{"id":63047,"date":"2021-01-08T17:15:03","date_gmt":"2021-01-08T16:15:03","guid":{"rendered":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/?p=63047"},"modified":"2021-01-11T09:08:55","modified_gmt":"2021-01-11T08:08:55","slug":"wildhueter-der-grossstadt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/hintergrund\/63047\/wildhueter-der-grossstadt\/","title":{"rendered":"Wildh\u00fcter der Grossstadt"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Affen, Riesenschlangen, Kaimane, Ozelots: Rio de Janeiro liegt wie keine zweite Stadt der Welt in der Wildnis \u2013 und die Wildnis liegt in Rio. Drei M\u00e4nner k\u00e4mpfen f\u00fcr den Erhalt und Schutz der einzigartigen Tierwelt in der brasilianischen Metropole, die immer unkontrollierter w\u00e4chst.<\/strong><\/p>\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Jefferson Pires \u2013 Der Arzt der wilden Tiere<\/h2>\n\n<p>Die vier Affen k\u00f6nnen es kaum erwarten, dass ihre K\u00e4fige ge\u00f6ffnet werden. Aufgeregt springen sie zwischen den Gittern umher und recken neugierig die K\u00f6pfe. Die Primaten haben gerade eine einst\u00fcndige Fahrt durch Rio de Janeiro auf der Ladefl\u00e4che eines Pick-up-Trucks hinter sich. Nun stehen ihre K\u00e4fige am Rande des Nationalparks von Tijuca. Die Tiere sp\u00fcren die N\u00e4he ihrer nat\u00fcrlichen Heimat. Als Beamte von Rios Umweltpatrouille die K\u00e4figt\u00fcren \u00f6ffnen, sind die Affen mit einem Satz im Wald, klettern auf B\u00e4ume und kreischen.<\/p>\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large  caption-style-medium caption-alignment-center\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"683\" src=\"https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/c4b7f9b3-em_5254_200929_lores-1024x683.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-63115\"\/><figcaption>Beamte der Umweltpatrouille bereiten die Tiere f\u00fcr die Auswilderung vor. <strong>\u00a9 Evgeny Makarov<\/strong><\/figcaption><\/figure>\n\n<p>Die vier Befreiten sind Schwarze Kapuziner, eine gef\u00e4hrdete Affen-Art, die durch ihren lustig nach oben stehenden Haarschopf auff\u00e4llt. Sie ziehen in Gruppen von bis zu 20 Tieren durch die K\u00fcstenw\u00e4lder des s\u00fcd\u00f6stlichen Brasiliens und ern\u00e4hren sich von Fr\u00fcchten, kleinen Wirbeltieren und Insekten. Fast ihr gesamtes Leben verbringen sie auf B\u00e4umen \u2013 und dabei passieren Unf\u00e4lle. Denn so beh\u00e4nde die Affen sind, manchmal st\u00fcrzen sie herunter und verletzen sich schwer. Sie verkalkulieren sich bei Spr\u00fcngen oder w\u00e4hlen einen morschen Ast. Bei Auseinandersetzungen mit Rivalen k\u00f6nnen sie tiefe Bisswunden erleiden.<\/p>\n\n<p>\u00abDie meisten l\u00e4dierten Tiere haben kaum eine Chance und verenden schmerzvoll\u00bb, sagt Jefferson Pires. \u00abDie Natur kann grausam sein.\u00bb Nur wenige haben das Gl\u00fcck, gefunden zu werden und bei ihm, Pires, zu landen. Der 40-J\u00e4hrige ist Veterin\u00e4r und Spezialist f\u00fcr Wildtiere. Im Laufe seiner Karriere hatte er schon alles auf dem Operationstisch: vom f\u00fcnf Gramm schweren Kolibri bis zur 230 Kilogramm schweren Schildkr\u00f6te. Auch die Affen, die an diesem Tag wieder in den Wald entlassen wurden, waren in seiner Obhut. \u00abSie hatten verschiedene Frakturen\u00bb, erkl\u00e4rt Pires. \u00abEinen angebrochenen Kiefer, einen angeknacksten R\u00fccken, einige Wunden.\u00bb<\/p>\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large  caption-style-medium caption-alignment-center\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"683\" src=\"https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/2ac0b8d9-em_3896_200826_lores-1024x683.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-63080\"\/><figcaption>Jefferson Pires untersucht ein gerade gebrachtes Stachelschwein. \u00a9 Evgeny Makarov<\/figcaption><\/figure>\n\n<p>Pires, der Vollbart und Glatze tr\u00e4gt, arbeitet im Rehabilitationszentrum f\u00fcr Wildtiere (CRAS), das am westlichen Stadtrand von Rio liegt und zu einer privaten Universit\u00e4t geh\u00f6rt. Er vergleicht die Klinik mit einer kleinen Arche Noah, so viele unterschiedliche Tiere gebe es hier. Und so streng riecht es auch. Beim Eintreten trifft man gleich auf mehrere Habichte und Geierfalken, die in einer Voliere sitzen. Auch ein seltener Wei\u00dfschwanzbussard thront hier stolz auf einem Baumstumpf. Sie alle wurden von Rios Umweltpatrouille aufgelesen. <\/p>\n\n<p>Auf einem kleinen Hof und in einem gekachelten Raum gibt es Dutzende weitere K\u00e4fige und in die Wand eingelassene Boxen. Darin sitzen oder liegen Eulen, Leguane, Affen, ein Faultier, Stachelschweine, ein Ameisenb\u00e4r, ein Wasserschwein. Auch ein ver\u00e4ngstigter Fuchs kauert in einem K\u00e4fig. Pires musste ihm eine Pfote amputieren. \u00abWir platzen aus allen N\u00e4hten\u00bb, sagt Pires. \u00abEs werden mehr Tiere eingeliefert, als Platz da ist. Deswegen improvisieren wir.\u00bb<\/p>\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large  caption-style-medium caption-alignment-center\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"683\" src=\"https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/a8ba6a5a-em_8433_201020_lores-1024x683.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-63081\"\/><figcaption>Ein Stachelschwein wartet geheilt und entspannt auf seine Auswilderung. \u00a9 Evgeny Makarov<\/figcaption><\/figure>\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large  caption-style-medium caption-alignment-center\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"683\" src=\"https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/ba65cf01-em_8547_201020_lores-1024x683.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-63082\"\/><figcaption>Es ist nicht das einzige seiner Art im Rehabilitationszentrum. \u00a9 Evgeny Makarov<\/figcaption><\/figure>\n\n<p>Erst am Abend zuvor nahm Pires eine zwei Meter lange Riesenboa mit schweren Brandwunden in Empfang. Sie liegt nun zusammengerollt in einer Kiste. In ihren Wunden vermehrten sich bereits Larven, die die Schlange auffressen w\u00fcrden, wenn man sie nicht gefunden h\u00e4tte. Pires setzt ihre Behandlung noch f\u00fcr den Vormittag an.