{"id":45160,"date":"2019-05-03T07:00:00","date_gmt":"2019-05-03T05:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/?p=45160"},"modified":"2020-06-03T16:07:56","modified_gmt":"2020-06-03T14:07:56","slug":"ich-plaediere-fuer-eine-gewisse-faulheit-im-garten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/hintergrund\/45160\/ich-plaediere-fuer-eine-gewisse-faulheit-im-garten\/","title":{"rendered":"Ich pl\u00e4diere f\u00fcr eine gewisse Faulheit im Garten"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>In den n\u00e4chsten Monaten schalten wir in loser Folge die Lieblingsartikel unserer Redaktions-mitglieder<\/strong>&nbsp;<strong>nochmals auf.<\/strong><strong>&nbsp;Diese haben sie aus den meistgelesenen Online-Stories der letzten Jahre ausgesucht. Heute der Favorit unserer Teamleiterin Hina Str\u00fcver, der anhand eines Interviews mit dem Z\u00fcrcher Biologen und&nbsp;Gl\u00fchw\u00fcrmchenforscher Stefan Ineichen erz\u00e4hlt, wie der Insektenschwund der letzten Jahre gebremst werden k\u00f6nnte.<\/strong><\/p>\n\n<p>Interview Tanja Keller<\/p>\n\n<p><em>Stefan Ineichen, laut einer <\/em><a href=\"http:\/\/journals.plos.org\/plosone\/article?id=10.1371\/journal.pone.0185809\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\"><em>deutschen Studie<\/em><\/a><em> zum Thema Insektensterben ist in unserem Nachbarland seit 1989 die Biomasse der fliegenden Insekten um 75 Prozent zur\u00fcckgegangen. Was hat dieses Ergebnis bei Ihnen ausgel\u00f6st?<\/em><\/p>\n\n<p>Dass die Dichte der Insekten und die Zahl der Arten abgenommen haben, kam f\u00fcr mich nicht \u00fcberraschend. Be\u00e4ngstigend ist, wie sehr sich die <a href=\"https:\/\/www.greenpeace.ch\/2017\/10\/31\/sie-fliegen-nicht-mehr\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Entwicklung in den letzten Jahren<\/a> beschleunigt hat. Obwohl es in der Schweiz keine vergleichbare Studie gibt, d\u00fcrfte der Trend bei uns etwa derselbe sein.<\/p>\n\n<p><em>Woraus schliessen Sie das?<\/em><\/p>\n\n<p>Ich habe vor sechzehn Jahren mit dem bekannten Heuschreckenforscher Adolf Nadig ein Interview f\u00fcr das Magazin <a href=\"https:\/\/www.birdlife.ch\/de\/ornis\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Ornis<\/a> gemacht, die Vogelzeitschrift von Birdlife. Er war damals schon \u00fcber 90 und hat mir von den Spazierg\u00e4ngen und Wanderungen erz\u00e4hlt, die er als Kind mit seinem Vater unternommen hat. Damals habe es im Rheintal und rund um Chur, wo er aufgewachsen ist, auf den Wiesen von Heuschrecken nur so gewimmelt. Wenn man sich ihnen gen\u00e4hert habe, seien Hunderte, ja Tausende auseinandergespritzt. Nadig sch\u00e4tzt, dass es das 20.&nbsp;Jahrhundert geschafft hat, die Insektenmasse auf ein einziges Prozent des fr\u00fcheren Bestandes zu reduzieren. Diese Aussage hat mich schockiert.<\/p>\n\n<div class=\"wp-block-image  caption-style-blue-overlay caption-alignment-center\"><figure class=\"aligncenter\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/2020\/04\/aca3cd86-atlas_de_dist_thorens_und_nadig_f63c86d8a8fdc069c62d88cf76d7e335.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5141\"\/><figcaption>Das Buch von Adolf Nadig zum Thema.