{"id":45312,"date":"2018-10-26T07:00:00","date_gmt":"2018-10-26T05:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/?p=45312"},"modified":"2020-05-27T17:32:12","modified_gmt":"2020-05-27T15:32:12","slug":"the-sound-of-silence-den-klimawandel-akustisch-erfahren","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/hintergrund\/45312\/the-sound-of-silence-den-klimawandel-akustisch-erfahren\/","title":{"rendered":"The Sound of Silence &#8211; Den Klimawandel akustisch erfahren"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"p1\"><strong><span class=\"s1\">Der Klimawandel hat eine bislang unbeachtete Dimension: Er wirkt sich auf die T\u00f6ne der Natur aus. Die Klangwelten unserer ver\u00e4nderten Umwelt ber\u00fchren.&nbsp;<\/span><\/strong><\/p>\n\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">Eigentlich, so findet Ludwig Berger, habe sich der Klimawandel bereits bei seiner ersten Wanderung zum Morteratschgletscher gezeigt. Nicht nur, weil er an den vielen Markierungen vorbeikam, die den R\u00fcckgang des Eises wie die Chronik eines angek\u00fcndigten Todes festhalten. Es war Februar 2016, ein sonniger und warmer Tag. Eindeutig zu sonnig und eindeutig zu warm.<\/span><\/p>\n\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">Berger ging durch das bauchig geschliffene Tal, im Gep\u00e4ck Mikrofone, wie sie f\u00fcr Unterwasseraufnahmen eingesetzt werden. Er, ausgebildet in Musikwissenschaft und elektroakustischer Komposition, war gekommen, um dem Gletscher beim Schmelzen zuzuh\u00f6ren, so wie ein Arzt seinem schwerkranken Patienten das Stethoskop aufsetzt. Seit 1880 hat sich die Gletscherzunge um 2,5 Kilometer zur\u00fcckgezogen, das entspricht einem Viertel seiner L\u00e4nge. In den vergangenen Jahren hat sich die Schmelzrate mehr als verdoppelt.<\/span><\/p>\n\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">Berger plante, L\u00f6cher ins Eis zu bohren, die Mikrofone hineinzustecken und die Ger\u00e4usche der Aufl\u00f6sung zu registrieren.&nbsp;<\/span><span class=\"s1\">Doch der Versuch endete entt\u00e4uschend. \u00abZuerst h\u00f6rte ich nur das Rauschen der Mikrofone, sonst nichts\u00bb, sagt er heute an seinem Arbeitsplatz im Medialab der Abteilung f\u00fcr Landschaftsarchitektur an der ETH Z\u00fcrich. \u00abErst als die L\u00f6cher wieder zugefroren waren, vernahm ich ein tiefes, andauerndes Dr\u00f6hnen: den Grundton des Gletschers.\u00bb Berger ahnte aber, dass da mehr sein musste.<\/span><\/p>\n\n<h3 class=\"p1 wp-block-heading\"><span class=\"s1\">Ein Grollen und \u00c4chzen <\/span><\/h3>\n\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">Einen Monat sp\u00e4ter, nachdem er sich ein paar technische Kniffe angeeignet hatte, zog er zusammen mit einer Gruppe Studierender erneut los. Nun war es Mitte M\u00e4rz und jetzt, da der Fr\u00fchling kommen sollte, w\u00fctete ein Schneesturm. Wieder glaubte Berger die Zeichen des Klimawandels <\/span><span class=\"s1\">zu sp\u00fcren: \u00abDie Jahreszeiten sind durcheinander.\u00bb W\u00e4hrend die Gruppe sich durch das Weiss tastete, legte er sich sein Vorgehen nochmals&nbsp;<\/span><span class=\"s1\">zurecht: \u00abIch beabsichtigte, die Mikrofone nicht mehr einzufrieren, sondern sie in Schnee eingepackt gegen den Gletscher zu pressen.