<\/p>\n\n<p>Es mag erstaunlich klingen, aber all diese Tiere sind Bewohner von Rio de Janeiro. Und Jefferson Pires ist ihr Arzt: ein Dschungel-Doktor mitten in der Gro\u00dfstadt. Er und sein Team \u2013 es sind Studenten der Veterin\u00e4r-Fakult\u00e4t, \u2013 haben schon Tausenden Wildtieren das Leben gerettet. Als \u00abDr. Dolittle\u00bb hat ihn die zweitgr\u00f6\u00dfte Zeitung Brasiliens, \u00abO Globo\u00bb, einmal bezeichnet.<\/p>\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Wildes Rio<\/h3>\n\n<p>Tats\u00e4chlich liegt Rio de Janeiro wie keine zweite Stadt der Welt in der Wildnis \u2013 und die Wildnis liegt in Rio. Rund zw\u00f6lf Millionen Menschen leben im Gro\u00dfraum der Metropole, die f\u00fcr die Copacabana, den Karneval, die Christusstatue und ihre Favelas ber\u00fchmt und ber\u00fcchtigt ist. Aber kaum einer wei\u00df, dass Rio auch eine einzigartige Flora und Fauna hat.<\/p>\n\n<p>Zu Rios tierischen Bewohnern z\u00e4hlen verschiedene Primaten, Kaimane, gro\u00dfe W\u00fcrge- und kleine Giftschlangen, Wildkatzen wie Ozelots, Hunderte Vogelarten, Nagetiere und Schildkr\u00f6ten. Es kann einem hier passieren, dass man morgens auf dem Balkon Besuch von einer Bande B\u00fcschelaffen bekommt, die es auf die Fr\u00fchst\u00fccksbananen abgesehen haben; dass am Nachmittag ein Dutzend knallgr\u00fcner Sittiche und ein buntes Tukan-P\u00e4rchen vorbeischauen; und sich am Abend zwei Beutelratten \u2013 sie sind Kletterspezialisten \u2013 um das \u00fcbrig gebliebene Katzenfutter streiten.<\/p>\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large  caption-style-medium caption-alignment-center\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"683\" src=\"https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/03401061-em_4021_200831_lores-1024x683.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-63084\"\/><figcaption>Ein Capivara mit Vogel auf dem R\u00fccken auf einem Fu\u00dfball Platz in Rio,  Barra da Tijuca. \u00a9 Evgeny Makarov<\/figcaption><\/figure>\n\n<p>Von Rios Str\u00e4nden aus kann man vorbeiziehende Wale beobachten, und in der riesigen Guanabara-Bucht trotzen ein paar Delfine der extremen Verschmutzung. Wenn der Winter einzieht, tauchen sogar Seek\u00fche und Pinguine an den Stadtstr\u00e4nden auf.<\/p>\n\n<p>Menschen und Tiere sind in Rio also enge Nachbarn. Diese Artenvielfalt wird erm\u00f6glicht durch die einzigartige Topografie Rios. Sie ist gepr\u00e4gt von dicht bewaldeten Bergketten, spektakul\u00e4ren Felsformationen, kilometerlangen Str\u00e4nden sowie ausgedehnten Binnengew\u00e4ssern. Mit dem Nationalpark von Tijuca und dem Pedra-Branca-Schutzgebiet hat Rio den gr\u00f6\u00dften innerst\u00e4dtischen Dschungel der Welt. Gemeinsam messen sie 165 Quadratkilometer und sind damit viereinhalb mal so gro\u00df wie Basel-Stadt. K\u00fcrzlich wurde hier sogar ein Puma gesichtet.<\/p>\n\n<p>Die \u00dcppigkeit ist umso erstaunlicher, weil es Mitte des 19. Jahrhunderts keinen Wald mehr in Rio gab. Er war komplett f\u00fcr riesige Kaffeeplantagen gerodet worden. Als der Kahlschlag dann zu Trockenheit und Mangel an Trinkwasser f\u00fchrte, beschloss Kaiser Dom Pedro II. die Wiederaufforstung der Region. Unter Anleitung von Milit\u00e4rs pflanzten Sklaven ab 1862 \u00fcber 100 000 Setzlinge des hier heimischen atlantischen Regenwalds. Es war eins der ersten gro\u00dfen Aufforstungsprojekte der Welt. Die Erholung dauert im Grunde bis heute an, etwa wenn verschwundene Tierarten wie Aras oder Landschildkr\u00f6ten neu angesiedelt werden.<\/p>\n\n<p>Doch so harmonisch all das klingen mag \u2013 Rios Wildnis ist in gro\u00dfer Gefahr. Die Stadt dehnt sich unaufhaltsam aus, w\u00e4chst unkontrolliert und oft illegal. Immer n\u00e4her dr\u00e4ngt sie an die Ufer der Lagunen heran, immer tiefer expandiert sie in den Wald. Es werden H\u00e4user und Wohnblocks errichtet, h\u00e4ufig illegal. Neue Favelas entstehen, B\u00e4ume werden gef\u00e4llt, Fl\u00e4chen asphaltiert, Feuchtgebiete ausgetrocknet, Stromleitungen gespannt. Parallel nimmt die Verschmutzung erschreckende Ausma\u00dfe an. Immer mehr M\u00fcll landet in der Umwelt, Abw\u00e4sser flie\u00dfen ungekl\u00e4rt in Fl\u00fcsse und Lagunen, manche Str\u00f6me sind schon regelrecht verstopft von Plastikm\u00fcll. Der Lebensraum der Tiere schrumpft dadurch nicht nur dramatisch, er wird auch immer schmutziger, giftiger und gef\u00e4hrlicher.<\/p>\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Opfer der Ausdehnung<\/h3>\n\n<p>Jefferson Pires k\u00fcmmert sich in seiner Klinik um die Tiere, die beim urbanen Wachstum unter die R\u00e4der geraten. Sie sind die ersten Opfer des Zusammenpralls zwischen Stadt und Wildnis. Neun verletzte, kranke oder verirrte Tiere werden bei ihm pro Tag im Durchschnitt eingeliefert. Die meisten werden von der Umweltpatrouille gebracht, andere von verantwortungsbewussten B\u00fcrgern. \u00abEin Drittel \u00fcberlebt nicht\u00bb, sagt Pires. \u00abEin weiteres Drittel ist so schwer beeintr\u00e4chtigt, dass es nur in einem Zoo oder Tierhospiz weiterleben kann. Ein Drittel wird erfolgreich wiederhergestellt. Ich glaube, das ist eine gute Rate, wenn man bedenkt, dass Tausende Tiere unbemerkt in der Wildnis verenden.\u00bb<\/p>\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large  caption-style-medium caption-alignment-center\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"683\" src=\"https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/326d5013-em_7591_201020_lores-1024x683.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-63088\"\/><figcaption>Ein Baby Opossum wird gef\u00fcttert. Opossums sind mit die h\u00e4ufigsten Tiere, die ins Rehabilitationszentrum f\u00fcr Wildtiere (CRAS) gebracht werden. \u00a9 Evgeny Makarov<\/figcaption><\/figure>\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large  caption-style-medium caption-alignment-center\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"683\" src=\"https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/55751b1f-em_5690_200929_lores-1024x683.