{"id":45169,"date":"2018-04-18T07:00:00","date_gmt":"2018-04-18T05:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/?p=45169"},"modified":"2020-05-27T13:14:08","modified_gmt":"2020-05-27T11:14:08","slug":"artivismus%e2%80%89-%e2%80%89-modewort-oder-neue-kunstrichtung-mit-politischer-wirkung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/hintergrund\/45169\/artivismus%e2%80%89-%e2%80%89-modewort-oder-neue-kunstrichtung-mit-politischer-wirkung\/","title":{"rendered":"Artivismus\u2009\u2013\u2009 Modewort oder neue Kunst\u00adrichtung mit politischer Wirkung?"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Zwei bekannte K\u00fcnstler, gefilmt, fotografiert, interviewt im Pyjama (oder ohne): Ist das Artivism? Was genau ist Artivism und welche Risiken und Nebenwirkungen hat diese Form des Aktivismus?<\/strong><\/p>\n\n<p class=\"p1\">Zwei Wochen im Bett f\u00fcr den Frieden? 1969 taten John Lennon und Yoko Ono w\u00e4hrend des Vietnamkriegs genau dies. Yoko schreibt auf www.imaginepeace.com: \u00abJohn und ich waren so naiv zu glauben, wir w\u00fcrden mit unserem Bed-in helfen, die Welt zu ver\u00e4ndern. Nun, vielleicht haben wir das ja, aber zu dieser Zeit wussten wir es nicht. Es war jedenfalls gut, dass wir uns haben filmen lassen. Der Film ist heute kraftvoller als je zuvor.\u00bb<\/p>\n\n<figure class=\"wp-block-image alignnone  caption-style-blue-overlay caption-alignment-center\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/2020\/04\/2d555555-2791652.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5186\"\/><figcaption>John Lennon und Yoko Ono inszenieren ihre Performance &#171;Frieden&#187; in Amsterdam, 1969. \u00a9 2018 Keystone<\/figcaption><\/figure>\n\n<p class=\"p2\">Eine allgemeing\u00fcltige Definition von Artivismus gibt es nicht. Unbestritten ist, dass im Begriff Artivism \u00abArt\u00bb (Kunst) und \u00abActivism\u00bb (Aktivismus) verschmelzen. Kunst wie Aktivismus erlauben allerdings grossen Interpretationsspielraum \u2013 wenig \u00fcberraschend also, dass es mit Artivism ebenso ist.<\/p>\n\n<p class=\"p2\">Peter Weigel vom Karlsruher Zentrum f\u00fcr Kunst und Medientechnologie versteht unter Artivismus die \u00abVerbindung von politischem Aktivismus mit den Mitteln der Kunst\u00bb. Er sieht darin \u00abdie erste wirklich neue Kunstrichtung des 21. Jahrhunderts\u00bb, denn kunstgeschichtlich betrachtet befinde sich die abendl\u00e4ndische Kultur immer noch in der Postmoderne.<\/p>\n\n<p class=\"p2\">Artivismus als \u00abReparaturkultur\u00bb unserer Zeit, um Demokratie mit neuem Leben zu f\u00fcllen und Systeme zeitweilig in Frage zu stellen? Wer Artivismus im Zusammenhang mit Demokratie sieht, liefert nur die halbe Wahrheit. Welche Bedeutung hat Artivismus in Staaten mit autokratischen Regimes?<\/p>\n\n<p class=\"p2\">Der inzwischen in Berlin lebende chinesische K\u00fcnstler Ai Weiwei kann nicht anders, als politische Kunst zu machen. \u00abMein Leben war immer politisch\u00bb, sagte er in einem Interview mit der \u00abNeuen Z\u00fcrcher Zeitung\u00bb (20.12.17). Obwohl inhaftiert und angeklagt, habe er nie mit der Kunst aufgeh\u00f6rt; als Mensch k\u00f6nne er sich nicht abwenden von Meinungen und seine Kunst sei seine Meinung. Ai Weiwei sieht keinen Unterschied zwischen einem Aktivisten und einer K\u00fcnstlerin, wie es auch keinen Unterschied zwischen einem Menschen und einem Journalisten gebe: \u00abWenn ein K\u00fcnstler kein Aktivist ist, ist er ein schlechter K\u00fcnstler. Kunst muss Werte bestimmen, Bedeutung herstellen. Kunst war immer aktivistisch, wenn es darum geht, das Bewusstsein und das moralische Urteil zu hinterfragen.