\u00bb <\/span><\/p>\n\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">Es funktionierte. Als Berger sich die Kopfh\u00f6rer aufsetzte, h\u00f6rte er zum ersten Mal das Eigenleben des Morteratschgletschers. Ein Blubbern, Grollen, Krachen und \u00c4chzen. Ein Rauschen, Tr\u00f6pfeln und Gurgeln. Ein intergalaktisches Summen, Quietschen und Pfeifen. Der Gletscher murrte, sang, tobte, st\u00f6hnte, jubilierte und weinte. Er zog alle Register, kippte eine Schachtel Schrauben aus, mischte Karten, bewegte knarzende Schubladen und klimperte auf einem Synthesizer mit Kurzschluss. Nichts liess er aus.<\/span><\/p>\n\n<figure><iframe loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/w.soundcloud.com\/player\/?url=https%3A\/\/api.soundcloud.com\/tracks\/274079650&amp;color=%23ff5500&amp;auto_play=false&amp;hide_related=false&amp;show_comments=true&amp;show_user=true&amp;show_reposts=false&amp;show_teaser=true&amp;visual=true\" width=\"100%\" height=\"300\" frameborder=\"no\" scrolling=\"no\"><\/iframe><\/figure>\n\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">Es sei nicht so, dass er den Morteratsch als lebendes Wesen sehe, sagt Berger, als er im Medialab die Aufnahmen vorspielt. \u00abDas ist mir, wie soll ich sagen, zu emotional und zu kitschig.\u00bb Aber wenn er sich \u00fcberlege, was sich hinter diesen T\u00f6nen verberge, weshalb sie entstehen, dann ber\u00fchre ihn das \u2013 \u00absogar sehr.\u00bb Die Begegnung mit dem Gletscher haben Berger und die Studenten inzwischen in einer Ausstellung gezeigt, in Vinyl gepresst und \u2013 auszugsweise \u2013 auch im <a href=\"https:\/\/landscapearchitecture.bandcamp.com\/releases\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Internet publiziert<\/a>.<\/span><\/p>\n\n<h3 class=\"p1 wp-block-heading\"><span class=\"s1\">Eigene akustische Signatur <\/span><\/h3>\n\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">Der Klimawandel hat eine bislang kaum beachtete Dimension: Er heizt nicht nur die Atmosph\u00e4re auf, l\u00e4sst die Meeresspiegel steigen und ruft D\u00fcrren hervor, er wirkt sich auch auf die <a href=\"http:\/\/www.biospheresoundscapes.org\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Welt der Ger\u00e4usche<\/a> aus. Die Bedeutung dieser Welt, Soundscapes oder Klanglandschaften genannt, hat Raymond Murray Schafer als Erster erkannt. In den 60er-Jahren realisierte der kanadische Komponist, dass die Partitur der Natur aus mehr als nur T\u00f6nen besteht. Klanglandschaften spiegeln die Umwelt und geben Auskunft \u00fcber die Artenvielfalt.<\/span><\/p>\n\n<div class=\"wp-block-image  caption-style-blue-overlay caption-alignment-center\"><figure class=\"aligncenter\"><img decoding=\"async\" title=\"Detox-Flashmob: Weltgr\u00f6sster Massenstriptease fordert Nike und Adidas zum \u201cEntgiften\u201d auf\" src=\"https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/2020\/04\/9ad46570-illu_soundscapes-scaled.jpg\" alt=\"&lt;b&gt;Tanzprotest auch vor Nike-Store in Basel\n\nBasel\/weltweit, 23.7.2011. \u00dcber 600 von Aktivistinnen und Aktivisten haben sich heute in 29 St\u00e4dten und 10 L\u00e4ndern vor Nike- und Adidas-L\u00e4den deren \u201cSchmutz-W\u00e4sche\u201d vom Leib gerissen. Dabei wurden unz\u00e4hlige Kunden \u00fcberrascht, wahrscheinlich ein Weltrekord im Massenstriptease f\u00fcrs Guiness Buch der Rekorde aufgestellt und die globalen Sportbekleidungs-Giganten Nike und Adidas aufgefordert, die Wasserverschmutzung durch giftige Chemikalien bei der Herstellung ihrer Markenartikel zu stoppen. In Basel haben vor dem Nike-Store \u00fcber zwei Dutzend Menschen gestrippt.