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-63087\"\/><figcaption>Auch sie werden nach ihrem Aufenthalt wieder ausgewildert. \u00a9 Evgeny Makarov<\/figcaption><\/figure>\n\n<p>Unter Pires&#8216; Patienten sind viele Beutelratten, die sich in Rio stark vermehren und auf der Suche nach Nahrung in H\u00e4user und Wohnungen eindringen; aber auch immer wieder V\u00f6gel, die in Stromleitungen oder die scharfen Schn\u00fcre von Papierdrachen fliegen und sich die Fl\u00fcgel brechen. Gute Kletterer wie Affen und Faultiere werden h\u00e4ufig durch Stromschl\u00e4ge schwer verletzt, weil in Rio viele Leitungen zu nah beieinander gespannt und nicht isoliert sind. Es kommen kleine S\u00e4ugetiere wie Stachelschweine, die von Hunden angefallen wurden. Oder die Capivara genannten Wasserschweine \u2013 es sind die gr\u00f6\u00dften Nager der Welt \u2013, die von Wassertaxis oder Sportbooten verletzt wurden. Auch ein Faultier war schon bei Pires, das es fertiggebracht hatte, sich die Nase zu brechen. \u00abNormalerweise haben sie Arm- und Beinfrakturen, wenn sie vom Baum fallen\u00bb, sagt Pires. Er behandelte auch schon eine Gruppe Affen mit Gelbfieber.<\/p>\n\n<p>Pires&#8216; spektakul\u00e4rster Fall war jedoch ein Geieradler, der eine Kugel im Herzen hatte, das noch schlug. Pires operierte sie heraus und der Vogel \u00fcberlebte. Als seine ungew\u00f6hnlichsten Patienten bezeichnet er ein Seepferdchen mit einer Entz\u00fcndung sowie eine Vogelspinne mit einer Hautinfektion.<\/p>\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large  caption-style-medium caption-alignment-center\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"683\" src=\"https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/e17783b9-em_7617_201020_lores-1024x683.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-63090\"\/><figcaption>Auch Eulen geh\u00f6rten schon zu Jefferson Pires&#8216; Patienten. \u00a9 Evgeny Makarov<\/figcaption><\/figure>\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">\u00abJ\u00f6\u00f6\u00bb-Bonus f\u00fcr \u00c4ffchen<\/h3>\n\n<p>So sehr sich Pires jedoch bem\u00fcht, viele Tier sind nicht mehr zu retten. Am Nachmittag bringt die Umweltpatrouille ein junges, v\u00f6llig zerzaustes B\u00fcschel\u00e4ffchen in einem Pappkarton. Pires zieht an seinen Beinen und schlie\u00dft aus der fehlenden Reaktion, dass sein R\u00fcckgrat gebrochen sein muss. Er bittet eine Studentin, dem Tier eine Morphinspritze zu geben. Sollte sich seine Diagnose nach einer R\u00f6ntgenaufnahme best\u00e4tigen, muss er das \u00c4ffchen einschl\u00e4fern.<\/p>\n\n<p>\u00abF\u00fcr die Natur w\u00e4re sein Tod nicht allzu tragisch\u00bb, sagt Pires. Diese Art von B\u00fcschelaffen sei aus dem n\u00f6rdlicheren Bundesstaat Bahia eingeschleppt worden, nun verdr\u00e4ngten sie die Goldenen L\u00f6wen\u00e4ffchen, die vom Aussterben bedroht seien. Au\u00dferdem pl\u00fcnderten sie Vogelnester. \u00abJedes dieser \u00c4ffchen wird Hunderte Vogeleier essen und Jungv\u00f6gel t\u00f6ten\u00bb, sagt Pires. Deswegen w\u00e4re es vielleicht besser, die verletzten B\u00fcschelaffen einzuschl\u00e4fern. Allerdings, schr\u00e4nkt er gleich ein, sei dies gesellschaftlich kaum durchzusetzen. \u00abDie Menschen finden die \u00c4ffchen s\u00fc\u00df und f\u00fcttern sie. Kaum einer wei\u00df, dass sie eine Plage sind. Die Leute romantisieren die Natur.\u00bb<\/p>\n\n<p>Pires holt jetzt die Riesenboa aus ihrer Plastikbox, umfasst ihren Kopf, damit sie nicht zubei\u00dfen kann, denn neben ihrer enormen Kraft, mit der sie ihre Opfer umschlingt, hat sie einige scharfe Z\u00e4hne. Die zwei Meter lange Schlange ist gro\u00dffl\u00e4chig verbrannt, ihr rohes Fleisch ist sichtbar und sie blutet. Was ihr zugesto\u00dfen ist, kann Pires nur erahnen, eventuell ein Buschfeuer. Gegen die Larven in ihren Wunden hat er ihr ein Medikament verabreicht und zupft nun die toten Parasiten aus dem K\u00f6rper.<\/p>\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large  caption-style-medium caption-alignment-center\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"683\" src=\"https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/aa592d9c-em_8175_201020_lores-1024x683.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-63083\"\/><figcaption>Das Team um Jefferson behandelt eine Boa, die mit schweren Verbrennungen eingeliefert wurde. \u00a9 Evgeny Makarov<\/figcaption><\/figure>\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large  caption-style-medium caption-alignment-center\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"683\" src=\"https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/c8768f05-em_8306_201020_lores-1024x683.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-63092\"\/><figcaption>Vorsicht ist geboten im Umgang mit der Schlange. \u00a9 Evgeny Makarov<\/figcaption><\/figure>\n\n<p>Dann horcht er mit einem Stethoskop nach dem Herz der Schlange und gibt ihr eine Narkose-Spritze. Als die Schlange schlaff ist, wird sie auf den Hof getragen und mit Wasser gewaschen. Dann cremt Pires sie mit einer Spezialsalbe ein und verbindet sie. \u00abSie wird den Verband nicht m\u00f6gen und versuchen, ihn abzustreifen, aber da muss sie jetzt durch.\u00bb Pires hofft, dass die Wunden der Schlange heilen und ihre Schuppenhaut nachw\u00e4chst.<\/p>\n\n<p>Am Nachmittag l\u00e4sst er dann eine Schildkr\u00f6te, einen Habicht, zwei Geier und zwei Tejus r\u00f6ntgen, eine gro\u00dfe Echsenart. Auf den Aufnahmen sieht er, dass die Schildkr\u00f6te vier Eier im Leib tr\u00e4g, aber sie nicht legen kann, weil sich ihre Vagina nach Au\u00dfen gest\u00fclpt hat. Die V\u00f6gel haben Fl\u00fcgelfrakturen, der Habicht hat dazu noch die Kugel eines Luftgewehrs im Leib und einer der Geier gro\u00dfe Teile eines Stacheldrahtzauns in den Ged\u00e4rmen. Die Echsen haben jeweils Beinfrakturen. Er wird versuchen, sie alle zu retten.