieser Periode an, vermehrt H\u00fchner zu halten und zu konsumieren.<\/p>\n\n<p class=\"text\">Aber warum \u00e4nderten sie ihre Ern\u00e4hrungsgewohnheiten, nachdem H\u00fchner bei den R\u00f6mern selten auf dem Speisezettel standen? Es war die Zeit, als vom burgundischen Benediktinerkloster Cluny die Cluniazensische Reform ausging, sich nach England ausbreitete und schliesslich weite Teile Europas erfasste. Mit strengen Glaubensregeln wollten die Benediktinerm\u00f6nche den moralischen Niedergang der katholischen Kirche aufhalten, der nach dem Ende des Karolingerreichs um 900 n. Chr. eingesetzt hatte.<\/p>\n\n<p class=\"text\">Teil dieser Bewegung der geistigen Erneuerung waren auch umfangreiche Fastenregeln, die w\u00e4hrend 130 bis 160 Tagen im Jahr G\u00fcltigkeit hatten und die von den Menschen bis in die Neuzeit befolgt wurden. Als Fastenspeisen galten Gerichte aus Weizen- und Roggenmehl, Trockenfr\u00fcchte und Fische. \u00abWobei man die Bezeichnung \u2039Fisch\u203a damals sehr weit auslegte und auch Wassertiere wie den Biber oder am Wasser lebende H\u00fchner, Enten und G\u00e4nse dazuz\u00e4hlte\u00bb, erkl\u00e4rt Franz Xaver Bischof, Professor f\u00fcr Kirchengeschichte des Mittelalters und der Neuzeit an der Ludwig-Maximilians-Universit\u00e4t in M\u00fcnchen.<\/p>\n\n<p class=\"text\">Zudem soll Rabanus Maurus, der Abt des Klosters Fulda, gesagt haben, Gott habe die zweibeinigen Tiere am gleichen Tag wie die Fische geschaffen, deshalb sei der Verzehr von H\u00fchnern w\u00e4hrend der Fastenzeit erlaubt. Die Forscher um Larson sind deshalb \u00fcberzeugt: Die besagten Varianten des TSHR-Gens mit den f\u00fcr den Menschen vorteilhaften Eigenschaften von H\u00fchnern haben sich als Folge einer religi\u00f6s motivierten Entscheidung im Hochmittelalter durchgesetzt.<\/p>\n\n<p class=\"text\">\u00abDiese These ist interessant und gut begr\u00fcndet\u00bb, sagt J\u00f6rg Schibler, Professor f\u00fcr pr\u00e4historische und naturwissenschaftliche Arch\u00e4ologie an der Universit\u00e4t Basel. Allerdings m\u00fcsse man auch den sozialgeschichtlichen Kontext ber\u00fccksichtigen. \u00abH\u00fchnerknochen sind im Zusammenhang mit dem Adel h\u00e4ufiger\u00bb, erkl\u00e4rt Schibler. \u00abIn der Schweiz haben wir auf den Burgen oder in bevorzugten Wohnbereichen von St\u00e4dten immer h\u00f6here Anteile von H\u00fchnerknochen gefunden.\u00bb<\/p>\n\n<p class=\"text\">Bauern haben die H\u00fchner produziert, konsumiert wurden sie durch sozial h\u00f6hergestellte Schichten. Auch die Zehnten, also die Abgaben an die Grundherren, bestanden oft aus H\u00fchnern. \u00abDer durchschnittliche Einwohner in mittelalterlichen St\u00e4dten konnte sich H\u00fchnerfleisch gar nicht leisten\u00bb, sagt der Basler Arch\u00e4ologe.<\/p>\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Bev\u00f6lkerungswachstum als Treiber<\/h3>\n\n<p class=\"text\">Religi\u00f6s inspirierte Nahrungspr\u00e4ferenzen waren vermutlich ein wichtiger, wenn auch nicht der einzige Faktor, der den Konsum von H\u00fchnern im Mittelalter angetrieben hat. In dieser Zeit stiegen die Bev\u00f6lkerungszahlen an, und die Urbanisierung kam in Gang. M\u00f6glich wurde diese Entwicklung durch die Einf\u00fchrung effizienterer Produktionsmethoden in der Landwirtschaft, wie etwa der Dreifelderwirtschaft, sowie durch Erfindungen wie den schweren Eisenpflug. Auch herrschten w\u00e4hrend der mittelalterlichen Warmzeit f\u00fcr den Menschen vorteilhafte Umweltbedingungen.