&lt;\/b&gt;\n\n&lt;div&gt;\n\t&lt;p&gt;Punkt 11.00 Uhr CET haben sich in 29 St\u00e4dten um die Welt (darunter Peking, Paris, Bangkok und Basel) insgesamt \u00fcber 600 Greenpeace-Sympathisanten und Konsumentinnen zeitgleich in einem choreographierten Striptease \u201cSchmutz-W\u00e4sche\u201d von Nike und Adidas vom Leib gerissen und auf nackter Haut ihre Forderungen pr\u00e4sentiert: \u201eDETOX: Kein Gift ins Wasser \u2013 just do it!\u201c. &lt;br&gt;&lt;br&gt;Mit diesem rekordverd\u00e4chtigen Detox-Massenstriptease, der ins Guiness Buch der Rekorde eingetragen werden soll, protestieren die Striptease-Teams zusammen mit Greenpeace weltweit tanzend gegen die Wasserverschmutzung durch Sportmarkenartikel-Hersteller wie Nike, Adidas &amp; Co. &lt;br&gt;&lt;br&gt;\u201e\u00dcber 600 Menschen, mehr als zwei Dutzend davon in Basel, haben heute mit dem rekordverd\u00e4chtigen Detox-Striptease bewiesen, dass nichts unm\u00f6glich ist. Jetzt ist es an Nike &amp; Co. zu beweisen, dass sie Wort halten und f\u00e4hig sind, die Wasserverschmutzung durch gef\u00e4hrliche Chemikalien bei der Herstellung ihrer Markenartikel zu stoppen\u201c, insistiert Matthias W\u00fcthrich, Leiter der Chemiekampagne von Greenpeace Schweiz.&lt;br&gt;&lt;br&gt;Der Nike Store an der Steinenvorstadt in Basel wurde auserkoren, weil auch der von Nike gesponsorte Champion Roger Federer dort seine Kleiderkollektion verkauft. Der Basler Tennisweltstar wurde letzte Woche von Greenpeace kontaktiert, damit auch er seine Strahlkraft auf Nike wirken lassen wolle \u2013 immerhin ist er Nike sehr viel Sponsoring-Franken und m\u00f6glicherweise eine weniger Umwelt verschmutzende Kleiderherstellung wert.&lt;br&gt;&lt;br&gt;Die Aktion ist Teil einer globalen Greenpeace-Kampagne, die unter anderem von Nike und Adidas die Entfernung von giftigen Chemikalien aus der Produktionskette und Produkten fordert. Eine zw\u00f6lf Monate dauernde Recherche entlang von Fl\u00fcssen in China hat gezeigt, dass Zulieferer von Nike, Adidas und weiterer internationaler Sportmarkenhersteller giftige Chemikalien in Fl\u00fcsse einleiten. Die Resultate entsprechen wohl nur einem Bruchteil der Verschmutzung durch die Textilindustrie, unter denen die Menschen und die Umwelt weltweit zu leiden haben.&lt;\/p&gt;\n&lt;p&gt;&lt;a href=&quot;https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/2019\/05\/7edb76e0-7edb76e0-110723_brief-nikestore.pdf&quot;&gt;Der heutige Greenpeace-Brief an Nike&lt;\/a&gt;&lt;\/p&gt;\n&lt;p&gt;Weitere Informationen unter &lt;a href=&quot;http:\/\/www.greenpeace.ch\/&quot;&gt;www.greenpeace.ch&lt;\/a&gt; und bei Matthias W\u00fcthrich (+41 44 447 41 31, vor Ort in Basel). \u201eDirty Laundry\u201c-Report unter &lt;a href=&quot;\/switzerland\/de\/Kampagnen\/Chemie\/detox1\/Detox-Hintergrundinformationen\/%20&quot;&gt;www.greenpeace.ch\/detox&lt;\/a&gt;. Bilder via CH-Agenturen und Greenpeace International Picture Desk, Alex Yallop, +31 624 941 965, &lt;img class=&quot;obfimg Eoi_1&quot; src=&quot;https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/2019\/05\/c510851b-c510851b-7e32e4978ac731efe75e5cdb16a2c72e.png&quot; alt=&quot;&quot;&gt;&lt;script type=&quot;text\/javascript&quot;&gt;&lt;!--\ndocument.write(dc(&#039;Eoi_1&#039;, &#039;35_52_47_5A_1B_50_56_54_50_45_5B_50_50_47_52_75_45_5A_59_59_54_4C_1B_4D_50_59_54&#039;));\/\/--&gt;&lt;\/script&gt;. Video: Lucy Campbell-Jackson +31 634738790 &lt;img class=&quot;obfimg Eoi_2&quot; src=&quot;https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/2019\/05\/e29bf219-e29bf219-4908023e5299d828866580bc0c9652b7.png&quot; alt=&quot;&quot;&gt;&lt;script type=&quot;text\/javascript&quot;&gt;&lt;!