<\/p>\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large  caption-style-medium caption-alignment-center\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"683\" src=\"https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/dfd53ec9-em_7815_201020_lores-1024x683.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-63093\"\/><figcaption>Eine Schildkr\u00f6te bei der R\u00f6ntgenuntersuchung. Die vier Eier sind deutlich zu sehen. \u00a9 Evgeny Makarov<\/figcaption><\/figure>\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large  caption-style-medium caption-alignment-center\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"683\" src=\"https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/bc96ce94-em_7960_201020_lores-1024x683.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-63094\"\/><figcaption>Jefferson Pires und sein Team werten die R\u00f6ntgenaufnahmen einer Echse aus. \u00a9 Evgeny Makarov<\/figcaption><\/figure>\n\n<p>\u00abIch mag an meiner Arbeit, dass ich helfen kann\u00bb, sagt Pires. \u00abUnd die Abwechslung. Ich verdiene zwar weniger als ein Veterin\u00e4r, der sich um Zuchtvieh k\u00fcmmert, aber ich bin gl\u00fccklich mit dem, was ich tue.\u00bb<\/p>\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Ricardo Freitas \u2013 Doktor Kaiman<\/h2>\n\n<p>Ein Tier, das Pires nur selten zusammenflickt, ist der Kaiman. Rund zehn von ihnen behandelt er pro Jahr, die meisten hatten Unf\u00e4lle mit Autos. Die Tiere werden dann h\u00e4ufig von einem Mann gebracht, den sie in Rio \u00abDr. Jacar\u00e9\u00bb nennen. Zu Deutsch: Dr. Kaiman.<\/p>\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large  caption-style-medium caption-alignment-center\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"683\" src=\"https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/bb2128bb-em_8974_201021_lores-1024x683.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-63097\"\/><figcaption>Ricardo Freitas (41) &#8211; Biologe mit Spezialgebiet Reptilien unterwegs in der Marapendi-Lagune. \u00a9 Evgeny Makarov<\/figcaption><\/figure>\n\n<p>Sein richtiger Name ist Ricardo Freitas, und er blickt eines Morgens von einer Fu\u00dfg\u00e4ngerbr\u00fccke hinunter auf einen stinkenden Kanal voller schmutzig grauem Wasser. In der Br\u00fche und an den Ufern d\u00f6sen circa zwei Dutzend Kaimane in den unterschiedlichsten Gr\u00f6\u00dfen. Sie alle warten darauf, dass Passanten von der Br\u00fccke Essen ins Wasser werfen. \u00abDie Stadt beschr\u00e4nkt den Lebensraum der Tiere nicht nur, sondern ver\u00e4ndert auch ihre Gewohnheiten\u00bb, sagt Freitas. \u00abKaimane sind die letzten gro\u00dfen Raubtiere Rios. Aber sie leben heute in einer Kloake und werden gef\u00fcttert. Die Menschen glauben, sie w\u00fcrden ihnen damit Gutes tun.\u00bb<\/p>\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large  caption-style-medium caption-alignment-center\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"683\" src=\"https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/91a98d37-em_3996_200831_lores-1024x683.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-63103\"\/><figcaption>Dutzende Kaimane unter der Fu\u00dfg\u00e4ngerbr\u00fccke. \u00a9 Evgeny Makarov<\/figcaption><\/figure>\n\n<p>Der 41-j\u00e4hrige Freitas ist Biologe mit dem Spezialgebiet Reptilien und einer der f\u00fchrenden Kaiman-Experten Brasiliens. Nach dem Studium gr\u00fcndete er das \u00abInstituto Jacar\u00e9\u00bb, dessen Chef er bis heute ist. Aber wie Jefferson Pires, der Wildtier-Arzt, ist auch Freitas ein Einzelk\u00e4mpfer. Von der Stadt bekommt er keine Unterst\u00fctzung f\u00fcr seine Mission: den Schutz und die bessere Erforschung der rund 6000 Kaimane Rios.<\/p>\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">F\u00e4kaler Lebensraum<\/h3>\n\n<p>Die Tiere geh\u00f6ren zur Familie der Krokodile, unterscheiden sich aber von echten Krokodilen und Alligatoren dadurch, dass sie kleiner sind (die gr\u00f6\u00dften Exemplare werden bis zu drei Meter lang), k\u00fcrzer leben (bis zu 30 Jahre) und ausschlie\u00dflich in S\u00fcdamerika vorkommen. In Rio de Janeiro sind sie vor allem in den gro\u00dfen Lagunen im Westen der Stadt heimisch. Hier gibt es sogar ein Stadtviertel, das Jacar\u00e9pagua hei\u00dft: Kaiman im Wasser.<\/p>\n\n<p>Die gesamte Region erlebt seit einigen Jahrzehnten ein rasantes Wachstum, das ohne R\u00fccksicht auf die Umwelt stattfindet. Es wurden Hunderte Apartmentblocks und Hotels, mehrere vierspurige Stra\u00dfen und Shoppingcenter f\u00fcr die Reichen gebaut. Ebenso stark wuchsen die Favelas. Dort leben die Hausbediensteten der Wohlhabenden und die Verk\u00e4ufer aus den Einkaufszentren.<\/p>\n\n<p>Von allen Seiten werden die Lagunen also bedr\u00e4ngt, was dazu gef\u00fchrt hat, dass der Lebensraum der Kaimane enorm geschrumpft ist. \u00abEs ist kein Wunder\u00bb, sagt Ricardo Freitas, \u00abdass sie nun in Parks, Wohnanlagen, Swimmingpools und auf Golfpl\u00e4tzen auftauchen. Sie benutzen sogar die Abwasserrohre als unterirdisches Wegenetz.\u00bb H\u00e4ufig wird Freitas, ein klein gewachsener aber umso kr\u00e4ftigerer Typ, nun angerufen, damit er die Tiere einsammelt und wieder in eine der Lagunen entl\u00e4sst. Er legt Wert auf die Feststellung, dass nicht die Kaimane auf menschliches Terrain vordringen, sondern die Menschen sich im Habitat der Reptilien breit machen.<\/p>\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-resized  caption-style-medium caption-alignment-center\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/af3ebefb-em_4052_200831_lores-1024x683.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-63100\" width=\"795\" height=\"530\"\/><figcaption>Zwischen Velos und Plastikbeh\u00e4ltern zieht ein Kaiman seine Runde. <strong>\u00a9 Evgeny Makarov<\/strong><\/figcaption><\/figure>\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large  caption-style-medium caption-alignment-center\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"683\" src=\"https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/733db9bf-em_3944_200831_lores-1024x683.