{"id":59139,"date":"2020-10-12T13:33:01","date_gmt":"2020-10-12T11:33:01","guid":{"rendered":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/?p=59139"},"modified":"2020-10-12T13:33:05","modified_gmt":"2020-10-12T11:33:05","slug":"duerfen-wir-oder-duerfen-wir-nicht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/hintergrund\/59139\/duerfen-wir-oder-duerfen-wir-nicht\/","title":{"rendered":"D\u00fcrfen wir oder d\u00fcrfen wir nicht?"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>In der Schweiz werden j\u00e4hrlich \u00fcber 76 Millionen Tiere geschlachtet. Dabei k\u00f6nnten wir uns rein pflanzlich ern\u00e4hren, k\u00e4men auch ohne Milch, K\u00e4se und Eier aus. Warum halten wir Nutztiere \u00fcberhaupt? Und haben wir das Recht, sie zu t\u00f6ten? Antworten von Angela Martin, Tierethikerin an der Universit\u00e4t Basel, und Martin Ott, Leiter der Schule biodynamische Ausbildung Schweiz.<\/strong><\/p>\n\n<p><em>Frau Martin, was denken Sie \u00fcber Menschen, die Fleisch essen?<\/em><\/p>\n\n<div class=\"wp-block-image  caption-style-blue-overlay caption-alignment-center\"><figure class=\"alignright size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/2020\/10\/9f2ff3fe-angela-martin-bewerbungsphoto-sw-700x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-59146\" width=\"187\" height=\"273\" srcset=\"https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/2020\/10\/9f2ff3fe-angela-martin-bewerbungsphoto-sw-700x1024.jpg 700w, https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/2020\/10\/9f2ff3fe-angela-martin-bewerbungsphoto-sw-205x300.jpg 205w, https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/2020\/10\/9f2ff3fe-angela-martin-bewerbungsphoto-sw-768x1123.jpg 768w, https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/2020\/10\/9f2ff3fe-angela-martin-bewerbungsphoto-sw-1051x1536.jpg 1051w, https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/2020\/10\/9f2ff3fe-angela-martin-bewerbungsphoto-sw-1401x2048.jpg 1401w, https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/2020\/10\/9f2ff3fe-angela-martin-bewerbungsphoto-sw-934x1366.jpg 934w, https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/2020\/10\/9f2ff3fe-angela-martin-bewerbungsphoto-sw-233x340.jpg 233w, https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/2020\/10\/9f2ff3fe-angela-martin-bewerbungsphoto-sw.jpg 1535w\" sizes=\"auto, (max-width: 187px) 100vw, 187px\" \/><figcaption>Angela Martin, Tierethikerin an der Universit\u00e4t Basel, lebt vegan. \u00a9 zVg<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n<p>Nichts Schlechtes. Ich habe als Kind auch Fleisch gegessen. Zur Vegetarierin wurde ich mit 13, als ich sah, wie Nutztiere gehalten werden. Sp\u00e4ter entdeckte ich, dass eine vegetarische Ern\u00e4hrung nicht gen\u00fcgt, um das Leiden der Tiere zu verhindern. Ass ich ein Ei, akzeptierte ich stillschweigend, dass in der Schweiz Millionen m\u00e4nnlicher K\u00fcken lebendig geschreddert oder vergast werden. Also wurde ich vegan.<\/p>\n\n<p><em>Genetisch sind sich Tier und Mensch sehr \u00e4hnlich. In bestimmten Dingen sind die Tiere uns sogar \u00fcberlegen. Trotzdem nehmen wir uns heraus, Tiere zu halten, zu nutzen und zu t\u00f6ten. Was sagen Sie dazu?