{"id":45590,"date":"2019-06-04T07:00:00","date_gmt":"2019-06-04T05:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/?p=45590"},"modified":"2020-06-03T17:09:35","modified_gmt":"2020-06-03T15:09:35","slug":"haben-oder-sein","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/hintergrund\/45590\/haben-oder-sein\/","title":{"rendered":"Haben oder Sein"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>\u00abIn einer Welt, in der die Informationen greifbar geworden sind, ist es unm\u00f6glich zu sagen: \u00abIch habe nichts gewusst!\u00bb Als ich diesen Satz einer Schweizer NGO vor vier Jahrzehnten las, war ich sofort \u00fcberzeugt. \u00abGenau, es geht nicht mehr an, wie nach dem Zweiten WK zu behaupten, man habe nichts gewusst.\u00bb<\/strong><\/p>\n\n<p>Doch es ging schon damals nicht allein um das Informiert-Sein, sondern um die Frage, warum geschieht so wenig, wo doch \u00aballes\u00bb klar ist? Den Welthunger, die globale Ungerechtigkeit oder die einseitige Abh\u00e4ngigkeit vom Erd\u00f6l h\u00e4tte man doch bek\u00e4mpfen k\u00f6nnen, bek\u00e4mpfen m\u00fcssen?! Weshalb hatte die damalige Nord-S\u00fcd-Diskussion so wenig praktische Resonanz? (Der bis heute unaufgekl\u00e4rte Mord an Olof Palme 1986, dem f\u00fchrenden Kopf dieses Dialogs, l\u00e4sst immerhin den Verdacht aufscheinen, dass da handfeste wirtschaftliche Interessen im Spiel waren.)<\/p>\n\n<p>Vor allem in Deutschland, \u00d6sterreich und der Schweiz wird indes unbeirrt auf die viel geliebte \u00abIdee\u00bb, neue Schulf\u00e4cher einzuf\u00fchren, gesetzt. Bereits in den 70er-Jahren riefen Umweltaktivisten nach einem Fach \u00ab\u00d6kologie\u00bb, die Grenzen des Wachstums (und der Ungerechtigkeit \u00fcberhaupt) sollten in den Klassenzimmern thematisiert werden, um das neue Bewusstsein in der Zukunft zu verankern. Die Schule sollte es richten, vom famili\u00e4ren N\u00e4hrboden sprach man kaum, was sich immer mehr als Unterlassungss\u00fcnde herausstellt. Denn niemand von uns damaligen Aktivisten h\u00e4tte sich tr\u00e4umen lassen, dass knappe 50 Jahre sp\u00e4ter trotz aller schulischen Bem\u00fchungen immer noch globale Ungerechtigkeit, Energieverschwendung und ein steigender Hyperkonsum die ersten Pl\u00e4tze in den Agenden der \u00abBewegten\u00bb einnehmen w\u00fcrden. Von der Gleichberechtigung und der wieder entfachten Debatte um den Laizismus nicht zu reden.<\/p>\n\n<p>Wir h\u00e4tten aber auch nicht gedacht, dass Grossverteiler einmal wirklich viel \u00abBio\u00bb in ihren Sortimenten h\u00e4tten oder dass die Atomkraft nicht mehr salonf\u00e4hig sein k\u00f6nnte. Man kann deshalb nicht einfach sagen, es sei nichts geschehen. Die Frage, warum etwas \u00abgeschieht\u00bb, ist allerdings \u00e4usserst komplex. Die \u00abemotionalen Grundlagen des Denkens\u00bb, wie sie Luc Ciompi schon in den 80er-Jahren des letzten Jahrhunderts untersuchte, spielen bei jedem Entscheid \u00fcber Werte und bez\u00fcglich des pers\u00f6nlichen Handelns die entscheidende Rolle. Es gibt gen\u00fcgend Untersuchungen, die belegen, dass Menschen sich dort engagieren, wo sie gef\u00fchlsm\u00e4ssig \u00abbeeintr\u00e4chtigt\u00bb werden. Deshalb haben B\u00fcrgerbewegungen und -initiativen gr\u00f6ssere Erfolgschancen, wenn sie aufgreifen, was unter den N\u00e4geln brennt. Zum Beispiel die Schlittelpiste der Kindheit, die \u00fcberbaut werden soll, die seltener werdenden V\u00f6gel an der Futterstelle vor dem Haus, den verschmutzten Fluss, der fr\u00fcher an heissen Sommertagen K\u00fchlung brachte, die Plastik-, Cellophan- und Gummiabf\u00e4lle am einst verwunschenen Ferienstrand oder die eingesperrten Tiere auf Bauernh\u00f6fen, die seit langem nicht mehr sind als industrialisierte Milch- oder Fleischunternehmen.