<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n<p><em>Kann man seiner Sch\u00e4tzung glauben?<\/em><\/p>\n\n<p>Nat\u00fcrlich handelt es sich nicht um harte Forschungsergebnisse, sondern um pers\u00f6nliche Beobachtungen, aber immerhin um die Beobachtungen eines Experten. Bei den Tagfaltern gibt es hundert Jahre alte Untersuchungen, die man mit aktuellen Erhebungen verglichen hat. Der R\u00fcckgang stimmt etwa mit den Sch\u00e4tzungen Nadigs bei den Heuschrecken \u00fcberein.<\/p>\n\n<p><em>Worauf hat Nadig das Insektensterben zur\u00fcckgef\u00fchrt?<\/em><\/p>\n\n<p>Er hat etwas sehr Interessantes gesagt: Wenn man heutige Landschaften mit Abbildungen auf alten Postkarten vergleiche, seien die Umrisse vergleichbar. Der grosse Unterschied bestehe in der Feink\u00f6rnigkeit; die Strukturvielfalt sei verloren gegangen. Fr\u00fcher gab es im Gel\u00e4nde mehr Steinhaufen, B\u00fcsche und einzelne B\u00e4ume. Die Landschaft war weniger ausger\u00e4umt. Das ist sicher einer der Kernpunkte.<\/p>\n\n<p><em>Was bedeuten \u00abausger\u00e4umte\u00bb Landschaften f\u00fcr die Insekten? <\/em><\/p>\n\n<p>Ich erkl\u00e4re es am Beispiel wenig intensiv genutzter Fl\u00e4chen, die eine viel h\u00f6here Insektendichte aufweisen: Auf solchen Landst\u00fccken gibt es viele Schlupfl\u00f6cher, die Tiere finden eine grosse Strukturvielfalt vor, die \u00fcberlebenswichtig ist f\u00fcr sie. Wenn man Fl\u00e4chen \u00abputzt\u00bb, sei es an Bergh\u00e4ngen oder im Garten, sollte man deshalb Steinhaufen anlegen. Das sind gute \u00d6kosysteme f\u00fcr Tiere, beispielsweise f\u00fcr Schlangen.<\/p>\n\n<p><em>Stichwort \u00d6kosysteme: Ihr Steckenpferd ist eine besondere Insektengruppe, die Gl\u00fchw\u00fcrmchen. Was ist an den Leuchtk\u00e4fern so speziell?<\/em><\/p>\n\n<p>Es hat sich herausgestellt, dass sie perfekte Indikatoren f\u00fcr gut strukturierte Landschaften und artenreiche Lebensr\u00e4ume sind. Wir haben unsere Erkenntnisse \u00fcber die Gl\u00fchw\u00fcrmchen-Standorte mit der grossen Fauna-Datenbank der Naturschutzstelle der Stadt Z\u00fcrich verglichen, in der rund 100&nbsp;000 Eintr\u00e4ge und Beobachtungen der letzten zehn bis zw\u00f6lf Jahre gespeichert sind. Herausgekommen ist Folgendes: Man findet in der Umgebung von Gl\u00fchw\u00fcrmchen viele spezielle Pflanzen und Insekten, teilweise auch solche, die auf der roten Liste der gef\u00e4hrdeten Arten stehen. Wer zu den Gl\u00fchw\u00fcrmchen Sorge tr\u00e4gt, f\u00f6rdert also auch die Strukturvielfalt und damit die \u00d6kosysteme.<\/p>\n\n<div class=\"wp-block-image  caption-style-blue-overlay caption-alignment-center\"><figure class=\"aligncenter\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/2020\/04\/3f476f6b-kleine_gluehwuermchen_langzeit_1_andreas-brodbeck_liestal-scaled.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5140\"\/><figcaption>Langzeitaufnahme von kleinen Glu\u0308hwu\u0308rmchen. (\u00a9 Andreas Brodbeck)<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n<p><em>Ganz abgesehen davon, dass ihr Anblick Erwachsene wie Kinder erfreut.