<\/em><\/p>\n\n<p>Halten d\u00fcrfen wir Nutztiere, denn wir haben die einst wilden Tiere domestiziert. Damit sind sie Teil unserer Gesellschaft, entsprechend sind wir f\u00fcr sie verantwortlich und haben ihnen gegen\u00fcber auch Pflichten. Unter bestimmten Bedingungen \u2013 solange kein Leid damit verbunden ist \u2013 ist aus ethischer Sicht auch eine Nutzung akzeptierbar.<\/p>\n\n<p><em>Aber t\u00f6ten geht nicht<\/em>?<\/p>\n\n<p>Grunds\u00e4tzlich nein. Es gibt Ausnahmen, zum Beispiel in Gegenden, in denen sich die Menschen ohne Fleisch nicht ern\u00e4hren k\u00f6nnten, im Sahel etwa. Aber in unseren Breitengraden ist niemand auf Fleisch angewiesen. Insbesondere nicht in jenen Mengen, die heute gegessen werden.&nbsp;<\/p>\n\n<p><em>Wir t\u00f6ten 71 Millionen Tiere pro Jahr in der Schweiz. Das sind 197&#8217;000 pro Tag und 8&#8217;200 pro Stunde.<\/em><\/p>\n\n<p>Unglaublich. Das kann man sich kaum vorstellen.\u00a0<\/p>\n\n<p><em>Weshalb essen wir eigentlich Fleisch?<\/em><\/p>\n\n<p>Das hat viel mit Elternhaus, Erziehung und Gewohnheit zu tun. Zudem ist Fleisch immer noch ein Statussymbol. Dabei gibt es heute ausgezeichnete vegane Lebensmittel. Das hat sich sehr ver\u00e4ndert.<\/p>\n\n<p><em>Wie erkl\u00e4ren Sie sich die Gier danach?<\/em><\/p>\n\n<p>Wir ignorieren den Hintergrund. Viele Menschen glauben, die Kuh auf ihrem Teller habe lange, sch\u00f6ne Jahre auf einer Alp verbracht. Aber das stimmt nicht. Milchk\u00fche leben selten l\u00e4nger als f\u00fcnf Jahre. Mit Kraftfutter auf H\u00f6chstleistung getrimmt, l\u00e4sst ihre Milchleistung schnell einmal nach, sie sind ausgelaugt und anf\u00e4llig f\u00fcr Krankheiten. Also rentieren sie nicht mehr und m\u00fcssen weg. Die Mehrheit der K\u00e4lber stirbt nach maximal 160 Tagen, also nach etwa zwei Prozent ihrer normalen Lebenszeit. Die meisten Menschen wissen das nicht.<\/p>\n\n<p><em>Ist das eine Frage der Information? Menschen mit vegetarischer oder veganer Ern\u00e4hrung sind oft \u00fcberdurchschnittlich gut gebildet.<\/em><\/p>\n\n<p>Sie sind offenbar besser informiert und gewohnt, kritisch zu denken. Das ist entscheidend. Sie erkennen das Leid hinter der Bratwurst, und sie erkennen auch, welche Auswirkungen der Fleischkonsum auf die Umwelt hat. Viele Menschen wollen das gar nicht wissen und leben mit einem blinden Fleck. Das ist aber nicht nur ihr Problem. Die Politik sorgt daf\u00fcr, dass das so bleibt. Der St\u00e4nderat hat es im vergangenen Juni abgelehnt, Schlachth\u00f6fe obligatorisch mit Kameras \u00fcberwachen zu lassen.<\/p>\n\n<p><em>Studien behaupten, vegan lebende Menschen w\u00fcrden seltener an Krebs erkranken und weniger an Herz-Kreislaufprobleme leiden. Ist das ein Grund f\u00fcr Sie, auf tierische Produkte zu verzichten?<\/em><\/p>\n\n<p>Nein. Ich ern\u00e4hre mich vegan aus Respekt gegen\u00fcber den Tieren. Ich glaube \u00fcbrigens nicht, dass ich ges\u00fcnder lebe als Menschen, die zwar Fleisch essen, aber nur sehr selten. \u00dcber die eigene Ern\u00e4hrung nachzudenken, finde ich jedoch sehr wichtig. Wer aufgrund der Ern\u00e4hrung seine eigene Lebenszeit verk\u00fcrzt und sein Wohlergehen vermindert, liegt sicher nicht richtig.