{"id":45131,"date":"2018-02-02T07:00:00","date_gmt":"2018-02-02T05:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/?p=45131"},"modified":"2020-05-27T11:16:37","modified_gmt":"2020-05-27T09:16:37","slug":"wenn-greenpeace-die-soziale-anlaufstelle-betreibt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/hintergrund\/45131\/wenn-greenpeace-die-soziale-anlaufstelle-betreibt\/","title":{"rendered":"Wenn Greenpeace die soziale Anlaufstelle betreibt"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>K\u00f6nnten NGOs in die soziale Arbeit der Kirchen einsteigen? Das w\u00fcrde funktionieren \u2013 und w\u00e4re ein Gewinn f\u00fcr alle Seiten.<\/strong><\/p>\n\n<p class=\"p1\">Greenpeace und der Glaube \u2013 dieser Zusammenhang ist enger, als die meisten Menschen heute wissen. Die weltweit bekannteste Umweltgruppe w\u00e4re ohne religi\u00f6se Ideen nicht das geworden, was sie ist: Zu den wichtigsten Gr\u00fcndern der Organisation im kanadischen Vancouver geh\u00f6rten 1972 Dorothy und Irving Stowe, zwei gl\u00e4ubige Qu\u00e4ker, welche die religi\u00f6se Aktionsform des \u00abBearing Witness\u00bb zum Markenzeichen der RegenbogenkriegerInnen machten \u2013 als Protest durch Anwesenheit gegen Umweltzerst\u00f6rung und die Dokumentation des Unrechts. Inspiriert zur Gewaltlosigkeit wurden sie auch von den spirituellen Lehren Mahatma Gandhis, und der Name \u00abGreenpeace\u00bb entstand nach dem Treffen in einer Kirche.<\/p>\n\n<p class=\"p1\">45 Jahre sp\u00e4ter haben sich viele Dinge ver\u00e4ndert. W\u00e4hrend die Anzahl Spenderinnen und Unterst\u00fctzer f\u00fcr Nichtregierungsorganisationen stabil bleibt oder w\u00e4chst, leiden die Religionsgemeinschaften in den Industriel\u00e4ndern unter immer weniger Mitgliedern, Einfluss und Geld. Es wird zunehmend schwieriger, Menschen f\u00fcr das Engagement in der kirchlichen Sozialarbeit zu finden. Vor 100 Jahren waren praktisch alle Schweizerinnen und Schweizer katholisch oder reformiert \u2013 heute sind es nur noch 62 Prozent. Weil den Christinnen und Christen der Nachwuchs in den Gemeinden fehlt, \u00fcberaltern die Strukturen, mehr Hilfsbed\u00fcrftige stehen weniger Helfenden gegen\u00fcber. Und es stellt sich die Frage: M\u00fcssen oder k\u00f6nnen die s\u00e4kularen Engagierten die Arbeit ihrer kirchlichen Kollegen demn\u00e4chst \u00fcbernehmen? Kann Greenpeace die soziale Anlaufstelle \u00fcbernehmen, der WWF die Schuldnerberatung anbieten oder Amnesty International das Drogencaf\u00e9 betreiben?<\/p>\n\n<p class=\"p1\">Die kurze Antwort lautet: Ja. Wenn es n\u00f6tig w\u00e4re, w\u00fcrde es gehen. Auch wenn es die Sozi\u00adal\u00ad\u00adarbeit genauso ver\u00e4ndern w\u00fcrde wie die Umweltverb\u00e4nde. Aber f\u00fcr Fortschritte in eine lebenswerte Zukunft w\u00e4re das vielleicht sogar eine gute Idee.<\/p>\n\n<p class=\"p1\">Man darf nicht vergessen: Die christlichen Kirchen haben unser heutiges Leben und unser soziales Empfinden weit mehr gepr\u00e4gt, als wir denken. Als erste grosse Religion propagierte das Christentum die Liebe und F\u00fcrsorge f\u00fcr den N\u00e4chsten \u2013 der auch die \u00dcbern\u00e4chste sein konnte, der oder die Fremde also. Die Gl\u00e4ubigen sind an diesem hohen Anspruch oft genug gescheitert, wie die Gewalt etwa bei Hexenverfolgung oder Inquisition gezeigt hat. Aber gleichzeitig gr\u00fcndeten sie neben der allt\u00e4glichen Sozialarbeit in ihren Gemeinden immer wieder