{"id":45351,"date":"2018-11-16T07:00:00","date_gmt":"2018-11-16T05:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/?p=45351"},"modified":"2020-06-02T11:05:21","modified_gmt":"2020-06-02T09:05:21","slug":"von-fluessen-lernen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/hintergrund\/45351\/von-fluessen-lernen\/","title":{"rendered":"Von Fl\u00fcssen lernen"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"p1\"><strong>Der Philosoph Heraklit hat wenig Schriftliches hinterlassen. \u00abMan kann nicht zweimal in denselben Fluss steigen\u00bb ist eine seiner bekanntesten Aussagen. Sie l\u00e4sst sich gut mit dem Thema Klimawandel verbinden. Doch davon sp\u00e4ter.<\/strong><\/p>\n\n<p>Eine Kolumne von Markus Waldvogel<\/p>\n\n<p class=\"p1\">Wer den Satz zum ersten Mal liest, zweifelt wohl, weil er oder sie schon als Kind oder Jugendliche immer wieder in denselben Fluss gestiegen ist. In die Rhone, den Rhein, den Neckar, die Elbe oder den andalusischen Guadalquivir. Ich pers\u00f6nlich kenne den Rhein zwischen Schaffhausen und Stein am Rhein wie meine Hosentasche. Ich weiss, wo die besten Badepl\u00e4tze und die romantischsten Buchten sind, mir ist (zum Gl\u00fcck) klar, wo er wirblig ist, wo er zieht und wo es auch einmal wirklich gef\u00e4hrlich werden kann. Ich weiss, wie der Rhein meiner Jugend riecht, ich kenne seinen Geschmack nach unfreiwilligen Schlucken und ich kenne den dumpfen Klang der rollenden Steine auf dem Grund.<\/p>\n\n<p class=\"p1\">Der Rhein hat, wie jeder Fluss, gemessen an einem menschlichen Leben, bleibende Eigenschaften. Wenn ich heute, ein halbes Jahrhundert nach meiner Jugendzeit, im Rhein schwimme, f\u00fchle ich mich zu Hause. Ich bin, wo ich schon immer war. Im selben Fluss.<\/p>\n\n<p class=\"p1\">Der Philosoph Hans Blumenberg schreibt: \u00abMan kann nicht zweimal in denselben Flu\u00df steigen, aber man kehrt an dasselbe Ufer zur\u00fcck\u2026 Ist man an das Ufer zur\u00fcckgekehrt, ist es dasselbe, an welcher seiner Stellen auch immer.\u00bb (\u00abZu den Sachen und zur\u00fcck\u00bb,&nbsp;2002) Heraklit w\u00fcrde dem grunds\u00e4tzlich widersprechen: Man kehrt auch nicht ans selbe Ufer zur\u00fcck. Die Ufer ver\u00e4ndern sich wie der Fluss, vielleicht weniger sichtbar, aber stetig. Fl\u00fcsse dagegen verk\u00f6rpern f\u00f6rmlich den Wandel: So ist nie Rhein was Rhein.<\/p>\n\n<p class=\"p1\">\u00abMein\u00bb Rhein ist, wie alles, was lebt, im Fluss: \u00abPanta rhei\u00bb, alles fliesst, sagt Heraklit. Was fliesst, entzieht sich statischer Festmachung. Fl\u00fcsse sind da und nicht da. Fl\u00fcsse ver\u00e4ndern sich \u2013 wie alles, was lebt. Doch: In der allt\u00e4glichen Wahrnehmung eines Menschen bleibt h\u00e4ufig auch, was sich \u00e4ndert.<\/p>\n\n<p class=\"p1\">Die Quartiere der Kindheit, oft l\u00e4ngst \u00fcberbaut und kaum mehr wiederzuerkennen, sind immer noch am selben Ort. Die Ufer des Rheins, teils renaturiert, teils zubetoniert, ebenfalls. In einem menschlichen Leben gibt es nur einen Fluss der Jugendjahre und nur eine Stadt, in der man aufgewachsen ist. Allen Entwicklungen zum Trotz: Sie m\u00f6gen die Erinnerung beeintr\u00e4chtigen, sie m\u00f6gen st\u00f6ren, doch sie schaffen es nicht, dass ein Mensch an ver\u00e4nderten Ufern nicht mehr weiss, dass er da ist, wo er zeitlebens war: an seinem Fluss, in seiner Stadt, in seiner Umgebung, seinem Biotop.