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-63098\"\/><figcaption>Zu Dutzenden schwimmen sie im schmutzigen Abflusswasser von Rio. \u00a9 Evgeny Makarov<\/figcaption><\/figure>\n\n<p>Seine Faszination f\u00fcr die Kaimane erkl\u00e4rt Freitas damit, dass es nicht nur sch\u00f6ne Tiere seien, sondern ihre Geschichte bis zu den Dinosauriern zur\u00fcckreiche. Deswegen gel\u00e4nge es ihnen, unter widrigsten Umst\u00e4nden zu existieren. \u00abSie sind \u00dcberlebensk\u00fcnstler\u00bb, sagt Freitas. \u00abAm erstaunlichsten ist, dass sie an einigen Orten in Rio wortw\u00f6rtlich in der Schei\u00dfe leben.\u00bb<\/p>\n\n<p>Tats\u00e4chlich flie\u00dfen die ungekl\u00e4rten Abw\u00e4sser von Millionen von Menschen in die Lagunen und ihre Verbindungskan\u00e4le. \u00abEs sind Latrinen geworden\u00bb, sagt Freitas. Obwohl einige der besseren Wohnanlagen ihre Abw\u00e4sser kl\u00e4ren, tun es viele nicht und zahlen stattdessen eine Strafe. Aus den Favelas str\u00f6mt das Schmutzwasser ohnehin direkt in die Gew\u00e4sser. Dieser konstante Zufluss von Feststoffen hat dazu gef\u00fchrt, dass die Lagunen ein bis zwei Meter an Tiefe verloren haben und vielerorts verschlammt sind. Die F\u00e4kalien f\u00fchren zu Zersetzungsprozessen auf dem Grund der Lagunen und zur Bildung von Gasen, die an zahlreichen Stellen aufsteigen. Es blubbert regelrecht. Auch im Kanal unter der Kaiman-Br\u00fccke sieht man dieses Ph\u00e4nomen.<\/p>\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Ged\u00e4rme voller Plastik<\/h3>\n\n<p>\u00abDie Kaimane schaffen es, in diesen Latrinen zu leben, weil sie extrem hart im Nehmen sind\u00bb, erkl\u00e4rt Ricardo Freitas. Allerdings fressen sie neben ihrer nat\u00fcrlichen Nahrung wie Fischen, Krustentieren, V\u00f6geln und kleinen S\u00e4ugern auch immer mehr Plastikm\u00fcll, der ihnen die Ged\u00e4rme verstopft. \u00abSie haben keine Zunge und keinen Geschmackssinn\u00bb, sagt Freitas.<\/p>\n\n<p>Wegen der Verstopfung schwellen h\u00e4ufig die B\u00e4uche der Tiere an. \u00abViele Leute denken dann, die Tiere seien gut ern\u00e4hrt\u00bb, sagt Freitas. Aber einen gesunden Kaiman erkenne man an seinem kr\u00e4ftigen Schwanz und an seiner gl\u00e4nzenden Haut. Die Kaimane unten im Kanal haben stumpfe gr\u00e4uliche Schuppen. Freitas sch\u00e4tzt, dass 70 Prozent der Tiere Plastik im Magen haben.<\/p>\n\n<p>Ein anderes Problem ist die Vorliebe der Kaimane f\u00fcr die W\u00e4rme, die von den F\u00e4ulnisprozessen im Wasser erzeugt wird. Sie liegen deswegen oft dort, wo besonders viele Gase aufsteigen. Und legen dort auch ihre Eier ab. Es hat den Effekt, dass \u00fcberproportional viele M\u00e4nnchen geboren werden, weil es von der Bruttemperatur der Eiergelege abh\u00e4ngt, welches Geschlecht der Nachwuchs hat. \u00abKaimane haben keine Geschlechtschromosomen, Temperaturen \u00fcber 31 Grad beg\u00fcnstigen das Entstehen von M\u00e4nnchen, Temperaturen darunter das von Weibchen\u00bb, sagt Freitas.<\/p>\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large  caption-style-medium caption-alignment-center\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"683\" src=\"https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/01059fef-em_4037_200831_lores-1024x683.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-63101\"\/><figcaption>Ein Kaiman wartet auf Futter, das ihm von Bewohner*innen zugeschmissen wird. <strong>\u00a9 Evgeny Makarov<\/strong><\/figcaption><\/figure>\n\n<p>Von der Kaiman-Br\u00fccke wirft jetzt ein Kind trockene Croissants ins Wasser. Freitas runzelt die Stirn, er hat es aufgegeben, den Leuten zu sagen, dass sie den Tieren damit schaden. Ein Schild, dass das F\u00fcttern der Tiere untersagt, wird einfach ignoriert. Die Kaimane sind eine lokale Touristenattraktion geworden. Manchmal k\u00e4men Fleischer, sagt Freitas, die ihre Schlachtabf\u00e4lle ins Wasser kippten. Auch Geschichten von Leuten, die \u00abzum Spa\u00df\u00bb Hunde und Katzen ins Wasser schmissen, hat er schon geh\u00f6rt. Unter den Tieren im Kanal bricht nun ein kleiner Tumult aus, bei dem die gr\u00f6\u00dferen Kaimane nach den kleineren schnappen, was zu lebensbedrohliche Bisswunden f\u00fchren kann. \u00abEigentlich m\u00fcsste hier immer jemand stehen, der die F\u00fctterungen unterbindet\u00bb, sagt Freitas. Das Verhalten der Tiere sei bereits stark modifiziert.<\/p>\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Ein Kuss f\u00fcr den Kaiman<\/h3>\n\n<p>Einige Tage sp\u00e4ter steht Freitas mit einem Mitarbeiter seines Instituts an einem Anleger an der Lagoa de Marapendi. Es ist die sauberste Lagune im Westen Rios, weil sie am wenigsten zugebaut ist. W\u00e4hrend die Dunkelheit hereinbricht, besteigen die beiden ein Boot und fahren rund 20 Minuten, bis sie zu einer kleinen Bucht. Im Wasser und am Ufer blitzen immer wieder Augenpaare im Schein ihrer Kopflampen auf. Es sind Kaiman-Augen.<\/p>\n\n<p>Paddelnd n\u00e4hern sich die M\u00e4nner nun den Tieren, die in der Dunkelheit nur schlecht sehen und durch das Licht geblendet werden. Mit einer Schlinge an einem langen Stab, die er ruckartig zuzieht, versucht Freitas nun mehrfach, eins der Reptilien zu fangen. Aber die Kaimane sind heute schneller, \u2013 sie haben im Unterkiefer feine Sensoren, mit denen sie jede Bewegung im Wasser wahrnehmen \u2013 und ziehen ihre K\u00f6pfe blitzschnell zur\u00fcck.<\/p>\n\n<p>Erst nach einer Weile ist Freitas bei einem Jungtier erfolgreich. Der 70 Zentimeter lange Kaiman windet sich, gluckst und quiekt. Freitas zieht ihn ins Boot und wickelt Klebeband um sein Maul, damit er nicht zubei\u00dft. \u00abEin ausgewachsener Kaiman kann eine Bissst\u00e4rke von einer Tonne haben\u00bb, sagt Freitas. \u00abDieser Kamerad ist nat\u00fcrlich schw\u00e4cher, aber ich will es nicht riskieren.