--\ndocument.write(dc(&#039;Eoi_2&#039;, &#039;C6_A1_B4_A9_E8_A3_A5_A7_A3_B6_A8_A3_A3_B4_A1_86_A8_A9_B5_AD_A5_A7_AC_E8_AA_AA_A3_A4_B6_AB_A7_A5_E8_BF_A5_B3_AA&#039;));\/\/--&gt;&lt;\/script&gt;. A video showing the global events will be released online early next week at: www.greenpeace.org\/detox\u00a0whilst a newsreel will be available from today.&lt;\/p&gt;\n&lt;\/div&gt;\" class=\"wp-image-6241\"\/><figcaption>Illustration einer Klanglandschaft (\u00a9 Lina M\u00fcller)<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\"> Jede Klanglandschaft hat dabei ihre eigene akustische Signatur. Fehlen Tierstimmen pl\u00f6tzlich, weil die Tiere vertrieben, dezimiert oder ausgerottet wurden, ver\u00e4ndert sich die Signatur. Schafers Erkenntnis passte in die Zeit. Kurz zuvor hatte die Zoologin Rachel Carson recherchiert, wie das Pestizid DDT in den USA Millionen von Singv\u00f6geln t\u00f6tete. Der Titel ihres Buchs: \u00abSilent Spring\u00bb.<\/span><\/p>\n\n<h3 class=\"p1 wp-block-heading\"><span class=\"s1\">CO<sub>2<\/sub> st\u00f6rt Kommunikation <\/span><\/h3>\n\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">Zur gleichen Zeit, wie Ludwig Berger in den Schweizer Alpen dem Morteratsch zuh\u00f6rt, besch\u00e4ftigt sich der Meeresbiologe Tullio Rossi&nbsp;<\/span><span class=\"s1\">mit einer ganz anderen Klanglandschaft. Rossi, in Italien geboren und in Australien zu Hause, geht einer Frage nach, die \u00ablange Zeit aus r\u00e4tselhaften Gr\u00fcnden\u00bb nicht beachtet worden ist: Beeinflusst der Klimawandel auch das Leben unter der Wasseroberfl\u00e4che? Konkret: Ver\u00e4ndert das CO<sub>2<\/sub> die Kommunikation der Meeresbewohner? <\/span><\/p>\n\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">Um eine Antwort zu erhalten, suchte Rossi weltweit nach Gew\u00e4ssern, deren CO<sub>2<\/sub>-Belastung schon heute so hoch ist, wie sie f\u00fcr Ende des Jahrhunderts prognostiziert wird. Er wurde f\u00fcndig, und zwar vor den Inseln Ischia und Vulcano im Mittelmeer sowie vor White Island im Indischen Ozean. Hier setzen vulkanische Unterwasserschlote CO<sub>2<\/sub> in den vorausgesagten Mengen frei. Rossi montierte auf Riffen in der N\u00e4he der Schlote Unterwasserrecorder.<\/span><\/p>\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large  caption-style-blue-overlay caption-alignment-center\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"706\" title=\"Sunrise Over Reef in Komodo National Park\" src=\"https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/2018\/10\/6cf996f1-gp0stoe2u_pressmedia-1024x706-1.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-55363\" srcset=\"https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/2018\/10\/6cf996f1-gp0stoe2u_pressmedia-1024x706-1.jpg 1024w, https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/2018\/10\/6cf996f1-gp0stoe2u_pressmedia-1024x706-1-300x207.jpg 300w, https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/2018\/10\/6cf996f1-gp0stoe2u_pressmedia-1024x706-1-768x530.jpg 768w, https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/2018\/10\/6cf996f1-gp0stoe2u_pressmedia-1024x706-1-493x340.jpg 493w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption>Auch Riffe sind vom Klimawandel betroffen. (\u00a9 Paul Hilton\/Greenpeace)\n<\/figcaption><\/figure>\n\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\"> Riffe sind die Heimat der Knallkrebse, nur wenige Zentimeter grosser Tiere, aber nach den Pottwalen die zweitlauteste Ger\u00e4uschquelle unter Wasser. Beim blitzschnellen Schliessen ihrer gr\u00f6sseren Schere erzeugen sie eine Blase, die kurz darauf implodiert und einen Knall erzeugt. Klappert eine Krebskolonie mit den Scheren, entsteht dabei ein Ger\u00e4usch wie das Prasseln eines heftigen Gewitterregens oder die Trommelwirbel einer Schar Jungkadetten. Die Tiere kommunizieren auf diese Weise miteinander, bet\u00e4uben so aber auch ihre Beute.