{"id":45691,"date":"2020-01-18T07:00:00","date_gmt":"2020-01-18T05:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/?p=45691"},"modified":"2020-06-04T14:44:11","modified_gmt":"2020-06-04T12:44:11","slug":"wir-entscheiden-heute-darueber-ob-wir-2100-noch-von-gletschern-reden-werden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/hintergrund\/45691\/wir-entscheiden-heute-darueber-ob-wir-2100-noch-von-gletschern-reden-werden\/","title":{"rendered":"\u00abWir entscheiden heute dar\u00fcber, ob wir 2100 noch von Gletschern reden werden\u00bb"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Die Gletscher schmelzen \u2013 und zwar rasant. Dies nicht nur in der Schweiz, sondern auf der ganzen Welt. Der Glaziologe Daniel Farinotti erkl\u00e4rt uns im Interview, welche Auswirkungen der Gletscherschwund auf unsere Zukunft hat \u2013 und ob wir 2050 \u00fcberhaupt noch von Gletschern reden werden.<\/strong><\/p>\n\n<p><em>Herr Farinotti, wie steht es aktuell um die Schweizer Gletscher?<\/em><\/p>\n\n<p>Nicht gut. Auch 2019 haben die Gletscher stark an Masse eingeb\u00fcsst \u2013 etwa 2 Prozent davon gingen verloren. Gl\u00fccklicherweise war der letzte Winter ziemlich reich an Schnee, sonst h\u00e4tten die Hitzewellen im Sommer die Verluste noch gr\u00f6sser ausfallen lassen.<\/p>\n\n<p><em>Sie haben ausgerechnet, dass die Gletscher der Welt weniger Eisvolumen haben, als bisher angenommen \u2013 was bedeutet das f\u00fcr uns Menschen?<\/em><\/p>\n\n<p>Gletscher haben die Funktion eines Wasserspeichers: Sie speichern den im Winter fallenden Niederschlag in Form von Schnee, Firn und Eis, und lassen diesen im Sommer, mit der Schmelze, wieder frei. Diese Speicherung kann dabei \u00fcber Jahrzehnte und Jahrhunderte geschehen. F\u00e4llt dieser Speicher weg, ergeben sich \u00c4nderungen im Zeitpunkt, in dem das Wasser anf\u00e4llt, und in der Menge. Das bedeutet, dass Gebiete, die betreffend Wasserressourcen stark von der Gletscherschmelze abh\u00e4ngen, aufgrund des geringeren Eisvolumens nun fr\u00fcher als erwartet \u00c4nderungen im Wasserkreislauf erfahren k\u00f6nnten.<\/p>\n\n<p><em>An welche Umstellungen m\u00fcsste die Schweizer Bev\u00f6lkerung sich gew\u00f6hnen, wenn es 2050 fast keine Gletscher mehr g\u00e4be?<\/em><\/p>\n\n<p>Es ist heute schon absehbar, dass 2050 etwa die H\u00e4lfte aller Gletschereismassen der Alpen geschmolzen sein wird. Damit ist das Wasserreservoir, welches oben bereits angesprochen wurde, bedeutend kleiner. In Gebieten, in denen das Gletscherschmelzwasser eine grosse Rolle spielt \u2013 z. B. in den Walliser T\u00e4lern \u2013 wird es also zu \u00c4nderungen kommen. Besonders im Sommer k\u00f6nnte das Wasser merklich knapper sein als heute. Die Schweiz als solche wird aber weit \u00fcber den Gletscherschwund hinaus die Auswirkungen des Klimawandels sp\u00fcren: Hitzewellen, Starkniederschl\u00e4ge, ver\u00e4ndertes Landschaftsbild und Vegetation \u2013 all dies hat im Klimawandel einen gemeinsamen Ursprung.<\/p>\n\n<p><em>Wie k\u00f6nnte 2050 dann der Skiurlaub in der Schweiz aussehen?<\/em><\/p>\n\n<p>Mit gesch\u00e4tzt 20 Neuschneetagen weniger fragt sich in erster Linie, welche Skigebiete 2050 \u00fcberhaupt noch offen haben werden. Dann werden die Wintersportler auch h\u00f6her hinauf m\u00fcssen und k\u00fcrzere Abfahrten haben. In tiefen Lagen k\u00f6nnte es bei der jetzigen Entwicklung daf\u00fcr fast doppelt so viele Sommertage pro Jahr haben, wie wir es heute gewohnt sind \u2013 ich glaube, man greift dann lieber zum Rad als zu den Skiern.<\/p>\n\n<p><em>Ist es denn m\u00f6glich, dass die Schweizer Gletscher komplett verschwinden? <\/em><\/p>\n\n<p>Oh ja, dies ist m\u00f6glich. Unsere Berechnungen suggerieren, dass ohne dezidierte Massnahmen zugunsten des Klimaschutzes bis Ende Jahrhundert schon mehr als 90 Prozent der Gletscher verschwunden sein werden.<\/p>\n\n<p><em>Welche Massnahmen m\u00fcssten jetzt sofort getroffen werden, damit das Schmelzen einged\u00e4mmt werden kann?