\u00bb<\/p>\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large  caption-style-medium caption-alignment-center\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"683\" src=\"https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/43604afb-em_9541_201021_lores-1024x683.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-63105\"\/><figcaption>Ricardo Freitas nachts bei der Jagd nach Kaimanen. <strong>\u00a9 Evgeny Makarov<\/strong><\/figcaption><\/figure>\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large  caption-style-medium caption-alignment-center\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"683\" src=\"https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/7a88fda3-em_9434_201021_lores-1024x683.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-63104\"\/><figcaption>Die Tiere werden vermessen und markiert, bevor er sie wieder ins Wasser entl\u00e4sst. <strong>\u00a9 Evgeny Makarov<\/strong><\/figcaption><\/figure>\n\n<p>Mit einem Ma\u00dfband vermisst Freitas das Tier, bestimmt sein Geschlecht und schneidet ihm schlie\u00dflich mit einer scharfen Klinge an zwei Stellen des Schwanzes Schuppen heraus. \u201e\u00abDas macht ihm gar nichts\u00bb, sagt Freitas. \u00abEs blutet ein wenig, dann verheilt es.\u00bb Er notiert, welche Schuppen er herausgetrennt hat, so kann er den Kaiman immer wieder identifizieren. Die Schuppen packt er in eine Plastikt\u00fcte, um sie sp\u00e4ter im Labor zu untersuchen. Dann gibt er dem Kaiman einen Kuss auf die Schnauze und l\u00e4sst ihn zur\u00fcck ins Wasser.<\/p>\n\n<p>\u00abVon den rund 6000 Kaimanen in Rio habe ich etwa 700 erfasst\u00bb, sagt Freitas. Wie notwendig dieses Monitoring ist, verdeutlichte ein Ereignis wenige Tage vor unserem Besuch. Ein Fischer fand rund 15 tote Kaimane in der Bucht, ihre Kadaver lagen versteckt im Unterholz. Offenbar hatte jemand sie dort abgelegt, um sie sp\u00e4ter abzuholen und ihr Fleisch zu verkaufen. \u00ab\u00dcblicherweise benutzen die illegalen J\u00e4ger Netze, mit denen sie die Kaimane unter Wasser zwingen und sie ertrinken lassen. Rio ist in weiten Teilen ein rechtloser Raum\u00bb, sagt Freitas.<\/p>\n\n<p>Seine Arbeit finanziert er, indem er private Kurse \u00fcber Kaimane und Touren zu den Tieren anbietet. \u00abEs ist meine Aufgabe, die Menschen \u00fcber diese fantastischen Burschen aufzukl\u00e4ren, die immer mehr leiden\u00bb, sagt er. Der Stadt ist sein Engagement ein Dorn im Auge. So behauptet eine Stadtverordnete, er misshandle die Tiere, wenn er sie markiere. \u00abMeine Arbeit wird von einem inkompetenten Rathaus sabotiert\u00bb, sagt Freitas. \u00abAls Umweltsch\u00fctzer bist du in Rio echt einsam.\u00bb Es sei die Liebe zur Wissenschaft und zu den Tieren, die ihn ermutige, weiterzumachen.<\/p>\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large  caption-style-medium caption-alignment-center\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"683\" src=\"https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/89f486bc-em_9115_201021_lores-1024x683.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-63106\"\/><figcaption>Ricardo Freitas beim Morgengrauen nach dem Ausflug zu den Kaimanen. <strong>\u00a9 Evgeny Makarov<\/strong><\/figcaption><\/figure>\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Mario Moscatelli \u2013 Der Retter der Mangroven<\/h2>\n\n<p>Fr\u00fch am Morgen trifft Mario Moscatelli auf dem Helikopter-Flughafen im Westen Rios ein. Der 56-j\u00e4hrige, der einen Blaumann und Crocs tr\u00e4gt, ist der prominenteste Biologe der Stadt. Er wurde bekannt, als er vor mehreren Jahren auf eigene Faust verschiedene Aufforstungsprogramme f\u00fcr zerst\u00f6rte Mangrovenw\u00e4lder an den K\u00fcsten Rios startete. Mit der Zeit wurden daraus mehrere Hundert Hektar Wald.<\/p>\n\n<p>Heute ber\u00e4t Moscatelli Unternehmen, die umweltschonend bauen und wirtschaften wollen. \u00abEs sind nicht viele\u00bb, sagt er. Fast w\u00f6chentlich taucht er in Rios Medien auf. Er wird immer dann angerufen, wenn irgendwo mal wieder Hunderttausende Fische wegen Sauerstoffmangels verendet sind oder von Exkrementen verseuchtes Wasser ins Meer flie\u00dft und das Baden an einigen Str\u00e4nden zum Gesundheitsrisiko macht. Zuletzt stellte Moscatelli die massenhafte Ausbreitung giftiger Cyanobakterien in Rios Lagunen fest, die das Nervensystem und die Leber sch\u00e4digen k\u00f6nnen. Sie sind leicht an ihrer knallig hellgr\u00fcnen Farbe zu erkennen. \u00abEs ist jedes Jahr dasselbe Szenario\u00bb, sagt Moscatelli, \u00abman kann die Uhr danach stellen, aber es passiert nie etwas.\u00bb<\/p>\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large  caption-style-medium caption-alignment-center\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"683\" src=\"https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/4e7e9dfe-em_7314_200930_lores-1024x683.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-63107\"\/><figcaption>Mario Moscatelli (56), Biologe und Umweltsch\u00fctzer, an der Lagoa da Tijuca. \u00a9 Evgeny Makarov<\/figcaption><\/figure>\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large  caption-style-medium caption-alignment-center\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"683\" src=\"https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/2041910f-em_7217_200930_lores-1024x683.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-63108\"\/><figcaption>Phytoplankton und Cyanobakterien, die im Wasser der Lagune nachgewiesen wurden, verleihen ihr die giftgr\u00fcne Farbe und machen das Wasser toxisch f\u00fcr Menschen. <strong>\u00a9 Evgeny Makarov<\/strong><\/figcaption><\/figure>\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Ein Dutzend \u00dcbriggebliebene<\/h3>\n\n<p>Moscatelli setzt sich nun auf den Co-Pilotensessel in einem viersitzigen Helikopter. Kurz darauf heben wir ab. Seit zwei Jahrzehnten unternimmt Moscatelli regelm\u00e4\u00dfige Rundfl\u00fcge \u00fcber Rio, um das unkontrollierte Wachstum der Stadt und die Umweltverbrechen fotografisch zu dokumentieren. Er sagt, mit jedem Flug werde es schlimmer, nie besser.