christliche Gemeinschaften (Orden), die sich dr\u00e4ngender sozialer Fragen annahmen: Krankenpflege, Betreuung von Strafgefangenen, Hilfe f\u00fcr die Armen, Ausbildung an Schulen und Universit\u00e4ten, Besiedlung und Urbarmachung von entfernten Landstrichen. Das waren Gruppen, die sich wie die Salesianer um vernachl\u00e4ssigte Kinder k\u00fcmmerten oder wie Johanniter, Franziskaner und Dominikaner die Krankenpflege \u00fcbernahmen. Die M\u00f6nchs- und Nonnenorden des Mittelalters legten in Europa mit ihrer Arbeit den Grundstein f\u00fcr den modernen Sozialstaat. Die modernen Staaten mit sozialer Absicherung und politischer Teilhabe brachten und bringen immer wieder NGOs hervor, die sich um einzelne Aspekte des Zusammenlebens k\u00fcmmern \u2013 also meist Missst\u00e4nde aufgreifen, die der Staat nicht oder nicht gen\u00fcgend beachtet.<\/p>\n\n<p class=\"p1\">Diese Zivilgesellschaft ist stark. Sie beruht auf der Einsicht, dass Demokratie die beste Form des Zusammenlebens darstellt \u2013 und dass sie umso besser funktioniert, je mehr Menschen sich ernsthaft beteiligen. Die Kirchen haben \u00fcber Jahrhunderte die Ideen von Aufkl\u00e4rung, Wissenschaft und Demokratie bek\u00e4mpft und diesen Kampf zum Gl\u00fcck verloren. In den liberalen Staaten Europas und weltweit entscheidet nicht mehr der Glaube oder das Dogma einer religi\u00f6sen Gruppe \u00fcber wichtige Fragen, sondern die gesamte \u00d6ffentlichkeit. Heute garantieren damit die modernen Staaten die Gewissensfreiheit, und die Kirchen sind von ihrem Machtanspruch erl\u00f6st. Die Demokratie fordert von den B\u00fcrgern, sich mehr als nur \u00fcber Wahlen und Abstimmungen zu engagieren, und zwar auch dann, wenn es um Aufgaben geht, die bislang von Religionsgemeinschaften erf\u00fcllt wurden. So etwas k\u00f6nnte nicht von heute auf morgen passieren. Aber es w\u00fcrde bedeuten,&nbsp;dass kirchlich und zivilgesellschaftlich Engagierte wieder enger zusammenr\u00fccken.<\/p>\n\n<p><span class=\"pull-right\">Wer sich engagiert, merkt, wie gut das tut: Der Einsatz f\u00fcr andere, die Mit- und Umwelt, bringt Erf\u00fcllung, Stolz, Zufriedenheit, soziale Kontakte, Anerkennung und manchmal auch Erfolge.<\/span><\/p>\n\n<p class=\"p1\">Das klingt erst einmal seltsam. Aber die Motive f\u00fcr das Engagement sind \u00e4hnlich: Mitgef\u00fchl, das Bed\u00fcrfnis zu helfen, das Wissen darum, dass man selbst Hilfe brauchen kann und dass Helfen Freude macht. Kirchlich Engagierte und Regenbogenk\u00e4mpferinnen sind sich \u00e4hnlicher, als sie oft denken. Sie haben mehr miteinander gemein als mit den Leuten aus ihren jeweiligen Gruppen, die sich nicht engagieren: Eine engagierte kirchliche Fl\u00fcchtlingshelferin verbindet mehr mit einem atheistischen Amnesty-Mitglied als mit ihrem fremdenfeindlichen Glaubensbruder in der Heimatgemeinde.<\/p>\n\n<p class=\"p1\">Wer sich engagiert, merkt auch, wie gut das tut: Der Einsatz f\u00fcr andere, die Mit- und Umwelt, bringt Erf\u00fcllung, Stolz, Zufriedenheit, soziale Kontakte, Anerkennung, manchmal auch Erfolge. Auch da k\u00f6nnten sich die Umweltsch\u00fctzerInnen noch st\u00e4rker auf das Denken und Arbeiten der kirchlich Engagierten einlassen.