<\/p>\n\n<p class=\"p1\">Es sind die Orte, die konstant bleiben, und auch die Bezeichnung \u00abRhein\u00bb ver\u00e4ndert sich w\u00e4hrend eines Menschenlebens nicht. \u00c4ndern tun sich mehr oder weniger auffallende Formen des Rheins. Deshalb erleben wir, fast auf paradoxe Weise, den konkreten Wandel angesichts dessen, was bleibt. Insofern sind Aussagen wie \u00abDas ist nicht mehr der Fluss meiner Kindheit\u00bb interessant. Sie zielen auf das \u00c4ussere, nicht auf das Dasein. Die verh\u00e4ltnism\u00e4ssig kleinen Ver\u00e4nderungen schaden der Grundgestalt des Rheins nicht. Erst ein kollektives, wissenschaftliches, historisches Wissen um den Rhein sprengt diese zeitlich beschr\u00e4nkte Wahrnehmung.<\/p>\n\n<div class=\"wp-block-image  caption-style-blue-overlay caption-alignment-center\"><figure class=\"alignright\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/2020\/04\/b2b6a897-gp02irm_pressmedia.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-6427\"\/><figcaption>Der Aletschgletscher hat aktuell eine Fl\u00e4che von 81,7 km\u00b2 &#8211; der Rheingletscher damals 16&#8217;400&nbsp;km\u00b2. (\u00a9 Christian Schmutz)<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n<p class=\"p1\">Die Geschichte des Rheingletschers etwa \u00fcbersteigt alles, was wir als Einzelne erfahren k\u00f6nnen. Schw\u00e4bische St\u00e4dte wie Sigmaringen oder Biberach mit ihren Burgen, Schl\u00f6ssern und T\u00fcrmen waren vor langer Zeit einmal eisige Gegenden. W\u00e4hrend mehrerer Kaltzeiten deckte ein aus den Alpen kommender Eisstrom die Region der oberen Donau und des Bodensees mit einem gefrorenen Panzer zu: der Rheingletscher. Im Vergleich dazu wirkt selbst der heute fl\u00e4chenm\u00e4ssig gr\u00f6sste und l\u00e4ngste Gletscher der Alpen, der Aletschgletscher, ziemlich mickrig. Dies gilt auch f\u00fcr die Zeit vor dem aktuellen Klimawandel.<\/p>\n\n<p class=\"p1\">Wer heute in den Rhein steigt, sp\u00fcrt von all dem nichts. Ihm gen\u00fcgt die Erfahrung, dass im grossen Ganzen alles bleibt, wie es immer war. Aber auch kleinste Ver\u00e4nderungen sind sp\u00fcrbar und verweisen auf den grossen, permanenten Wandel. Fl\u00fcsse gehorchen dem Naturgesetz, sie k\u00f6nnen nicht anders.<\/p>\n\n<p class=\"p1\">Die \u00f6kologische Brisanz dieser \u00dcberlegungen liegt nicht im Klimawandel an sich, sondern in der Frage, ob menschenverursachtes Wirken den aktuellen Lebensraum in einem Tempo ver\u00e4ndert, das f\u00fcr das reale menschliche und eher kurzfristige Leben bedrohlich ist. Die \u00d6kologie hat eine Zwillingsschwester: die \u00d6konomie. Das altgriechische Wort <i>o\u0129kos<\/i>&nbsp;bedeutet \u00abHaus\u00bb, <i>n\u00f3mos<\/i>&nbsp;ist das Gesetz und <i>l\u00f3gos <\/i>der<i> <\/i>Sinn oder die Vernunft. Die beiden Schwestern sind Haush\u00e4lterinnen. Sie sind zust\u00e4ndig f\u00fcr Produktionen und Budgets. \u00d6konomia will gern und rasch hoch hinaus, sie ist oft egoistisch, w\u00e4hrend ihre bed\u00e4chtigere Schwester \u00d6kologia Gemeinschaftssinn entwickelt und sich von der Frage umtreiben l\u00e4sst, was zu