<\/em><\/p>\n\n<p>Sie sind wirklich unglaublich sch\u00f6n, sowohl die Grossen Gl\u00fchw\u00fcrmchen, die bei uns am h\u00e4ufigsten vorkommen und nur am Boden leuchten, als auch andere Arten wie die Kleinen Gl\u00fchw\u00fcrmchen, die in der Luft herumflimmern. Ich wundere mich, warum diese speziellen Insekten nicht schon l\u00e4ngst als Vorzeigetiere in der Umweltbildung genutzt werden. Sie sind genauso attraktiv wie bunte Schmetterlinge, sogar noch eine Spur verr\u00fcckter. Gl\u00fchw\u00fcrmer sind Magie, Science Fiction oder sogar Fantasy \u2013 und doch real. Obwohl ich schon Hunderte gesehen habe, haben sie f\u00fcr mich nichts von ihrer Faszination eingeb\u00fcsst.<\/p>\n\n<p><em>Welche Entwicklungen bedrohen die Gl\u00fchw\u00fcrmchen besonders? <\/em><\/p>\n\n<p>Der englische Gl\u00fchw\u00fcrmchenspezialist John Tyler hat mir erz\u00e4hlt, dass man Blindschleichen und Gl\u00fchw\u00fcrmchen \u2013 slow worms und glow worms \u2013 oft an denselben Stellen findet. Beide haben gerne strukturreiche G\u00e4rten, wo sie sich verstecken k\u00f6nnen, und beide ern\u00e4hren sich mit Vorliebe von Schnecken. Leider gehen im Zug der urbanen Verdichtung beide Populationen markant zur\u00fcck. Es fehlt nicht nur an naturbelassenen G\u00e4rten. Beim Aushub f\u00fcr Neubauten werden ringsherum grossfl\u00e4chig B\u00f6den zerst\u00f6rt, die sich \u00fcber Jahrzehnte aufgebaut haben.<\/p>\n\n<p><em>Der Struktur- und Kulturwandel von G\u00e4rten, Landwirtschafts- und Gr\u00fcnfl\u00e4chen l\u00e4sst Insekten sterben. Gibt es noch andere Faktoren, die sich negativ auswirken?<\/em><\/p>\n\n<p>Leider ja. Beispielsweise die \u00dcberd\u00fcngung der Felder, der fl\u00e4chendeckende Einsatz von Pestiziden, die Luftverschmutzung, falsche Bodenbearbeitung, die Verbreitung bl\u00fctenloser, nicht einheimischer Pflanzen, Steing\u00e4rten, in denen nichts mehr w\u00e4chst \u2013 man kann jede Menge Negativfaktoren aufz\u00e4hlen.<\/p>\n\n<div class=\"wp-block-image  caption-style-blue-overlay caption-alignment-center\"><figure class=\"aligncenter\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/2020\/04\/94966e02-image.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5146\"\/><figcaption>Vermeintlich pflegeleicht, aber schlecht fu\u0308r den Boden, die Pflanzen und die Tiere: Der Schottergarten. (\u00a9 www.urban-green-network.ch)<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n<p><em>Welche sind besonders problematisch?<\/em><\/p>\n\n<p>Die Stickstoffimmissionen aus der Landwirtschaft und den Verbrennungsprozessen von Treib- und Heizstoffen sind aus meiner Sicht die gr\u00f6sste Gefahr. Je nach Standort reden wir da von bis zu 20 Kilogramm pro Hektare, und das fl\u00e4chendeckend. Die hohen Belastungen beeinflussen die Lebensgemeinschaften in der Vegetation, f\u00f6rdern die fetten Lebensr\u00e4ume und dr\u00e4ngen tierische und pflanzliche Liebhaber von mageren Standorten massiv zur\u00fcck. Der erh\u00f6hte Stickstoffeintrag wirkt wie ein Pestizid und vernichtet einen Teil der hiesigen Pflanzenwelt. Parallel dazu nimmt auch die Vielfalt der Insekten ab.<\/p>\n\n<p><em>Immerhin bem\u00fchen sich viele Hobbyg\u00e4rtnerinnen und -g\u00e4rtner, ihren Fl\u00e4chen Sorge zu tragen. Beispielsweise indem sie in ihren G\u00e4rten mulchen, statt die Erde umzupfl\u00fcgen und st\u00e4ndig zu h\u00e4ckseln.