{"id":45153,"date":"2018-03-09T07:00:00","date_gmt":"2018-03-09T05:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/?p=45153"},"modified":"2020-05-27T11:46:50","modified_gmt":"2020-05-27T09:46:50","slug":"gutmenschen-meint-ihr-mich","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/hintergrund\/45153\/gutmenschen-meint-ihr-mich\/","title":{"rendered":"Gutmenschen: Meint Ihr mich?"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Autor Frank Drieschner hat kein Auto und repariert Fahrr\u00e4der f\u00fcr Fl\u00fcchtlinge. Er hat keine Lust, sich f\u00fcr diesen Lebensstil als \u00abGutmensch\u00bb mit Dreck bewerfen zu lassen.<\/strong><\/p>\n\n<p>Beim letzten Mal, als ich das <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/2017\/21\/gutmenschen-begriff-geschichte\">Wort Gutmenschen<\/a> geh\u00f6rt habe, waren Radfahrer gemeint. Das war in einer \u00f6ffentlichen Diskussionsveranstaltung \u00fcber die Umgestaltung eines besonders unfalltr\u00e4chtigen Kreisverkehrs, eine Gruppe von Zwischenrufern emp\u00f6rte sich \u00fcber den Vorschlag, dort Tempo 30 einzuf\u00fchren.<\/p>\n\n<p>\u00abNever ever! Gilt das auch f\u00fcr Radfahrer? F\u00fcr die doch nicht! Das sind doch Gutmenschen!\u00bb<\/p>\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Beleidigung ist kein Argument<\/h3>\n\n<p>Man sollte einem Zwischenrufer nicht vorhalten, dass er seine Argumentation verk\u00fcrzt vortr\u00e4gt. Aber wie man es dreht und wendet: Diese Leute meinten, der Gesamtheit der Fahrradfahrer unerfreuliche Charaktereigenschaften zuschreiben zu k\u00f6nnen. Ist das eine Diskussion wert?<\/p>\n\n<p>Ich finde nicht. Das Wort <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/2017\/21\/moral-gutmenschen-gefahr-demokratie\">Gutmensch ist ein Kampfbegriff<\/a>, er dient allein dazu, Anstand und R\u00fccksichtnahme ver\u00e4chtlich zu machen. Radzufahren beispielsweise ist in vieler Hinsicht gut, und weil sich das ernsthaft nicht bestreiten l\u00e4sst, beschimpft der Fahrradfeind den Radfahrer als Gutmensch. Wer so tut, als sei diese Beleidigung ein Argument, das eine ernsthafte Pr\u00fcfung erfordert, der kommt dem Gutmenschenver\u00e4chter weiter entgegen, als der es verdient.<\/p>\n\n<p>Am 17. Mai 2017 <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/2017\/21\/moral-gutmenschen-gefahr-demokratie\">erschien eine Titelgeschichte in der ZEIT<\/a>, die das F\u00fcr und Wider des Gutmenschentums er\u00f6rterte. \u00abWarum sie nerven &#8211; und man sie doch braucht\u00bb, so steht es auf Seite 1. Das klingt h\u00fcbsch ausgewogen, suggeriert aber auch: Gutmenschen geh\u00f6ren nicht zu uns.<\/p>\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Wutausbruch ist eine Form von Schuldabwehr<\/h3>\n\n<p>Mir pers\u00f6nlich gef\u00e4llt das nicht sonderlich. Einerseits geh\u00f6re ich n\u00e4mlich durchaus zur ZEIT, andererseits passe ich auch sehr gut ins Feindbild der Gutmenschenver\u00e4chter. Ich wohne in einer \u00d6kosiedlung, ich habe kein Auto, ich beziehe Lebensmittel von einem nahe gelegenen Biohof und repariere zusammen mit einigen Nachbarn in unserer gemeinsamen Werkstatt Fahrr\u00e4der f\u00fcr Fl\u00fcchtlinge. All das tue ich gerne und betrachte es schon darum nicht als moralische Leistung. Ich habe allerdings auch keine Lust, mich deshalb mit Dreck bewerfen zu lassen.<\/p>\n\n<p>Im Internet hat ein anonymer Kritiker meines Lebensstils mal \u00fcber mich behauptet, ich wohnte in einer Siedlung ohne Autos, sei folglich linksradikal und demnach am Wohlergehen anderer nicht interessiert. \u00dcber seine Motive muss man nicht lange r\u00e4tseln. In der N\u00e4he meiner Wohnung ist eine Unterkunft f\u00fcr Fl\u00fcchtlinge gebaut worden, ich habe mich daf\u00fcr eingesetzt, Anwohner, die den Bau verhindern wollten, haben mir das \u00fcbel genommen. Und weil es nicht direkt vorwerfbar ist, Fl\u00fcchtlinge in der eigenen Nachbarschaft unterbringen zu wollen, musste ich halt linksradikal und empathielos sein.