<\/em><\/p>\n\n<p>Diese Antwort ist leicht: Die Emissionen von Treibhausgase m\u00fcssen verringert werden, und zwar massiv! Unsere Berechnungen zeigen aber, dass, selbst wenn sich das Klima auf magische Weise von heute auf morgen auf den Zustand der letzten 30 Jahre stabilisieren w\u00fcrde, wir 2050 rund einen Drittel weniger Gletschereis als heute h\u00e4tten.<\/p>\n\n<p><em>Gibt es M\u00f6glichkeiten, die Gletscher zu retten, die heute noch nicht realisierbar sind, aber mit fortschreitender Technik in Betracht gezogen werden k\u00f6nnten?<\/em><\/p>\n\n<p>Meinen Sie so etwas wie das k\u00fcnstliche K\u00fchlen der Gebirge? Das halte ich f\u00fcr Unfug. Es wird eher \u00fcber Technologien geredet, die aktiv Treibhausgase aus der Atmosph\u00e4re entfernen w\u00fcrden. Dies klingt zwar plausibel, ist aber in der Umsetzung sehr schwierig. Auch Geoengineering-Ans\u00e4tze sind immer wieder Thema, beispielsweise die Reflektivit\u00e4t der Atmosph\u00e4re zu erh\u00f6hen, um die Sonneneinstrahlung, die den Boden erreicht, zu verringern. Die Auswirkungen solcher Ans\u00e4tze sind aber so wenig erforscht, dass es buchst\u00e4blich fahrl\u00e4ssig w\u00e4re, sie ernsthaft in Betracht zu ziehen. Ein Experiment mit unserem ganzen Planeten anzustellen, halte ich \u2013 selbst als Forscher, der das Experimentieren liebt \u2013 f\u00fcr einige Nummern zu gross. Wenn das schiefgeht, haben wir keinen zweiten Versuch.<\/p>\n\n<figure class=\"wp-block-image alignnone  caption-style-blue-overlay caption-alignment-center\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/2020\/04\/a6497c19-gp0sttzet_high_res-scaled-1.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-8444\"\/><figcaption>Im Tirol werden T\u00fccher \u00fcber die Gletscher gelegt, damit m\u00f6glichst viel Sonnenlicht zur\u00fcckreflektiert wird und die Eismassen nicht schmelzen. (\u00a9 Mitja Kobal \/ Greenpeace)<\/figcaption><\/figure>\n\n<p><em>Sollte beispielsweise die Gletscher-Initiative angenommen werden \u2013 k\u00f6nnten die Schweizer Gletscher dann zumindest teilweise wieder zu ihrer Ursprungsgr\u00f6sse zur\u00fcck wachsen?<\/em><\/p>\n\n<p>Wachsen? Nein, auf keinen Fall. Damit die Gletscher wieder wachsen, reicht es nicht, dass man die Treibhausgasemissionen bis 2050 netto auf null&nbsp; bringt. Die Initiative w\u00fcrde aber dazu beitragen, dass die Gletscher nicht g\u00e4nzlich verschwinden.<\/p>\n\n<p><em>Es ist aber noch nicht zu sp\u00e4t, um unsere Gletscher zu retten?<\/em><\/p>\n\n<p>Es kommt auf die Definition von \u201eretten\u201c und den Zeithorizont an: Gletscher reagieren mit einer gewissen Tr\u00e4gheit auf \u00c4nderungen im Klima. F\u00fcr das heutige Klima sind unsere Gletscher zu gross. Das heisst, dass die Gletscher in den n\u00e4chsten Jahrzehnten weiter schrumpfen werden \u2013 egal, was wir tun. L\u00e4ngerfristig hat unser Handeln aber eine grosse Bedeutung: Wir entscheiden heute dar\u00fcber, ob wir 2100 noch von Gletschern reden werden, oder sie dann nur noch der Erinnerung angeh\u00f6ren.<\/p>\n\n<p><em>Was w\u00fcnschen Sie sich f\u00fcr die Zukunft der Gletscher?<\/em><\/p>\n\n<p>Ich w\u00fcnschte, 2050 w\u00fcrden wir den Klimawandel als ein weitgehend gel\u00f6stes Problem ansehen und in der Tat wieder \u00fcber das Wachsen der Gletscher reden. Ob ich denke, dass dies Realit\u00e4t sein wird? Wir Menschen haben jetzt die Wahl!<\/p>\n\n<p><strong>Daniel Farinotti<\/strong> ist Leiter der Glaziologiegruppen der Versuchsanstalt f\u00fcr Wasserbau, Hydrologie und Glaziologie (VAW) an der ETH Z\u00fcrich sowie der Eidgen\u00f6ssischen Forschungsanstalt f\u00fcr Wald, Schnee und Landschaft (WSL). Zu seinen wichtigsten wissenschaftlichen Beitr\u00e4gen geh\u00f6rt die Entwicklung einer Methode zur Sch\u00e4tzung der Eisdickenverteilung einzelner Gletscher und eine Sch\u00e4tzung des Eisvolumens aller Gletscher auf der Erde.<\/p>\n\n<p><em>Mehr Visionen zur Schweiz 2050 findest du im <a href=\"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/publikation\/40538\/greenpeace-magazin-04-19\/\">aktuellen Magazin<\/a>.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Gletscher schmelzen \u2013 und zwar rasant. Dies nicht nur in der Schweiz, sondern auf der ganzen Welt. 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