{"id":45339,"date":"2018-11-09T07:00:00","date_gmt":"2018-11-09T05:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/?p=45339"},"modified":"2020-06-02T11:01:40","modified_gmt":"2020-06-02T09:01:40","slug":"so-schmolzen-die-schweizer-gletscher-in-160-jahren-weg","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/hintergrund\/45339\/so-schmolzen-die-schweizer-gletscher-in-160-jahren-weg\/","title":{"rendered":"So schmolzen die Schweizer Gletscher in 160 Jahren weg"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"p1\"><strong><span class=\"s1\">Auch wenn der Mensch schon morgen keine Treibhausgase mehr produzieren w\u00fcrde, die meisten Gletscher sind verloren. Eine Visualisierung des Abschmelzens<\/span><\/strong><span class=\"s1\"><b>.<\/b><\/span><\/p>\n\n<p><em>Die Publikation dieses Beitrages erfolgt mit der Genehmigung vom Tages-Anzeiger und den Autoren\u00a0Mathias Lutz und Marc Brupbacher.<\/em><\/p>\n\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\"><span class=\"dropcap\">D<\/span>ie Schweizer Gletscher erreichten ihre gr\u00f6sste Ausdehnung w\u00e4hrend der kleinen Eiszeit um das Jahr 1850. Die gesamte Gletscherfl\u00e4che betrug damals 1735 km\u00b2 \u2013 exakt die Gr\u00f6sse des Kantons Z\u00fcrich. Heute sind es nur noch 890 km\u00b2.&nbsp;Innerhalb von 166 Jahren ist die H\u00e4lfte der Gletscherfl\u00e4che der Schweiz geschmolzen.<\/span><\/p>\n\n<div class=\"wp-block-image  caption-style-blue-overlay caption-alignment-center\"><figure class=\"aligncenter\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/2020\/04\/2f139ecb-374cd71a46013bce7e602ff1a6314b85.gif\" alt=\"\" class=\"wp-image-6358\"\/><\/figure><\/div>\n\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">Auch die Eisdicke ging dramatisch zur\u00fcck. Der Glaziologe Matthias Huss von der ETH Z\u00fcrich\/Universit\u00e4t Freiburg sch\u00e4tzt das Eisvolumen f\u00fcr 1850 auf rund 130 km\u00b3. 2016 waren es noch 54 km\u00b3, also fast 60 Prozent weniger. \u00abDie Schweizer Gletscher kann man nicht mehr retten\u00bb, sagt Huss. Selbst mit den gr\u00f6ssten Anstrengungen zur CO<sub>2<\/sub>-Reduktion w\u00fcrden 80 bis 90 Prozent der Eismassen bis ins Jahr 2100 verloren gehen. \u00abEine Verlangsamung der Erderw\u00e4rmung kommt f\u00fcr die Schweizer Gletscher zu sp\u00e4t\u00bb, so Huss. Auch Samuel Nussbaumer vom World Glacier Monitoring Service der Universit\u00e4t Z\u00fcrich sieht keine Rettung: \u00abIch hoffe einzig darauf, dass wir wenigstens die h\u00f6chstgelegensten Gletscher der Alpen zumindest in Bruchst\u00fccken erhalten k\u00f6nnen.\u00bb<\/span><\/p>\n\n<h3 class=\"p1 wp-block-heading\"><span class=\"s1\">Die Schweizer Gletscher schmelzen seit 1850 drastisch<\/span><\/h3>\n\n<figure class=\"wp-block-image alignnone  caption-style-blue-overlay caption-alignment-center\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/2020\/04\/6d5e5a15-bildschirmfoto-2018-11-05-um-10.13.44.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-6364\"\/><figcaption>Die Ver\u00e4nderungen der f\u00fcnf gr\u00f6ssten Gletscher der Schweiz seit 1850.<\/figcaption><\/figure>\n\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">1973 z\u00e4hlte die Schweiz 2150 Gletscher, heute sind es noch rund 1400. Damit sind nur schon in diesem Zeitraum 750 Gletscher verschwunden. Die meisten von ihnen waren klein und besassen nie einen Namen. Besonders bedauerlich: Alle Gletscher im Schweizer Nationalpark sind bereits komplett geschmolzen. 