\u00bb<\/p>\n\n<p class=\"p2\">Ai Weiwei, 1957 in Peking geboren, wurde bereits als Kind politisiert, als man seinen Vater verhaftete. 2011 kam er wegen kritischer \u00c4usserungen \u00fcber das Regime selber hinter Gitter. Als K\u00fcnstler genoss er den Schutz der interessierten \u00d6ffentlichkeit und erlangte so 2015 seinen Pass wieder, worauf er nach Berlin ausreiste. Wie viele andere Aktivisten ohne Kunst-Fan\u00adgemeinde im R\u00fccken sind dagegen f\u00fcr immer weggesperrt worden?<\/p>\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><b>Artivismus-Debatte im Westen<\/b><\/h3>\n\n<p class=\"p2\">In autokratischen Regimes ist jede nicht gef\u00e4llige Aktion politisch wirksam, erh\u00e4lt \u00f6ffentliche Beachtung \u2013 und wird bestraft. Bei bekannten k\u00fcnstlerischen Absendern mag es den staatlichen Gegenspielern schwerer fallen, kurzen Prozess zu machen. Ob Artivismus oder nicht, ist dort aber nicht die dringlichste Frage.<\/p>\n\n<p class=\"p2\">Anders hier im Westen, insbesondere im deutschen Sprachraum, wo eine Debatte \u00fcber Pro und Contra des Artivismus gef\u00fchrt wird. In einem Gespr\u00e4ch kritisierten der Kulturwissenschaftler Wolfgang Ullrich und der Designforscher Tom Bieling die Eitelkeit heutiger Protestgruppen, die ihr Tun immer gleich als Kunst verstanden wissen wollen: \u00abEs ist nicht neu, dass Protest eine gestaltet-\u00e4sthetische Dimension hat. Und es schadet vielleicht sogar der Wirkkraft einer Aktion, wenn sie von vornherein als Kunst deklariert wird.\u00bb Dies, weil K\u00fcnstler und K\u00fcnstlerinnen oft in einem abgegrenzten Raum Immunit\u00e4t geniessen w\u00fcrden und gleichzeitig mit dem, was sie tun, keine reale Wirkung auf die Welt jenseits der Kunst h\u00e4tten. \u00abWenn nun Aktivistengruppen in der realen Welt agieren und dies dennoch als Kunst verstanden wissen wollen, m\u00fcssen sie damit rechnen, dass man ihre Aktivit\u00e4ten als lediglich symbolisch und blosses Als-ob wahrnimmt. Dann droht Wirkungslosigkeit.\u00bb<\/p>\n\n<p class=\"p2\">Diese Kritik richtet sich nicht gegen Grenzen sprengende k\u00fcnstlerisch-politische Aktionen an sich. Sie richtet sich gegen das \u2013 offene oder verdeckte \u2013 Bed\u00fcrfnis von K\u00fcnstlerinnen und Aktivisten, mit Hilfe des Labels \u00abArtivismus\u00bb spezielle Anerkennung zu erlangen. Es sollte gen\u00fcgen, wenn im Rahmen einer historischen Aufarbeitung von Protestkulturen einzelne Ak\u00adtionen dem Artivismus zugeschrieben werden.<\/p>\n\n<p class=\"p2\">Aus heutiger Sicht artivistisch war in der Schweiz am ehesten die Aktion der Aktivistinnen vor der Tonhalle Z\u00fcrich im Jahr 2013: Eine T\u00e4nzerin spielte vor der Z\u00fcrcher Tonhalle einen Schwan, der qualvoll in einer \u00d6llache verendete (siehe S. 29). Es war kein gelbes Greenpeace-Plakat zu sehen, es gab keine skandalisierende Protestrede mit Megafon, niemand ging mis\u00adsionarisch auf die Passanten zu. Das k\u00fcnstlerische Schauspiel sprach f\u00fcr sich und beeindruckte ohne plakative Begleitbotschaft. Kreativit\u00e4t und Mehrdeutigkeit waren sein Markenzeichen, ein vielbeachteter aktivistischer Akzent in einer Welt, die vom Populismus \u00fcberrollt wurde. Das machte die Aktion einzigartig \u2013 und be\u00addeutungsvoll.