{"id":45145,"date":"2018-02-16T07:00:00","date_gmt":"2018-02-16T05:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/?p=45145"},"modified":"2020-05-27T11:31:01","modified_gmt":"2020-05-27T09:31:01","slug":"schreib-doch-mal-was-positives","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/hintergrund\/45145\/schreib-doch-mal-was-positives\/","title":{"rendered":"Schreib doch mal was Positives"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Die journalistische Arbeit orientiert sich immer st\u00e4rker an der Twitter-und-Facebook-Logik: in aller K\u00fcrze schreiben, was m\u00f6glichst grosse Reize ausl\u00f6st. Das Gegenprogramm w\u00e4ren hintergr\u00fcndige Texte, die aufkl\u00e4ren und die Welt ein St\u00fcck weit ver\u00e4ndern.<\/strong><\/p>\n\n<p>In Krisen, Kriegen, Katastrophen kommen viele Helfer zum Einsatz: \u00c4rzte, Feuerwehrleute, Sanit\u00e4ter, Mitarbeiter von Hilfsorganisationen, Heerscharen von Freiwilligen. Sie alle packen an, lindern Schmerzen und Leid. Nicht immer ist die Hilfe gut durchdacht, manches Hilfsprojekt dient mehr der Spendenakquise oder der eigenen Profilierung. Dennoch leisten jene, die es umsetzen, in den meisten F\u00e4llen Grossartiges. Und wenn sie sich abends ins Bett legen, wissen sie: Ihr Tagwerk hatte einen Sinn.<\/p>\n\n<p>Dann sind da die Journalisten \u2013 auch sie immer dabei, wenn Menschen sterben, fliehen, klagen, schreien. Wo Not und Elend herrschen, z\u00fccken Journalisten ihre Notizbl\u00f6cke und Kugelschreiber, halten mit der Kamera auf die Leidenden und die Toten. Wenn sie sich abends ins Bett legen, wissen sie: Sie waren dabei. Aber geholfen haben sie nicht.<\/p>\n\n<p>Journalisten sollten nach der reinen Lehre objektiv und unabh\u00e4ngig sein, im besten Fall empathisch. Sie sollten sich nicht gemein machen mit einer Sache, auch nicht mit einer guten. Aber was ist das, sich gemein machen? Beginnt das schon, wenn man immer wieder \u00fcber dasselbe Thema berichtet? So wie die ermordete russische Journalistin Anna Politkowskaja, die vom Tschetschenien\u00adkrieg nicht loskam, auch dann nicht, als sie wusste, dass man sie fr\u00fcher oder sp\u00e4ter t\u00f6ten w\u00fcrde? Beginnt es, wenn der Journalist, wo Not herrscht, Stift und Kamera aus der Hand legt? Wie in der Hochphase der Fl\u00fcchtlingskatastrophe, als auf einigen Mittelmeerinseln so viele \u00fcberf\u00fcllte Boote anlandeten, dass jede Hand gebraucht wurde? Wer es wagte, als Journalist einfach nur rumzustehen, musste sich b\u00f6se Worte anh\u00f6ren.<\/p>\n\n<div class=\"wp-block-image  caption-style-blue-overlay caption-alignment-center\"><figure class=\"aligncenter\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/2020\/04\/3d8a6609-gp0stpc3f_medium_res.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4963\"\/><figcaption>Fl\u00fcchtlingsstation an der Ungarischen Grenze im Dorf R\u00f6szke im Jahr 2015.<br> \u00a9 Bence Jardany \/ Greenpeace<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n<p>Wenn im Journalismus \u00fcber ethische Grunds\u00e4tze diskutiert wird, kommt oft die Frage auf, wie weit man sich involvieren l\u00e4sst. In seinem Buch \u00abThe Bang Bang Club\u00bb, in dem es um die Erlebnisse von Fotografen w\u00e4hrend der Zeit der Apartheidk\u00e4mpfe in S\u00fcdafrika geht, beschreibt der Autor Greg Marinovich eine Szene, in der ein Mann brennt und dann erstochen wird. Nur halbherzig versucht Marinovich die M\u00f6rder abzuhalten, dann fotografiert er dieses Sterben. Sp\u00e4ter bekommt er f\u00fcr das Foto den Pulitzer-Preis. Ausgelassen feiert er ihn mit Freunden \u2013 und sagt zur Rechtfertigung, es sei seine Aufgabe, die Wirklichkeit abzubilden, nicht sie zu ver\u00e4ndern.<\/p>\n\n<p>Im gleichen Buch erz\u00e4hlt Marinovich vom Fotografen Kevin Carter, der ebenfalls den Pulitzer-Preis erhielt f\u00fcr sein Foto eines kleinen sudanesischen M\u00e4dchens, das geschw\u00e4cht vom Hunger auf der Erde hockt \u2013 hinter ihm lauert schon ein Geier. Was er mit dem Kind gemacht, ob er ihm geholfen habe, wollen die anderen Fotografen wissen. Er bleibt die Antwort schuldig.