{"id":45420,"date":"2019-01-04T07:00:00","date_gmt":"2019-01-04T05:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/?p=45420"},"modified":"2020-06-02T16:03:44","modified_gmt":"2020-06-02T14:03:44","slug":"zwei-frauen-und-das-erdoel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/hintergrund\/45420\/zwei-frauen-und-das-erdoel\/","title":{"rendered":"Zwei Frauen und das Erd\u00f6l"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"p1\"><strong><span class=\"s1\">Wie der wichtigste Energietr\u00e4ger des 20. Jahrhunderts das Leben der B\u00e4uerin Mariana im ecuadorianischen Amazonasgebiet und das der Reisefachfrau Beatrice aus Basel gepr\u00e4gt hat. <\/span><\/strong><\/p>\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Prolog: Muss Mariana sterben, damit Beatrice reisen kann?<\/h3>\n\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\"><span class=\"dropcap\">W<\/span>ir sind soeben vom Treffen mit Mariana zur\u00fcckgekehrt und dieser erste Satz, <i>\u00abDamit Beatrice reisen kann, muss Mariana sterben\u00bb, <\/i>den ich in meinen Notizblock schreibe, bringt mich ins Gr\u00fcbeln. Kann ich diese Geschichte wirklich so beginnen? Ich setze mich auf die Veranda unserer Unterkunft, umgeben von Palmen, Lianen und V\u00f6geln. Kollege Alejandro hat sich inzwischen hingelegt, seine Kopfschmerzen sind zu stark geworden.<\/span><\/p>\n\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">Mariana lebt etwas ausserhalb von Nueva Loja, am Eingang zum Amazonasgebiet, im Nordosten von Ecuador. Ihr Haus steht zur\u00fcckgesetzt von der Hauptstrasse am Hang, nur etwa hundert Meter Luftlinie von einem Erd\u00f6lbohrturm entfernt. Hier wird 24 Stunden am Tag Gas verbrannt. Und zwar seit 46 Jahren. Gleich dahinter steht eine Aufbereitungsanlage f\u00fcr Formationswasser, jenes Wasser, das mit dem \u00d6l und Gas an die Oberfl\u00e4che spritzt und hochgiftig ist.* Alejandro und ich haben die Gase heute eingeatmet. Beiden war es hinterher kotz\u00fcbel. Die Kopfschmerzen des Fotografen halten nun schon seit Stunden an.<\/span><\/p>\n\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">Als ich ein paar Tage sp\u00e4ter Beatrice \u00fcber Skype davon erz\u00e4hle, kann sie es nicht fassen. Die 68-j\u00e4hrige Baslerin geh\u00f6rt zu jener Generation, die mit dem Aufstieg des Erd\u00f6ls gross geworden ist. Kein anderer Energietr\u00e4ger hat das Leben der Babyboomer derart gepr\u00e4gt wie das schwarze Gold. Damals, als sie noch j\u00fcnger war, dachte sie nicht viel dar\u00fcber nach. Ein halbes Leben lang verkaufte sie Reisen rund um die Welt und hat selber alle f\u00fcnf Kontinente kennengelernt. Heute, in Zeiten des Klimawandels, kann sie deswegen manchmal nicht einschlafen. Daher r\u00fchrt auch mein Gr\u00fcbeln. Beatrice ist meine Mutter.<\/span><\/p>\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Kapitel 1:&nbsp;<span class=\"s1\">Impr\u00e4gniert mit dem Blut der Erde<\/span><\/h3>\n\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">Mariana zittert. Das kommt eigentlich nie vor, denn Angst geh\u00f6rt nicht zum Repertoire der vierfachen Mutter. Immerhin war sie es, die ihren Mann vor sechs Jahren \u00fcberzeugt hat, in den Norden zu ziehen. Eine nicht enden wollende Trockenperiode hatte die B\u00f6den ihrer Heimat unfruchtbar gemacht: der Bankrott jeder Bauernfamilie. Und da die Regierung in Quito das Territorium im kaum bev\u00f6lkerten Amazonasgebiet gegen\u00fcber Peru behaupten wollte \u2013 vor allem, um sich die dortigen Ressourcen zu sichern \u2013 und interessierten Siedlern deshalb Land in Aussicht stellte, packte Mariana kurzerhand die Koffer und fragte ihren Mann: \u00abKommst du mit?\u00bb <\/span><em><span class=\"s1\">Das war 1972 und Mariana voller Zuversicht.<\/span><\/em><\/p>\n\n<p class=\"p2\"><span class=\"s1\">Dicke, schwarze Rauchschwaden wabern an jenem Vormittag in den Himmel und rauben der Sonne ihre Strahlkraft. \u00dcber dem Haus von Mariana wird es dunkel und ihre Kinder, keines \u00e4lter als zw\u00f6lf Jahre, beginnen zu weinen. Die Familie fl\u00fcchtet ins Innere des Zementblocks, verbarrikadiert T\u00fcren und Fenster, kauert sich auf den Boden. Sie umarmen sich, lauschen, zittern, warten. Wars das?, fragt sich Mariana und blickt zum Strohdach. Ein einziger Funke w\u00fcrde reichen, um ihr ganzes Hab und Gut in Flammen zu stecken.<\/span><\/p>\n\n<p class=\"p2\"><span class=\"s1\">So weit kommt es nicht. Die Wolken hinter den Rauchschwaden bringen Regen und dr\u00fccken den Russ zu Boden. B\u00e4ume und Pflanzen f\u00e4rben sich schwarz, genauso wie S\u00fcmpfe und Fl\u00fcsse. Das schwarze Gold aus dem Bauch der Erde impr\u00e4gniert den Regenwald und entz\u00fcndet kurz darauf ein anderes Feuer. Jenes von Mariana.<\/span><\/p>\n\n<h3 class=\"p2 wp-block-heading\"><span class=\"s1\">Barfuss \u00fcbers Erd\u00f6l <\/span><\/h3>\n\n<p class=\"p2\"><span class=\"s1\">Es waren Mitarbeiter der US-Erd\u00f6lfirma Texaco, welche die Rauchwolken \u00fcber ihrem Haus provozierten. Anstatt die Industrieabf\u00e4lle fachgerecht zu entsorgen, wurden sie in Auffangbecken unter freiem Himmel deponiert und angez\u00fcndet. Das ist einfacher und vor allem g\u00fcnstiger. Die Praxis wurde im Amazonasgebiet gang und g\u00e4be.