<\/p>\n\n<p class=\"text\">Zwar blieben die Leute in den St\u00e4dten f\u00fcr die Versorgung mit Lebensmitteln von den Bauern im Umland abh\u00e4ngig, aber es k\u00f6nnte f\u00fcr die wachsende Bev\u00f6lkerung durchaus ein Vorteil gewesen sein, H\u00fchner in kleinen Herden oder K\u00e4figen zu halten. Tiere, die ruhiger waren und schneller und mehr Eier legten, waren dazu perfekt geeignet. Genau diese Eigenschaften zeichneten H\u00fchner mit der neuen Variante des TSHR-Gens aus, die sich damals durchsetzte.<\/p>\n\n<p>Die Benediktinerm\u00f6nche h\u00e4tten sich wohl nie tr\u00e4umen lassen, dass sie eine solche Entwicklung anstossen sollten.<\/p>\n\n<p class=\"text\">Die Zucht von H\u00fchnern zu eigentlichen Hochleistungstieren hat in Europa vor 100 bis 150 Jahren eingesetzt. Doch seit den 1950er Jahren sind die Zuchtfortschritte um ein Vielfaches gr\u00f6sser als w\u00e4hrend der vergangenen 4000 Jahre. \u00abEs hat ein regelrechter Quantensprung stattgefunden\u00bb, erkl\u00e4rt Ruedi Zweifel, Direktor des Gefl\u00fcgel-Fachzentrums Aviforum in Zollikofen.<\/p>\n\n<p class=\"text\">Die \u00e4ltesten sicher nachgewiesenen \u00dcberreste von domestizierten H\u00fchnern stammen aus der Zeit von 2000 bis 2500 v. Chr. \u2013 aus der Harappa-Kultur im Nordwesten des indischen Subkontinents. Heute werden die Tiere als sogenannte Hybridh\u00fchner in zwei voneinander v\u00f6llig getrennten Linien gez\u00fcchtet: Legeh\u00fchner, die bis 320 Eier im Jahr produzieren, und Masth\u00fchner, die schnell Fleisch ansetzen.<\/p>\n\n<p class=\"text\">\u00abDas sind zwei kontr\u00e4re Zuchtlinien, deren Eigenschaften sich gegenseitig ausschliessen: Je besser ein Tier Fleisch zulegt, desto weniger Eier legt es \u2013 und umgekehrt\u00bb, sagt Ruedi Zweifel. Das Ziel weiterer Zuchtbem\u00fchungen besteht darin, dass die Tiere noch effizienter Futter in Fleischzuwachs und Eimasse umsetzen.<\/p>\n\n<p class=\"text\">\u00abDie moderne Zucht hat die H\u00fchner an die Grenzen des biologisch M\u00f6glichen getrieben\u00bb, sagt der Bioarch\u00e4ologe Greger Larson. Die Benediktinerm\u00f6nche im Mittelalter h\u00e4tten sich wohl nie tr\u00e4umen lassen, dass sie eine solche Entwicklung anstossen sollten. Sie wollten sich doch nur auf die Werte Gottes zur\u00fcckbesinnen.<\/p>\n\n<p><strong><em>Die Karriere des Haushuhns<\/em><\/strong><\/p>\n\n<p><em><strong>2500 v. Chr.:<\/strong>\u00a0Erste belegte Funde des Haushuhns, seine Stammform ist das heute noch wildlebende Bankivahuhn.<\/em><\/p>\n\n<p><em><strong>700 v. Chr.:<\/strong>\u00a0Aus der fr\u00fchen Eisenzeit stammen die ersten Funde von Haush\u00fchnern in Europa.<\/em><\/p>\n\n<p><em><strong>1. Jh. n. Chr.:<\/strong>\u00a0Der r\u00f6mische Schriftsteller Lucius Columella beschreibt die landwirtschaftliche Zucht von H\u00fchnern.<\/em><\/p>\n\n<p><em><strong>1000 n. Chr.:<\/strong>\u00a0Im Mittelalter wird die H\u00fchnerzucht in Europa zu einem Kulturfaktor.<\/em><\/p>\n\n<p><em><strong>21. Jahrhundert:<\/strong>\u00a0Hochgez\u00fcchtete H\u00fchner legen entweder viele Eier oder setzen schnell Fleisch an.<\/em><\/p>\n\n<p><em>Dieser Artikel wurde am 29.05.2017 auf&nbsp;https:\/\/nzzas.nzz.ch publiziert.<br>\n<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Mittelalter galten in Europa strenge Fastenregeln. 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