<\/p>\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">SUV-Fahren, Flugreisen und Billigfleischkonsum erscheinen als mutige Akte des Widerstands<\/h3>\n\n<p>Auch im Fall der oben erw\u00e4hnten Fahrradfeinde sind ihre Motive offensichtlich. An dem Kreisverkehr, um den es in der Diskussion ging, werden Fahrradfahrer regelm\u00e4\u00dfig Opfer von Verkehrsunf\u00e4llen, die regelm\u00e4\u00dfig von Autofahrern verursacht werden. Die Zwischenrufer ma\u00dften sich an, f\u00fcr die Autofahrer zu sprechen, und lehnten alle Versuche ab, den Kreisel zu entsch\u00e4rfen \u2013 ist es weit hergeholt, in dem kollektiven Wutausbruch gegen Andersfahrende eine Form der Schuldabwehr zu sehen?<\/p>\n\n<p>Dies Grundmuster findet sich anderenorts wieder. \u00dcbermotorisierte Autos, Flugreisen, Konsum von Fleisch aus Massentierhaltung \u2013 in vieler Hinsicht ist der Lebensstil einer gro\u00dfen Mehrheit ein Hohn f\u00fcr Werte wie Umwelt-, Tier- und Klimaschutz, zu denen sich diese Mehrheit aber gern bekennt, wenn sie nicht gerade ins Auto steigt, am Fleischtresen steht oder am Flugschalter. Wer sich von diesem Lebensstil abwendet, stellt sich au\u00dferhalb dieser Solidargemeinschaft von Normver\u00e4chtern. Und weil es gut begr\u00fcndbar ist, genau das zu tun, muss er ausgegrenzt werden: als Gutmensch.<\/p>\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">\u00abSie Gutmensch!\u00bb<\/h3>\n\n<p>Denn auch das geh\u00f6rt zu den Gebrauchsregeln dieser speziellen Beleidigung: Man wirft sie nicht einem Gegen\u00fcber ins Gesicht, das w\u00fcrde R\u00fcckgrat erfordern und die Bereitschaft, eine Debatte zu f\u00fchren, die der Gutmenschenver\u00e4chter scheut. \u00abSie Gutmensch!\u00bb Mal geh\u00f6rt? Eben. Diese besondere Beschimpfung dient allein der Verst\u00e4ndigung \u00fcber Dritte. Sie schlie\u00dft die Reihen der Normver\u00e4chter und konstituiert eine Gemeinschaft, die sich einig ist, die Argumente der als Gutmenschen Ausgegrenzten nicht zur Kenntnis zu nehmen.<\/p>\n\n<p>Wie bitte, das sei doch sehr ungerecht? Gerne f\u00fchre man jede Debatte? Aber es sei doch nun einmal unbestreitbar, dass Gutmenschen Idioten seien, ahnungslos, selbstgerecht, \u00fcberheblich?<\/p>\n\n<p>Von mir aus kann man dar\u00fcber sehr gerne streiten, mir liegt nicht im mindesten daran, Ahnungslosigkeit, Selbstgerechtigkeit oder \u00dcberheblichkeit zu verteidigen. Nur m\u00fcsste der Gutmenschenver\u00e4chter dann Argumente vortragen. Und zu einer Argumentation, die diese Bezeichnung verdient, tr\u00e4gt eine Beleidigung ohne sachlichen Gehalt nichts bei.<\/p>\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Erb\u00e4rmliche Weinerlichkeit<\/h3>\n\n<p>Besonders erb\u00e4rmlich an der g\u00e4ngigen Gutmenschenkritik finde ich ihre Weinerlichkeit. Es reicht ihren Vertretern nicht, im Namen einer \u00fcberw\u00e4ltigenden Mehrheit eine Minderheit ver\u00e4chtlich zu machen, sie tun das auch noch im Gestus der Verfolgten. \u00abTodesstrafe f\u00fcr BMW-Fahrer\u00bb, gegen diese Art von Hetzjagd behaupten die Gutmenschenver\u00e4chter sich wehren zu m\u00fcssen. So erscheinen SUV-Fahren, Flugreisen und Billigfleischkonsum am Ende als mutige Akte des Widerstands. Man muss schon ziemlich verzweifelt sein, um das plausibel zu finden.<\/p>\n\n<p>Wenn ich missionarische Neigungen h\u00e4tte, wie wir Gutmenschen sie ja angeblich haben, dann m\u00fcsste ich diese Chance wohl ergreifen. \u00abSie m\u00fcssen so nicht leben\u00bb, \u00abEs gibt Menschen, die ohne SUV sehr gl\u00fccklich sind\u00bb &#8230; etwas in dieser Art m\u00fcsste ich wohl sagen.<\/p>\n\n<p>Ich habe aber keine missionarischen Neigungen. Wer die R\u00fccksichtslosigkeit der eigenen Lebensweise nur ertr\u00e4gt, indem er Anderslebende ver\u00e4chtlich macht, der hat es, finde ich, nicht besser verdient.<\/p>\n\n<p><strong>Frank Drieschner<\/strong> arbeitet f\u00fcr das Ressort Hamburg bei der ZEIT.\u00a0Die ganze Titelgeschichte zum Thema Gutmenschen lesen Sie in der ZEIT Nr. 21 vom 18.05.2017. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Autor Frank Drieschner hat kein Auto und repariert Fahrr\u00e4der f\u00fcr Fl\u00fcchtlinge. 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