<\/p>\n\n<p><em>Erleben Sie Ihren Veganismus als Verzicht oder als Genuss?<\/em><\/p>\n\n<p>Als Genuss. Fr\u00fcher war es anspruchsvoller, sich vegan zu ern\u00e4hren, doch inzwischen f\u00fchren die Gesch\u00e4fte viele tolle Produkte und Restaurant bieten oft vegane Optionen an. Einiges stelle ich zudem selbst her.<\/p>\n\n<p><em>Reden wir \u00fcbers Klima. Die Verdauung der Wiederk\u00e4uer ist f\u00fcr 14 Prozent aller Treibhausgase verantwortlich. Ihr Kommentar?<\/em><\/p>\n\n<p>Das ist nat\u00fcrlich ein weiteres Argument, kein Fleisch zu essen.<\/p>\n\n<p><em>Was schlagen Sie vor?<\/em><\/p>\n\n<p>F\u00fcr alle, die nicht auf Fleisch verzichten wollen: Fleischersatz aus Pflanzen. Das ist eine \u00f6kologisch sinnvolle Alternative. Die sich zudem schnell entwickelt. Ich f\u00e4nde es begr\u00fcssenswert, wenn alle Nahrungsmittel \u2013 auch der Fleischersatz \u2013 mit einem Klimalabel versehen w\u00fcrden. Ein solches Label informiert dar\u00fcber, wieviel CO<sub>2<\/sub> bei Herstellung und Transport ausgestossen wird.<\/p>\n\n<p><em>Thema Covid-19. \u00dcber die H\u00e4lfte aller neuer Infektionskrankheiten haben nach heutigem Wissensstand einen tierischen Ursprung. Sind Fleisch essende Menschen also f\u00fcr Pandemien mitverantwortlich?<\/em><\/p>\n\n<p>Das ist in der Tat ein Problem. Auf einigen sogenannten \u00abwet markets\u00bb werden Tiere, die sich sonst nie begegnen, unmittelbar neben- und \u00fcbereinander in kleinste K\u00e4fige gepfercht. Viren finden perfekte M\u00f6glichkeiten, von der einen Art auf die andere \u2013 und auch auf den Menschen \u2013 \u00fcberzuspringen. Das ist aber nicht der einzige Grund, weshalb neue Infektionskrankheiten entstehen. Beg\u00fcnstigt wird ihre Entstehung auch durch die fortschreitende Zerst\u00f6rung der Lebensr\u00e4ume der Wildtiere. Dadurch kommen Wildtiere immer h\u00e4ufiger in Kontakt mit Nutztieren und dem Menschen. Als Folge kann es zur \u00dcbertragung von \u00a0Krankheitserregern kommen, die unser Immunsystem nicht abwehren kann.<\/p>\n\n<p><em>Wir m\u00fcssen also unseren Fleischkonsum verringern. L\u00e4sst sich der Menschen dazu motivieren?<\/em><\/p>\n\n<p>Schwierig. Gewohnheiten und Pr\u00e4ferenzen gehen ja grunds\u00e4tzlich niemanden etwas an. Das ist Privatsache. Die Diskussion um den Fleischkonsum hat meiner Meinung nach aber eine zus\u00e4tzliche Dimension, die \u00fcber das Private hinausgeht. Wenn wir uns f\u00fcr Fleisch entscheiden, entscheiden wir gleichzeitig \u00fcber Leben und Tod von Tieren, inklusive ihr Leiden, und wir entscheiden auch dar\u00fcber, ob wir den Klimawandel noch mehr anheizen oder nicht. Gerade der letzte Punkt hat weit reichende Konsequenzen. Wenn wir Fleisch essen, wirkt sich das letztlich auch auf die Lebensqualit\u00e4t der n\u00e4chsten Generationen aus.<\/p>\n\n<p><em>Also sollten wir \u00fcber die eigene Hutschnur hinausdenken.