<\/span><\/p>\n\n<figure><iframe loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/AMbDcAs4kVs\" width=\"560\" height=\"315\" frameborder=\"0\" allowfullscreen=\"allowfullscreen\"><\/iframe><\/figure>\n\n<p class=\"p2\"><span class=\"s1\">Texaco, der Erd\u00f6lmulti mit Hauptsitz in New York, der sich f\u00fcr diese Praktiken sp\u00e4ter unter dem neuen Firmennamen Chevron (ab 2001) <\/span><span class=\"s1\">vor Gericht verantworten musste, tat seit seiner Ankunft 1964 so, als ob von der Industrie keine Gefahr ausgehen w\u00fcrde. Ohne Hemmungen liess er die schwarze Schlacke wie Jauche auf den frisch gerodeten Strassen um Nueva Loja ausbringen \u2013 auch auf jener, die den Weiler von Marianas Familie mit der Stadt verband und zum Schulweg der Kinder wurde. Sie kehrten regelm\u00e4ssig barfuss mit schwarzen Fusssohlen heim. Denn durch die Hitze verlor die provisorisch geteerte Strasse ihre Konsistenz und klebte&nbsp;<\/span><span class=\"s1\">sich bei jedem Schritt ein bisschen mehr an die Sandalen der Sch\u00fcler, bis ein Weiterkommen nur noch ohne sie m\u00f6glich war. Die Kinder wurden krank und litten zunehmend an Schmerzen in Beinen, Kopf, Hals und Ohren. Es tauchten Krankheiten auf, welche die Menschen der Region nicht kannten und deshalb auch nicht zu heilen verstanden.<\/span><\/p>\n\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">Anfang der siebziger Jahre, als mit der Ankunft der neuen Siedler die ersten Bohrt\u00fcrme in den Regenwald gepflanzt wurden und sich die <\/span><span class=\"s1\">Industrieabf\u00e4lle in Boden und Wasser abzulagern begannen, wusste niemand genau, woher diese Krankheiten kamen. Information war genauso Mangelware wie Transparenz oder Schutz durch den ecuadorianischen Staat. Bisher hatten hier sechs indigene Nationen gelebt, weitgehend isoliert von der westlichen Industriegesellschaft. Doch im Amazonasgebiet galt fortan das Recht des Kapitals. Die Industrie verharmloste nicht nur, sondern pries das Erd\u00f6l sogar als Heilmittel an, etwa bei Rheuma. Einzelne Bewohnerinnen&nbsp;<\/span><span class=\"s1\">und Bewohner gingen darauf zu den Auffangbecken und rieben ihre Gelenke mit den dort gelagerten Abf\u00e4llen ein. Gesundheitsversorgung war ein Fremdwort. Und die einzige Krankenstation weit und breit wurde von Texaco betrieben.<\/span><\/p>\n\n<h3 class=\"p1 wp-block-heading\"><span class=\"s1\">Der Magen wie ein Sieb <\/span><\/h3>\n\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">Das unbekannte Produkt, das mithilfe von Chemikalien aus den Tiefen der Erde geholt wurde, breitete sich aus wie eine Seuche und vergiftete schnell die wichtigste Lebensquelle: das Wasser. Dieses kam f\u00fcr Mariana und ihre Familie haupts\u00e4chlich aus dem Fluss Teteye, wo sich auch Jaguare und Pumas ern\u00e4hrten. Mariana und ihre Nachbarn wuschen dort Kleider und K\u00f6rper, leerten das Wasser in Kocht\u00f6pfe und Flaschen und brachten es zu ihren H\u00e4usern.<\/span><\/p>\n\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">Als die Erd\u00f6lproduktion Fahrt aufnahm und die Tanklaster immer gr\u00f6sser und schneller wurden, verzogen sich die Raubtiere in den Wald. Die Menschen hingegen blieben, kochten das Wasser \u00fcber dem Feuer ab und hofften so, die Chemikalien herausfiltern zu k\u00f6nnen. Dennoch roch es am K\u00fcchentisch von Mariana meistens nach Diesel. Selbst das Fleisch wurde ungeniessbar. Als sich Mariana deshalb bei der Stadtverwaltung von Nueva Loja und bei Texaco beschwerte, wurde sie abgewiesen. Sie habe schliesslich keine Beweise. Doch die hatte sie sehr wohl: Alle 60 Schweine, die die Familie damals hielt, verreckten innerhalb von drei Tagen, nachdem sie aus einem Auffangbecken der Industrie getrunken hatten. Als sie die Tiere aufschnitt, sah sie das verfaulte Fleisch. Die M\u00e4gen der Schweine glichen einem Sieb.<\/span><\/p>\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Kapitel 2: Per Flugzeug die Welt entdecken<\/h3>\n\n<div class=\"wp-block-image  caption-style-blue-overlay caption-alignment-center\"><figure class=\"alignright\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/2020\/04\/b360254a-hochzeit-scaled.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-6933\"\/><figcaption>Beatrice und ihren Mann Hans zog es nach S\u00fcdafrika. Dort arbeitete die Baslerin f\u00fcr Kuoni und entdeckte fortan per Flugzeug die Welt. (\u00a9 Piero Good)<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">Beatrice strahlt. Sie sitzt bei einem Glas Rotwein in einer Bar im Elsass und blickt in die Runde. Soeben hat sie zusammen mit Hans und ihren besten Freunden Doris und Andr\u00e9 beschlossen, auszuwandern. Sie wollen die Welt entdecken, bevor sie sich zur Familiengr\u00fcndung niederlassen. Auf ihrer Liste stehen Kanada, S\u00fcdafrika und Australien. Ersteres erscheint ihnen zu kalt, das Letztere zu weit weg, und so entscheiden sie sich f\u00fcr die einstige britische Kolonie. Der Jumbo der Swissair bringt die abenteuerlustigen Basler von Z\u00fcrich aus innert 15 Stunden ins 12 650 Kilometer entfernte Johannesburg. Erd\u00f6l sei Dank.&nbsp;<\/span><span class=\"s1\"><i>Das war 1972 und Beatrice voller Zuversicht.