{"id":45150,"date":"2018-03-02T07:00:00","date_gmt":"2018-03-02T05:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/?p=45150"},"modified":"2020-05-27T11:41:26","modified_gmt":"2020-05-27T09:41:26","slug":"die-ignoranten-sind-die-lieblinge-der-grossen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/hintergrund\/45150\/die-ignoranten-sind-die-lieblinge-der-grossen\/","title":{"rendered":"Die Ignoranten sind die Lieblinge der Grossen"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Wer wegschaut, wenn man hinschauen sollte, unterst\u00fctzt \u00abMachenschaften\u00bb: Skandale, Ungereimtheiten, Mauscheleien. Er will ES nicht wissen, ist buchst\u00e4blich ignorant. Das f\u00e4llt in einer Zeit der Mafiagesellschaften, der Korruption und der Steuerschlupflochsucher und -hinterzieher besonders ins Gewicht.<\/strong><\/p>\n\n<p>Eine Kolumne von Markus Waldvogel<\/p>\n\n<p>Dem barocken Moli\u00e8re (1622\u20131673) w\u00e4re zuzustimmen\u00a0\u2026 <em>w\u00e4re,<\/em> denn das Zitat im Titel ist nicht von Moli\u00e8re, obwohl wichtige Zitate-Websites es dem unbequemen Autor zuschreiben. Moli\u00e8re h\u00e4tte sich allerdings kaum gegen das Bonmot gewehrt, Fake hin oder her.<\/p>\n\n<p>Moli\u00e8re hat vor allem Ignoranten und ihre Schutzherren aufs Korn genommen. M\u00e4chtige und Einflussreiche jeglicher Couleur mussten bei ihm ebenso unten durch wie ihre Steigb\u00fcgelhalter. Deshalb versuchten sie geeint und mit allen Mitteln, den widerborstigen Zeitgenossen mundtot zu machen. Das gelang mitunter auch. Erfolg hatte unter anderem eine streng katholische Gruppe von H\u00f6flingen um die K\u00f6niginmutter Anna von \u00d6sterreich, die ein Verbot des ber\u00fchmten St\u00fccks \u00abTartuffe\u00bb bei Ludwig XIV. durchsetzen konnte. In \u00abTartuffe\u00bb wird ein scheinheiliger Geistlicher als l\u00fcsternen Betr\u00fcger enttarnt. Auch in einer abgeschw\u00e4chten Form wurde das St\u00fcck am Ende verboten. Ein strenggl\u00e4ubiger Clan von Ignoranten hatte sich durchgesetzt.<\/p>\n\n<div class=\"wp-block-image  caption-style-blue-overlay caption-alignment-center\"><figure class=\"alignleft\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/2020\/04\/1c81e735-shutterstock_172421897-scaled.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4986\"\/><figcaption>Moli\u00e8re war ein franz\u00f6sischer Schauspieler, Theaterdirektor und Dramatiker.<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n<p>Trotzdem: Moli\u00e8re erzielte \u2013&nbsp;mit Scharfsinn und einer unbestechlichen Beobachtungsgabe \u2013 grosse Wirkung. Er war gef\u00fcrchtet. Die M\u00e4chtigen sp\u00fcrten eine aufkommende \u00abB\u00fcrgerbewegung\u00bb und den Religi\u00f6sen drohte das Feld der Moral und damit ihre beliebteste Spielwiese zu entgleiten. Heute ist es anders mit der Brandmarkung von Ignoranz. Wenn etwa in Konstanz im Fr\u00fchjahr 2017 das Buch des Schriftstellers, Philosophen und Mafiaj\u00e4gers Roberto Saviano als Theater aufgef\u00fchrt wird oder der bekannte italienische Journalist Sandro Mattioli mit einem Kriminalhauptkommissar in einem \u00abTheatre Talk\u00bb \u00fcber \u00abDie Mafia und Deutschland\u00bb diskutiert, interessiert das zwar ein gr\u00f6sseres Publikum. Was schwelt unter der gl\u00e4nzenden Oberfl\u00e4che unserer Konsumgesellschaft? Wer h\u00e4lt die Konsummaschinerie am Laufen? Und mit welchen Mitteln? Was ist ein Leben wert? Solche Fragen treffen den Nerv vieler Menschen. Mattiolis Beitr\u00e4ge machen hellh\u00f6rig. Doch an wen wendet sich heute ein aufkl\u00e4rerischer Journalismus? Gibt es noch eine \u00f6ffentliche Meinung, die als Adressatin verl\u00e4sslich w\u00e4re? Was macht ein normaler B\u00fcrger, wenn er beispielsweise von den Aktivit\u00e4ten des Rohstoffgiganten Glencore erf\u00e4hrt?