<\/em><\/p>\n\n<p>Sicher. Eine M\u00f6glichkeit, um auf die Folgen des Fleischkonsums aufmerksam zu machen, ist eine fundierte Information der \u00d6ffentlichkeit. Das kann durchaus zu Verhaltens\u00e4nderungen f\u00fchren. Vielleicht noch besser wirksam ist es, die Anreize in unserem Alltag anders zu setzen. Ein Beispiel: In den meisten Personalrestaurants sind heute Men\u00fcs mit Fleisch immer noch die Standardoption. Steht aber die vegane \u2013 oder vegetarische \u2013 Men\u00fcvariante zuoberst und werden die Gerichte gleichzeitig noch optisch attraktiv pr\u00e4sentiert, wirkt sich das auf die Nachfrage aus.<\/p>\n\n<p><em>Der hohe Fleischkonsum ist auch die Folge der grossen Entfremdung zwischen Mensch und Tier. Wir in den St\u00e4dten haben ja keine Ahnung mehr, wie Tiere leben und was sie brauchen.<\/em><\/p>\n\n<p>Das ist so. Wir m\u00fcssen die Haltung der Nutztiere verbessern und ihr Recht auf Leben anerkennen, gleichzeitig auch die Lebensr\u00e4ume der Wildtiere mehr respektieren oder \u2013 noch besser \u2013 sie so gut als m\u00f6glich wiederherstellen. Eine bestimmte Denkrichtung in der Tierethik fordert etwa, domestizierten Tieren B\u00fcrgerrechte zuzugestehen und die Habitate von Wildtieren als eigene, souver\u00e4ne Nationen zu deklarieren. Der Mensch hat zu diesen Nationen keinen Zugang, andernfalls muss er allf\u00e4llig entstehende Sch\u00e4den beheben. Das ist zur Zeit zwar noch utopisch, aber dennoch spannend im Hinblick darauf, wie das Tier-Mensch-Zusammenleben eines Tages aussehen k\u00f6nnte.<\/p>\n\n<p><em>Und was ist weniger utopisch? Gibt es aktuell eine Haltungsform, die Sie aus Ihrer Sicht als ethisch korrekt bezeichnen?<\/em><\/p>\n\n<p>Tierasyle oder Gnadenh\u00f6fe gehen in diese Richtung. Hier finden schutzbed\u00fcrftige Tiere \u2013 Legehennen mit zu wenig Leistung, \u00fcberalterte Mutters\u00e4ue, von Tiertransportern entwichene K\u00e4lber \u2013 ein Zuhause. In der Regel bleiben die Tiere hier bis zum nat\u00fcrlichen Ende.<\/p>\n\n<p><em>W\u00fcrden Sie die politische Forderung unterst\u00fctzen, dass die Haltung von Nutztieren ganz grunds\u00e4tzlich verboten werden soll?<\/em><\/p>\n\n<p>Die Tierhaltung ist nicht zwingend das Problem, sondern wie sie stattfindet und welches Leid durch die Tiernutzung erzeugt wird. Ein g\u00e4nzliches Verbot ist zurzeit wohl unrealistisch. Das menschliche Verhalten l\u00e4sst sich besser \u00fcber Anreize beeinflussen, nicht \u00fcber Verbote. Es muss allgemein ein Umdenken der Mensch-Tier-Beziehung stattfinden. Die Initiative gegen eine Massentierhaltung in der Schweiz ist ein Schritt in die richtige Richtung. Nat\u00fcrlich unterst\u00fctze ich sie.<\/p>\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n<div class=\"wp-block-image  caption-style-blue-overlay caption-alignment-center\"><figure class=\"alignright size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/2020\/10\/0393e61e-ottmartin_3-1.jpeg\" alt=\"\" class=\"wp-image-59152\" width=\"191\" height=\"288\" srcset=\"https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/2020\/10\/0393e61e-ottmartin_3-1.jpeg 425w, https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/2020\/10\/0393e61e-ottmartin_3-1-199x300.jpeg 199w, https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/2020\/10\/0393e61e-ottmartin_3-1-226x340.jpeg 226w\" sizes=\"auto, (max-width: 191px) 100vw, 191px\" \/><figcaption>Martin Ott, Bauer, Leiter Schule biodynamische Ausbildung Schweiz, \u00abKuhfl\u00fcsterer\u00bb, isst (selten) Fleisch. @ zVg<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n<p><em>Herr Ott, was denken Sie \u00fcber Menschen, die sich vegan ern\u00e4hren?