<\/span><\/p>\n\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">Rossi zeichnete auf, wie laut und wie h\u00e4ufig die Knallkrebse ihre Scheren nutzen, und verglich die Ergebnisse mit Daten aus Meeresgegenden, die noch weniger mit CO<sub>2<\/sub> belastet sind. Als die Resultate vorlagen, erschrak er. Diese Deutlichkeit hatte er nicht erwartet: \u00abDie Krebse vor den Vulkaninseln knallen tats\u00e4chlich klar weniger h\u00e4ufig und auch weniger laut. Das heisst \u00bb \u2013 Rossi sucht nach den richtigen Worten \u2013 \u00ab in einigen Jahrzehnten wird es in den Weltmeeren entscheidend ruhiger sein.\u00bb <\/span><\/p>\n\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">Das hat Konsequenzen. Knallkrebse dienen Meeresbewohnern wie Fischlarven als Wegweiser. In ihren Genen haben die Jungfische die Information gespeichert, dass sie am Ursprung des L\u00e4rms, in den Riffen, Schutz vor R\u00e4ubern finden. Also schwimmen sie auf das Scherengeklapper zu. Rossi spinnt den Faden weiter: \u00abWenn das Knallen der Krebse zu leise ist und die Larven den Weg ins Riff nicht mehr finden, werden sie gefressen und die \u00d6kologie der Ozeane ger\u00e4t noch mehr durcheinander, als sie es bereits ist. Das heisst, irgendwann fehlen die Fische auch auf unseren Tellern.\u00bb Bei bald neun Milliarden Erd<\/span><span class=\"s1\">bewohnern werde das zum Problem. Seine wissenschaftliche Arbeit \u00fcber die Knallkrebse hat Tullio Rossi mit \u00abSilent Oceans\u00bb \u00fcberschrieben.<\/span><\/p>\n\n<h3 class=\"p1 wp-block-heading\"><span class=\"s1\">\u00abDramatische Eingriffe\u00bb <\/span><\/h3>\n\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">\u00abSoundscapes\u00bb haben sich inzwischen zu einer eigenen Forschungs- und Kunstrichtung entwickelt und machen den Klimawandel auf einer neuen Ebene erfahrbar. Der Amerikaner Bernie Krause, seit 40 Jahren als Klangforscher unterwegs und weltweit als Koryph\u00e4e anerkannt, hat in einem langen Papier zusammengestellt, wo sich die Folgen des Treibhauseffekts akustisch zeigen. Um es kurz zu machen: Sie finden sich \u00fcberall. Im Gesang der V\u00f6gel, die aus ihren angestammten Lebensr\u00e4umen vertrieben werden; im Gesang der Wale, die Frequenz, Intensit\u00e4t und Dauer ihrer T\u00f6ne anpassen; in der Reichweite des Ultraschalls, den Flederm\u00e4use zur Jagd einsetzen; in den Paarungsrufen der Fr\u00f6sche, die an Intensit\u00e4t verlieren oder ganz ausbleiben.<\/span><\/p>\n\n<figure><iframe loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/KnpsMG0PWRY\" width=\"560\" height=\"315\" frameborder=\"0\" allowfullscreen=\"allowfullscreen\"><\/iframe><\/figure>\n\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">\u00abDer Klimawandel l\u00f6st unwiderrufliche Transformationen von Lebensr\u00e4umen aus, er f\u00fchrt zu dramatischen Eingriffen in die Tiergemeinschaften und er provoziert das schnelle Aussterben von Arten\u00bb, <\/span><span class=\"s1\">fasst Krause zusammen.