<\/p>\n\n<p>In einem Blog zu den Paradise Papers las ich k\u00fcrzlich, dass man v\u00f6llig bescheuert sein m\u00fcsse, wenn man dem Umverteilungsstaat nicht so viel Steuern wie m\u00f6glich entziehen wolle. F\u00fcr den erw\u00e4hnten Blogger sind \u00abdie Linken\u00bb Ignoranten, die nicht sehen wollen, dass Steuergelder f\u00fcr sinnlose Entwicklungshilfeprojekte oder eine v\u00f6llig verfehlte Fl\u00fcchtlingspolitik ausgegeben werden. Das angesprochene rotgr\u00fcne Lager sch\u00fcttelt seinerseits den Kopf angesichts der steuerpolitischen Tricks von umweltsch\u00e4digenden Grossfirmen wie Glencore und weist darauf hin, dass einmal mehr die Gewinne privatisiert und die Kosten sozialisiert w\u00fcrden.<\/p>\n\n<p>Noch einmal die Frage. Gibt es die \u00fcbergeordnete, verbindliche Instanz, die das Gez\u00e4nke unter den B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrgern schlichten k\u00f6nnte? Haben internationale Organisationen diese Rolle? Setzen sich die Vertreter der gr\u00f6ssten Imperien wirklich an einen Tisch, um Probleme zu l\u00f6sen, oder geben sie nur vor, dies zu tun, und spielen in Wahrheit einen gigantischen Poker um die Machtwurst? Wird zum Beispiel das M\u00fcllproblem, das in j\u00fcngster Zeit in der Gestalt des Plastikwahnsinns Schlagzeilen macht, erst seri\u00f6s angepackt, wenn die volkswirtschaftlichen Sch\u00e4den mehr als nur augenf\u00e4llig sind? Wenn es so w\u00e4re, hiesse das, dass \u00abder Markt\u00bb es zwar sehr sp\u00e4t, aber schon noch richten w\u00fcrde. Das ist nicht mehr als ein Glaubenssatz: Die heilige Markt\u00f6konomie erh\u00e4lt gewissermassen g\u00f6ttliche Vollmacht. Die neuesten OECD-Empfehlungen an die Schweiz best\u00e4tigen das: Da braucht der Markt pl\u00f6tzlich eine politisch inszenierte Abholzung von Teilen der \u00f6ffentlichen Hand, um sich stromlinienf\u00f6rmig zu entwickeln; da soll kaum getarntes neoliberales Gedankengut ohne Wenn und Aber einen differenzierten und historisch gewachsenen Staat in die Schranken weisen. Dies notabene w\u00e4hrend des Klimagipfels, an dem gerade die Ausw\u00fcchse des unkontrollierten und grenzenlosen Wachstums kaum einged\u00e4mmt werden konnten.<\/p>\n\n<div class=\"wp-block-image  caption-style-blue-overlay caption-alignment-center\"><figure class=\"alignright\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/2020\/04\/e71bc803-gp0str9z0_medium_res.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4989\"\/><figcaption>Klimakonferenz 2017 in Bonn: Greenpeace Aktivisten demonstrieren f\u00fcr mehr Gerechtigkeit beim Kampf gegen die Erderhitzung am Braunkohlekraftwerk in Neurath. Sie fordern mehr Engagement von Industriestaaten wie Deutschland.<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n<p>Das hat System: Die OECD will ja auch eine Bildungspolitik, die am Output gemessen wird. Allgemeinbildende p\u00e4dagogische Institutionen sollen flexibilisiert und das Humankapital auf den Markt hin getrimmt werden. Nun sind aber Sch\u00fclerinnen und Studenten keine Kartoffeln, die sich beliebig zur\u00fcsten lassen. Sie sind in erster Linie Menschen und (k\u00fcnftige) Staatsb\u00fcrger, die eine ganzheitliche Sichtweise einer komplexen, humanen und \u00fcberlebensf\u00e4higen