<\/i><\/span><\/p>\n\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">Ihre Eltern waren es weniger. Sie hatten damit gerechnet, dass die \u00e4lteste Tochter nach ihrem Auslandsjahr in einer belgischen Klosterschule zur\u00fcckkommt und mithilft, das neue Haus abzuzahlen. Der Vater krampfte als Oberkellner im Hotel Drei K\u00f6nige, die Mutter ging nach getanem Haushalt abends noch ins Restaurant Brauner Mutz, um etwas dazuzuverdienen. Beatrice sah das. Doch sie sah auch, dass es ein guter Zeitpunkt war, ihre Koffer zu packen. Wann, wenn nicht jetzt?, fragte sie sich.<\/span><\/p>\n\n<h3 class=\"p1 wp-block-heading\"><span class=\"s1\">Die Umwelt war kein Thema<\/span><\/h3>\n\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">Sie heiratete Hans, zog mit ihm in eine m\u00f6blierte Wohnung und begann zu sparen. Die Lehre als Reiseverk\u00e4uferin hatte sie hinter sich gelassen und organisierte nun Gesch\u00e4ftsreisen f\u00fcr den Chemiekonzern Ciba-Geigy (heute Novartis). Jobs gab es damals gen\u00fcgend und in der Schweiz lebte es sich relativ g\u00fcnstig. So g\u00fcnstig, dass sich Beatrice praktisch gleichzeitig wie ihr Vater \u2013 und noch vor der grossen Entscheidung im Elsass \u2013 ein Auto leisten konnte. Ein D\u00f6schwo war\u2019s, gr\u00fcn und gebraucht. Mit seinen neun Pferdest\u00e4rken brachte es \u00abdie Ente\u00bb auf rund sechzig Kilometer pro Stunde und verbrauchte auf hundert Kilometer h\u00f6chstens acht Liter Benzin.<\/span><\/p>\n\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">Gedanken zu Verbrauch und Umwelt machte sich Beatrice damals nicht. Die Umwelt war im Nachkriegseuropa kein Thema. Stattdessen feierte man den Aufschwung, pries die industrielle Landwirtschaft, den Plastik und die Klei<\/span><span class=\"s1\">der aus Polyester und genoss die neue (Auto-) Mobilit\u00e4t \u2013 Erd\u00f6l sei Dank. Woher der Rohstoff kam und wie er an die Tankstellen gelangte, spielte keine Rolle. Der D\u00f6schwo fuhr \u2013 das war die Hauptsache.<\/span><\/p>\n\n<div class=\"wp-block-image  caption-style-blue-overlay caption-alignment-center\"><figure class=\"aligncenter\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/2020\/04\/85fa5890-bildschirmfoto-2019-01-03-um-12.06.50.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-6936\"\/><figcaption>Seit 1910 steigt der Endenergieverbrauch in der Schweiz stetig. Im Vergleich zum Erd\u00f6l stellt die Zunahme der erneuerbaren Energien einen mickrigen Teil dar. (\u00a9 Swiss Institute for Peace and Energy Research (SIPER))<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">Erst im Jahr ihrer Auswanderung, als der Club of Rome in seinem Bericht \u00abDie Grenzen des Wachstums\u00bb erstmals den \u00abPeak of Oil\u00bb erw\u00e4hnte, horchten einige in den Industrienationen auf. Allerdings wagten nur wenige daran zu denken, dass der wichtigste industrielle Energietr\u00e4ger der letzten Dekaden irgendwann aufgebraucht sein k\u00f6nnte.<\/span><\/p>\n\n<h3 class=\"p1 wp-block-heading\"><span class=\"s1\">Namibia, Brasilien, Hongkong <\/span><\/h3>\n\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">Beatrice und ihre Freunde hatten anderes im Kopf. Alle vier absolvierten in der Schweiz noch die Fahrpr\u00fcfung, denn sie wussten: Ohne Auto kommst du in S\u00fcdafrika nicht weit.&nbsp;<\/span><span class=\"s1\">Die weisse F\u00fchrungsriege im schwarzen Land freute sich \u00fcber die Neuzuziehenden aus Europa. Bewusst lockte sie internationale Firmen und ihre Mitarbeiter ans Kap, darunter auch Oerlikon-B\u00fchrle. Der Schweizer R\u00fcstungskonzern lieferte Ende der sechziger Jahre Waffen nicht nur ans Apartheidregime, sondern auch ins B\u00fcrgerkriegsland Nigeria. Von dort kommt bis heute ein Grossteil des Erd\u00f6ls f\u00fcr den Schweizer Markt.<\/span><\/p>\n\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">Beatrice, mit drei Monatsl\u00f6hnen ausgewandert, begann ihre Arbeit beim Reiseveranstalter Kuoni, wo sie 35 Jahre blieb. Sie verkaufte Reisen in die ganze Welt und fing auch selber an, sie zu entdecken: unsere Nachbarl\u00e4nder, die Tschechoslowakei, Portugal, Griechenland, Irland, Ungarn, Rum\u00e4nien, Schottland, Zypern, die T\u00fcrkei, die skandinavischen L\u00e4nder, England, Israel, die USA, Kanada, viele L\u00e4nder in Mittel- und S\u00fcdamerika, Australien, Asien und den s\u00fcdlichen Teil von Afrika.<\/span><\/p>\n\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">Wenn sie von Hotelketten nach Europa eingeladen wurde, richtete sie die Reise so ein, dass es f\u00fcr einen Abstecher nach Basel reichte. Was heute selbstverst\u00e4ndlich ist, war damals ein Privileg. Ins Flugzeug stiegen vorwiegend Gesch\u00e4ftsm\u00e4nner und verm\u00f6gende Familien.<\/span><\/p>\n\n<h3 class=\"p1 wp-block-heading\"><span class=\"s1\">\u00abDenver-Clan\u00bb und \u00abDallas\u00bb <\/span><\/h3>\n\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">Mitte der siebziger Jahre, w\u00e4hrend der Erd\u00f6lkrise, konnte man auf einmal nur noch von Montag bis Freitag tanken. An den Wochenenden blieben die s\u00fcdafrikanischen Zapfs\u00e4ulen <\/span><span class=\"s1\">geschlossen. Da wurde der jungen Frau erstmals bewusst, dass sie t\u00e4glich einen Rohstoff konsumierte, von dem sie keine Ahnung hatte, woher er eigentlich stammt.