<\/span><\/p>\n\n<h3 class=\"p1 wp-block-heading\"><span class=\"s1\">Trockenstress im Wallis <\/span><\/h3>\n\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">Dar\u00fcber hinaus offenbart sich der Klimawandel auch in Bereichen, die dem menschlichen Ohr nicht zug\u00e4nglich sind, etwa im Innern von B\u00e4umen. Im Fr\u00fchjahr 2018 reist der Z\u00fcrcher Naturwissenschaftler und Klangk\u00fcnstler Marcus Maeder ins Wallis und steigt bei Salgesch in die H\u00f6he Richtung Trubelstock, bis er einen Vorsprung erreicht, von dem aus das ganze Tal \u00fcberblickbar ist. Hier steht eine einzelne F\u00f6hre. Maeder begr\u00fcsst sie wie eine alte Freundin. 2015 stellte er sie, in Kooperation mit dem \u00d6kophysiologen Roman Zweifel, ins Zentrum seiner Installation \u00ab<a href=\"https:\/\/www.researchcatalogue.net\/view\/215961\/215962\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">trees<\/a>\u00bb, einer multimedialen Arbeit \u00fcber die Auswirkungen des Klimawandels auf B\u00e4ume. Die Installation ging rund um die Welt. Zudem lud der damalige Pr\u00e4sident Frankreichs, Fran\u00e7ois Hollande, Maeder und Zweifel ein, sie an der Klimakonferenz COP21 in Paris mit 200 teilnehmenden Staaten zu zeigen.<\/span><\/p>\n\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">Maeder taxiert die F\u00f6hre: \u00abEs geht ihr gut.\u00bb Er klingt erleichtert. Pause. \u00abSie ist ja noch jung.\u00bb Anders die B\u00e4ume in der Umgebung. Sie erreichen nunmehr eine H\u00f6he von zehn Metern, dann h\u00f6ren sie auf zu wachsen, und die vielen Misteln <\/span><span class=\"s1\">zeugen von der Anf\u00e4lligkeit auf Parasiten. Es sei viel zu trocken im Wallis, und es werde immer trockener, so Maeder. \u00abDie B\u00e4ume haben Stress, grossen Stress.\u00bb Wichtigster Grund: der Klimawandel. \u00abDas ist wissenschaftlich ziemlich eindeutig nachgewiesen.\u00bb<\/span><\/p>\n\n<figure class=\"wp-block-image alignnone  caption-style-blue-overlay caption-alignment-center\"><img decoding=\"async\" title=\"Der ETH-Feldversuch mit Gentech-Weizen: ein Misserfolg mit unbeabsichtigtem Nebeneffekt\" src=\"https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/2020\/04\/4d394b8c-gp01syl_pressmedia.jpg\" alt=\"&lt;b&gt;Bern, 1. September 2011. Im Gegensatz zu den Forschenden bewertet die Schweizerische Arbeitsgruppe Gentechnolgie SAG die Resultate des Freisetzungsversuches mit genmanipuliertem Weizen der ETH und Uni Zu\u0308rich als Misserfolg. Das vier Millionen Franken teure Herzstu\u0308ck des Nationalen Forschungsprogrammes NFP 59 hat lediglich besta\u0308tigt, was bekannt war: Unter Umweltbedingungen zeigen Labor-Gentechpflanzen oft unerwartete Reaktionen und Nebeneffekte.&lt;\/b&gt;\n&lt;div&gt;\n\nFlorianne Koechlin, SAG-Vorstandsmitglied, Biologin und Gentech-Kritikerin der ersten Stunde analysierte die Ergebnisse der Freisetzungsversuche mit mehltauresistentem Gentech-Weizen. Dem Konsortium Weizen, das Forschende von ETH und Uni Zu\u0308rich sowie weiterer Universita\u0308ten vereint, wirft sie vor, die mageren Resultate kommunikativ zu bescho\u0308nigen. \u00abDie unerwarteten Nebenwirkungen waren keine U\u0308berraschung. Das hat sich in den letzten 20 Jahren immer und immer wieder besta\u0308tigt: Genmanipulierte Pflanzen verhalten sich im Freiland anders als im Labor.\u00bb Der Grund dafu\u0308r: Die eingefu\u0308hrten Gene verursachen im ganzen Organismus Turbulenzen.\n\nFlorianne Koechlin fordert mehr Agrarforschung, die direkt bei den Problemen der Bauern anknu\u0308pft und die die Komplexita\u0308t der O\u0308kosysteme einbeziehen kann. Fu\u0308r diese Art Forschung soll der Bund mehr Gelder zur Verfu\u0308gung stellen, nicht fu\u0308r sinnlose Freisetzungsexperimente mit Gentech-Pflanzen.