<\/p>\n\n<p>Als Erstes geht es \u00fcber die Lagunen. Moscatelli sagt, es k\u00f6nnten Umweltparadiese sein. Sie k\u00f6nnten Hunderttausende Touristen anziehen, die Wildtiere beobachten und die einzigartige Stimmung genie\u00dfen wollten. Sie k\u00f6nnten Fischern ein Auskommen bieten. Stattdessen sei von ihrer einstigen Artenvielfalt nichts mehr \u00fcbrig. Von 1000 Tierarten seien nur noch einige Dutzend da. \u00abDie Natur spielt f\u00fcr Rios Politik keine Rolle\u00bb, ruft Moscatelli durch die Bordsprechanlage. \u00abSie wird als teures Entwicklungshindernis wahrgenommen.\u00bb<\/p>\n\n<p>Dabei sei das Problem nicht fehlendes Geld zum Bau von Kl\u00e4ranlagen und der Durchsetzung der Umweltgesetze, wie immer behauptet w\u00fcrde, sondern fehlender Wille. \u00abF\u00fcr die WM 2014 und Olympia 2016 waren Milliarden Dollars da. Stell dir vor, ein Teil davon w\u00e4re in den Umweltschutz geflossen \u2013 der Mehrwert f\u00fcr Rio w\u00e4re immens.\u00bb Statt Mehrwert sehen wir von hier oben Hausm\u00fcll, der im Wasser d\u00fcmpelt: Plastik, Sofas, Fernseher, K\u00fchlschr\u00e4nke, Autoreifen. An verschiedenen Stellen ist gut zu erkennen, wie sich die Stadt bis dicht ans Wasser heran gedr\u00e4ngt hat \u2013 und sich andernorts in dicht bewaldete H\u00fcgel ausdehnt. \u00abDas sind von Milizen dominierte Viertel\u00bb, sagt Moscatelli. Ein Gesch\u00e4ftsmodell dieser Milizen, die meist aus Polizisten und Lokalpolitikern bestehen, ist die illegale Besetzung von Land und der Bau irregul\u00e4rer H\u00e4user. Die \u00f6ffentliche Hand kann kaum etwas machen, weil die Milizen stark bewaffnet sind und Fakten schaffen, bevor jemand eingreifen kann.<\/p>\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large  caption-style-medium caption-alignment-center\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"682\" src=\"https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/5a35d375-em_0281_200930_lores-1024x682.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-63109\"\/><figcaption>Mario Moscatelli dokumentiert mit Kamera und Videorecorder den Wachstum der Stadt und die Umweltverbrechen bei einem Kontrollflug mit dem Helikopter \u00fcber Rio. <strong>\u00a9 Evgeny Makarov<\/strong><\/figcaption><\/figure>\n\n<p>\u00abDas organisierte Verbrechen tr\u00e4gt enorm zur Umweltzerst\u00f6rung bei\u00bb, erkl\u00e4rt Moscatelli. Er selbst erhielt vor einigen Jahren Morddrohungen, weil er mit seinen Warnungen die Interessen der Mafias gef\u00e4hrdete. Er ging damals f\u00fcr einige Zeit ins Exil nach Deutschland. \u00abHeute ist es nicht mehr ganz so schlimm\u00bb, sagt Moscatelli. Ein Shoppingcenter \u00fcberzieht ihn derzeit mit Klagen, weil er dessen Wasserentsorgungspraxis \u00f6ffentlich kritisierte.<\/p>\n\n<p>Aus dem Helikopter kann man nun gut die M\u00fcllbarrieren erkennen, die auf Betreiben Moscatellis an mehreren Schl\u00fcsselstellen in den Lagunen angebracht wurden. \u00abAn einer sammelten sich binnen 60 Tagen 120 Tonnen Abfall\u00bb, sagt er. \u00abIch bin Biologe und M\u00fcllmann.\u00bb<\/p>\n\n<p>Der Pilot macht einen Schwenk und fliegt parallel zur K\u00fcste \u00fcbers offene Meer. An mehreren Stellen ist zu sehen, wie braunes Abwasser ins Meer str\u00f6mt. Moscatelli bittet den Piloten, n\u00e4her heran zu fliegen und zu kreisen, damit er Fotos machen kann.<\/p>\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large  caption-style-medium caption-alignment-center\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"683\" src=\"https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/e6300adc-em_6263_200930_lores-1024x683.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-63110\"\/><figcaption>Schmutziges Abwasser flie\u00dft in die Lagune und die Mangroven in Rios Vorzeige-Viertel Barra da Tijuca. <strong>\u00a9 Evgeny Makarov<\/strong><\/figcaption><\/figure>\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Verseuchte Bucht<\/h3>\n\n<p>Nachdem wir Ipanema, Copacabana und den Zuckerhut \u00fcberflogen haben, sind wir \u00fcber der Guanabara-Bucht, einer der gr\u00f6\u00dften Meeresbuchten der Welt. Einst badeten die Bewohner Rios in ihrem Wasser, in dem sich auch Schildkr\u00f6ten und Delfine tummelten. Heute gilt die Bucht wegen zahlreicher Industrie- und Haushaltsabw\u00e4sser als verseucht. \u00abDie Bucht ist das beste Beispiel f\u00fcr den Kollaps der Umweltpolitik\u00bb, sagt Moscatelli. \u00abVor den Olympischen Spielen war versprochen worden, sie zu s\u00e4ubern. Es war eine Riesenl\u00fcge.\u00bb<\/p>\n\n<p>Schlie\u00dflich kreisen wir am Rande der Bucht \u00fcber der einst gr\u00f6\u00dften M\u00fcllhalde S\u00fcdamerikas, dem ber\u00fcchtigten \u00abLix\u00e3o de Gramacho\u00bb. Bevor er vor einigen Jahren zugesch\u00fcttet wurde, weil toxische Fl\u00fcssigkeiten aussickerten, arbeiteten hier Hunderte M\u00fcllsammler. Heute breiten sich am Fu\u00df des H\u00fcgels gro\u00dfe Mangrovenw\u00e4lder aus, die einst von Moscatelli gepflanzt wurden. \u00abSie haben sich rapide vermehrt\u00bb, sagt er. \u00abDie Natur ist schnell in den Tropen.\u00bb<\/p>\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large  caption-style-medium caption-alignment-center\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"683\" src=\"https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/e66fae6e-em_7106_200930_lores-1024x683.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-63111\"\/><figcaption>Illegale M\u00fcllhalden fressen sich ihren weg in die Mangroven im Zentrum von Rio. <strong>\u00a9 Evgeny Makarov<\/strong><\/figcaption><\/figure>\n\n<p>Moscatellis Engagement macht klar, wie wichtig die Initiative von Privatleuten und Umweltgruppen ist. Nicht irgendein B\u00fcrgermeister hat sich hier um die Stadt verdient gemacht, sondern ein besorgter Biologe. \u00abIch tue mehr f\u00fcr die Umwelt als jeder Politiker\u00bb, sagt Moscatelli.