<\/em><\/p>\n\n<p>Das sind interessante Menschen. Sie besch\u00e4ftigen sich mit Dingen, die mir auch wichtig sind.<\/p>\n\n<p><em>Sie essen Fleisch. Weshalb?<\/em><\/p>\n\n<p>Fragen sie das mal einen Mongolen in einer Grassteppe, der kein Ackerbau betreiben kann. Es gibt V\u00f6lker, die gar kein Fleisch essen und sich erst noch durch eine gr\u00f6ssere Friedfertigkeit auszeichnen.<\/p>\n\n<p><em>Aber Sie bleiben dabei?<\/em><\/p>\n\n<p>Ja. Ich bin jetzt seit 40 Jahren Bauer, und solange mein K\u00f6rper sagt, dass Fleischessen mir gut tut, mache ich weiter.<\/p>\n\n<p><em>Man nennt Sie \u00abKuhfl\u00fcsterer\u00bb. Sie essen Tiere, die Ihnen nahe sind.<\/em><\/p>\n\n<p>Ich sehe das Verh\u00e4ltnis zwischen Rindern und Menschen als eine Kooperation. Auf der Weide fressen die Tiere Gras, verdauen es drei Tage, dann scheiden sie es aus und d\u00fcngen damit den Boden. Das tun sie seit Jahrmillionen und haben damit den Humus auf unserem Planeten aufgebaut. Mit der Domestizierung haben wir nun die Verantwortung f\u00fcr die Tiere \u00fcbernommen. Als Gegenleistung f\u00fcr Aufbau und Regeneration des Bodens schauen wir f\u00fcr ihr Wohlergehen. Macht der Mensch einen guten Job und h\u00e4lt die Tiere korrekt, darf er meiner Meinung nach nutzen, was sie produzieren, also Milch und Fleisch.<\/p>\n\n<p><em>Wir k\u00f6nnen auch ohne Fleisch \u00fcberleben.<\/em><\/p>\n\n<p>Rinder waren immer auch Beutetiere. Rund Dreiviertel aller Jungtiere werden gefressen. Das ist richtig und wichtig f\u00fcr das Gleichgewicht zwischen Fl\u00e4che und Anzahl Grasfresser. Heute gibt es kaum mehr Raubtiere. Also muss der Mensch einspringen und die Tiere auf das \u00f6kologisch ertr\u00e4gliche Mass dezimieren, das heisst auf eine Menge, die der zur Verf\u00fcgung stehenden Fl\u00e4che entspricht. Damit das gut geht, muss er die Tiere wesensgerecht halten.<\/p>\n\n<p><em>Was meinen Sie mit \u00abwesensgerecht\u00bb?<\/em><\/p>\n\n<p>Das heisst: Ich erm\u00f6gliche den Tieren Lebensbedingungen, die ihrem Wesen entsprechen. Ich stelle ihnen jenen \u00f6kologischen Kontext zur Verf\u00fcgung, der auf sie zugeschnitten ist. Der Begriff der Wesensgerechtigkeit ist recht neu. Damit er sich einb\u00fcrgert, braucht es noch viel Forschung und Nachdenken.<\/p>\n\n<p><em>Die wenigsten Nutztiere werden heute wesensgerecht gehalten.<\/em><\/p>\n\n<p>Richtig. Die Evolution hat nicht vorausgesehen, dass wir tausend S\u00e4ue in einen Betonstall einsperren, sie ihrer Langeweile \u00fcberlassen, qu\u00e4len und am Schluss in eine gigantische T\u00f6tungsmaschinerie schicken. Von einer solchen Tierhaltung rede ich nicht.<\/p>\n\n<p><em>Kann man auch wesensgerecht t\u00f6ten?