\n\n&lt;strong&gt;Moratoriums-Verla\u0308ngerung bleibt politischer Entscheid&lt;\/strong&gt;\n\nMaya Graf, Nationalra\u0308tin der Gru\u0308nen und SAG-Pra\u0308sidentin glaubt nicht, dass die Resultate des NFP 59 den Erkenntnisgewinn fu\u0308r Bundesrat und Parlament bringen, den man sich beim Start vor vier Jahren zum Ziel setzte. \u00abEs bleibt an der Politik u\u0308ber das Anbau-Moratorium fu\u0308r Gentech-Pflanzen zu entscheiden.\u00bb In dieser Frage sind fu\u0308r Maya Graf die positiven Erfah- rungen, welche der Erna\u0308hrungssektor unter dem Schutzschirm des Moratoriums sammelte wichtiger als die Forschungsprojekte an Weizen. Weizen sei schon zu Beginn der Versuche als unpassende Kulturpflanze kritisiert worden. Daran hat sich nichts gea\u0308ndert.\n\nDie SAG ru\u0308stet sich fu\u0308r die Gentechfrei-Zukunft. Bis Anfang 2012 wollen die Bauern-, Konsumenten-, Umwelt-, Entwicklungs- und Tierschutzorganisationen Strategien und Massnahmen fu\u0308r die Zeit nach Ablauf des bis Ende 2013 andauernden Gentech-Moratoriums entwickeln. Gemeinsames Ziel ist, dass die Schweizer Land- und Erna\u0308hrungswirtschaft unter optimalen Bedingungen gentechfreie Lebensmittel herstellen ko\u0308nnen. Die Auslegeordnung der Strategien geht von einer Gentechfrei-Initiative 2 u\u0308ber parlamentarische Vorsto\u0308sse bis zum reinen Marktszenario, das darauf baut, dass weder die KonsumentInnen noch der Detailhandel an Gentech-Lebensmitteln interessiert sind.\n&lt;strong&gt;\nFokus international: Koexistenz funktioniert schlecht&lt;\/strong&gt;\n\nZum Medientreffen hatte die SAG Prof. Jack Heinemann, Molekularbiologe an der University of Canterbury (Neuseeland) eingeladen. Er untersucht in einem internationalen wissenschaftlichen Netzwerk die praktizierte Koexistenz von genmanipulierten und herko\u0308mmlichen Pflanzen. Wenn der Schutz der gentechnikfreien Produktion als Mass fu\u0308r das Funktionieren der Koexistenz genommen wird, dann fa\u0308llt sein Urteil erba\u0308rmlich aus. Heinemann belegt an zahlreichen weltweit bereits eingetretenen Fehlschla\u0308gen, dass die erwu\u0308nschte Trennung von GVO und Nicht-GVO zu unlo\u0308sbaren Problemen fu\u0308hrt. Die Koexistenzstrategie, beide Anbausysteme nebeneinander mo\u0308glich zu machen, geht nicht auf.\n\nFu\u0308r Heinemann versta\u0308rken sich diese Probleme im Hinblick auf die kleinra\u0308umige Schweizer Landwirtschaft. Der Landwirtschaft wu\u0308rde eine Situation bevorstehen, die laufend von Rechtsstreitigkeiten und Gerichtsverfahren gepra\u0308gt wa\u0308re. Mittelfristig wu\u0308rde die Koexistenz dazu fu\u0308hren, dass die Konsumentinnen und Konsumenten Gentech-Verunreinigungen in Bioprodukten akzeptieren mu\u0308ssten. La\u0308ngerfristig wa\u0308re zu erwarten, dass biologisches und konventionelles Saatgut mit Gentech-Saatgut verunreinigt wu\u0308rde. Die Situation in La\u0308ndern, wo die Koexistenzlo\u0308sung bereits praktiziert wird, zeigt, dass der gentechfrei produzierende Bauer zudem unverha\u0308ltnisma\u0308ssig hohe Kosten zu tragen hat.\n\nMarianne Ku\u0308nzle von Greenpeace begru\u0308ndet, weshalb die Schweiz nicht zum Sonderfall wird, wenn sie auch nach Ablauf des Moratoriums gentechfrei bleibt. Mehrere europa\u0308ische La\u0308nder haben den Anbau von Gentech-Pflanzen verboten, Hunderte Sta\u0308dte, Gemeinden und Regionen deklarieren sich freiwillig als \u00abgentechfrei\u00bb. Auch sind die sowieso sehr kleinen Gentech- Anbaufla\u0308chen in der EU im letzten Jahr um 13% gesunken. \u00abWenn die Schweizer Land- und Lebensmittelwirtschaft gentechfrei bleibt, ist das kein ru\u0308ckwa\u0308rtsgewandter Entscheid. Die Schweiz wird hingegen zum Sonderfall, wenn sie in Zukunft auf Agro-Gentechnik setzen wu\u0308rde.