tun ist, damit kommende Generationen noch vorfinden, was ein Leben lebenswert macht. Wenn die Zwillinge zusammenspannen, erreichen sie ein \u00f6kologisch ausgerichtetes Wirtschaften mit einer nachhaltigen Produktion. Nachhaltigkeit besagt, dass so viel produziert und verbraucht wird, wie auf nat\u00fcrliche Weise wieder nachwachsen kann. Der Schweizer Schriftsteller Gottfried Keller hat sich im vorletzten Jahrhundert f\u00fcr ein nachhaltiges Forstgesetz in der Schweiz eingesetzt. Es sollte nur gerodet werden, was in derselben Zeit nachwachsen kann.<\/p>\n\n<p class=\"p1\">Doch die beiden Schwestern sind sich immer \u00f6fter spinnefeind. \u00d6konomia bel\u00e4chelt ihre Schwester und nennt sie langweilig, langwierig, ein Klumpfuss sei sie! Sie flirtet unverhohlen mit ihrer neoliberalen Cousine. Diese beschw\u00f6rt das Ideal eines uferlosen Wachstums \u2013 ein \u00fcberraschendes Bild im Kontext von Fl\u00fcssen \u2013 und unterwirft sich diesem wie einem Naturgesetz. Sie beharrt auf der Erfahrung, dass allein die geschmeidige Verkettung immer neuer Gewinne reich und gl\u00fccklich mache.<\/p>\n\n<p class=\"p1\">Sie gibt keine Ruhe, sie kennt keine Grenzen. Nur der Markt kann regulierend eingreifen. Ihm und seiner \u00abunsichtbaren Hand\u00bb schiebt sie die Verantwortung zu. Nur was nicht gekauft wird, schr\u00e4nkt die Wachstumsspirale vor\u00fcbergehend ein. Das abstrakte Ziel, m\u00f6glichst viel zu verkaufen, dominiert. Wandel bedeutet so von Menschen geschaffene Beschleunigung. Das Naturgesetz der Nachhaltigkeit wird \u00fcberlistet und dem schnelllebigen Markt werden g\u00f6ttliche Eigenschaften zugeschrieben.<\/p>\n\n<div class=\"wp-block-image  caption-style-blue-overlay caption-alignment-center\"><figure class=\"alignleft\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/2020\/04\/7d2b1142-gp0stoitd_pressmedia.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-6431\"\/><figcaption>Verockerung der Spree in Brandenburg aufgrund von Braunkohle Tagebauten. (\u00a9 Paul Langrock)<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n<p class=\"p1\">Die Folgen sind offensichtlich: Vor wenigen Wochen hat die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel gesagt, dass die meisten Fl\u00fcsse in Deutschland \u00fcberdurchschnittlich verschmutzt seien. Die Ursachen liegen in der intensiven Landwirtschaft und in den ungen\u00fcgend gekl\u00e4rten Abf\u00e4llen der galoppierenden Industrie. Die Reparaturwerkst\u00e4tten der modernen Gesellschaft verhindern zwar das Schlimmste, kommen aber gegen den Tsunami des ungebremsten Wachstums mit seinem Energiehunger nicht an.<\/p>\n\n<p class=\"p1\">Das Leiden der Fl\u00fcsse steht f\u00fcr den Widerspruch zwischen den Zwillingsschwestern in ihrem Haushaltskrieg. Die umsichtige \u00d6kologia hat gegen\u00fcber \u00d6konomia, die kurzfristige Gewinnmaximierung propagiert, den Schwarzen Peter in der Hand.<\/p>\n\n<p class=\"p1\">In naturgeschichtlichen Dimensionen gedacht k\u00f6nnte man von einem kollektiven Unfall der Menschheit sprechen. In einigen Tausend Jahren spielt das kaum mehr eine Rolle, die Geschichte der wirtschaftlichen Wachstumsspirale wird nur noch eine evolution\u00e4re Episode sein.