{"id":45157,"date":"2018-03-23T07:00:00","date_gmt":"2018-03-23T05:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/?p=45157"},"modified":"2020-05-27T11:51:02","modified_gmt":"2020-05-27T09:51:02","slug":"nudging-unmerkliche-intervention-grosse-wirkung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/hintergrund\/45157\/nudging-unmerkliche-intervention-grosse-wirkung\/","title":{"rendered":"Nudging: Unmerkliche Intervention, grosse Wirkung"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Nudging ist im Trend. Damit ist jener kleine Schubser gemeint, der dich dein Verhalten \u00e4ndern l\u00e4sst, ohne dass du es merkst. Das Prinzip ist schon lange bekannt und wird zum Beispiel als Umkehrung des Sprichworts \u00abAus dem Auge, aus dem Sinn\u00bb eingesetzt: Was dir ins Auge ger\u00fcckt wird, kommt dir in den Sinn (und dann k\u00f6nntest du es wollen). Wie etwa der Schokoriegel an der Supermarktkasse.<\/strong><\/p>\n\n<p>Eine Kolumne von Kuno Roth<\/p>\n\n<p><span class=\"dropcap\">\u00abD<\/span>ieses Ins-Auge-R\u00fccken nutzen beispielsweise auch gesundheitsbewusste Schulkantinen, die statt Schokolade Obst an der Kasse anbieten: eine unmerkliche Intervention mit markant gesundheitsf\u00f6rdernder Wirkung. \u00c4hnlich gelagert ist ein anderer illustrativer Fall: In einem Warenhaus, in dem Lift und Treppe nebeneinander liegen, benutzen etwa 80 Prozent der Kundschaft den Lift f\u00fcr den Weg nach oben. Malt man nun auf den Boden vor dem Aufgang einen roten Streifen zur Treppe hin, benutzen sie fast 70 Prozent. Der Streifen wirkt wie ein unbemerkter Leitfaden.<\/p>\n\n<p>Trendsetter im Bereich des beh\u00f6rdlichen Schubsens war die britische Regierung, die sich unter David Cameron eine Nudging Unit zugelegt hat. Dieser Abteilung ist es beispielsweise gelungen, mit zwei Zus\u00e4tzen am Anfang des Standardmahnbriefs an s\u00e4umige Steuerzahler, die Steuereink\u00fcnfte massiv zu erh\u00f6hen. Die S\u00e4tze lauteten: \u00abNeun von zehn B\u00fcrger\/innen zahlen ihre Steuern rechtzeitig. Im Moment geh\u00f6ren Sie zu einer kleinen Minderheit, die noch nicht bezahlt hat.\u00bb (\u00abPsychologie Heute\u00bb 8\/2015). Diese Art des Nudgings nutzt die sozialpsychologische Tatsache, dass die wenigsten Menschen verhaltensauff\u00e4llig sein wollen und sich deshalb der wirklichen oder angenommenen <a href=\"http:\/\/www.greenpeace.org\/switzerland\/de\/News_Stories\/Magazin\/Kunos-Kolumne\/das-ist-normal\/blog\/40114\/\">Norm<\/a> anpassen.<\/p>\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Tr\u00e4gheit und Gewohnheit sind gut f\u00fcrs Nudgen <\/h3>\n\n<p>Neben diesen beiden Effekten \u2013&nbsp;Ins-Auge-R\u00fccken und Normverhalten \u2013 ist das Gesetz der Tr\u00e4gheit ein weiteres verhaltenswirksames Ph\u00e4nomen. Es besagt, dass die meisten Menschen in den meisten F\u00e4llen den bequemsten Weg nehmen und\/oder ihrer Gewohnheit folgen. Dies wird von Firmen seit langem und seit kurzem auch von Amtsstellen genutzt. Zwei Beispiele beh\u00f6rdlicher Massnahmen mit Massenwirkung:<\/p>\n\n<ul class=\"wp-block-list\"><li>In einer britischen Region, in der traditionell viel stark gesalzene Fish and Chips gegessen werden, war der (deshalb) weit verbreitete Bluthochdruck zu einem medizinischen Problem geworden. Der Versuch, die Leute mit Mahnungen zu einem geringeren Salzkonsum zu bringen, blieb fruchtlos. Gen\u00fctzt hat dagegen, die \u00fcblichen Salzstreuer mit 17 grossen L\u00f6chern durch solche mit weniger und kleineren L\u00f6chern zu ersetzen. Denn massgebend war die Gewohnheit, den Salzstreuer jeweils zwei- oder dreimal zu bet\u00e4tigen, und diese war resistent gegen Appelle.<\/li><li>In \u00d6sterreich haben 99 Prozent der Bev\u00f6lkerung einen Organspendeausweis, in Deutschland hingegen nur 12 Prozent. In beiden L\u00e4ndern kann man frei w\u00e4hlen, ob man seine Organe nach dem klinischen Tod spenden will oder nicht. Der Unterschied ist, dass als beh\u00f6rdlicher Standard in \u00d6sterreich alle Organspender\/innen sind, solange sie sich nicht aktiv abmelden. In Deutschland ist es umgekehrt: Man wird nur Spender\/in, wenn man sich anmeldet.