{"id":45240,"date":"2018-08-24T07:00:00","date_gmt":"2018-08-24T05:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/?p=45240"},"modified":"2020-05-27T15:43:15","modified_gmt":"2020-05-27T13:43:15","slug":"gut-leben-und-das-klima-schuetzen-das-waers","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/hintergrund\/45240\/gut-leben-und-das-klima-schuetzen-das-waers\/","title":{"rendered":"Gut leben und das Klima sch\u00fctzen. Das w\u00e4r\u2019s."},"content":{"rendered":"\n<p><strong><span class=\"dropcap\">U<\/span>nd das geht. Westlich rational, wie das z.B. Michael Bloomberg, Ex-B\u00fcrgermeister von New York, in seinem Buch \u00abClimate of Hope\u00bb<a name=\"_ednref1\" href=\"#_edn1\">[i]<\/a> aufzeigt. Zum Beispiel wenn er die Umgestaltung des Stadtverkehrs in New York als konkreten Klimaschutz beschreibt. Zusammen mit seinem Co-Autor C. Pope rechnet er vor, wie Investi\u00adtionen u.a. in Velowege und erneuerbare Energie rentieren. Ebenfalls schon existierende lokale L\u00f6sungen beschreibt Rob Hopkins in seinem neuen Buch \u00abEinfach. Jetzt. Machen!\u00bb<a name=\"_ednref2\" href=\"#_edn2\">[ii]<\/a>. Er ist der Gr\u00fcnder der Transition Towns und zeigt anhand zahlreicher Beispiele: Eine bessere Welt ist m\u00f6glich, und sie hat l\u00e4ngst begonnen.<\/strong><\/p>\n\n<p>Die beiden US-Amerikaner und der Brite orientieren sich am K\u00e4stner\u2019schen Zitat \u00abEs gibt nichts Gutes, ausser man tut es\u00bb. Sie schreiben ohne Mahnfinger und angstmachende Analysen.<\/p>\n\n<p>Jenseits der westlichen Rationalit\u00e4t, d.h. noch nachhaltiger nachhaltig ist das Konzept \u00abBuen Vivir\u00bb aus Ecuador, das eine grunds\u00e4tzlich andere Ausrichtung anstrebt. Es stellt Zufriedenheit und Wohlbefinden der Menschen ins Zentrum der gesellschaftlichen Entwicklung, eben: Das Gute Leben.<\/p>\n\n<p>Den gleichen Ansatz wie Buen Vivir verfolgt der Happiness Index im buddhistischen K\u00f6nigreich Bhutan, einem Kleinstaat im Himalaya. Dem einzigen Land mit negativen CO2-Ausstoss <a name=\"_ednref3\" href=\"#_edn3\">[iii]<\/a>. Und mit zufriedenen Menschen, die einfach, aber gesund, verbunden mit ihrer Gemeinschaft, ihrer Kultur und der Natur leben. Buen Vivir und Happiness Index beschr\u00e4nken sich nicht auf die drei klassischen Nachhaltigkeitsaspekte (Soziales, \u00d6kologie, Wirtschaft), sie schliessen ebenso die spirituelle, gesundheitliche und kulturelle Dimension des Lebens als Grundprinzip ein. Spirituell meint alles Nicht-Materielle, das Geistige: Die Freude zu g\u00e4rtnern oder zu singen, zum Beispiel. Oder sich verbunden f\u00fchlen mit Menschen. Es braucht dazu kein langj\u00e4hriges Meditationstraining, das Spirituelle ist im Alltag . Die ur-menschlichen Bed\u00fcrfnisse nach Spiritualit\u00e4t, Kultur und Kooperation und sie leben k\u00f6nnen, bilden die Grundlage dieser Gegenkraft zu Konkurrenzzwang und \u00dcberkonsum.<\/p>\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Happy mit Buen Vivir<\/h3>\n\n<p>Gemessen wird die Zufriedenheit der B\u00fcrger\/innen Bhutans mit dem Gross National Happiness Index (GNHI), mit dem sich das Land vom Gross National Product (GNP) abgrenzt. Dem Bruttoinlandprodukt, das konven\u00adtionelle Instrument zur Messung der Wirtschaftsleistung. Dieses Gegenst\u00fcck zum rein wirtschaftlichen Index von Entwicklung existiert also real. Und die UNO-Vollversammlung lud\u00a0in ihrer Resolution vom Juli 2011 die Nationen ein, den Happiness Index zum Indikator ihrer Entwicklung zu \u00fcbernehmen.