<\/span><\/p>\n\n<figure class=\"wp-block-image alignnone  caption-style-blue-overlay caption-alignment-center\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/2020\/04\/0a231499-pose-scaled.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-6925\"\/><figcaption>Erinnerungen an ihre sechseinhalb Jahre Leben in Su\u0308dafrika: Das erste Mal, als Beatrice realisierte, dass sie einen Rohstoff konsumierte, von dem sie nicht wusste, woher er stammt, war wa\u0308hrend der Erdo\u0308lkrise in den 1970er Jahren. (\u00a9 Piero Good)<\/figcaption><\/figure>\n\n<p class=\"p2\"><span class=\"s1\">Sie wusste, dass er aus dem Boden kommt, doch wie \u2013 und dass am anderen Ende der Welt Mariana und ihre Familie \u00f6lverseuchtes Fleisch assen \u2013, war weder ihr noch ihrer Generation bewusst. Woher auch? Der Blick hinter die Kulissen war \u2013 wie immer, wenn es um Rohstoffe geht \u2013 nicht erw\u00fcnscht. Stattdessen flimmerten TV- Serien wie \u00abDallas\u00bb oder \u00abDenver-Clan\u00bb \u00fcber die Bildschirme, in denen die Protagonisten mit Formationswasser der Erd\u00f6lindustrie bespritzt wurden und sich dar\u00fcber freuten.<\/span><\/p>\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Kapitel 3: Die Verschmutzung ausgelagert<\/h3>\n\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">Als die Erde in Titusville (Pennsylvania) zu rumoren beginnt, bringen sich die Mitarbeiter von Edwin Drake in Sicherheit. Sie bef\u00fcrchten, dass der Bohrturm explodiert, und verstecken sich hinter einem H\u00fcgel. Weder wissen sie, dass die schwarze Masse, die gerade aus dem Boden schiesst, das neue Gold sein wird, noch ahnen sie, dass ihr Arbeitgeber, ein ehemaliger Lokf\u00fchrer aus New York, als Entdecker des Erd\u00f6ls in die Geschichte eingehen wird \u2013 immerhin in <\/span><span class=\"s1\">die US-amerikanische. <\/span><\/p>\n\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">Das war 1859. In Venezuela soll die Schlacke <\/span><span class=\"s1\">bereits vor der Ankunft der Europ\u00e4er entdeckt worden sein. In Bagdad hat man schon im achten Jahrhundert nach Christus Strassen mit \u00abalquitr\u00e1n\u00bb geteert. Doch es sind die europ\u00e4ischen Auswanderer auf der anderen Seite des Atlantiks, welche die unterirdischen W\u00e4lder systematisch auszubeuten beginnen.<\/span><\/p>\n\n<h3 class=\"p1 wp-block-heading\"><span class=\"s1\">Die Welt schwimmt im Erd\u00f6l <\/span><\/h3>\n\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">Dabei war Erd\u00f6l Mitte des 19 Jahrhunderts nur als Zwischenl\u00f6sung gedacht, um die W\u00e4lder<br>\nzu sch\u00fctzen und den damaligen Holzmangel zu \u00fcberbr\u00fccken. Aus einem Mangel entstand ein Zeitalter: das fossile. Erstmals in der Geschichte des Planeten beutete ein Lebewesen einen Ener<\/span><span class=\"s1\">gietr\u00e4ger aus, der nicht nachw\u00e4chst. Es war weder ein Baum noch eine Pflanze, weder ein Tier noch ein Pilz. Es war ein Mineral. Und Mineralien brauchen Jahrmillionen, um sich zu bilden.<\/span><\/p>\n\n<div class=\"wp-block-image  caption-style-blue-overlay caption-alignment-center\"><figure class=\"alignleft\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/2020\/04\/e58fcc54-bildschirmfoto-2019-01-03-um-12.05.24.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-6937\"\/><figcaption>Im Jahr 2016 lag der Erd\u00f6lverbrauch global bei 96 Millionen F\u00e4ssern.&nbsp;(\u00a9 Swiss Institute for Peace and Energy Research (SIPER))<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">Man bohrte, als ob es kein Morgen g\u00e4be. Es wurde Erd\u00f6l in Venezuela, Kanada, Schweden und der Ukraine entdeckt, genauso wie in Saudi-Arabien, Kuwait, Bahrain, im Iran und im Irak. Die Alliierten sicherten sich noch vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs den Zugang zu wichtigen Lagerst\u00e4tten im Nahen Osten.<\/span><\/p>\n\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">Mariana befindet sich zu diesem Zeitpunkt im Bauch ihrer Mutter. Der Vater von Beatrice steht mit dem Gewehr im Anschlag in Riehen und sieht, wie auf der anderen Seite der Grenzen Bomben einschlagen und Flugzeuge abst\u00fcrzen. Erd\u00f6l sei Dank.<\/span><\/p>\n\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">Als der Krieg sechs Jahre sp\u00e4ter zu Ende geht, liegt Europa in Tr\u00fcmmern und die Erd\u00f6lindustrie steht in den Startl\u00f6chern. Sie wird jene Welt gestalten, in der wir heute leben.<\/span><\/p>\n\n<h3 class=\"p1 wp-block-heading\"><span class=\"s1\">Endlagerung unter der Erde <\/span><\/h3>\n\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">Um den Prozess des Erd\u00f6labbaus und die damit verbundene Gef\u00e4hrdung der Natur besser zu <\/span><span class=\"s1\">verstehen, h\u00f6ren wir kurz einem Erd\u00f6lingenieur zu, der an einer Privatuni in Quito unterrichtet: \u00abUm das \u00d6l aus der Erde zu holen, wird ein Loch gebohrt, in das Chemikalien eingelassen werden, unter anderem das krebserregende Benzol. Die Chemikalien sorgen daf\u00fcr, dass das korrosive Formationswasser, das sich in der Regel zusammen mit dem Erd\u00f6l Hunderte, wenn nicht Tausende Meter tief in der Erde befindet und mit dem Gas f\u00fcr den n\u00f6tigen Druck sorgt, die Ger\u00e4te der Industrie nicht besch\u00e4digt.