1973 gab es dort noch rund ein Dutzend \u2013 einzig der Vadret da Nuna hatte einen Namen.<\/span><\/p>\n\n<div class=\"wp-block-image  caption-style-blue-overlay caption-alignment-center\"><figure class=\"aligncenter\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/2020\/04\/425a6ee8-bildschirmfoto-2018-11-05-um-10.17.23.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-6366\"\/><figcaption>Drei Beispiele von bereits geschmolzenen Gletschern in der Schweiz.<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">Seit Beginn der Aufzeichnungen war die Gletscherschmelze noch nie so stark wie in den letzten Jahren. Die weltweit l\u00e4ngste Messreihe der Gletscherschmelze (102 Jahre) auf dem Glarner Claridenfirn zeigt: Von den acht extremsten Schmelz-Jahren fanden sechs nach 2008 statt. 2016 verloren die Gletscher fast 1 km\u00b3 an Eisvolumen oder rund 900 Milliarden Liter Wasser.&nbsp;<\/span><span class=\"s1\">Die Dicke des Gletschereises nimmt im Moment (Stand 2017) durchschnittlich um etwa einen Meter pro Jahr ab, das Eis b\u00fcsst rund ein Prozent seiner Fl\u00e4che ein. Global schmolzen die Gletscher von 2001 bis 2010 zwei- bis dreimal so stark wie im Mittel des gesamten 20. Jahrhunderts.<\/span><\/p>\n\n<figure class=\"wp-block-image  caption-style-blue-overlay caption-alignment-center\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/2020\/04\/65066e01-c18b245086aa1718c23a4a88a46fa032.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-6367\"\/><\/figure>\n\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">Im Wallis sind die Gletscher am gr\u00f6ssten, sie reichen am weitesten ins Tal und sind uns damit auch am n\u00e4chsten. Der Schwund ist also dort am besten sichtbar, beispielsweise beim Rhone- oder Aletschgletscher. Das gilt aber auch f\u00fcr den Morteratschgletscher in Graub\u00fcnden oder in Grindelwald (BE), wo der Gletscher vor 160 Jahren noch bis ins Dorf floss. Der Triftgletscher (BE) hat zwischen 2000 und 2015 zwei Kilometer an L\u00e4nge verloren. In Bezug auf ihre Gesamtfl\u00e4che schrumpfen grosse Gletscher etwa zwei- bis dreimal weniger schnell als die kleinsten. Diese haben seit 1850 fast 90 Prozent ihrer Fl\u00e4che verloren, w\u00e4hrend die grossen Gletscher \u00abnur\u00bb zwischen 15 und 40 Prozent eingeb\u00fcsst haben.<\/span><\/p>\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Temperatur im Sommer ist zu hoch<\/h3>\n\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">Gletscher schmelzen im unteren Bereich im Sommer immer. Seit etwa 1850 verlieren sie aber an Masse. Damals war die sogenannte Kleine Eiszeit auf dem H\u00f6chststand. Die Gr\u00fcnde sind eindeutig: deutlich steigende Temperaturen. Zus\u00e4tzlich beeinflussen auch \u00c4nderungen des Schneefalls sowie der Sonneneinstrahlung die Geschwindigkeit der Schmelze. Haupts\u00e4chlich kann allerdings die Temperatur w\u00e4hrend des Sommers verantwortlich gemacht werden. Gletscher z\u00e4hlen zu den besten nat\u00fcrlichen Klimaindikatoren und sind ein Schl\u00fcsselelement im Monitoring des Klimawandels.<\/span><\/p>\n\n<figure class=\"wp-block-image alignnone  caption-style-blue-overlay caption-alignment-center\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/2020\/04\/9ebe17e9-rhonegletscher_stao4_2010_2018_2000pixel.