<\/p>\n\n<p class=\"p1\">Eine st\u00e4rkere Zusammenarbeit w\u00fcrde beiden Seiten n\u00fctzen: Organisationen haben oft mehr Erfahrung bei der Durchf\u00fchrung von lautstarkem Protest, von politischer Lobbyarbeit und \u00f6ffentlicher Wirksamkeit. Diese Erfahrung k\u00f6nnten die Kirchen nutzen, um f\u00fcr gesellschaftlich benachteiligte Menschen zu trommeln. Von den Kirchen k\u00f6nnten die Organisa\u00adtionen wiederum lernen, wie man Menschen dazu bringt, sich langfristig zu engagieren, und wie man im eigenen Tun einen tieferen Sinn findet. Um gemeinsam f\u00fcr ein besseres Leben auf der Erde zu k\u00e4mpfen, muss man nicht einer Meinung sein dar\u00fcber, ob es ein n\u00e4chstes Leben gibt.<\/p>\n\n<p class=\"p1\">Das Zusammengehen von \u00abMenschen guten Willens\u00bb zeigt sich schon in vielen Bereichen. Oft haben Menschen in Organisationen einen spirituellen Hintergrund. Die grossen Weltreligionen haben erkannt, dass Umweltzerst\u00f6rung zu Armut f\u00fchrt und ihren Gl\u00e4ubigen das irdische Leben schwer macht \u2013 und dass die Zerst\u00f6rung der Sch\u00f6pfung auch aus theologischer Sicht eine S\u00fcnde darstellt, wie es Papst Franziskus 2015 in seiner ber\u00fchmten Enzyklika \u00abLaudato si\u2019\u00bb ausf\u00fchrt. Wer als Christ den Menschen ernsthaft als Ebenbild Gottes begreift, kann sich mit Rassismus, Ausbeutung und Unterdr\u00fcckung nicht abfinden. Die Kirchen haben in ihrer Geschichte immer Ordensgemeinschaften gegr\u00fcndet, um dr\u00e4ngende Probleme zu l\u00f6sen: das Elend von Kranken, den Hunger, die Unwissenheit. N\u00f6tig w\u00e4ren heute neue Gemeinschaften, die sich um die Umwelt, den Frieden, die Gerechtigkeit k\u00fcmmern.<\/p>\n\n<p class=\"p1\">Anders als unser enger Blick auf Mittel\u00adeuropa nahelegt, verliert die Religion im weltweiten Massstab keineswegs an Einfluss. In Lateinamerika, Afrika, Osteuropa und den USA sind religi\u00f6se Gruppen stark im Aufwind. Das ist nicht immer eine gute Nachricht f\u00fcr eine bessere Welt. Militante Islamisten oder fundamentalistische Christen und Juden sind nicht nur eine Bedrohung f\u00fcr Peace, sondern auch f\u00fcr Green, sie streuen auch Konflikte und Gewalt, die vor allem den Schw\u00e4chsten, den finanziell benachteiligten Menschen, den Kindern, den Tieren und den Pflanzen ihre Lebensgrundlagen rauben.<\/p>\n\n<p class=\"p1\">Um die Erde als Paradies zu erhalten, muss man nicht ans \u00fcberirdische Paradies glauben. Es reicht schon, gemeinsam die H\u00f6lle auf Erden zu verhindern.<\/p>\n\n<p><em>\u2022 In der Schweiz f\u00fchrt jede f\u00fcnfte Person ab 15 Jahren eine unbezahlte T\u00e4tigkeit im Rahmen von Organisationen oder Institu\u00adtionen aus. Das sind rund 1,4 Millionen Menschen (20 Prozent der st\u00e4ndigen Wohnbev\u00f6lkerung).<\/em><\/p>\n\n<p><em>\u2022 Knapp 3 Prozent der Bev\u00f6lkerung, also rund 200\u2019000 Personen, engagieren sich in kirchlichen Institutionen und leisten dort Freiwilligenarbeit.<\/em><\/p>\n\n<p><em>\u2022 Das gesch\u00e4tzte j\u00e4hrliche Arbeitsvolumen aller in kirchlichen Organisationen freiwillig Engagierten liegt bei 28 Millionen Stunden.Quellen: SAKE\/SGG\/BFS<\/em><\/p>\n\n<p><strong>Bernhard P\u00f6tter,<\/strong>\u00a052, ist Umweltredaktor bei der \u00abtageszeitung\u00bb (taz) in Berlin und freier Autor. Seine Schwerpunkte sind Energie, Klima und internationale Umweltpolitik. P\u00f6tter ging auf eine Jesuitenschule, genoss eine katholische Journalistenausbildung und ist praktizierender Katholik.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>K\u00f6nnten NGOs in die soziale Arbeit der Kirchen einsteigen? 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