\u00bb <\/span><\/p>\n\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">\u00abEinmal an der Oberfl\u00e4che, wird das Wasser mit Hitze vom Erd\u00f6l getrennt und landet in einem Tank, der mittels Gas abgedichtet ist. Das Erd\u00f6l wird \u00fcber eine Pipeline zur Raffinerie gepumpt, das Gas genutzt, verbrannt oder zur\u00fcck in die Lagerst\u00e4tte geleitet.&nbsp;<\/span><span class=\"s1\">\u00c4hnliches geschieht mit dem Wasser: Entweder landet es wieder dort, wo es herkommt, sodass sich der Druck im Boden weiter erh\u00f6ht und die letzten Erd\u00f6lvorkommen des Bohrlochs ausgesch\u00f6pft werden. Oder aber die Maschinen pumpen es 1000 bis 1500 Meter unter den Boden, wo es in einer von Sand durchdrungenen Erdschicht zur Endlagerung eingespeist wird.\u00bb<\/span><\/p>\n\n<h3 class=\"p1 wp-block-heading\"><span class=\"s1\">Der perfekte Teufelskreis <\/span><\/h3>\n\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">So viel zur Theorie. Die Praxis im 20 Jahrhundert war eine andere und variierte je nach Mitteln, Weltregion und Interessen. In Ecuador wurde das hochgiftige Wasser \u00fcber Jahrzehnte in die S\u00fcmpfe und Gew\u00e4sser des Amazonasgebiets geleitet \u2013 auch in den Teteye, an dem Mariana und ihre Familie lebten. Das k\u00fcmmerte in den siebziger und achtziger Jahren niemanden. Mariana organisierte sich zwar mit anderen Frauen, wurde bei den Ministerien in Quito vorstellig und beschwerte sich bei den Firmen. Doch die Bewohnerinnen und Bewohner rund um Nueva Loja waren zunehmend von der Industrie abh\u00e4ngig. Aus den Siedlern, die sich im Amazonasgebiet ein besseres Leben erhofft hatten, wurden billige Arbeitskr\u00e4fte und kranke Menschen. Sie halfen bei der Rodung im Regenwald, beim Anlegen neuer Bohrt\u00fcrme, bei der Wartung der Maschinen und finanzierten so die Arztbesuche ihrer Familien bei Texaco \u2013 der Teufelskreis war perfekt.<\/span><\/p>\n\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">Davon bekommt man in Zentraleuropa kaum etwas mit. Hier wird das Erd\u00f6l nur raffiniert und dann an Endverbraucher wie Beatrice ver<\/span><span class=\"s1\">kauft. Die Verschmutzungen finden anderswo statt, im Fall des in der Schweiz verbrauchten Erd\u00f6ls in Algerien, Libyen, Nigeria, Aserbaidschan und Kasachstan.<\/span><\/p>\n\n<figure class=\"wp-block-image alignnone  caption-style-blue-overlay caption-alignment-center\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/2020\/04\/cb325379-dinge-scaled.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-6921\"\/><figcaption>Die zweite Heimat ist im Zuhause der pensionierten Reisefachfrau Beatrice genauso pra\u0308sent wie das Erdo\u0308l: hier in Form von Plastikgefa\u0308ssen und dem Handy. (\u00a9 Piero Good)<\/figcaption><\/figure>\n\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">Die Industriegesellschaft des 19. Jahrhunderts wandelt sich im Lauf des 20. in eine Dienstleistungsgesellschaft. Ausbeutung, Produktion und Transport von Rohstoffen werden zwar finanziert und gesteuert, aber nicht verantwortet. Durch S\u00fcssstoffe, die dem Benzin beigemischt werden, bekommen die Autofahrenden nicht einmal mit, dass Erd\u00f6l eigentlich einen \u00e4usserst fiesen Geruch hat. Alles l\u00e4uft wie am Schn\u00fcrchen. Und w\u00e4hrend das schwarze Gold den Blauen Planeten \u00fcberschwemmt, geht das Verst\u00e4ndnis daf\u00fcr, dass Industrialisierung immer auch Verschmutzung bedeutet, mehr und mehr verloren. Europa entwickelt sich zu einer Sauberkeitsinsel, zu einer einzigen grossen Gated Community n\u00f6rdlich von Afrika.<\/span><\/p>\n\n<h3 class=\"p1 wp-block-heading\"><span class=\"s1\">Mitverantwortlich am Ungleichgewicht <\/span><\/h3>\n\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">Seit 1945 ist die Kurve des Erd\u00f6lverbrauchs steil nach oben geschossen. Die Industrie brachte<br>\nes fertig, den Rohstoff so weit zu verfeinern, dass&nbsp;<\/span><span class=\"s1\">er aus unserem Alltag nicht mehr wegzudenken ist: Shampoo, Waschmittel, Seife, Haarspray, Zahnb\u00fcrste, Autositze, Fussb\u00f6den, K\u00fcbel, Folien, Matratzen, Kreditkarten, Computergeh\u00e4use, Farben, Verpackungen, Fensterrahmen, Vaseline, Pestizide \u2013 dies ist nur ein kleiner Auszug aus der Liste von Produkten, die Erd\u00f6l enthalten. Und eigentlich k\u00f6nnte man das Erd\u00f6l auch in einer anderen Liste f\u00fchren: zusammen mit Alkohol, Kokain oder Heroin. Wir sind, teilweise unwissend, abh\u00e4ngig vom Erd\u00f6l, als ob es eine Droge w\u00e4re. Bei einem kalten Entzug w\u00fcrde unser Alltag innert k\u00fcrzester Zeit zusammenbrechen.<\/span><\/p>\n\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">So gesehen erscheint die Rhetorik von Trump und Konsorten, die weiterhin auf fossile Energietr\u00e4ger setzen, wie ein Selbstmordkommando nach dem Motto: \u00abBitte weiterschlafen, wir sind noch nicht fertig mit der Erde.\u00bb Der Klimawandel, der uns als Spezies zusammenr\u00fccken lassen m\u00fcsste, sorgt stattdessen f\u00fcr ideologische Grabenk\u00e4mpfe.