<\/em><\/p>\n\n<p>Vielleicht, es gibt daf\u00fcr Ans\u00e4tze bei Naturv\u00f6lker. Und auch die Natur macht es uns vor. Packt ein Tiger eine Antilope an der Gurgel, dann entscheidet die Antilope, wann genau sie aufgibt und somit entspannt in den Tod geht. Sie wird sich ihrer Rolle innerhalb des \u00f6kologischen Kreislaufs bewusst und akzeptiert sich als Teil des grossen Ganzen. Man kann dieses Verhalten vielleicht als bewusste Heimkehr bezeichnen, als ein mit dem kollektiven Unterbewusstsein der Tiere und der Erde verbundenes Handlungsmuster. Wir Menschen haben weit mehr Angst vor der Ausl\u00f6schung unseres Egos.<\/p>\n\n<p><em>Sie sagen, die Kuh stirbt quasi freiwillig?<\/em><\/p>\n\n<p>Nicht freiwillig, die Jagd ist eine Art Spiel, dramatisch, aber auch ergebnisoffen. Das Beutetier tut alles, um zu entwischen, aber es bestimmt das Ende mit. Raub- und Beutetier kommunizieren miteinander. Hier liegt vielleicht auch der Schl\u00fcssel zur Frage, wie wir k\u00fcnftig wesensgerecht schlachten k\u00f6nnten. Denn die heute optimale L\u00f6sung \u2013 dem Tier mitten auf der Wiese einen Bolzen in den Kopf schiessen \u2013 ist besser als die T\u00f6tungsmaschine Schlachthof, aber noch nicht gut genug.<\/p>\n\n<p><em>Auf Ihren Hof leben auch Haustiere. W\u00fcrden Sie diese ebenfalls essen?<\/em><\/p>\n\n<p>Ich habe darauf keine klare Antwort. Meinen Hund zu essen, w\u00fcrde mir sicher keine Freude bereiten. Vielleicht werden wir eines Tages zu unseren Nutztieren eine ebenso emotionale Beziehung haben, mit dem Effekt, dass wir sie nicht mehr essen. Meine Tochter wollte jedenfalls von klein auf immer den Namen des Tieres wissen, das sie auf dem Teller hatte. Damit sie sich bei ihm bedanken konnte.<\/p>\n\n<p><em>Essen wir zu viel Fleisch?<\/em><\/p>\n\n<p>Etwa sieben Mal zu viel. Das meiste stammt aus absolut absurder Haltung. Ein Huhn wird in dreissig Tagen von Null auf Schlachtgewicht gem\u00e4stet. Es hat kaum Zeit, Federn zu bilden. Es ist nichts anderes als ein Klumpen Eiweiss, der frisst und schl\u00e4ft. Einmal pro Woche Fleisch gen\u00fcgt vollauf. Aber man muss sich auch nicht sch\u00e4men, Fleisch zu essen \u2013 solange der Kontext stimmt.<\/p>\n\n<p><em>Was glauben Sie, weshalb rund die H\u00e4lfte der vegetarisch oder vegan lebenden Menschen \u00fcberdurchschnittlich gut gebildet ist?<\/em><\/p>\n\n<p>Menschen, die nachdenken, handeln vern\u00fcnftig.<\/p>\n\n<p><em>14 Prozent aller klimasch\u00e4dlicher Emissionen stammen von Tieren. Wollen wir unseren Planeten retten, m\u00fcssen wir aufh\u00f6ren Fleisch zu essen.<\/em><\/p>\n\n<p>Das ist sehr kurzfristig \u2013 und populistisch \u2013 gedacht. Eine korrekt gehaltene Kuh vermag mehr CO<sub>2<\/sub> zu binden als sie in ihrem ganzen Leben an Methan ausst\u00f6sst. Weil: Je dichter eine Weide bewachsen ist, desto mehr Kohlenstoff k\u00f6nnen Pflanzen in den Boden einbringen. Die Pflanzen wachsen aber nur genug dicht, wenn die K\u00fche grasen und den Boden d\u00fcngen. Das ist aktive CO<sub>2<\/sub>-Kompensation. Wenn wir mit einem Messger\u00e4t vorne und hinten an den K\u00fchen herumfuchteln und sagen, voil\u00e0, hier haben wir diese klimasch\u00e4digenden B\u00f6sewichte, dann muss ich sagen: Ich kenne noch ganz andere B\u00f6sewichte!