{"id":45695,"date":"2020-01-25T07:00:00","date_gmt":"2020-01-25T05:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/?p=45695"},"modified":"2020-06-04T14:46:55","modified_gmt":"2020-06-04T12:46:55","slug":"das-leben-gehoert-anstaendig-beendet-oder-duerfen-wir-tiere-toeten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/hintergrund\/45695\/das-leben-gehoert-anstaendig-beendet-oder-duerfen-wir-tiere-toeten\/","title":{"rendered":"Das Leben geh\u00f6rt anst\u00e4ndig beendet \u2013 oder: D\u00fcrfen wir Tiere t\u00f6ten?"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Die Frage, ob wir Tiere t\u00f6ten d\u00fcrfen oder nicht, ist nicht einfach schwarz-weiss \u2013 also Industrielle Massentierhaltung versus \u00abvegane\u00bb Landwirtschaft. Es gibt ein Dazwischen: eine tierfreundliche und \u00f6kologische Tierhaltung.&nbsp;<\/strong><\/p>\n\n<p>Nicht weit von meinem Zuhause in der N\u00e4he von Basel grast eine Herde Engadinerschafe. Jeden Fr\u00fchling tollen auf der Weide ein Dutzend \u00fcberm\u00fctiger L\u00e4mmer herum und die M\u00fctter passen auf sie auf, bl\u00f6ken laut, lassen die Kleinen saugen \u2013 ein herzerw\u00e4rmender Anblick. Doch jeden Sommer muss die Z\u00fcchterin Anet Spengler Neff zwei oder drei B\u00f6cklein schlachten. Ich fragte sie einmal, wie sie es \u00fcber sich bringe, sie gewinne diese ja sicher auch lieb? Nat\u00fcrlich, sagte sie, doch ihr bleibe keine Wahl. Jeden Fr\u00fchling k\u00e4men junge Schafe nach. Sie m\u00fcsse daf\u00fcr sorgen, dass die Herde als Gemeinschaft in Balance ist. Sie m\u00fcsse zur Herde als ganzes Sorge tragen, damit jedes Tier ein intensives und artgerechtes Leben f\u00fchren k\u00f6nne \u2013 und dazu geh\u00f6re auch der Tod. Denn wenn wir Tiere in unsere Obhut n\u00e4hmen, m\u00fcssten wir auch f\u00fcr den Tod die Verantwortung \u00fcbernehmen. Die T\u00f6tungsfrage sei von der Haltungsfrage nicht zu trennen.<\/p>\n\n<p>Bevor Anet Spegler Neff ein Tier schlachten l\u00e4sst, redet sie deswegen mit ihm und nimmt sich Zeit. Ihre langj\u00e4hrige Erfahrung ist, dass ein Schaf sie dann ruhig zum Metzger begleitet. Sie t\u00f6tet auch selber Schafe mit einem Bolzenschuss und anschliessender Entblutung, wie das inzwischen in einigen Kantonen erlaubt ist. Das Tier bleibt so in seiner gewohnten Umgebung. Stressige Transporte, angstbeladene Situationen im Schlachthaus fallen weg. Ich selber habe noch kein gr\u00f6sseres Tier get\u00f6tet, doch ich befragte Bauern und Tier\u00e4rztinnen, die Tiere in den Tod gef\u00fchrt hatten. Ausnahmslos alle erz\u00e4hlten von \u00e4hnlichen Erfahrungen wie Anet Spengler Neff.<\/p>\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><strong>T\u00f6ten ist nie sch\u00f6n<\/strong><\/h3>\n\n<p>Nat\u00fcrlich: T\u00f6ten bleibt tragisch. Viele Tiere stehen vor dem Schlachten Todes\u00e4ngste aus, sind gestresst, wehren sich verzweifelt. Dem m\u00fcssen wir mehr Gewicht geben, mehr Raum, mehr W\u00fcrde auch. Nicht einfach wegschauen aus Feigheit, weil das nicht so sch\u00f6n ist, und das Drama hinter den Mauern von Schlachth\u00f6fen verstecken.&nbsp;Die Frage, ob Tiere get\u00f6tet werden d\u00fcrfen oder nicht, hat zudem weitreichende Konsequenzen:<\/p>\n\n<p><u>F\u00fcr unsere Lebensmittelsicherheit: <\/u><\/p>\n\n<p>Wir Menschen k\u00f6nnen kein Gras essen, wir k\u00f6nnen es nicht verdauen. Doch rund&nbsp;zwei Drittel&nbsp;der schweizerischen (und auch weltweiten) Landwirtschaftsfl\u00e4che sind permanentes Grasland, weil das Gel\u00e4nde zu steil oder zu steinig ist. Zwei Drittel! Niemand ausser K\u00fchen, Schafen oder Ziegen kann Gras in wertvolle Proteine, also in Milch, K\u00e4se oder Fleisch, umwandeln. Wir sind auf die Wiederk\u00e4uer angewiesen, um Gras effizient zu verwerten.