<\/em><\/p>\n\n<p>Je weniger man die Bodenschichten zerst\u00f6rt, desto besser. Man sollte den Boden m\u00f6glichst in Ruhe lassen, das ist sicher besser f\u00fcr die Lebewesen und die Bodenfauna. Wer im Garten einen Laubhaufen hat, in dem sich Schnecken verstecken k\u00f6nnen, tr\u00e4gt \u00fcberdies dazu bei, dass Insekten, Reptilien, Igel und V\u00f6gel gen\u00fcgend Nahrung finden.<\/p>\n\n<div class=\"wp-block-image  caption-style-blue-overlay caption-alignment-center\"><figure class=\"alignleft\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/2020\/04\/9487be8e-img_1927-e1522943572785-scaled.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5148\"\/><figcaption>Der Natur sollte man zwischendurch freien Lauf lassen. (\u00a9 Tanja Keller)<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n<p><em>Also ist es ratsam, das Laub im Garten liegenzulassen?<\/em><\/p>\n\n<p>Es muss nicht alles Laub weggeblasen werden, im Gegenteil. Ich finde es wichtig, dass man alte \u00c4ste aufh\u00e4uft oder modriges Zeug einfach mal liegenl\u00e4sst. An solchen Orten k\u00f6nnen sich an heissen Sommertagen Insekten und andere Tiere verkriechen. Wechselwarme Tiere brauchen aber auch offene, warme Stellen, damit sie in der D\u00e4mmerung aktiv werden k\u00f6nnen. Die M\u00e4nnchen der Gl\u00fchw\u00fcrmchen brauchen beispielsweise einen offenen Flugraum, um die leuchtenden Weibchen zu finden. Im Dickicht haben sie keine Chance. Die Leuchtk\u00e4fer sind oft an \u00dcbergangsorten zu finden, dort, wo beide oder verschiedene abwechslungsreiche Strukturen vorhanden sind, wie sie eben in alten G\u00e4rten noch oft bestehen.<\/p>\n\n<p><em>Apropos fette G\u00e4rten: Ich versuche schon seit Jahren auf einem Flecken Land bei uns im Garten, der keinen fetten Oberboden mehr aufweist, eine magere Wildblumenwiese hinzukriegen. Ist das \u00fcberhaupt sinnvoll, die Natur in ein solches Korsett zu zw\u00e4ngen? <\/em><\/p>\n\n<p>Es gibt schon Orte, an denen das Ausmagern gelingt; vor allem wenn man das Schnittgut immer entfernt oder gar eine Humusschicht abtr\u00e4gt, Kies und Sand dazugibt sowie standort- und bodenartgerechte Pflanzen f\u00f6rdert. Auch wenn dies vielleicht an gewissen Orten fragw\u00fcrdig erscheint, zeigt es in der F\u00f6rderung von diversen Insektenbest\u00e4nden gute Ergebnisse.<\/p>\n\n<p><em>Gibt es weitere M\u00f6glichkeiten, im eigenen Garten Gutes f\u00fcr den Insektenbestand zu tun?<\/em><\/p>\n\n<p>\u00dcber die Auswahl der B\u00fcsche und Pflanzen l\u00e4sst sich einiges erreichen. Man sollte m\u00f6glichst einheimische Pflanzen und Bl\u00fctenpflanzen kaufen, die etwa f\u00fcr Schmetterlingsraupen passend sind und von Insekten gerne angeflogen werden. Wichtig sind Bl\u00fctenpflanzen f\u00fcr Schwebefliegen, Bienen und andere Best\u00e4uber von Bl\u00fctenpflanzen. Ast-, Stein- und Laubhaufen sowie Steinm\u00e4uerchen n\u00fctzen immer. Ausserdem pl\u00e4diere ich f\u00fcr eine gewisse Faulheit im Garten. Es ist v\u00f6llig okay, ja sogar gut, nur das Minimum zu machen. Und nicht zuletzt sollte man gescheit m\u00e4hen.