<\/p>\n\n<p>Die gef\u00fchlsm\u00e4ssige Beeintr\u00e4chtigung hat aber mindestens noch eine zweite Ursache: die Angst. Genau in der Zeit, als die Anti-Atom-Bewegung (unter anderem wegen der Klimaproblematik) schw\u00e4chelte, kam es zum grossen Atomunfall in Fukushima. Wir haben erlebt, wie \u2013 um nur ein Beispiel zu nennen \u2013 die Schweizer Bundesr\u00e4tin Doris Leuthard \u00abvon der Saula zur Paula\u00bb wurde, resp. wie die \u00f6ffentliche Meinung, zumindest im alten Europa, kippte. Der aktuelle, kompromisslose Kampf um die Privatisierung der Wasserrechte etwa durch den Nestl\u00e9-Konzern oder die neuesten Abholzungen im Amazonasgebiet durch die reaktion\u00e4re brasilianische Regierung l\u00f6sen ebenso Angstreaktionen aus wie die begradigten und verseuchten 70 % aller europ\u00e4ischen Fl\u00fcsse oder die vor allem auch in der Schweiz verschwundenen Feuchtgebiete. Es ist auch kein Zufall, dass der hervorragende Film \u00abMore than Honey\u00bb von Markus Imhof enorme Wirkung zeitigte.<\/p>\n\n<p>Wenn immer liebgewordene \u00abSelbstverst\u00e4ndlichkeiten\u00bb bedroht werden, reagiert das \u00f6ffentliche Bewusstsein. Leider ist diese Reaktion oft zweischneidig. Wer aufgewachsen ist mit der Erfahrung, dass materielle Lebensqualit\u00e4t \u00abgeil\u00bb ist, dass das Prinzip \u00abimmer schneller, immer weiter, immer mehr\u00bb genauso dazu geh\u00f6rt wie das Trinkwasser oder die Qualit\u00e4t der Luft, ger\u00e4t in ein emotionales Dilemma. Auf der einen Seite steht die einge\u00fcbte Erfahrung einer zur Verf\u00fcgung stehenden Welt, auf der anderen \u2013 wenn \u00fcberhaupt \u2013 das schlechte Gewissen angesichts der zunehmenden, von Menschen verursachten Umweltprobleme. Je weniger nun die emotionalen Bindungen an eine erlebte \u00abNatur\u00bb eine Rolle spielen, desto mehr w\u00fcnschen sich die Menschen in den Industrienationen, dass \u00abes\u00bb weiter gehen soll. Wer schon als kleines Kind erlebt hat, wie \u00abnormal\u00bb es ist, in die Ferien zu fliegen, eine Attraktion nach der anderen zu geniessen, zu haben anstatt zu sein, wie es Erich Fromm einmal formulierte, wird nicht bereit sein, aus diesem Mainstream auszuscheren.<\/p>\n\n<p>In einem exklusiven Beitrag in der \u00abZeit\u00bb fordert die Klimaaktivistin und Weggef\u00e4hrtin von Greta Thunberg, Luisa Neubauer, \u00abInformiert euch!\u00bb. (Die Zeit, 9. Mai 2019, Seite 5) Sie stellt sich auf den Standpunkt, dass man mit Fakten eine \u00abinformierte und aufgekl\u00e4rte \u00d6ffentlichkeit\u00bb schaffen soll. Das ist gut gemeint. Doch Fakten gen\u00fcgen nicht. Widerstand bemisst sich nicht allein daran. Wenn die Emotionen \u00abklemmen\u00bb, weil man nicht anders kann, als den erlernten Lebensstil zu verl\u00e4ngern, liegen die Ursachen f\u00fcr Passivit\u00e4t und Ignoranz tiefer. Es geht um nichts weniger als die Bedingungen des Aufwachsens. Auch \u00abweit ge\u00f6ffnete diskursive Arenen\u00bb, wie sie Neubauer fordert, machen den K\u00f6nigsweg mitnichten aus, wenn es darum geht, verantwortungsvolles Handeln auszul\u00f6sen.