{"id":65723,"date":"2021-03-30T09:22:05","date_gmt":"2021-03-30T07:22:05","guid":{"rendered":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/?p=65723"},"modified":"2021-03-30T09:22:08","modified_gmt":"2021-03-30T07:22:08","slug":"wer-bestimmt-was-auf-unseren-tellern-landet","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/story\/65723\/wer-bestimmt-was-auf-unseren-tellern-landet\/","title":{"rendered":"Wer bestimmt, was auf unseren Tellern landet?"},"content":{"rendered":"\n<p><strong><strong><strong>\u00abDie Konsument*innen sollen mehr Bio kaufen, dann werden in der Landwirtschaft automatisch weniger Pestizide eingesetzt\u00bb, sagt der Bauernverband. Das ist richtig und falsch zugleich. Denn noch bevor ein Produkt im Laden landet, haben Politik und Handel ihre Finger im Spiel. Und zwar st\u00e4rker, als wir Konsumenten*innen denken w\u00fcrden!<\/strong><\/strong><\/strong><\/p>\n\n<p>Wenn wir einkaufen, haben wir oft eine Wahl: Wir k\u00f6nnen in den Supermarkt, den Quartierladen oder zum Hofladen. Wir k\u00f6nnen uns f\u00fcr ein konventionell angebautes Produkt entscheiden, f\u00fcr ein Tierwohl-Label oder f\u00fcr ein Bio-Lebensmittel. Wir k\u00f6nnen uns f\u00fcr ein saisonal-regionales oder f\u00fcr ein importiertes Gem\u00fcse entscheiden. Gerne wird diese Wahl nun als Argument gegen eine \u00f6kologischere Agrarpolitik verwendet. Der Markt entscheide, was und wie produziert wird. Die Konsument*innen h\u00e4tten es in der Hand: Wenn sie vermehrt Bio einkaufen, werde auch mehr Bio produziert. Politische Massnahmen brauche es deshalb keine.<\/p>\n\n<p>Auf den ersten Blick ist diese Argumentation einleuchtend, weil sie gef\u00fchlsm\u00e4ssig stimmt. Aber sie greift zu kurz, denn die Wirklichkeit ist deutlich komplexer. Doch der Reihe nach.<\/p>\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Mehr Staat als Markt<\/h2>\n\n<p>In kaum einem Bereich unserer Wirtschaft greift der Staat so stark ein wie bei der Landwirtschaft. Der Staat bestimmt, wer Landwirtschaftsland kaufen kann, wie angebaut werden darf und er bestimmt \u00fcber ein ganzes Arsenal an Direktzahlungen bis zu einem gewissen Grad auch, was angebaut wird. \u00dcber w\u00f6chentlich variierende Importz\u00f6lle auf vielen landwirtschaftlichen Produkten reguliert der Bund die Preise so, dass die hiesigen Produkte wettbewerbsf\u00e4hig bleiben. Und wenn es auf dem Weltmarkt zu Verwerfungen kommt, wie zum Beispiel 2018 als der Zuckerpreis einbrach, macht die Agrarlobby so viel Druck, dass der Bund sofort mit St\u00fctzungsmassnahmen eingreift. Das Signal der Konsument*innen ist also nur eines unter vielen. Mindestens so wichtig ist die Agrarpolitik, welche die Landwirtschaft gestaltet.<\/p>\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Externe Kosten<\/h2>\n\n<p>Hinzu kommt: Wenn ich heute bei Coop R\u00fcebli kaufen m\u00f6chte, habe ich die Auswahl zwischen \u00abPrix Garantie\u00bb, \u00abQualit\u00e9 &amp; Prix\u00bb und \u00abNaturaplan\u00bb. Je nach Wahl bezahle ich gut 1.30 Franken bis 3.60 Franken pro Kilo \u2013 eine stolze Preisspanne von fast 300%! Wie k\u00f6nnen die konventionellen R\u00fcebli so g\u00fcnstig sein? Ein Grund daf\u00fcr ist, dass die externen Kosten nicht auf den Produktpreis geschlagen werden. Die schwindende Biodiversit\u00e4t (also zum Beispiel das Insektensterben), das mit Pestiziden belastete Grundwasser oder die Gesundheitssch\u00e4den der Produzent*innen zahlt die Allgemeinheit \u2013 diese Konsequenzen der Produktion finden sich nicht auf dem Kassenbon. Wer \u00f6kologisch produzierte Produkte kauft, zahlt heute also doppelt: Einmal beim h\u00f6heren Produktpreis und das zweite mal mit den Steuern, mit denen Sch\u00e4den von konventionellen Produkten behoben werden m\u00fcssen. Wer nie Bio kauft, profitiert entsprechend von den Bio-K\u00e4ufer*innnen. Eine Ungerechtigkeit.