<\/span><\/p>\n\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">Wer sich informiert, weiss, wie viel Material wir in den vergangenen hundert Jahren aus dem Planeten gekratzt, gebohrt, gepumpt und \u00fcber Emissionen in die Atmosph\u00e4re weiterverteilt haben. Und wer auch nur \u00fcber ein Minimum an gesundem Menschenverstand verf\u00fcgt, begreift, dass wir Menschen f\u00fcr das aktuelle Ungleichgewicht auf dem Planeten mitverantwortlich sind \u2013 egal ob wir das jetzt Klimawandel nennen oder nicht. Dies ist schliesslich nur ein Begriff, um dem Unfassbaren einen Namen zu geben.<\/span><\/p>\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Kapitel 4: Die Hilflosigkeit der Hoffenden<\/h3>\n\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">Mariana zieht sich Gummistiefel an, holt eine Machete aus dem Schrank und nimmt einen Hundewelpen auf den Arm. Wir gehen hinunter zur Kakaoplantage. Sie grenzt an einen zwei Meter hohen Drahtzaun, dahinter ist der fauchende Bohrturm. Wenn der Wind dreht, dringt der Geruch von verbranntem Gas bis in die K\u00fcchen der Nachbarschaft. Die Anlage geh\u00f6rte lange Texaco, ehe sie Anfang der neunziger Jahre von der staatlichen Petroamazonas \u00fcber<\/span><span class=\"s1\">nommen wurde. Eine Aufbereitung der Erde, wie sie einst versprochen worden war, hat bis heute nicht stattgefunden. Und ob die 9,5 Milliarden Dollar Schadenersatz, zu denen Texaco\/ Chevron k\u00fcrzlich vom obersten Gericht Ecuadors verurteilt wurde, zur Wiederherstellung der \u00fcber zwei Millionen Hektaren Land irgendwann bei den 30&#8217;000 Betroffenen eintreffen werden, ist fraglich (Anm. d. Red.: Mittlerweile wurde die Klage gegen Texaco vom Schiedsgericht in Den Haag&nbsp;<a href=\"https:\/\/www.dw.com\/de\/chevron-muss-keinen-schadenersatz-an-ureinwohner-zahlen\/a-45408391\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">zur\u00fcckgewiesen<\/a>).<\/span><\/p>\n\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">Mariana ist eine der f\u00fchrenden Aktivistinnen in der Region. Sie hat die Geschichte mit den Rauchschwaden hundert, wenn nicht tausend Mal erz\u00e4hlt: vor nationalen und internationalen Journalisten, in Gerichten und vor Anw\u00e4lten, an Podien und Seminaren, in Lateinamerika, den USA und in Europa. Und nun steht sie also wieder in ihrer Kakaoplantage, um zu zeigen, was niemand sehen wollte. Mit der Machete hackt sie eine verfaulte Frucht auf und h\u00e4lt sie in die Kamera. \u00abEin Drittel der Schoten\u00bb, sagt sie, \u00abk\u00f6nnen nicht verkauft werden.\u00bb<\/span><\/p>\n\n<figure class=\"wp-block-image alignnone  caption-style-blue-overlay caption-alignment-center\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/2020\/04\/4dbc4af8-bohne-scaled.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-6920\"\/><figcaption>Saurer Regen, verdo\u0308rrte Schoten: Die Kakaoplantage von Mariana und ihrer Familie steht nur wenige Meter von einem der Bohrlo\u0308cher entfernt, bei dem seit 1972 Erdo\u0308l abgebaut wird.&nbsp;(\u00a9 Alejandro Ram\u00edrez&nbsp;Anderson)<\/figcaption><\/figure>\n\n<h3 class=\"p1 wp-block-heading\"><span class=\"s1\">\u00abWir wussten gar nicht wohin\u00bb <\/span><\/h3>\n\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">Mariana ist inzwischen 78 Jahre alt. Sie hat Dutzende Nachbarn, Freunde und Familienmitglieder an den Krebs verloren: Magen, Lunge, Geb\u00e4rmutter, Darm, Haut, Leber, Hirn, Knochen, Brust, Eierst\u00f6cke, Prostata, Blut. Die Krebsrate in der Region liegt 130 Mal h\u00f6her als sonst im Land. W\u00e4hrend Texaco t\u00e4glich Tausende Liter Erd\u00f6l Richtung Norden verschiffte und den USA so eine Hauptrolle im Theater um die Weltmacht bescherte, starben im Amazonasgebiet ganze Familien weg. \u00abEinst dachten wir ans Wegziehen\u00bb, erinnert sich Mariana. \u00abDoch wir wussten gar nicht wohin. Wir haben unser ganzes Verm\u00f6gen in dieses Haus gesteckt.\u00bb <\/span><\/p>\n\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">Heute f\u00fchlt sich die Witwe zuweilen m\u00fcde und schwach. Sie hat Schmerzen im Kopf, in den Augen und im Magen. Dennoch will sie weiterhin Zeugin sein \u2013 auch weil sie eine der letzten ihrer Generation ist, die noch lebt. \u00abEinfach ist das nicht\u00bb, sagt sie und bricht ab. Ihre Tr\u00e4nen spiegeln f\u00fcnfzig Jahre Leidensgeschichte. \u00abIch hoffe\u00bb, beginnt sie von Neuem, \u00abdass das Land, das ich einst besiedelt habe, irgendwann etwas f\u00fcr meine Nachfahren abwirft.\u00bb <\/span><\/p>\n\n<h3 class=\"p1 wp-block-heading\"><span class=\"s1\">Enkelin und Neffe \u00fcbernehmen<\/span><\/h3>\n\n<figure class=\"wp-block-image alignnone  caption-style-blue-overlay caption-alignment-center\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/2020\/04\/1c281b65-erdo\u0308l-scaled.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-6934\"\/><figcaption>Auch die Nachkommen von Mariana sind aktiv. Unter anderem ihr Neffe zeigt auf Touren, welche Auswirkungen das Erd\u00f6l vor Ort hat.