<\/p>\n\n<p>Eine Devise der Umweltaktivisten der 80er-Jahre lautete: \u00abWer ein inneres Feuer hat, braucht weniger \u00e4ussere Energie\u00bb. Damit verbunden ist die alte philosophische Frage nach den Bedingungen der Zufriedenheit. Was ist ein gutes Leben? Woran freuen wir uns wirklich? Die CO<sub>2<\/sub>-Diskussion ist ohne Zweifel wichtig. Doch sie fokussiert einerseits (zu) stark auf ein Thema und andererseits blendet sie die Bedingungen f\u00fcr ein nachhaltiges Leben aus. Oder anders gesagt: \u00abInformiert euch!\u00bb muss auch bedeuten, sich dar\u00fcber Klarheit zu verschaffen, was \u00abGl\u00fcck\u00bb ist, n\u00e4mlich Selbstbewusstsein. \u00abErkenne dich selbst\u00bb steht f\u00fcr die F\u00e4higkeit, sich innerlich zu spiegeln und so eine angelernte, unkritische Konsumexistenz infrage zu stellen. Die Arbeit an sich selbst ist wesentlich komplexer und schwieriger als es der Ruf nach Informiertheit bez\u00fcglich der Klimafrage glauben macht. Wer in der \u00f6kologischen Auseinandersetzung \u00abnur\u00bb an den Kopf appelliert, verkennt die kollektive Suchtdimension, die hinter der erschreckenden Ignoranz in Politik, P\u00e4dagogik und \u00d6konomie steht. Wir sollten nicht l\u00e4nger so tun, als ob wir es lediglich mit Menschen zu tun haben, die noch nicht begriffen haben, worum es geht. Der Weg vom Haben zum Sein ist nur gangbar, wenn die fr\u00fchen kindlichen Erfahrungen \u00fcberhaupt erm\u00f6glichen, dass Informationen \u00abgreifen\u00bb. Ansonsten verhallen auch die bestgemeintesten Rufe nach kl\u00e4rendem Wissen.<\/p>\n\n<p><strong class=\"no-underline\"><strong>Markus Waldvogel&nbsp;<\/strong><\/strong>ist Autor, Philosoph und Leiter der Beratungsfirma Pantaris. Er war viele Jahre Mitarbeiter des WWF Schweiz und hat die Bieler Philosophietage mitbegr\u00fcndet.<\/p>\n\n<p>Dies war die letzte Kolumne von Markus Waldvogel f\u00fcr das Greenpeace-Magazin.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00abIn einer Welt, in der die Informationen greifbar geworden sind, ist es unm\u00f6glich zu sagen: \u00abIch habe nichts gewusst!\u00bb Als ich diesen Satz einer Schweizer NGO vor vier Jahrzehnten las,&hellip;<\/p>\n","protected":false},"author":49,"featured_media":42720,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"_planet4_optimize_post_is_variant":false,"_planet4_optimize_experiment_name":"","_planet4_optimize_variant_name":"","ep_exclude_from_search":false,"p4_og_title":"","p4_og_description":"","p4_og_image":"","p4_og_image_id":"","p4_seo_canonical_url":"","p4_campaign_name":"not set","p4_local_project":"not set","p4_basket_name":"not set","p4_department":"","footnotes":""},"categories":[47],"tags":[],"p4-page-type":[194],"gpch-article-type":[],"class_list":["post-45590","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-greenpeace","p4-page-type-hintergrund"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/45590","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/49"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=45590"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/45590\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/42720"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=45590"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=45590"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=45590"},{"taxonomy":"p4-page-type","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/p4-page-type?post=45590"},{"taxonomy":"gpch-article-type","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/gpch-article-type?post=45590"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}