<\/p>\n\n<p><u>F\u00fcr unsere B\u00f6den:&nbsp;<\/u><\/p>\n\n<p>Die weltweit fruchtbarsten B\u00f6den \u2013 die Kornkammern in der Ukraine oder der Magdeburger B\u00f6rde \u2013 sind allesamt ehemalige Steppenb\u00f6den, die \u00fcber Jahrtausende von grossen Tierherden beweidet wurden. Erst die Tiere bildeten die Grundlage f\u00fcr den Aufbau humusreicher B\u00f6den. Das Gras ben\u00f6tigt das \u00abGefressen-Werden\u00bb durch Weidetiere wie auch ihren Kot und ihren Tritt. Der Kot von Wiederk\u00e4uern ist faserig, speichert Wasser und bietet mit seiner grossen Oberfl\u00e4che Milliarden von Kleinstlebewesen einen Lebensraum \u2013 so kann sich fruchtbarer Humus bilden. Je dichter und dauerhafter der Boden bewachsen ist, desto mehr Humus entsteht. So wird CO<sub>2 <\/sub>dauerhaft in die Wurzeln unter die Grasnarben gebunden. Boden ist nach den Ozeanen der gr\u00f6sste Kohlenstoffspeicher der Welt. Kunstd\u00fcnger hingegen versickert sofort im Boden und tr\u00e4gt zur Bodenerosion bei. In den letzten Jahrzehnten ging weltweit ein Drittel der fruchtbaren B\u00f6den durch Erosion und Auswaschung verloren. Doch der Boden ist DAS Kapital der Menschheit \u2013 Boden kann man nur einmal verlieren.<\/p>\n\n<p><u>F\u00fcr unsere Alpweiden: <\/u><\/p>\n\n<p>Wenn diese nicht mehr von Weidetieren bestossen werden, verganden sie rasch. B\u00fcsche, allen voran Gr\u00fcnerlen, breiten sich aus. Die Artenvielfalt nimmt dramatisch ab; an steilen H\u00e4ngen steigt auch die Lawinengefahr.&nbsp;Vor einiger Zeit war ich im Hospental im Urnerland ein Projekt der Uni Basel anschauen. Das Problem war dort, dass Alpweiden nicht mehr bestossen und von Gr\u00fcnerlen \u00fcberwuchert wurden. Nun befreien dort 300 Engadinerschafe die von Erlen \u00fcberwucherten Alpweiden \u2013 sie fressen f\u00fcrs Leben gern Erlenrinde. Und die Artenvielfalt nimmt wieder zu. Der Kreislauf schliesst sich.<\/p>\n\n<p>Nat\u00fcrlich: Wir essen zu viel Fleisch und Milch. Es hat zu viele Nutztiere in der Schweiz. Der Import von Kraftfutter sollte verboten werden. Doch die Alternative zu einer \u00abveganen\u00bb Landwirtschaft ist nicht die heutige Massentierhaltung. Sondern eine Landwirtschaft, die Tiere mit einbezieht, die ihnen ein erfahrungsreiches, intensives Leben erm\u00f6glicht \u2013 und dazu geh\u00f6rt der Tod. Wir m\u00fcssen neue Wege finden, tiergerecht zu t\u00f6ten. Die Alternative ist eine Landwirtschaft, in der Weidetiere haupts\u00e4chlich mit Gras und Heu ern\u00e4hrt werden. So ergibt sich ein perfekter Kreislauf: Die Tiere fressen Gras und Heu \u2013 wir selber k\u00f6nnen das nicht. Sie machen daraus Milch und Fleisch und d\u00fcngen mit ihrem Dung die Weide, die sie ern\u00e4hrt.<\/p>\n\n<p>Mich st\u00f6rt, dass wir uns bei der Diskussion um die Frage, ob man Fleisch essen darf oder nicht, &nbsp;aus diesen vielf\u00e4ltigsten Beziehungsgeflechten herausnehmen und das Ganze auf eine einzige Frage einengen. Wir m\u00fcssen endlich aufh\u00f6ren, alles isoliert zu betrachten. Das gilt auch f\u00fcr das T\u00f6ten von Tieren.<\/p>\n\n<p><strong>Florianne<\/strong> <strong>Koechlin<\/strong> ist Biologin; sie wurde bekannt als Gentechnik-Kritikerin und ist Autorin verschiedener B\u00fccher (u.a. \u00abJenseits der Blattr\u00e4nder\u00bb (2014) und \u00abSchwatzhafte Tomate, wehrhafter Tabak\u00bb (2016), \u00abWas Erbsen h\u00f6ren und wof\u00fcr K\u00fche um die Wette laufen (2018)). Zudem absolvierte sie die Malausbildung an der Visual Art School in M\u00fcnchenstein. <a rel=\"noopener noreferrer\" href=\"http:\/\/www.blauen-institut.ch\/\" target=\"_blank\">www.blauen-institut.ch<\/a><\/p>\n\n<p><em>Ein Zukunftszenario von Florianne Koechlin zum Thema \u00abErn\u00e4hrung\u00bb findest du im <a href=\"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/publikation\/40538\/greenpeace-magazin-04-19\/\">aktuellen Magazin<\/a>.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Frage, ob wir Tiere t\u00f6ten d\u00fcrfen oder nicht, ist nicht einfach schwarz-weiss \u2013 also Industrielle Massentierhaltung versus \u00abvegane\u00bb Landwirtschaft. 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