<\/p>\n\n<p>Der Happiness-Index wird in neun <u>gleichberechtigten<\/u> Bereichen erfasst: Umweltqualit\u00e4t, sozio-\u00f6konomischer Lebensstandard, Gesundheit, Bildung, Kultur, Gemeindevitalit\u00e4t, Zeitbalance, Good Governance und psychisches Wohlbefinden. In Bhutan wird er alle drei Jahre durch die Befragung einer repr\u00e4sentativen Stichprobe von 7\u2019000 Menschen (1% der Bev\u00f6lkerung) erhoben. Die Resultate bilden die Grundlage zur Verteilung des Staatsbudgets: Der Staat investiert dort, wo der Schuh dr\u00fcckt bzw. wo Erreichtes aufrecht erhalten werden soll. Er tut das erfolgreich, wie das die letzte Erhebung im Vergleich zur vorletzten zeigt. Und der Happiness-Index breitet sich aus, denn das bhutanesische Zentrum f\u00fcr den GNHI ber\u00e4t neuerdings Firmen und Organisationen, denen das Wohlbefinden ihrer Angestellen an sich ein Anliegen ist. Es f\u00fchrt Trainings in Betrieben durch, bei welchen \u00abhappiness skills\u00bb einge\u00fcbt werden<a name=\"_ednref4\" href=\"#_edn4\">[iv]<\/a>, wie z.B. aktives Zuh\u00f6ren, eine andere Perspektive einnehmen usw&#8230;<\/p>\n\n<p>Solche Fertigkeiten kommen einem bekannt vor? Eben, und um das geht\u2019s:\u00a0Der Hektik von Produktivit\u00e4tszwang und Maschinisierung entkommen. Zu sich kommen, zu Handarbeit, zu Kultur- und Naturgenuss. Statt \u00e4usseres Wachsdumm inneres Wachstum. Es ist die positive Kraft eines ganzheitlichen Guten Lebens, die dem Ressourcenverbrauch durch Konsum Paroli bieten kann.<\/p>\n\n<p>Moniert wird nun allerdings, Buen Vivir bzw. Happiness Index sei grunds\u00e4tzlich ein anderes Entwicklungskonzept und deshalb nicht auf westliche Kulturen \u00fcbertragbar. Dem ist entgegenzuhalten: Wenn der Kapitalismus \u00fcberw\u00e4ltigend in Lateinamerika und Asien Fuss fassen konnte, warum sollte sich umgekehrt das Wohlbefinden-Konzept nicht im Westen verbreiten? Genaugenommen ist es l\u00e4ngst in Anwendung: Die New Yorker haben mehrheitlich die Umgestaltung des Stadtverkehrs mitgetragen, nicht weil damit j\u00e4hrlich x Millionen Tonnen CO2 eingespart werden, sondern weil die Lebensqualit\u00e4t zunimmt. In den\u00a0 Transition Towns engagieren sich Menschen, nicht prim\u00e4r weil der \u00abPeak Oil\u00bb vorbei w\u00e4re, sondern wegen dem Gemeinschaftsgef\u00fchl, das sie erleben. Es geht nicht prim\u00e4r um Zahlen, sondern um das positive Wandel-Gef\u00fchl &#8211; Nur rational ist irrational. So haben also New York, Ecuador und Bhutan einen gemeinsamen Kern.<\/p>\n\n<figure class=\"wp-block-image alignnone  caption-style-blue-overlay caption-alignment-center\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/2020\/04\/b4bcf8c0-gp0stp6qs_web_size.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5708\"\/><figcaption>Sinngebende Arbeit macht Freude: Biolandwirte Yann und Virginia Houlette in Valence, Frankreich.&nbsp;\u00a9 Peter Caton \/ Greenpeace<\/figcaption><\/figure>\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Eine neue Normalit\u00e4t<\/h3>\n\n<p>Im Narrativ des Wohlbefindens hat vieles Platz. Es gibt keine strikte Generallinie, es geht nicht um die reine Lehre, sondern ums Grunds\u00e4tzliche. Nicht Aus- sondern Einschluss f\u00fchrt zum Zusammenschluss. Eine neue Normalit\u00e4t partizipativer Gemeinschaften, die sich dank Wohlbefinden auch durch spirituelle Faktoren dem normativen Zwang der Konsum-Gesellschaft entziehen kann. Diesen Zwang hat Victor Lebow bereits vor 60 Jahren auf den Punkt gebracht: \u00abUnsere enorm produktive Wirtschaft verlangt, dass wir den Konsum zum Lebensinhalt machen, dass wir den Kauf und Gebrauch von Waren in Rituale verwandeln, dass wir unsere spirituelle Befriedigung, unsere Ich-Befriedigung im Konsum suchen.