<\/p>\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Daneben \u2013 oder mittendrin<\/h3>\n\n<p>Dass Journalisten, wenn die Welt sich von ihrer b\u00f6sen, das Leben sich von seiner traurigsten Seite zeigt, meist nur danebenstehen und selten t\u00e4tig helfen, ist ihr Dilemma. Diese Unt\u00e4tigkeit wird in der Traumapsychologie oft als Ursache f\u00fcr seelische St\u00f6rungen betrachtet. Wir Journalisten halten jeweils mit dem Argument dagegen, wir g\u00e4ben den Opfern immerhin eine Stimme und r\u00fcttelten die Gesellschaft mit unseren Berichten und Bildern auf.<\/p>\n\n<p>Ist das noch so? Als ich vor fast zwanzig Jahren als freie Journalistin durch die Welt zu reisen begann, wollte ich mit meinen Geschichten etwas bewirken. Damals gab es gen\u00fcgend Geld f\u00fcr Recherchen und Abnehmer f\u00fcr Artikel, die Medien waren noch nicht in der Krise, Journalistin war ein geachteter Beruf. Ich reiste los und schrieb auf, was ich erlebte, wem ich begegnete. Ich schrieb \u00fcber ein herzkrankes M\u00e4dchen in Tschetschenien, Petimat, ein bleiches, zartes Wesen, schon mehr tot als lebendig. Ich schrieb ohne Distanz, denn ich war tief getroffen. Die Leserinnen und Leser reagierten auf die Geschichte, spendeten f\u00fcr eine Herzoperation und Petimat durfte heranwachsen zu einer sch\u00f6nen Frau.<\/p>\n\n<p>Ich schrieb \u00fcber den Terroranschlag in der nordossetischen Stadt Beslan, bei dem mehr als 150 Kinder umkamen. Ich ging mit den M\u00fcttern durch die Leichenhallen und begrub mit ihnen ihre Kinder. An den Grabkreuzen hingen die Fotos, unschuldige Gesichter, und ich schrieb mir das Herz aus dem Leib, ich weinte und litt und wollte alles sein ausser einer distanzierten Journalistin. Wieder war die Spendenbereitschaft der Lesenden \u00fcberw\u00e4ltigend und ich war im Reinen mit meinem Beruf.<\/p>\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Overkill und \u00dcberdruss<\/h3>\n\n<p>Doch die Welt ver\u00e4nderte sich \u2013 auch die Medienwelt. Kriege und Katastrophen begannen sich zu jagen und in den Redaktionen und bei den Lesern stellte sich eine Art Ersch\u00f6pfung ein. \u00abSchreib doch mal etwas Positives\u00bb, hiess es immer \u00f6fter. Immer mehr Journalisten k\u00e4mpfen darum, auf immer weniger Seiten ihre Themen unterzubringen. Zugleich verlieren sie die Hoheit \u00fcber die Berichterstattung an Twitter und Facebook, an Apps, die Echtzeitnachrichten auf einer Plattform sammeln, und an Reisende, die alles in Blogs ver\u00f6ffentlichen.<\/p>\n\n<p>Als f\u00fcr Reportagen kaum noch angemessene Honorare gezahlt wurden, h\u00f6rte ich auf, einfach aufzuschreiben, was ich erlebte. Ich schreib nun Expos\u00e9s f\u00fcr Redaktoren, in denen ich festlegte, welche Geschichte ich liefern w\u00fcrde \u2013 auch wenn ich wusste, die Wirklichkeit w\u00fcrde anders sein. Vor Ort begann ich das Leid zu ignorieren und h\u00f6rte auf, nach Hoffnungstr\u00e4gern zu suchen. Meine Auftraggeber wollten es so.<\/p>\n\n<p>Meine W\u00f6rter reichten immer weniger aus, um die Komplexit\u00e4t der Welt abzubilden, da die Geschichten m\u00f6glichst kurz, m\u00f6glichst positiv und m\u00f6glichst einfach sein sollten. Ich dachte oft \u00fcber den Ausstieg aus diesem Beruf nach \u2013&nbsp;aber am Ende blieb ich. Immerhin gab es, selten genug, auch gegenteilige Erfahrungen. Einmal schrieb ich \u00fcber einen Bauern in Burkina Faso, der in der Sahelzone einen Wald gepflanzt hatte. Als er fertig war, kam die Regierung und sagte, das sei ihr Land, sie wolle darauf bauen und den Wald abholzen. Nach der Ver\u00f6ffentlichung des Artikels meldete sich jemand bei mir, der 50&nbsp;000 Euro spendete. So konnte das Grundst\u00fcck erworben und der Wald gerettet werden.