<\/p>\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Gegen die Natur<\/h3>\n\n<p>Mangrovenw\u00e4lder sind von enormer Bedeutung. Sie gelten nicht nur als die produktivsten \u00d6kosysteme der Welt, die zahlreichen Wassertieren als Brutst\u00e4tte dienen; sie sind auch der beste Schutz vor \u00dcberschwemmungen sowie ein wichtiger Speicher von Treibhausgasen.<\/p>\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large  caption-style-medium caption-alignment-center\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"683\" src=\"https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/b75a996b-em_8998_201021_lores-1024x683.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-63112\"\/><figcaption>Die Mangrovenw\u00e4lder der Marapendi-Lagune kurz vor der D\u00e4mmerung. <strong>\u00a9 Evgeny Makarov<\/strong><\/figcaption><\/figure>\n\n<p>\u00dcber die Bordsprechanlage schimpft Moscatelli nun \u00fcber Brasiliens Umweltminister Ricardo Salles, der den Schutz von Brasiliens Mangroven und anderen Uferbiotopen aufheben will, um Immobilienentwicklern ihr Gesch\u00e4ft zu erleichtern.<\/p>\n\n<p>Tats\u00e4chlich wird die Natur von der Regierung des ultrarechten Pr\u00e4sidenten Jair Bolsonaro regelrecht attackiert. Brasiliens Umweltbeh\u00f6rden werden Gelder, Personal und Kompetenzen gestrichen. Gleichzeitig werden Umweltverbrechen nicht mehr verfolgt und Umwelts\u00fcndern die Strafen erlassen. So soll angeblich die wirtschaftliche Entwicklung Brasiliens stimuliert werden. \u00abDas Gegenteil ist der Fall\u00bb, sagt Moscatelli. \u00abDie Umweltzerst\u00f6rung hemmt die Entwicklung, weil sie hohe Folgekosten hat: verseuchte B\u00f6den, vergiftetes Wasser, verschwindende Arten.\u00bb Es sei von gro\u00dfer Tragik, dass Brasiliens Regierende noch nicht verstanden h\u00e4tten, dass man Wachstum nur mit der Natur erreichen kann, nie gegen sie.<\/p>\n\n<p>Pl\u00f6tzlich sehen wir eine Rauchs\u00e4ule hinter der zugesch\u00fctteten M\u00fcllhalde aufsteigen und der Pilot nimmt Kurs darauf. Der Rauch stammt von einem Abfallplatz, der illegal neben der alten M\u00fcllhalde gewachsen ist. Altmetallsammler nutzen das Feuer, um die Plastikisolierungen von Kupferkabeln zu schmelzen. Moscatelli berichtet, dass die M\u00fcllkippe vom organisierten Verbrechen geleitet werde, das den Firmen eine Steuer berechne, die ihren M\u00fcll hier abkippen wollten. Die Steuer sei geringer als der Preis einer legalen Entsorgung.<\/p>\n\n<p>Moscatelli, so wird klar, k\u00e4mpft wie Ricardo Freitas und Jefferson Pires nicht nur gegen eine unaufhaltsam und aggressiv wachsende Stadt, sondern auch gegen das organisierte Verbrechen. Ihr Hauptgegner aber ist eine Gesellschaft, deren Umweltbewusstsein noch total unterentwickelt ist. Sie nimmt die Natur als pittoresk wahr \u2013 aber im Zweifelsfall muss die Natur dem angeblichen Fortschritt weichen. Alle drei Umweltsch\u00fctzer k\u00e4mpfen auf eigene Faust und eigenes Risiko. Sie sind sich einig, dass Rio gerade dabei ist, seinen gr\u00f6\u00dften Schatz aufs Spiel zu setzen: seine weltweit einzigartige urbane Wildnis. <\/p>\n\n<p>Als wir nach einer Stunde Helikopterflug wieder landen, sagt Mario Moscatelli zum Abschied: \u00abAls Biologe in Rio leidest du echt im Paradies.\u00bb<\/p>\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large  caption-style-medium caption-alignment-center\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"683\" src=\"https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/dfaba390-em_6429_200930_lores-1024x683.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-63113\"\/><figcaption>Rio w\u00e4chst unaufh\u00f6rlich. <strong>\u00a9 Evgeny Makarov<\/strong><\/figcaption><\/figure>\n\n<p><strong>Philipp Lichterbeck<\/strong>, Jahrgang 1972, lebt seit 2012 in Rio de Janeiro. Der freie Korrespondent und Reporter berichtet f\u00fcr deutsche, schweizerische und \u00f6sterreichische Medien \u00fcber Brasilien und den Rest Lateinamerikas. 2013 erscheint sein Buch \u00abDas verlorene Paradies. Eine Reise durch Haiti und die Dominikanische Republik\u00bb. <\/p>\n\n<p><strong>Evgeny Makarov<\/strong>, 1984 in St. Petersburg geboren, kam mit seiner Familie 1992 nach Deutschland. Dort studierte er Politikwissenschaft an der Universit\u00e4t Hamburg und entdeckte die Fotografie als Medium, \u00absoziale Realit\u00e4t direkter zu erfassen als mit einem akademischen Zugang\u00bb. 2020 belegte er den 3. Rang beim Wettbewerb zum Foto des Jahres von UNICEF. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Affen, Riesenschlangen, Kaimane, Ozelots: Rio de Janeiro liegt wie keine zweite Stadt der Welt in der Wildnis \u2013 und die Wildnis liegt in Rio.<\/p>\n","protected":false},"author":49,"featured_media":63077,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"_planet4_optimize_post_is_variant":false,"_planet4_optimize_experiment_name":"","_planet4_optimize_variant_name":"","ep_exclude_from_search":false,"p4_og_title":"","p4_og_description":"","p4_og_image":"","p4_og_image_id":"","p4_seo_canonical_url":"","p4_campaign_name":"not set","p4_local_project":"not set","p4_basket_name":"not set","p4_department":"","footnotes":""},"categories":[1],"tags":[40,50],"p4-page-type":[194],"gpch-article-type":[196],"class_list":["post-63047","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-unkategorisiert","tag-wald","tag-klima","p4-page-type-hintergrund","gpch-article-type-reportage"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/63047","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/49"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=63047"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/63047\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/63077"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=63047"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=63047"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=63047"},{"taxonomy":"p4-page-type","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/p4-page-type?post=63047"},{"taxonomy":"gpch-article-type","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/gpch-article-type?post=63047"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}