\u00bb<a name=\"_ednref5\" href=\"#_edn5\">[v]<\/a><\/p>\n\n<p>Schon richtig: Seit 2012 ist der Happiness Index auf der To-Do-Liste der UNO, und gen\u00fctzt hat\u2018s dem Planeten nichts. Noch nicht: Der Paradigma-Wechsel vom Zeitalter des Konsums zum Zeitalter des Wohlbefindens braucht Zeit. Es geht um nichts weniger als um die Therapie von S\u00fcchtigen. Bis die narrativen Gegenmittel menschliche W\u00e4rme und Seelenruhe bei gen\u00fcgend Menschen Wurzeln geschlagen haben, wird es dauern. Aber es ist der Weg mit dem Schl\u00fcssel, materiellen Verzicht als Lebens-Gewinn zu erleben. F\u00fcr diesen Weg k\u00f6nnen wir Rationalen von den indigenen V\u00f6lkern des Himalayas und Amazoniens lernen.<\/p>\n\n<figure class=\"wp-block-image alignnone  caption-style-blue-overlay caption-alignment-center\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/2020\/04\/142722c6-gp0sts22q_web_size.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5712\"\/><figcaption>Sternfahrt aus gesperrter Autobahn in Berlin.&nbsp;\u00a9 Ruben Neugebauer \/ Greenpeace<\/figcaption><\/figure>\n\n<p>Und das offenbar bereits tun, wie ein k\u00fcrzlicher Artikel in der Zeitschrift \u00abPsychologie Heute\u00bb nahelegt: Forschung zeige, dass das Gute Leben auf vier menschlichen Grundbed\u00fcrfnissen beruhe: Das Erfahren von Zufriedenheit, Zugeh\u00f6rigkeit, Bedeutung und sinngebenden Geschichten. Und das Wohlbefinden teile sich in zwei Grundarten: Freude und Genuss einerseits, Sinngebung andrerseits. Das zeigt sich zum Beispiel in den hierzulande immer mehr aufkommenden \u00f6ko-sozialen Siedlungen. Fast schon eine Bewegung.<\/p>\n\n<p><small><a name=\"_edn1\" href=\"#_ednref1\">[i]<\/a> \u00abClimate of Hope\u00bb: How Cities, Businesses, and Citizens Can Save the Planet\u201c, M. Bloomberg, C. Pope, St Martin\u2018s Press, NY 2017<br> <a name=\"_edn2\" href=\"#_ednref2\">[ii]<\/a> \u00abEinfach. Jetzt. Machen!\u00bb, Rob Hopkins, oekom verlag, 2017 (und quasi der Film zu diesem Buch: \u201eDemain\u201c bzw. \u201eTomorrow\u201c, 2h-Dokumentarfilm von M\u00e9lanie Laurent und Cyril Dion, 2016)<br> <a name=\"_edn3\" href=\"#_ednref3\">[iii]<\/a> Das ist nicht nur, aber auch auf die Happiness-Strategie zur\u00fcckzuf\u00fchren: Einerseits haben arme L\u00e4nder ohnehin einen tiefen CO2-Ausstoss, andrerseits setzt Bhutan zur F\u00f6rderung der Zufriedenheit auf erneuerbare Energie, biologische Landwirtschaft und Waldschutz (60% der Fl\u00e4che ist bewaldet).<br> <a name=\"_edn4\" href=\"#_ednref4\">[iv]<\/a> Siehe <a rel=\"noopener noreferrer\" href=\"http:\/\/www.gnhcentrebhutan.org\" target=\"_blank\">http:\/\/www.gnhcentrebhutan.org<\/a> bzw. <a rel=\"noopener noreferrer\" href=\"http:\/\/www.grossnationalhappiness.com\" target=\"_blank\">http:\/\/www.grossnationalhappiness.com<\/a> mit u.a. dem 2015- Bericht zu Handen der UNO<br> <a name=\"_edn5\" href=\"#_ednref5\">[v]<\/a> Journal of Retailing, 1955 (Zitiert nach dem sehr lesenswerten Buch von Philipp Blom (S. 108): \u201eWas auf dem Spiel steht\u201c, Hanser-Verlag, 2017).<\/small><\/p>\n\n<p><strong>Kuno Roth<\/strong>\u00a0arbeitet international als Leiter des globalen Mentoring-System bei Greenpeace. Jahrgang 57, Dr. rer. nat., ehemaliger Chemiker ist er mittlerweile Human\u00f6kologe, Umweltp\u00e4da\u00adgoge sowie auch Schriftsteller.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Und das geht. Westlich rational, wie das z.B. Michael Bloomberg, ex-B\u00fcrgermeister von New York, in seinem Buch \u00abClimate of Hope\u00bb[i] aufzeigt. 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