Gesellschaft brauchen. Diese Perspektive k\u00f6nnen nur aufgekl\u00e4rte Staaten vermitteln. Das unbeschr\u00e4nkte, stetig steigende Wirtschaftswachstum, dem oft ohne R\u00fccksicht auf Verluste gehuldigt wird, geh\u00f6rt in der Tat auf die internationalen und nationalen Traktandenlisten \u2013&nbsp;allerdings nicht als alleinseligmachender Bezugs- und Angelpunkt, sondern als Ausdruck eines Denkens, dessen Eingeschr\u00e4nktheit Gegenstand einer demokratischen Ausmarchung bleiben muss. Dazu ist die OECD in der heutigen Form schlicht nicht in der Lage. Das Ausblenden dessen, was moderne Staaten ausmacht, darf man mit Fug als Ignoranz bezeichnen, die ausdifferenzierte B\u00fcrgergemeinschaften zugunsten der \u00f6konomischen Megatrends schw\u00e4cht.<\/p>\n\n<p>Heute l\u00e4sst man \u2013&nbsp;wenigstens im Westen \u2013 sinnbildlich jede \u00abTartuffe\u00bb-Auff\u00fchrung zu. Der \u00abTheatre Talk\u00bb mit Sandro Mattioli kann stattfinden. Es wird einfach der Geldhahn zugedreht. Bildung, Kultur und die \u00f6ffentliche Hand werden ausgetrocknet. Die Paradise Papers zeigen unter anderem, wie man Geldmangel konstruiert. Umso wichtiger ist der Widerstand der Zivilgesellschaft. K\u00fcrzlich verklagte Nestl\u00e9, um nur ein bekanntes Beispiel zu nennen, die kleine Gemeinde Osceola Township im US-Bundesstaat Michigan, weil der Konzern noch mehr Wasser abpumpen und mit Gewinn verkaufen will. Mit einer neuen Station hatte Nestl\u00e9 geplant, \u00fcber 1500 Liter Wasser pro Minute abzupumpen. Doch die Gemeinde stellte sich dem Giganten in den Weg. Ob sie vor Gericht eine Chance hat, h\u00e4ngt unter anderem davon ab, wie stark der Einfluss der allgemeinen Rechtsprechung und der demokratischen Debatte noch ist. Je mehr Savianos, Mattiolis, B\u00fcrgerinitiativen und kritische Gemeinschaften vor Ort mitreden, desto lauter erklingt die politische Sinfonie von unten. Die selbstverschuldete Unm\u00fcndigkeit, von der Immanuel Kant im 18. Jahrhundert sprach, k\u00f6nnen wir alle ein St\u00fcck weit \u00fcberwinden. Mit dem Stimmzettel, an Gemeindeversammlungen, in Parteien oder der Allmende und auch am Arbeitsplatz. Die \u00f6ffentliche Meinung gibt es nicht einfach so \u2013&nbsp;sie muss erarbeitet werden.<\/p>\n\n<p>Auch das Verschwinden der Insekten ist nicht unumkehrbar. Aber sie werden nicht zur\u00fcckkommen, wenn alles so bleibt, wie es ist; wenn alle so bleiben, wie sie sich eingerichtet haben. Der Weg zu mehr Demokratie ist m\u00f6glich. Das k\u00f6nnen wir von Moli\u00e8re lernen. Und das sagt auch Robert Menasse, der den diesj\u00e4hrigen Preis des Deutschen Buchhandels erhalten hat, in seinem Roman \u00abDie Hauptstadt\u00bb (2017): \u00abWenn Sie zur Zeit der griechischen Sklavenhaltergesellschaft gelebt h\u00e4tten und man h\u00e4tte Sie gefragt, ob Sie sich eine Welt ohne Sklaven vorstellen k\u00f6nnten \u2013 Sie h\u00e4tten gesagt: Nein. Nie und nimmer. Sie h\u00e4tten gesagt, die Sklavenhaltergesellschaft ist die Voraussetzung der Demokratie.\u00bb<\/p>\n\n<p><strong>Markus Waldvogel<\/strong>\u00a0ist Autor, Philosoph und Leiter der Beratungsfirma Pantaris. Er war viele Jahre Mitarbeiter des WWF Schweiz und hat die Bieler Philosophietage mitbegr\u00fcndet.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wer wegschaut, wenn man hinschauen sollte, unterst\u00fctzt \u00abMachenschaften\u00bb: Skandale, Ungereimtheiten, Mauscheleien. Er will ES nicht wissen, ist buchst\u00e4blich ignorant. 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