<\/p>\n\n<p><em>Weltweit werden 70 Prozent der Sojabohnen f\u00fcr Tiere angebaut. Gleichzeitig hungern Millionen von Menschen. Was sagen Sie dazu?<\/em><\/p>\n\n<p>Katastrophe! Dagegen k\u00e4mpfe ich seit 40 Jahren. Auf Soja angewiesen sind nur Tiere, f\u00fcr die es keine Weiden gibt. Also sind sie zu viel. Hier einzugreifen und ein Gleichgewicht zwischen Tierzahl und Weidefl\u00e4che zu schaffen, ist eines der Ziele der wesensgerechten Landwirtschaft.<\/p>\n\n<p><em>Wie k\u00f6nnen wir Konsument*innen diese Ziele unterst\u00fctzen?<\/em><\/p>\n\n<p>Keine Massenware mehr kaufen, nur Erzeugnisse aus wesensgerechter Haltung. Demeter- oder zumindest Bio-Fleisch.<\/p>\n\n<p><em>Thema Covid-19. Sehen Sie einen Zusammenhang zwischen Pandemien und unserem Fleischkonsum?<\/em><\/p>\n\n<p>Rein gef\u00fchlsm\u00e4ssig sofort. Wissenschaftlich ist es inzwischen erwiesen, dass bei der Qualzucht und Qualhaltung von Wildtieren Viren auf die Qu\u00e4ler \u00fcberspringen. Das kann theoretisch auch bei Nutztieren passieren. Baut jemand eine neue Schweinezucht auf, so werden die ersten Tiere unter sterilen Bedingungen aus dem Mutterleib entnommen. Damit sie ja keine Keime tragen. Den Stall mit diesen Tieren darf man nur im Schutzanzug betreten. Das macht den Raum zu einem immunologischen Raumschiff \u2013 vollgepfercht mit Tieren, die null Abwehrkr\u00e4fte entwickeln. Kommt es dennoch zu einem Infekt, verbreitet er sich in Windeseile. Die Tiere fallen reihenweise tot um. Solche Best\u00e4nde werden uns langfristig noch sehr grosse Probleme bescheren.<\/p>\n\n<p><em>Das t\u00f6nt nicht gut. Wie stellen Sie sich eine ideale Mensch-Tierbeziehung vor?<\/em><\/p>\n\n<p>Als Leiter einer landwirtschaftliche Schule verstehe ich es als eine meiner wichtigsten Aufgaben, das Verh\u00e4ltnis zwischen Mensch und Tier zu verbessern. Die heutige Situation erkl\u00e4re ich den Studierenden vor allem als Beziehungskrise. Es ist keine intellektuelle Krise, denn wir wissen sehr genau, was wir da tun. Der Schl\u00fcssel zu einer neuen Landwirtschaft ist deshalb eine neue Beziehung zu Tieren, Pflanzen und Natur, achtsam und ergebnisoffen.<\/p>\n\n<p><em>Wie gelingt das?<\/em><\/p>\n\n<p>Indem ich mich auf die gleiche Ebene begebe mit den Tieren. Ich muss mit ihnen in einen Austausch kommen. Heute ist es m\u00f6glich, auf Basis der K\u00f6rpersprache mit einem Pferd, einer Kuh oder einem Schwein zu kommunizieren. Hat man das einmal erlebt, ist es wie ein neuer Kontinent, der aus dem Wasser auftaucht. Ich sah Menschen weinen, als sie zum ersten Mal diese Form von Austausch erlebten. Die gemeinsame Sprache wird zur gemeinsamen Ebene. Das sehe ich Basis f\u00fcr ein neues Verh\u00e4ltnis zwischen Tier und Mensch. Ein Verh\u00e4ltnis, das nicht im Kopf, sondern im Herz geboren ist.<\/p>\n\n<p><strong>Autor<\/strong>: Christian Schmidt, Journalist, Texter f\u00fcr Non-Profit-Organisationen und Buchautor. Freischaffend aus \u00dcberzeugung. Diverse Auszeichnungen, u. a. Z\u00fcrcher Journalistenpreis.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In der Schweiz werden j\u00e4hrlich 71 Millionen Tiere geschlachtet. 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