<\/p>\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Die nicht vorhandene Wahl<\/h2>\n\n<p>Auch nicht zu vernachl\u00e4ssigen ist der Fakt, dass die Auswahl nicht in allen Lebenssituationen gegeben ist. Gerade bei der Verpflegung unterwegs wird dies sichtbar \u2013 oder haben Sie jemals Bio-Sandwiches am Kiosk gesehen? Dasselbe gilt f\u00fcr die Firmenkantine. Die Auswahl besteht da meist aus Menu eins oder zwei oder Vegi \u2013 wer bio &amp; saisonal verlangt, erntet nicht mehr als ein Stirnrunzeln. Und sogar in der Gastronomie sind die Betriebe, die konsequent auf Nachhaltigkeit setzen, d\u00fcnn ges\u00e4t. Konsequent \u00f6kologisch und fair zu konsumieren braucht neben einer geh\u00f6rigen Portion Wissen deshalb auch einiges an Planung und Organisationstalent.<\/p>\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Fazit<\/h2>\n\n<p>Sollen wir Konsument*innen uns nun nicht mehr bem\u00fchen, \u00f6kologisch einzukaufen? Doch, nat\u00fcrlich! Wer m\u00f6glichst saisonal, pflanzlich und biologisch einkauft und dies allenfalls sogar direkt auf dem Hof, tut was Gutes f\u00fcr die Umwelt, die Wertsch\u00f6pfung der Bauernbetriebe und seine eigene Gesundheit. Aber die politischen Strukturen und die verzerrten Preise f\u00f6rdern den nicht-nachhaltigen Anbau und Konsum. Es ist also ein M\u00e4rchen, dass es die Konsument*innen alleine in der Hand h\u00e4tten, die Landwirtschaft zu \u00f6kologisieren. Es braucht neben einem verantwortungsvollen Handeln der Konsument*innen eine Ern\u00e4hrungs- und Agrarpolitik, welche die Weichen entsprechend stellt. Eine Hexerei ist dies nicht und beispielsweise mittels Lenkungsabgaben l\u00e4sst sich relativ einfach mehr Kostenwahrheit schaffen. Sofern der politische Wille vorhanden ist.<\/p>\n\n<p>Es ist h\u00f6chste Zeit, die M\u00e4r der allm\u00e4chtigen Konsument*innen zu durchschauen und eine zukunftsf\u00e4hige Agrarpolitik umzusetzen! <a href=\"https:\/\/www.agrarlobby-stoppen.ch\/#signup\">Stoppen wir die Agrarlobby.<\/a><\/p>\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">2xJa<\/h2>\n\n<p>Am 13. Juni 2021 stimmt die Schweizer Stimmbev\u00f6lkerung dar\u00fcber ab, ob sie einen agrar\u00f6kologischen Wandel will. Die Initiativen f\u00fcr eine Schweiz ohne synthetische Pestizide und die Trinkwasserinitiative unterscheiden sich zwar, haben aber gemeinsame Ziele: die Umwelt schonen, die Arten- und Insektenvielfalt f\u00f6rdern und die Produktion von gesunden Lebensmitteln heute und in Zukunft sicherstellen. <a href=\"https:\/\/2xja.ch\/\">Sch\u00fctze Wasser, Boden und Gesundheit und stimme 2xJa<\/a>: F\u00fcr B\u00e4uerinnen. F\u00fcr Konsument*innen. F\u00fcr die Gesundheit von \u00d6kosystemen, Menschen und Tieren. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00abDie Konsument*innen sollen mehr Bio kaufen, dann werden in der Landwirtschaft automatisch weniger Pestizide eingesetzt\u00bb, sagt der Bauernverband. Das ist richtig und falsch zugleich. Denn noch bevor ein Produkt im Laden landet, haben Politik und Handel ihre Finger im Spiel. 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