<\/p>\n\n<p>Solche Erlebnisse trugen mich, konnten aber das alte Feuer nicht mehr entfachen. Ich investierte immer mehr Zeit, um mich f\u00fcr komplexe Themen um Stipendien zu bewerben, weil die Redaktionen aufw\u00e4ndige Recherchen nicht mehr bezahlten. Ich passte meine Themenvorschl\u00e4ge dem an, was gerade gefragt war: M\u00e4dchengangs in Kriegsgebieten, IT-Spezialisten oder Philanthropen in Afrika. Meine Protagonisten hatten hip, schr\u00e4g, zukunftsweisend oder aufstrebend zu sein.<\/p>\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Beharrlichkeit lohnt sich<\/h3>\n\n<p>Selbst wenn es gelingt, die Recherchekosten \u00fcber Stipendien aufzufangen, bleibt immer noch die Suche nach einer Redaktion, die bereit ist, komplexen Themen Platz einzur\u00e4umen. K\u00fcrzlich recherchierte ich zum Thema Fisteln \u2013 Rissen zwischen Blase und Vagina oder Darm und Vagina. Sie entstehen, wenn Kinder bei der Geburt im Becken steckenbleiben oder Frauen vergewaltigt werden. Dann sind sie inkontinent, Urin und Stuhl flie\u00dfen aus ihnen heraus, sie k\u00f6nnen keine Kinder mehr geb\u00e4ren, werden wertlos und leben verstossen in Isolation und Armut. Es w\u00e4re leicht, diesen Frauen zu helfen. Man br\u00e4uchte ein funktionierendes Gesundheitssystem, Hebammen, mehr Krankenstationen. Dass es die nicht gibt, liegt selten am Geld, sondern meist daran, dass arme Frauen in Afrika und Asien keine Lobby haben.<\/p>\n\n<p>Ein Stipendium erm\u00f6glichte mir und einem Fotografen, im Kongo und in \u00c4thiopien zu recherchieren. Als wir das Thema anzubieten begannen, erhielten wir lauter Absagen \u2013&nbsp;von \u00abDas ist aber eklig\u00bb \u00fcber \u00abVergewaltigte afrikanische Frauen interessieren niemanden mehr\u00bb bis zu \u00abK\u00f6nnen Sie das so drehen, dass es hoffnungsvoll klingt?\u00bb Es dauerte, bis sich eine Redaktion bereit erkl\u00e4rte, unsere Geschichte mit den n\u00f6tigen Hintergr\u00fcnden zu publizieren. Die Folge war eine Spendenflut.<\/p>\n\n<p>Hunderte Leser boten auch Hilfe an nach einem Artikel \u00fcber eine deutsche Ordensschwester in Ruanda. Sie hatte nach dem V\u00f6lkermord hundert verwaiste Kinder in ihr Haus aufgenommen. Die meisten vermittelte sie an Pflegefamilien, andere zog sie selber gross. Ihr Orden entliess sie unehrenhaft, aber Schwester Milgitha brauchte keine Kirche, um Gutes zu tun. Sie blieb in Ruanda und k\u00fcmmerte sich, obwohl sie selber arm war, um jene, die noch \u00e4rmer waren. Sie segnete mich zum Abschied und schrieb mir: \u00abMeine liebe Andrea, ich bete, es m\u00f6ge Licht in deinem Leben sein.\u00bb Der Artikel \u00fcber die Hingabe und das erlittene Unrecht bewegte die Menschen.<\/p>\n\n<p>Nach Phasen des Zweifelns und Verzweifelns glaube ich heute wieder daran, dass das Leid anderer Menschen noch immer ber\u00fchren kann. Aber solche Geschichten brauchen Raum. Man kann Kriege und Katastrophen, Lebensbr\u00fcche und Hoffnungsverluste nicht in Twitter-Meldungen, Facebook-Posts und Blogs abhandeln. Wenn Journalisten recherchieren, schreiben und angemessen erkl\u00e4ren, k\u00f6nnen sie mehr tun als bloss daneben stehen \u2013\u00a0dann k\u00f6nnen sie die Welt ein St\u00fcck weit ver\u00e4ndern.<\/p>\n\n<p><strong>Andrea Jeska<\/strong> (* 1964 in Bremerhaven) ist freie Journalistin und Schriftstellerin. Sie arbeitet f\u00fcr \u00fcberregionale Printmedien, darunter Frankfurter Allgemeine Zeitung, S\u00fcddeutsche Zeitung, Frankfurter Rundschau, Freitag, Brigitte, Chrismon, African Times und Eurasisches Magazin. Sie wurde bekannt mit ihrem Erstlingswerk \u00fcber die Opfer des Terroranschlags auf die Schule Nummer Eins im ossetischen Beslan.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die journalistische Arbeit orientiert sich immer st\u00e4rker an der Twitter-und-Facebook-Logik: in aller K\u00fcrze schreiben, was m\u00f6glichst grosse Reize ausl\u00f6st. 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