<\/p>\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><b>Mit Mehrdeutigkeit dem Populismus widersprechen<\/b><\/h3>\n\n<p class=\"p2\">Populismus, das ist Schwarzweissdenken, das ist Gut und B\u00f6se, Gefahr auf der einen Seite, Rettung auf der anderen. Populismus ist die einfache Antwort auf eine komplexe Umgebung, die Fata Morgana in der unangenehmen Orientierungslosigkeit. Die populistische Verf\u00fchrung ist gef\u00e4hrlich, denn die absoluten Wahrheiten ersticken den Zweifel und nehmen der vielf\u00e4ltigen Wirklichkeit den Atem. Es kann in diesem Umfeld nur guttun, wenn einfache Kampagnenslogans k\u00fcnstlerisch vermittelt werden und dadurch Mehrdeutigkeit zulassen und dem Brustton der \u00fcberzeugten Populisten ein pluralistisches Weltverst\u00e4ndnis gegen\u00fcberstellen. Das gilt f\u00fcr Demokratien und Autokratien gleichermassen, aber ganz besonders f\u00fcr Gesellschaften, die mit Redefreiheit und Pluralit\u00e4t stark geworden sind.<\/p>\n\n<p class=\"p2\">Als wir uns am 18. August 2007 im Rahmen einer Greenpeace-Aktion von Spencer Tunick nackt auf dem Aletschgletscher fotografieren liessen, herrschte einige Minuten absolute Stille. Es wehte eine leichte Brise und die tiefe Versunkenheit auf dem eisigen Untergrund f\u00fchlte sich an wie ein Gebet unter einem grossen Kirchengew\u00f6lbe. Ob nackt oder nicht, war unerheblich, die Verbundenheit mit diesem heiligen Ort stand im Mittelpunkt \u2013 und damit die Grossartigkeit der Sch\u00f6pfung.<\/p>\n\n<p class=\"p2\">Ob jene Installation mit 600 Menschen nun Kunst war oder nicht oder als solche empfunden wurde, ist unerheblich. Ihre Kraft lag und liegt in der Unsch\u00e4rfe ihrer Botschaft. Das Bild taucht noch zehn Jahre sp\u00e4ter in unterschiedlichen Zusammenh\u00e4ngen immer wieder auf. Es kommuniziert den Klimawandel und die schmelzenden Gletscher genauso wie die Ber\u00fchrtheit der Aktivisten und Aktivistinnen und die Verletzlichkeit des Menschen. Millionen Tunick-Anh\u00e4nger, Greenpeace-Mitglieder, Menschen in aller Welt haben die Aktion in den Medien und auf You\u00adtube zur Kenntnis genommen. Das Bild spricht. Wen interessiert, ob daf\u00fcr Artivismus als Label angebracht ist &#8230;<\/p>\n\n<p class=\"p2\">Yoko Onos und John Lennons \u00abBed-in\u00bb war gepr\u00e4gt von den Sit-ins der No-War-Bewegung. Den Frieden brachte die Aktion nicht, aber inspiriert hat sie Millionen. Yoko Ono: \u00abIm Film sagten wir Dinge, die Aktivisten von heute ermutigen und inspirieren k\u00f6nnten. Viel Gl\u00fcck uns allen! Erinnern wir uns: Krieg ist Vergangenheit, wenn wir es wollen. Es kommt auf uns an und auf niemanden sonst. John h\u00e4tte das gerne gesagt.\u00bb<\/p>\n\n<p class=\"p2\">Was John Lennon in der einst\u00fcndigen Doku\u00admentation wirklich gesagt hat: \u00abH\u00f6rt auf zu fragen, ob es etwas bewirkt. Tut selber etwas!\u00bb<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zwei bekannte K\u00fcnstler, gefilmt, fotografiert, interviewt im Pyjama (oder ohne): Ist das Artivism? 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