{"id":45194,"date":"2018-06-01T07:00:00","date_gmt":"2018-06-01T05:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/?p=45194"},"modified":"2020-05-27T14:33:22","modified_gmt":"2020-05-27T12:33:22","slug":"wir-sollten-uns-wundern-keine-wunder-suchen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/hintergrund\/45194\/wir-sollten-uns-wundern-keine-wunder-suchen\/","title":{"rendered":"Wir sollten uns wundern, keine Wunder suchen"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Zwei Dinge erf\u00fcllen das Gem\u00fct mit immer neuer und zunehmender Bewunderung und Ehrfurcht, je \u00f6fter und anhaltender sich das Nachdenken damit besch\u00e4ftigt:\u00a0Der bestirnte Himmel \u00fcber mir und das moralische Gesetz in mir. (Immanuel Kant, Kritik der praktischen Vernunft, Kap. 3)<\/strong><\/p>\n\n<p>Eine Kolumne von Markus Waldvogel<\/p>\n\n<p><span class=\"dropcap\">\u00abE<\/span>s gibt einen schmalen Roman von G\u00fcnter Grass aus dem Jahr 1969 mit dem Titel <a rel=\"noopener noreferrer\" href=\"https:\/\/www.dtv.de\/buch\/guenter-grass-oertlich-betaeubt-12069\/\" target=\"_blank\">\u00ab\u00d6rtlich bet\u00e4ubt\u00bb<\/a>. Im Mittelpunkt des Geschehens stehen der leicht resignierte Eberhard Starusch, Studienrat f\u00fcr Deutsch und Geschichte, und sein Sch\u00fcler Philipp Scherbaum. Starusch hat bewegte, radikale Zeiten hinter sich, Scherbaum \u00abverzweifelt\u00bb an der Saturiertheit der deutschen Nachkriegsgesellschaft. Deshalb will er seinen Dackel Max auf dem Kurf\u00fcrstendamm vor den Sahnetorten verzehrenden Damen in den Kaffeeh\u00e4usern bei lebendigem Leib mit Benzin \u00fcbergiessen und in Brand setzen \u2013\u00a0als Zeichen gegen die Napalm-Verbrechen im fernen Vietnam. Mit seinen etwas opportunistischen Vernunftargumenten hat Starusch bei seinem Sch\u00fcler wenig Erfolg. Daf\u00fcr glaubt er sich bei seinem philosophisch begabten Zahnarzt wieder etwas erholen zu k\u00f6nnen. Dieser strebt n\u00e4mlich eine grosse, alles umfassende Weltkrankenf\u00fcrsorge an, bei der die \u00f6rtliche Bet\u00e4ubung eine entscheidende Rolle spielt: Sie wird zur Metapher des wissenschaftlichen Fortschritts im Dienste aller.<\/p>\n\n<p>Die \u00abHelden\u00bb in Grass\u2019 Roman sind allesamt \u00ab\u00f6rtlich bet\u00e4ubt\u00bb. Dies vor allem auch in psychologischer Hinsicht: Die aufkommende Konsumgeneration, die radikalen, protestierenden Jugendlichen, die \u00abbes\u00e4nftigten\u00bb Bildungsb\u00fcrger\/innen und die in eine technokratische Vernunft ausweichenden Wissenschaftler eint die Unf\u00e4higkeit, sich einer Welt nach der grossen Katastrophe des Zweiten Weltkriegs radikal und schonungslos zu stellen. Der jugendliche Revolutionsidealismus, dem der arme Dackel Max geopfert werden soll, hilft da auch nicht weiter. Im Gegenteil: Der 17-j\u00e4hrige Scherbaum muss seine Gef\u00fchle f\u00fcr Max v\u00f6llig abt\u00f6ten respektive ignorieren. Er braucht eine psychische An\u00e4sthesie, um sein Vorhaben auch nur schon zu planen. Fast gleich geht es den anderen Protagonisten, die zu vieles von ihrem Leben abspalten, sich Illusionen hingeben und schliesslich nur noch mit \u00ab\u00f6rtlichen Bet\u00e4ubungen\u00bb \u00fcber die Runden kommen.