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-6413\"\/><figcaption>Zum Vergleich: Der Rhonengletscher in den Jahren 2010 und 2018. (\u00a9 <a href=\"http:\/\/www.gletschervergleiche.ch\/Pages\/ImageCompare.aspx?Id=1\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">www.GletscherVergleiche.ch<\/a>)<\/figcaption><\/figure>\n\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">Schon seit Jahrmillionen gehen die Gletscher zur\u00fcck und stossen wieder vor, auch ganz ohne Mensch. Vor 20\u2019000 Jahren war die Schweiz fast komplett von Eis bedeckt. Was allerdings in den letzten 150 Jahren aussergew\u00f6hnlich ist, ist die unglaubliche Geschwindigkeit der Erw\u00e4rmung der Atmosph\u00e4re und damit des Gletscherr\u00fcckgangs. Der Anstieg der Temperatur liegt weit jenseits dem in der Erdgeschichte Bekannten. Und: Der Temperaturanstieg korreliert mit den Emissionen von CO<sub>2<\/sub> in die Atmosph\u00e4re, welche mit der Verbrennung von fossilen Energietr\u00e4gern stark zugenommen haben. Der Mensch ist verantwortlich f\u00fcr den starken Gletscherr\u00fcckgang.<\/span><\/p>\n\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">Bis 2100 wird fast die gesamte Eisfl\u00e4che in der Schweiz verschwunden sein. Den Aletsch-Gletscher wird es zwar noch geben, allerdings nur noch aufgeteilt in kleinere Teile in hohen Lagen. Leider k\u00f6nnen auch mit den g\u00fcnstigsten Szenarien bei starker CO<sub>2<\/sub>-Reduktion die allermeisten Gletscher in der Schweiz nicht mehr gerettet werden: Es d\u00fcrften so oder so 4 von 5 verschwinden, auch wenn schon morgen der Ausstoss von Treibhausgasen gestoppt werden k\u00f6nnte. Im Falle eines Anstiegs der Sommertemperatur in der Schweiz um 5 Grad w\u00fcrden die Alpen Ende des 21. Jahrhunderts praktisch eisfrei werden. Schweizer Klimaforscher gehen davon aus, dass es in der Schweiz gegen\u00fcber der vorindustriellen Zeit bis Ende des Jahrhunderts im Jahresdurchschnitt 3 bis 5 Grad heisser sein wird, wenn der Anstieg der Treibhausgase nicht gebremst wird. \u00abNat\u00fcrlich hoffe ich, dass wir es schaffen, die Emissionen so zu reduzieren, dass wir wenigstens 20% der Gletscher bewahren k\u00f6nnen\u00bb, so Glaziologe Matthias Huss.<\/span><\/p>\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Massnahmen gegen Gletscherschwund werden eingeleitet<\/h3>\n\n<p>Am Titlis oder beim Rhonegletscher werden die Gletscher teils mit Vlies-T\u00fcchern abgedeckt, um die Sonneneinstrahlung abzud\u00e4mpfen. Im Engadin denkt man dar\u00fcber nach, die Gletscher k\u00fcnstlich zu beschneien. Solche Massnahmen sind zwar lokal effizient und sinnvoll. Man kann damit den R\u00fcckgang an einer kleinen Stelle aufhalten, allerdings niemals einen ganzen Gletscher retten. Die Kosten daf\u00fcr \u00fcbersteigen bei weitem den Nutzen.<\/p>\n\n<p>Die Folgen des Gletscherschwunds sind bereits in verschiedenen Bereichen sp\u00fcrbar.&nbsp;<span class=\"s1\">Gletscher sind ein <strong>Touristenmagnet<\/strong> und ein wichtiges Identifikationsmerkmal der Schweiz. Wenn es keine Gletscher gibt, muss sich das Land neu pr\u00e4sentieren. Unsere Alpen bleiben sch\u00f6n, auch mit weniger Eis. Sie werden einfach anders.<\/span><\/p>\n\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">Gletscher <strong>speichern Wasser<\/strong> im Winter und geben es im Sommer frei. Zudem speichern sie Wasser in k\u00fchlen, nassen Jahren und geben es in trockenen, heissen Sommern wieder frei. Sie haben damit eine zentrale Rolle in der Regulierung des Abflusses. Sind die Gletscher weg, f\u00e4llt diese Funktion weg. Das wird einen Einfluss haben auf die Wasserverf\u00fcgbarkeit in Alpenregionen, aber auch dar\u00fcber hinaus, da die grossen Fl\u00fcsse Europas in den Alpen entspringen und im Sommer massgeblich von den Gletschern gespeist werden.