&nbsp;(\u00a9 Alejandro Ram\u00edrez&nbsp;Anderson)<\/figcaption><\/figure>\n\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">Eine der Enkelinnen von Mariana wirkt heute als Freiwillige in derselben NGO wie die Grossmutter, ein Neffe organisiert die sogenannte&nbsp;<\/span><span class=\"s1\">T\u00f3xictour. Er zeigt Menschen aus aller Welt die veralteten Bohrt\u00fcrme, das verschmutzte Sumpfgebiet und die Auffangbecken mit den Industrieabf\u00e4llen. Auch Filmstars und Musiker wie Brad Pitt oder das Duo Calle 13 waren schon hier, versuchten \u00d6ffentlichkeit zu erzeugen und spendeten Dutzende von Wassertanks mit Aktivkohlefiltern. Sie stehen auf den D\u00e4chern der Betroffenen und filtern das Regenwasser. Wasser aus dem Boden will hier niemand trinken.<\/span><\/p>\n\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">\u00abNiemand darf jetzt die Arme verschr\u00e4nken\u00bb, fordert Mariana. Der Kampf m\u00fcsse weitergehen: \u00abDas einzige Erbe, das wir unseren Urenkeln \u00fcberlassen k\u00f6nnen, ist eine etwas ausgeglichenere Umwelt.\u00bb <\/span><\/p>\n\n<h3 class=\"p1 wp-block-heading\"><span class=\"s1\">\u00abWeiss nicht, was machen\u00bb <\/span><\/h3>\n\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">Drei Tage sp\u00e4ter skype ich mit meiner Mutter. Sie hat die L\u00e4den im Zimmer heruntergelassen und eine Tasse kalten Hagebuttentee neben sich. Sie mag sie nicht, die Julihitze. \u00abMan kann gar nicht mehr aus dem Haus, gerade wenn man \u00e4lter wird.\u00bb Deshalb gehen sie und ihr Mann jeweils fr\u00fchmorgens walken.<\/span><\/p>\n\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">Beatrice hat sich nach der R\u00fcckkehr aus S\u00fcdafrika Ende der siebziger Jahre am Greifensee niedergelassen und ist dort geblieben. Sie gr\u00fcndete eine Familie, sang im Kirchenchor, arbeitete Teilzeit bei Kuoni im Glattzentrum und flog mit uns im Sommer \u2013 dank ihrer Arbeit \u2013 nach Kreta, in die T\u00fcrkei oder auf die Kanarischen Inseln. Als 1991 im Irak Krieg ums Erd\u00f6l ausbrach, war sie auf einer Studienreise in S\u00fcdafrika.<\/span><\/p>\n\n<figure class=\"wp-block-image alignnone  caption-style-blue-overlay caption-alignment-center\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/2020\/04\/493a47a2-flugzeug-scaled.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-6923\"\/><figcaption>Die Sehnsucht nach der Ferne la\u0308sst Beatrice an den Himmel ihres Wohnortes am Greifensee blicken, wo regelma\u0308ssig Flugzeuge dru\u0308berfliegen. Ohne das Erdo\u0308l aus Nigeria, Kasachstan oder Algerien wa\u0308ren ihre Reisen nach Su\u0308dafrika nicht mo\u0308glich. (\u00a9 Piero Good)<\/figcaption><\/figure>\n\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">Ich erz\u00e4hle ihr von Mariana: von den Krankheiten und Fehlgeburten, den verendeten Tieren und vom Bohrturm, von den Drohungen und Bestechungsversuchen der Industrie, damit die Familie endlich aus Nueva Loja wegzieht.<\/span><\/p>\n\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">Wir haben bei meinem letzten Besuch in der Schweiz vor zwei Jahren \u00fcber die Hilflosigkeit diskutiert; \u00fcber das Unverm\u00f6gen, aktiv zu werden und die multiplen Krisen \u2013 trotz all unserer eigenen Widerspr\u00fcche \u2013 irgendwie auf die Strasse zu tragen. Auf jene Strasse, die von billigen Arbeitskr\u00e4ften aus Portugal, Spanien und Alba<\/span><span class=\"s1\">nien gebaut und unterhalten werden und auf denen 200 bis 300 PS starke SUV fahren, die zwischen 12 und 16 Liter Benzin verbrennen. \u00abIch finde es grauenhaft\u00bb, sagte Beatrice einmal, \u00ababer man weiss gar nicht mehr, was man machen soll. Es ist alles so komplex geworden.\u00bb <\/span><\/p>\n\n<h3 class=\"p1 wp-block-heading\"><span class=\"s1\">Ratlosigkeit und Ohnmacht <\/span><\/h3>\n\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">Ich spreche sie auf ihren j\u00fcngsten Urlaub in S\u00fcdafrika an, auf die beiden Autos, die sie und ihr Mann noch bis vor wenigen Monaten hatten, auf die Produkte aus \u00dcbersee, das Sojalecithin, das Palm\u00f6l, die Bananen, die Mandeln, die Schokolade, den Kaffee, die Kleider aus Asien und die Schuhe aus Osteuropa \u2013 und merke: Meine Mama weiss das alles. Sie kauft seit Jahren biologisch und regional ein, verzichtet schon lange auf Erdbeeren im Winter und g\u00f6nnt sich nur noch ganz selten eine Mango. Oft steht sie vor den Regalen im Supermarkt und ist \u00fcberfordert von der grossen Auswahl. Die Konsumgesellschaft, die von der Generation meiner Mutter mitgestaltet wurde, hinterl\u00e4sst Ratlosigkeit, ein Gef\u00fchl der Ohnmacht und einen arg gebeutelten Planeten.<\/span><\/p>\n\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">Dann wird ihre Stimme hart, der Rhythmus schneller und die Emp\u00f6rung gr\u00f6sser: \u00abSeit Fukushima ist die Umwelt in der Politik kein Thema mehr. Wir sind alle mit Trump, Erdogan und den Fl\u00fcchtlingen besch\u00e4ftigt. Doch was hilft uns das, wenn das Klima vor die Hunde geht?!