\u00bb sagt Marianne Ku\u0308nzle.\n\n&lt;\/div&gt;\" class=\"wp-image-6256\"\/><figcaption>Aufgrund des Klimawandels ist es f\u00fcr W\u00e4lder viel zu heiss. (\u00a9 Greenpeace \/ Ex-Press \/ David Adair)<\/figcaption><\/figure>\n\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">Maeder macht sich daran, am Beispiel seiner Jungf\u00f6hre die Folgen h\u00f6rbar zu machen. Aus einer gut gepolsterten Box nimmt er eine vergoldete Nadel \u2013 sie dient ihm als akustischer Sensor \u2013, steckt sie in die Rinde eines Asts und verbindet sie mit einem Verst\u00e4rker. Dann setzt er sich Kopfh\u00f6rer auf. Ein feines Blubbern, Rauschen und Fliessen erklingt, dazwischen dumpfes Knacken, mal lauter, mal leiser, als w\u00fcrden Z\u00fcndh\u00f6lzer brechen, wie Schritte in einem Holzhaus, dann wieder das Blubbern und Knacken.<span class=\"Apple-converted-space\">&nbsp; <\/span>\u00abKavitationen\u00bb, sagt Maeder. \u00abSie entstehen, wenn im Innern des Asts der Saftfluss abreisst und Luft eindringt.\u00bb <\/span><\/p>\n\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">Die Konsequenzen? Maeder deutet in die Krone der umgebenden F\u00f6hren: Manche \u00c4ste sind bereits ganz braun, andere teilweise. Die Versorgung mit N\u00e4hrstoffen gen\u00fcgt nicht mehr; die B\u00e4ume verdursten. Die Jungf\u00f6hre wird bald dieselben Symptome zeigen. Dann schaut er hinunter ins Tal auf den 10&#8217;000 Jahre alten Pfynwald, einen Naturpark von regionaler Bedeutung und zugleich Schutzwald der Gemeinde Leuk. \u00abIch hoffe, ich t\u00e4usche mich, aber dieser Wald wird in 50 Jahren wahrscheinlich ganz anders aussehen.\u00bb <\/span><\/p>\n\n<h3 class=\"p1 wp-block-heading\"><span class=\"s1\">Kl\u00e4nge beeinflussen Empathie <\/span><\/h3>\n\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">Maeder wie auch Meeresbiologe Rossi und Komponist Berger interessieren sich alle aus dem gleichen Grund f\u00fcr Klanglandschaften: T\u00f6ne haben den direktesten Zugang zu unseren Herzen, sie ber\u00fchren mehr als andere Eindr\u00fccke. Ger\u00e4usche wie Lachen und Weinen f\u00fchren zu einer besonders hohen Aktivit\u00e4t in der Grosshirnrinde und bewirken, dass wir mitf\u00fchlen und uns engagieren. T\u00f6ne beeinflussen auch unsere visuelle Wahrnehmung; wir erleben optische Eindr\u00fccke anders, wenn wir dazu traurige oder fr\u00f6hliche Musik h\u00f6ren. Zusammengefasst: Kl\u00e4nge beeinflussen, wie viel Empathie wir entwickeln. <\/span><\/p>\n\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">F\u00fcr Bernie Krause sind Klanglandschaften deshalb der beste Weg, um dem Klimawandel endlich zur n\u00f6tigen Aufmerksamkeit zu verhelfen: \u00abEin Bild sagt mehr als tausend Worte. Aber eine Klanglandschaft sagt mehr als tausend Bilder.\u00bb <\/span><\/p>\n\n<p><strong>Christian Schmidt<\/strong>, Journalist, Texter f\u00fcr Non-Profit-Organisationen und Buchautor. Freischaffend aus \u00dcberzeugung. Diverse Auszeichnungen, u. a. Z\u00fcrcher Journalistenpreis.<\/p>\n\n<p><strong>Lina M\u00fcller<\/strong>, aufgewachsen im Solothurner Jura, arbeitet als freischaffende Illustratorin und K\u00fcnstlerin, studierte an den Hochschulen f\u00fcr Gestaltung und Kunst Z\u00fcrich und Luzern und an der Academy of Fine Arts in Krakau.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Klimawandel hat eine bislang unbeachtete Dimension: Er wirkt sich auf die T\u00f6ne der Natur aus. 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