<\/p>\n\n<p>Wer sich heute, fast f\u00fcnfzig Jahre sp\u00e4ter, mit \u00d6kologie besch\u00e4ftigt, wird um das Thema An\u00e4sthesie ebenfalls nicht herumkommen. Das griechische Wort <em>aisthesis<\/em> bedeutet (sinnliche) Wahrnehmung, Empfindung. Das Unempfindlichmachen, die An\u00e4sthesie, ist zweifellos eine der gr\u00f6ssten Errungenschaften der modernen Medizin. Wer allerdings, wie das in der Kultur des Hyperkonsums \u00fcblich ist, auf Schnelllebigkeit, Verbrauchertum und permanenten L\u00e4rm getrimmt ist, hat kaum Antennen f\u00fcr das grossartige nat\u00fcrliche Geschehen ausserhalb seiner reduzierten Wahrnehmung. Er wird seiner Lebensbasis entfremdet, entwurzelt. Das ist besonders fatal, weil diese im fr\u00fchen Kindesalter beginnende Entwicklung die gef\u00fchlsm\u00e4ssigen Voraussetzungen, den Zauber in der Natur zu sehen, schlicht verhindert. Wer beispielsweise gew\u00f6hnliche Amselspuren und Ahornsamen im Schnee auf der Terrasse einfach \u00fcbersieht, weil er auf mehr Kick getrimmt ist, bringt sich in seinem Leben um viele zauberhafte Erfahrungen.<\/p>\n\n<div class=\"wp-block-image  caption-style-blue-overlay caption-alignment-center\"><figure class=\"alignleft\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/2020\/04\/34491a73-p1000050-scaled.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5354\"\/><figcaption>Vogelspuren und Feldahornsamen<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n<p>Aber eben: Empf\u00e4nglichkeit f\u00fcr die wunderbare Natur ist eine emotionale F\u00e4higkeit. Erst durch sie werden die geistigen Kr\u00e4fte geweckt, die ein Mensch ben\u00f6tigt, um in einer Verschr\u00e4nkung von Gef\u00fchl und Intellekt sich mit Natur in einem sehr weiten Sinn zu besch\u00e4ftigen. Diese Weite der Wahrnehmung hat syn\u00e4sthetischen Charakter. Damit ist gemeint, dass Ger\u00fcche, Ger\u00e4usche, Farben, Stimmungen, Formen, also sinnliche Vielfalt umfassendster Art, das Lebensgef\u00fchl mitbestimmen. Natur ist so nicht l\u00e4nger ein nach aussen projiziertes Andersartiges, sondern etwas Grossartiges, das zu uns Menschen geh\u00f6rt, das aber wunderbar bleibt, ja bleiben muss. Denn ein erkl\u00e4rtes Wunder ist keines mehr. Die Entzauberung der Welt schw\u00e4cht zudem auch die seelischen Kr\u00e4fte des Widerstands gegen Naturzerst\u00f6rungen aller Art. Der Mechanismus ist einfach: Man muss etwas gernhaben, um es zu respektieren. Und was man wirklich mag, will man besser kennenlernen und man tr\u00e4gt ihm Sorge. Der Pariser Pflanzenphilosoph Emanuele Coccia hat k\u00fcrzlich in seinem \u00fcberraschenden Buch <a href=\"https:\/\/www.hanser-literaturverlage.de\/buch\/die-wurzeln-der-welt\/978-3-446-25834-1\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">\u00abDie Wurzeln der Welt\u00bb (2018)<\/a> Folgendes festgehalten: \u00abGingen wir von den Pflanzen aus, von ihrer Art, in der Welt zu sein und die Welt zu pr\u00e4gen, w\u00fcrden wir vielleicht aus der Sackgasse unserer Selbstbezogenheit herausfinden.\u00bb Mit Grass m\u00fcsste man von einer \u00abSackgasse \u00f6rtlicher Bet\u00e4ubungen\u00bb sprechen. Coccia schreibt weiter, ausgehend vom Zeitalter der Pflanzen, dem Phytoz\u00e4n, \u00abdass die Welt Mischung ist und dass jedes weltliche Wesen mit derselben Intensit\u00e4t in der Welt ist, mit der die Welt in ihm ist.\u00bb<\/p>\n\n<p>Unter diesem Blickwinkel wird das Wunderbare der Welt zum umfassenden Ganzen, an dem jedes Lebewesen, ja schlicht alles Vorhandene teilhat. Wenn Augustinus \u2013&nbsp;in theologischer Absicht \u2013 festh\u00e4lt: \u00abDas Wunder tr\u00e4gt sich also zu im Widerspruch nicht zur Natur, sondern lediglich zu unserer Naturerfahrung.\u00bb <em>(Augustinus (354\u2013430):&nbsp;Der Gottesstaat, 21. Buch)<\/em>, kann dies durchaus modern gedeutet werden. Wer Natur weiterhin als ein wie auch immer komplexes Netz identifizierbarer Objekte versteht, filtert nat\u00fcrliche Informationen zu Mustern entsprechender Verarbeitungsprogramme. Es wird zuger\u00fcstet, was uns eigentlich durchdringt. Die Gestalt der Natur wird von uns abgespalten und verf\u00fcgbar gemacht. Man braucht sich nicht mehr \u2013 etwa \u00fcber die fantastische Form der Quelle des andalusischen Flusses Guadalquivir \u2013 zu wundern.