<\/p>\n\n<div class=\"wp-block-image  caption-style-blue-overlay caption-alignment-center\"><figure class=\"alignright\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/2020\/04\/49f8b51a-img_0561-kopie.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5147\"\/><figcaption>Wichtig sind Blu\u0308tenpflanzen fu\u0308r die F\u00f6rderung von Insekten. (\u00a9 Tanja Keller)<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n<p><\/p>\n\n<p><em>Gescheit m\u00e4hen? Als Kundeng\u00e4rtnerin bin ich teilweise gezwungen, den Trimmer zu brauchen. Den Insekten kommt das kaum zugute.<\/em><\/p>\n\n<p>Es kommt nat\u00fcrlich auf die Gr\u00f6sse der Fl\u00e4che an, ob man m\u00e4ht, trimmt oder mit der Sense arbeitet. Wir haben in der Wynegg bei Z\u00fcrich auf zwei gleich grossen Fl\u00e4chen von je 30 Quadratmetern einen <a rel=\"noopener noreferrer\" href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=YQyVO5wxZ-Q&amp;feature=youtu.be\" target=\"_blank\">Versuch<\/a> durchgef\u00fchrt. Die eine Fl\u00e4che haben wir mit der Sense gem\u00e4ht und anschliessend gerecht, die andere haben wir mit dem Trimmer geschnitten und das Gras mit dem Laubbl\u00e4ser zusammengenommen. Erstaunlicherweise waren wir mit der fast ger\u00e4uschlosen Sense schneller als mit dem lautem Trimmer. Und mit dem Rechen waren wir deutlich effizienter als mit dem Gebl\u00e4se. Kommt dazu, dass Trimmer mit ihrer Sogwirkung alles vernichten und zerschnetzeln, was ihnen unter die Schn\u00fcre kommt. Nicht nur Insekten, sondern auch Igel sterben immer wieder, wenn sie von einer Trimmerschnur erwischt werden. Mit der langsamen Sense schafft man es nicht, auch nur eine einzige Erdbiene zu treffen.<\/p>\n\n<p><em>Bedeutet das zur\u00fcck in die Steinzeit zu gehen? Die Wiesen wieder mit Sensen m\u00e4hen?<\/em><\/p>\n\n<p>(lacht) Sensen gibt es erst seit der Eisenzeit. Ihr Einsatz ist nat\u00fcrlich nicht \u00fcberall sinnvoll, zuweilen aber schon. Bei der Kreuzkirche in Z\u00fcrich m\u00e4hen wir jedes Jahr eine Wiese mit Leuten aus unserer Sensengruppe. Das ist ein wunderbarer und einzigartiger Standort, an dem auch die kleinen, blinkenden Italienischen Leuchtk\u00e4fer vorkommen. Es gibt sie dort schon seit den F\u00fcnfzigerjahren. Niemand weiss, wieso sie sich genau dort gehalten haben. Wir sensen, um sie zu schonen.<\/p>\n\n<p><em>Wie sieht es mit der Lichtverschmutzung aus? Hat sie ebenfalls negative Auswirkungen auf die Insekten?<\/em><\/p>\n\n<p>Im Garten sollte man nur die n\u00f6tigsten Lichtquellen einsetzen \u2013&nbsp;am besten gar keine, denn sie st\u00f6ren viele Nachttiere, die nur bei Dunkelheit aktiv werden. Von den Gl\u00fchw\u00fcrmchenlarven wissen wir, dass sie schon bei Vollmondlicht ihre Aktivit\u00e4t vor\u00fcbergehend einstellen. Die kunstvollen Lichtinszenierungen in den G\u00e4rten sind eine ganz schlechte Idee. Dazu kommt, dass Gl\u00fchw\u00fcrmchenm\u00e4nnchen jeden Lichtkegel meiden, w\u00e4hrend sich die Weibchen ganz gerne unter einer Lichtquelle aufhalten. So finden die M\u00e4nnchen die Weibchen nicht mehr, was bei einer Vermehrungszeit von nur zwei Wochen verheerend sein kann. Jede Strassenlampe in einem Gl\u00fchw\u00fcrmchengebiet schneidet eine Art K\u00e4seloch in die Fortpflanzungslandschaft. Also: Kein Licht im Garten.