<\/span><\/p>\n\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">Mit der Energiestrategie 2050 will die Schweiz auf <strong>Wasserkraft<\/strong> setzen. Fast alle Stauseen beziehen ihr Wasser von Gletschern. Auch in Zukunft werden sie gef\u00fcllt werden, doch das Wasser kommt zu anderen Zeitpunkten im Jahr.&nbsp;<\/span><span class=\"s1\">Wenn sich Gletscher zur\u00fcckziehen, ver\u00e4ndert sich auch die <strong>Landschaft<\/strong>. Das kann zu Problemen mit der Stabilit\u00e4t von H\u00e4ngen f\u00fchren. Neue Seen bilden sich. Diese k\u00f6nnen ausbrechen, besonders, wenn sie vom Eis gestaut werden.<\/span><\/p>\n\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">Man geht davon aus, dass der globale Meeresspiegel bis 2100 um 0,3 bis 1 m steigen k\u00f6nnte. Die Gletscherschmelze liefert einen betr\u00e4chtlichen Beitrag zu diesem Anstieg. Ein steigender <strong>Meeresspiegel<\/strong> betrifft uns in der Schweiz nicht direkt, aber es wird Millionen von Klimafl\u00fcchtlingen geben.<\/span><\/p>\n\n<p>Aussagen wie&nbsp;<span class=\"s1\">\u00ab<\/span>Die Gletscher in Norwegen wachsen<span class=\"s1\">\u00bb<\/span> sind nicht&nbsp;<span class=\"s1\">mehr aktuell. Die kurze Wachstumsphase endete vor ein paar Jahren. Gletscher in Norwegen sind sehr stark von der Feuchtigkeit beeinflusst, die vom Ozean kommt. Die stieg aufgrund von ver\u00e4nderter Zirkulation der Luftmassen kurzfristig an. Das ist nun aber vorbei, und die Gletscher folgen wieder ihrem langfristigen Trend zu einem Verlust. Der Gletscherschwund ist ein globales Problem. Weltweit gibt es rund 200\u2019000 Gletscher. 730\u2019000 Quadratkilometer betr\u00e4gt die totale Gletscherfl\u00e4che der Erde \u2013 so gross wie Deutschland, Polen und die Schweiz zusammen. Dazu kommen die beiden Eisschilde in Gr\u00f6nland und der Antarktis, die zusammen gleich gross sind wie Russland. 70 Prozent des S\u00fcsswassers sind in Eis gespeichert.<\/span><\/p>\n\n<p><span class=\"s1\"><b>Mathias Lutz <\/b>und<b> Marc Brupbacher\u00a0<\/b>sind Teil des Interaktiv-Teams des Tagesanzeigers in Z\u00fcrich. Die Inspiration f\u00fcr den Gletscher-Vergleich der Schweiz gab ihnen ein Artikel der New York Times mit dem Titel\u00a0<a rel=\"noopener noreferrer\" href=\"https:\/\/www.nytimes.com\/interactive\/2017\/05\/24\/climate\/mapping-50-years-of-ice-loss-in-glacier-national-park.html\" target=\"_blank\">Mapping 50 years of Melting Ice in Glacier National Park<\/a>.<\/span><\/p>\n\n<p><em>Das Original des oben stehenden Artikels mit zus\u00e4tzlichen Grafiken findest du <a rel=\"noopener noreferrer\" href=\"https:\/\/interaktiv.tagesanzeiger.ch\/2017\/gletscherschwund\/?openincontroller\" target=\"_blank\">hier<\/a> online im Tagesanzeiger.<\/em><\/p>\n\n<p><em>Wenn du etwas gegen den Gletscherschwund in der Schweiz unternehmen m\u00f6chtest, dann unterst\u00fctze die <a href=\"https:\/\/www.greenpeace.ch\/act\/gletscher\/\">Gletscherinitiative<\/a>!<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Auch wenn der Mensch schon morgen keine Treibhausgase mehr produzieren w\u00fcrde, die meisten Gletscher sind verloren. 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