<\/li><\/ul>\n\n<p>Ob Gewohnheit oder Tr\u00e4gheit, in beiden F\u00e4llen gilt: Was eingerichtet ist, wird getan bzw. benutzt. Grossmeisterin dieses Bequemlichkeits-Nudging ist die Firma Google, die clever alle Nudging-Register zieht \u2026und so googeln wir heute alle.<\/p>\n\n<p>\u00dcbrigens, eine sozusagen nat\u00fcrliche Art des Nudgings ist der Charme: Es ist angenehmer und folglich h\u00e4ufiger einer freundlichen, mit einem L\u00e4cheln versehenen Aufforderung Folge zu leisten als einer m\u00fcrrisch-sauert\u00f6pfischen.<\/p>\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">\u00d6ko-Nudging <\/h3>\n\n<p>Nudging-Massnahmen k\u00f6nnen Konsummuster deshalb massenhaft \u00e4ndern, weil sie an der Grenze der Wahrnehmung und damit unterhalb der Trotzschwelle liegen \u2013&nbsp;ganz im Gegensatz zu den konventionellen \u00d6ko-Appellen zu Verhaltens\u00e4nderungen. Diesen folgt nur, wer schon (fast) \u00fcberzeugt ist und also eine niedrige \u00f6kologische Tr\u00e4gheit hat. Der Rest trotzt. Nichtdestotrotz meinen viele \u00d6ko-Aktive und Umweltorganisationen, mit Informationskampagnen, \u00d6ko-Fussabdruck-Plattformen und Plakaten k\u00f6nnten Massen bewegt werden. Mit eher m\u00e4ssigem als massenhaftem Erfolg.<\/p>\n\n<p>Jedenfalls und erstaunlicherweise finden sich im Umweltbereich kaum Nudging-Ans\u00e4tze; wohl weil sie als manipulativ gelten. Und nat\u00fcrlich ist die Nutzung von Big Data zum Nudgen, wie das etwa Google tut, hoch manipulativ. Finger also weg von daten\u00adbasiertem Nudging. Doch ist zu fragen, wie weit man ansonsten die reine Lehre in einer \u201emoneypulierten\u201c Gesellschaft aufrechterhalten soll.<\/p>\n\n<p>Wie auch immer, einige Beispiele gibt es. Bekannt ist etwa der nudgende Hinweis in Hotels, dass 70 Prozent der G\u00e4ste ihre Badet\u00fccher mehrfach benutzen. Das stiftet viele an, es ebenso zu tun, was Tonnen Waschmittel einspart. Vielversprechend auch ein Experiment, in welchem \u00abHauseigent\u00fcmer messbar weniger Strom zu verbrauchen begannen, als man sie darauf hinwies, dass ihre Nachbarn bereits zu den Energiesparern geh\u00f6rten. Gab man andere Gr\u00fcnde wie Umweltschutz, Kosteneinsparung oder Sorge f\u00fcr die zuk\u00fcnftigen Generationen an, war der Effekt deutlich weniger ausschlaggebend.\u00bb (aus \u00abPsychologie Heute\u00bb 8\/15).<\/p>\n\n<p>In dieser Art k\u00f6nnte gelingen, was f\u00fcr mehr Masse notwendig ist: Eine \u00d6ko-Selbstverst\u00e4ndlichisierung f\u00fcr die Bagatellf\u00e4lle des Alltags.<\/p>\n\n<p>PS: Eine Art \u00abNudging plus\u00bb-Methode f\u00fcr massenhafte Verhaltens\u00e4nderungen beschreibt das \u00abReiter-Elefant-Weg\u00bb-Modell. Entwickelt haben es die Gebr\u00fcder Heath aus der Analyse von 50\u00a0F\u00e4llen realer Verhaltens\u00e4nderungen. Das Modell besagt, dass der Elefant \u2013 Symbol f\u00fcr die menschliche Tr\u00e4gheit und des Gewohnheitstiers \u2013 nur dann eine neue Gewohnheit annimmt, wenn der Weg dazu in kleine, d.h. nudging-artige Schritte zerlegt wird (und er ihm somit machbar erscheint). Egal, was der Kopf (der Reiter) dem Elefanten auch sagen mag: Gelingt der erste kleine Schritt, wird ein zweites Schrittchen und ein drittes folgen. Siehe: \u00abSwitch \u2013 Old Habits Die Hard\u00bb, Chip und Dan Heath, auf Deutsch 2011.<\/p>\n\n<p><strong>Kuno Roth<\/strong>\u00a0arbeitet international als Leiter des globalen Mentoring-Systems bei Greenpeace. Jahrgang 57, Dr. rer. nat., ehemaliger Chemiker ist er mittlerweile Human\u00f6kologe, Umweltp\u00e4da\u00adgoge sowie auch Schriftsteller.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nudging ist im Trend. Damit ist jener kleine Schubser gemeint, der dich dein Verhalten \u00e4ndern l\u00e4sst, ohne dass du es merkst. 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