<\/p>\n\n<div class=\"wp-block-image  caption-style-blue-overlay caption-alignment-center\"><figure class=\"alignleft\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/2020\/04\/fc05c57f-p1000234-e1527500309362-scaled.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5355\"\/><figcaption>Quelle des Guadalquivir in der Sierra Cazorla, Andalusien<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n<p>Die Entwicklungspsychologie macht demgegen\u00fcber deutlich, dass die Muster von Wahrnehmungsfeldern erlernt werden. Sie sind also nicht gottgegeben einfach da und in Stein gemeisselt. Unsere Wahrnehmung, das, was wir \u00fcber die Natur zu wissen glauben, h\u00e4ngt davon ab, was wir in unserer Sozialisation an Perspektiven gegen\u00fcber der Natur lernen. Wir nehmen sowohl unsere eingeschr\u00e4nkten Wahrnehmungsf\u00e4higkeiten als auch die Kompetenz, sich verzaubern zu lassen, mit der Muttermilch auf. Dieses Sowohl-als-auch bedeutet Hoffnung: Das Andere ist immer m\u00f6glich und der Zauber und das Wunderbare (der Natur) liegen uns buchst\u00e4blich zu F\u00fcssen.<\/p>\n\n<p>In diesem Sinn sollten wir uns \u00fcber alles, was ist, wundern, anstatt krampfhaft nach attraktiven Wundern zu suchen. Das w\u00e4re ein untr\u00fcgliches Zeichen f\u00fcr die \u00dcberwindung \u00f6rtlicher Bet\u00e4ubung. Der Mensch lernt wieder f\u00fchlen und erwacht selbst zu neuem Leben.<\/p>\n\n<p><strong>Markus Waldvogel<\/strong>\u00a0ist Autor, Philosoph und Leiter der Beratungsfirma Pantaris. Er war viele Jahre Mitarbeiter des WWF Schweiz und hat die Bieler Philosophietage mitbegr\u00fcndet.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zwei Dinge erf\u00fcllen das Gem\u00fct mit immer neuer und zunehmender Bewunderung und Ehrfurcht, je \u00f6fter und anhaltender sich das Nachdenken damit besch\u00e4ftigt:\u00a0Der bestirnte Himmel \u00fcber mir und das moralische Gesetz in mir. (Immanuel Kant, Kritik der praktischen Vernunft, Kap. 3)<\/p>\n","protected":false},"author":49,"featured_media":42720,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"_planet4_optimize_post_is_variant":false,"_planet4_optimize_experiment_name":"","_planet4_optimize_variant_name":"","ep_exclude_from_search":false,"p4_og_title":"","p4_og_description":"","p4_og_image":"","p4_og_image_id":"","p4_seo_canonical_url":"","p4_campaign_name":"not set","p4_local_project":"not set","p4_basket_name":"not set","p4_department":"","footnotes":""},"categories":[47],"tags":[],"p4-page-type":[194],"gpch-article-type":[],"class_list":["post-45194","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-greenpeace","p4-page-type-hintergrund"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/45194","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/49"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=45194"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/45194\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/42720"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=45194"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=45194"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=45194"},{"taxonomy":"p4-page-type","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/p4-page-type?post=45194"},{"taxonomy":"gpch-article-type","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/gpch-article-type?post=45194"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}