\u00bb <\/span><\/p>\n\n<h3 class=\"p1 wp-block-heading\"><span class=\"s1\">Egoistische Umweltsch\u00fctzer <\/span><\/h3>\n\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">Meine Mutter und ich f\u00fchren diese Diskussion nicht zum ersten Mal und unsere Argumente wiederholen sich auch heute. Doch sie erw\u00e4hnt zum Schluss einen Punkt, der mir bleibt: \u00abIch kenne Menschen in meinem Umfeld, die nicht oder wenig fliegen, kein Auto haben, kein Fleisch essen und dennoch wahnsinnige Egoisten sind. Sie pflatschen in ihrer eigenen kleinen Welt herum, motzen \u00fcber alles und jeden und sind \u00fcberhaupt nicht zufrieden mit ihrem Leben.\u00bb <\/span><\/p>\n\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">Ein paar Wochen sp\u00e4ter \u00fcberfliege ich das Transkript vom Juli noch einmal und frage mich: Meinte sie mich?<\/span><\/p>\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Epilog: Damit Beatrice reisen kann, muss Mariana sterben<\/h3>\n\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">So drastisch, wie die Geschichte begonnen hat, wird sie nicht enden. Nach dem Gespr\u00e4ch mit den beiden Frauen, den Recherchen vor Ort und dem Treffen mit \u00c4rzten, Anw\u00e4lten und Ingenieuren der Erd\u00f6lindustrie kann ich gar nicht sagen, ob der Satz wirklich berechtigt ist. Stattdessen gebe ich bei Google den Begriff \u00abWiderspruch\u00bb ein und stosse auf ein Zitat des deutschen Philosophen Friedrich Nietzsche (1844\u20131900): <\/span><\/p>\n\n<p class=\"p1 paraphrase\"><span class=\"s1\">\u00abNotwendige Widerspr\u00fcche im Denken, um leben zu k\u00f6nnen.\u00bb <\/span><\/p>\n\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">Also doch: zuschauen, wie sich das Klima wandelt und die Zahl der Autos weiter zunimmt, wie Ozeane im Plastik ertrinken und Supermarktketten ihre Produkte doppelt verpacken, wie Menschen wegen des Klimawandels fl\u00fcchten und in den St\u00e4dten vor sich hinsiechen, wie Krieg um Erd\u00f6l und andere Rohstoffe gef\u00fchrt wird und die Vertriebenen im Meer ertrinken, wie die Menschen in Schwellenl\u00e4ndern so leben wollen wie in Europa und die in Europa Angst haben, dies bald nicht mehr zu k\u00f6nnen, wie ich in den Flieger steige und Biogem\u00fcse konsumiere.<\/span><\/p>\n\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\"><i>Jetzt bloss nicht \u2013 wie Nietzsche \u2013 die Nerven verlieren. <\/i>Es gibt ja auch Transition Towns mit ihrer eigenen W\u00e4hrung und Repair-Caf\u00e9s mit ihrer Haltung. Es gibt B\u00e4uerinnen und Bauern, die Vertr\u00e4ge mit ihren Kunden abschliessen, sodass beide Seiten als Menschen n\u00e4her zusammenr\u00fccken. Es gibt Urban-Gardening-Projekte, wo Gr\u00fcn Grau verdr\u00e4ngt und frischen Wind in die St\u00e4dte bringt. Es gibt das gemeinsame Wohnen von Jung und Alt, das Verst\u00e4ndnis zwischen den Generationen schafft. Es gibt Lehmhausbauern, Trockenklo-Konstrukteure, Foodsharing-Gemeinschaften, Degrowth-Bewegungen, stille Anarchisten. Und es gibt die Schweigenden irgendwo draussen auf dem Land, die den Umweltschutz nicht predigen, sondern leben. Sie alle brauchen wenig oder gar kein Erd\u00f6l und bieten den Nachfahren von Mariana und Beatrice eine Perspektive.<\/span><\/p>\n\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">Wie heisst es so sch\u00f6n: Es gibt Generationen, die eine Zivilisation erhalten, und andere, die eine aufbauen.<\/span><\/p>\n\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">*Trotz mehrmaligen Nachhakens bei der staatlichen Firma Petroamazonas, die f\u00fcr die Anlage neben dem Haus von Mariana zust\u00e4ndig ist, haben wir keine Antworten auf unsere Fragen erhalten.<\/span><\/p>\n\n<p class=\"p1\"><strong><span class=\"s1\">Romano Paganini <\/span><\/strong><span class=\"s2\">ist freier Journalist und Betreiber der Onlinezeitung <a href=\"http:\/\/mutantia.ch\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">mutantia.ch<\/a>. Er lebt irgendwo zwischen Atlantik und Pazifik und versucht, jenen Themen und Menschen eine Plattform zu geben, die von den Massenmedien kaum beachtet werden.<\/span><\/p>\n\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\"><strong>Alejandro&nbsp;<\/strong><\/span><span class=\"s1\"><b>Ram\u00edrez Anderson<\/b><\/span><span class=\"s1\">: <\/span><span class=\"s2\">Geboren in Mexiko, aufgewachsen in Guatemala und Kuba, arbeitet er als Fotograf und Dokumentarfilmer in ganz Lateinamerika. Dort begleitet er gesellschaftliche Prozesse, zuletzt jene zur Agrar\u00f6kologie. Er ist f\u00fcr seine Werke verschiedentlich ausgezeichnet worden, unter anderem mit dem Don-Quijote-Preis des internationalen Filmfestivals in Kalabrien, Italien.<\/span><\/p>\n\n<p class=\"p1\"><strong><span class=\"s1\">Piero Good <\/span><\/strong><span class=\"s1\">ist freischaffender <a rel=\"noopener noreferrer\" href=\"https:\/\/www.pierogood.com\/\" target=\"_blank\">K\u00fcnstler und Fotograf<\/a>. In seinen Kunstprojekten spielen die Natur und die Umwelt eine zentrale Rolle. Sein Interesse liegt darin, gegebene Umst\u00e4nde zu beobachten und zu ver- stehen, um schliesslich zu interagieren. Er ist Mitgr\u00fcnder des Fotografiemagazins Pirlo.\u00a0<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wie der wichtigste Energietr\u00e4ger des 20. Jahrhunderts das Leben der B\u00e4uerin Mariana im ecuadorianischen Amazonasgebiet und das der Reisefachfrau Beatrice aus Basel gepr\u00e4gt hat. 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