<\/p>\n\n<p class=\"p1\">Sollte es dannzumal noch Menschen geben, werden sie dar\u00fcber forschen, wie ihre primitiven Ahnen Nachhaltigkeiten zerst\u00f6rt und in fast religi\u00f6ser Gewissheit das Gl\u00fcck am schnellen Gewinn festgemacht und sich in ihren \u00dcberzeugungen so verhalten haben, als w\u00e4ren beispielsweise die Fl\u00fcsse einfach da, zur Verf\u00fcgung und damit unver\u00e4nderlich.<\/p>\n\n<p class=\"p1\">Doch die Fl\u00fcsse verweisen darauf, dass im Rahmen naturgeschichtlicher Ver\u00e4nderungen \u2013 mit all ihren mitunter heftigen Ausschl\u00e4gen \u2013 ein mehr oder weniger gl\u00fcckliches Leben im Hier und Jetzt m\u00f6glich ist. Ignorieren wir nat\u00fcrliche Rhythmen systematisch, m\u00fcssen wir mit Konsequenzen rechnen, die wir nicht absch\u00e4tzen k\u00f6nnen. Wir spielen gleichsam auf Kosten aller russisches Roulette.<\/p>\n\n<p class=\"p1\">Wer immer wieder in den Fl\u00fcssen seiner Jugend schwimmt, sp\u00fcrt ihre grossartige und lebenserhaltende relative Konstanz. Wie gef\u00e4hrlich k\u00fcnstlich beschleunigte Ver\u00e4nderungen als Folge einer buchst\u00e4blich \u00fcberhitzten \u00d6konomie werden, hat der Hitzesommer 2018 eindr\u00fccklich gezeigt. Gerade auch am Rhein.<\/p>\n\n<p class=\"p1\">Panta rhei \u2013 alles fliesst, sagt Heraklit, und das nat\u00fcrliche Fliessen lehrt uns, mit welchen Ver\u00e4nderungen wir leben k\u00f6nnen.<\/p>\n\n<p><strong>Markus Waldvogel<\/strong>\u00a0ist Autor, Philosoph und Leiter der Beratungsfirma Pantaris. Er war viele Jahre Mitarbeiter des WWF Schweiz und hat die Bieler Philosophietage mitbegr\u00fcndet.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Philosoph Heraklit hat wenig Schriftliches hinterlassen. \u00abMan kann nicht zweimal in denselben Fluss steigen\u00bb ist eine seiner bekanntesten Aussagen. <\/p>\n","protected":false},"author":49,"featured_media":42720,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"_planet4_optimize_post_is_variant":false,"_planet4_optimize_experiment_name":"","_planet4_optimize_variant_name":"","ep_exclude_from_search":false,"p4_og_title":"","p4_og_description":"","p4_og_image":"","p4_og_image_id":"","p4_seo_canonical_url":"","p4_campaign_name":"not set","p4_local_project":"not set","p4_basket_name":"not set","p4_department":"","footnotes":""},"categories":[47],"tags":[],"p4-page-type":[194],"gpch-article-type":[],"class_list":["post-45351","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-greenpeace","p4-page-type-hintergrund"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/45351","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/49"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=45351"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/45351\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/42720"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=45351"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=45351"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=45351"},{"taxonomy":"p4-page-type","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/p4-page-type?post=45351"},{"taxonomy":"gpch-article-type","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/gpch-article-type?post=45351"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}