<\/p>\n\n<p><a href=\"https:\/\/www.greenpeace.ch\/medienmitteilungen\/greenpeace-lehnt-erhoehung-der-pestizid-grenzwerte-ab\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\"><em>Unternimmt die Politik genug, um die Insektenvielfalt zu f\u00f6rdern?<\/em><\/a><\/p>\n\n<p>Grunds\u00e4tzlich gilt nach Bundesrecht, dass sowohl auf dem Land wie in den Siedlungsr\u00e4umen f\u00fcr einen \u00f6kologischen Ausgleich gesorgt sein sollte. F\u00fcr die landwirtschaftlich genutzten Fl\u00e4chen gibt es im Zusammenhang mit den Direktzahlungen immerhin eine entsprechende Umsetzung, wenn sie auch bei weitem nicht perfekt funktioniert. In den Siedlungsr\u00e4umen hingegen fehlen die politischen Instrumente, um die Biodiversit\u00e4t zu erhalten oder zu f\u00f6rdern. Das ist ein Problem. In urbanen Gebieten muss die Politik dringend einen \u00f6kologischen Ausgleich veranlassen.<\/p>\n\n<p><em>Gibt es Ideen, wie man das bewerkstelligen k\u00f6nnte?<\/em><\/p>\n\n<p>Vor ein paar Jahren hat die Lausanner Professorin Jo\u00eblle Salomon Cavin vorgeschlagen, einen National- oder Naturpark im Siedlungsraum zu schaffen. Es sei absurd, nur in unber\u00fchrter Natur Schutzgebiete einzurichten. Ich finde das eine gute Idee, auch wenn sie schwierig umzusetzen ist. Vielleicht l\u00e4ge die L\u00f6sung in Mini-Naturparks. Und vielleicht br\u00e4uchte es f\u00fcr die Erhaltung der Biodiversit\u00e4t im Siedlungsraum eine Mischung aus Anreizen und Verboten: finanzielle Anreize, solche Naturoasen in urbanen Gebieten einzurichten, und Verbote, bei neuen \u00dcberbauungen die urspr\u00fcngliche Natur fl\u00e4chendeckend auszumerzen. Schutzgebiete in urbanen Zonen k\u00f6nnten gen\u00fcgend Insekten beherbergen, um auch Bl\u00fcten in nahen Landwirtschaftszonen zu best\u00e4uben. Das w\u00e4re eine Win-win-Situation.<\/p>\n\n<p><em>Vorderhand geht das Insektensterben unvermindert weiter. Mangelt es an \u00f6ffentlicher Aufkl\u00e4rung?<\/em><\/p>\n\n<p>Es gibt viele tolle und von der Zivilbev\u00f6lkerung initiierte Aufwertungsprojekte in der Landschaft, Vortr\u00e4ge und Events. Wer sich informieren will, kann das. Tatsache ist, dass informierte Menschen sorgsamer mit der Natur umgehen. Am Wichtigsten scheint mir der ganzheitliche Zugang zur \u00d6kologie. Die Menschen sollten ihr Verhalten gegen\u00fcber der Natur verstehen und es hinterfragen. Die Antworten k\u00e4men nicht zuletzt den Insekten zugute.<\/p>\n\n<p><em>Die Arbeits- und Forschungsschwerpunkte des Z\u00fcrcher Biologen Stefan Ineichen (59) sind Stadtfauna und die Naturgeschichte der Stadt. Seine besondere Faszination gilt den Gl\u00fchw\u00fcrmchen. Ineichen doziert seit 1997 an der ZHAW. Er ist seit 2000 Projektleiter von NahReisen und hat gemeinsam mit B. Klausnitzer und M. Ruckstuhl das Buch \u00abStadtfauna\u00bb publiziert (Haupt Verlag, Bern 2012).<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In den n\u00e4chsten Monaten schalten wir in loser Folge die Lieblingsartikel unserer Redaktions-mitglieder\u00a0nochmals auf.\u00a0Diese haben sie aus den meistgelesenen Online-Stories der letzten Jahre ausgesucht. 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