{"id":65774,"date":"2023-05-24T09:49:00","date_gmt":"2023-05-24T07:49:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/?p=65774"},"modified":"2025-08-04T11:02:23","modified_gmt":"2025-08-04T09:02:23","slug":"sackgasse-plastik-recycling","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/story\/65774\/sackgasse-plastik-recycling\/","title":{"rendered":"Sackgasse Plastik-Recycling"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Das Sammeln und Recyceln von Plastik f\u00f6rdert die Plastikproduktion und zementiert sch\u00e4dliches Konsumverhalten. \u2013 Ein Positionspapier von Greenpeace Schweiz zur Plastik-Separatsammlung und dessen Recycling in der Schweiz (M\u00e4rz 2021, aktualisiert Mai 2023<\/strong>)<\/p>\n\n<p>Konsument:innen tragen S\u00e4cke voll PET- und Milch-Flaschen zu den Detailh\u00e4ndlern und f\u00fcllen dort die Sammelcontainer. Plastikrecycling ist ein Bed\u00fcrfnis und zurzeit ein viel diskutiertes Thema. Angebote mit separaten Sammels\u00e4cken h\u00e4ufen sich, Gemeinden f\u00fchren Pilotversuche durch, und zuletzt hat der Nationalrat im Rahmen der Revision des Umweltschutzgesetzes der Liberalisierung der Plastiksammlung zugestimmt. Dieser Trend scheint gut f\u00fcr die Umwelt, ist es aber nicht wirklich. <\/p>\n\n<p>Wir stehen einem Ausbau des Plastikrecyclings skeptisch gegen\u00fcber, denn dessen \u00f6kologische Nutzen ist gering. Durch vermehrtes Recycling werden aber umweltsch\u00e4dliche Konsumverhalten und Denkweisen hingegen legitimiert und zementiert. Die Diskussion ist symptomatisch f\u00fcr eine in der Schweiz breit etablierte Denkweise zum Umgang mit Ressourcen: Die undifferenzierte Vorstellung, Recycling w\u00fcrde einen wesentlichen Beitrag zur Schonung der Ressourcen beitragen, ist in der Schweiz tief verankert. Recycling von Plastikabfall aus Haushalten ist f\u00fcr Greenpeace eine unzul\u00e4ngliche L\u00f6sung (siehe hierzu <a href=\"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/publikation\/36857\/schluss-mit-scheinloesungen\/\">False-Solutions-Report<\/a> von 2019 oder den Bericht <a href=\"https:\/\/www.greenpeace.org\/usa\/reports\/circular-claims-fall-flat-again\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Circular Claims Fall Flat Again<\/a> von 2022). Und alle Massnahmen zur Optimierung des bestehenden Abfallsystems sind ohne systemische Umstellung auf Mehrweg lediglich Greenwashing. Es braucht ein fundamentales Umdenken.<\/p>\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p><em><strong>Wenn eine Person in der Schweiz ein Jahr lang 70 Prozent ihres Plastikabfalls separat sammelt, entsteht ein \u00f6kologischer Nutzen, der dem Verzicht auf ein Rindsentrec\u00f4te entspricht.<\/strong><\/em><\/p>\n<\/blockquote>\n\n<p>Im Gegensatz zur heutigen, ungen\u00fcgenden Praxis im Umgang mit Plastikabfall, weist eine separate Plastiksammlung zwar einen \u00f6kologischen Nutzen aus. Dieser ist aber sehr gering. Wenn eine Person in der Schweiz ein Jahr lang 70 Prozent ihres Plastikabfalls in eine Separatsammlung bringen w\u00fcrde, entsteht ein \u00f6kologischer Nutzen, der dem Verzicht auf ein Rindsentrec\u00f4te entspricht. Dies zeigt eine unabh\u00e4ngige Referenzstudie. (<a href=\"https:\/\/carbotech.ch\/cms\/wp-content\/uploads\/KuRVe_Bericht_%C3%B6ffentlich.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">KurVE-Studie 2017<\/a>)<\/p>\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Plastik ist kein zukunftsf\u00e4higes Material<\/strong><\/h2>\n\n<p>Plastik und seine Produktion stellen eine erhebliche Bedrohung f\u00fcr unser Klima dar, denn 99 Prozent des Plastiks wird aus fossilen Brennstoffen hergestellt. Die \u00d6lindustrie investiert derzeit Milliarden, um die Produktion massiv auszuweiten. Angesichts der sinkenden Nachfrage nach Erd\u00f6l setzt die fossile Energieindustrie alles auf Plastik. Plastik ist ein Erd\u00f6lprodukt und daher nicht mit unseren Klimazielen vereinbar. Die Treibhausgasemissionen von Einwegplastik, die zum gr\u00f6ssten Teil aus der Produktion stammen, entsprachen 2021 den gesamten Emissionen Grossbritanniens (<a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/www.minderoo.org\/plastic-waste-makers-index\/\" target=\"_blank\">Quelle<\/a>).<\/p>\n\n<p>Derzeit wird in der Schweiz etwa 90 Prozent des Plastiks \u00fcber die Hauskehrichtsammlung in KVAs verbrannt. Ein separates Sammelsystem w\u00fcrde nichts daran \u00e4ndern, da nur ein geringer Anteil an Plastik rezklierbar ist (sortenreines sauberes PET, teils PE und PP). Nicht ohne Grund wurden weltweit nur 9 Prozent des seit 1950 produzierten Plastiks recycelt. Mischplastik, Multilayer-Verpackungen mit verschiedenen Plastikarten oder auch Alu\/Karton-Verpackungen mit Plastikbeschichtungen m\u00fcssen auch im neuen System aussortiert werden. Ohne eine fundamentale Ver\u00e4nderung des verwendeten Plastiks werden weiterhin \u00fcber 50 Prozent des Plastikabfalls in KVAs oder Zementwerken verbrannt werden. Daher kann das Plastik-Recycling als Etikettenschwindel der Abfallindustrie bezeichnet werden. Produkte, die aus rezykliertem Material (Rezyklat) hergestellt werden, sind meist minderwertig und schaffen zudem h\u00e4ufig neue Probleme, weil sie mit der Zeit verspr\u00f6den und so zur Mikroplastik-Verschmutzung beitragen. Bei den wenigen Plastikarten, die rezykliert werden k\u00f6nnen, w\u00e4chst die Besorgnis \u00fcber gesundheitliche Gefahren, die von giftigen Chemikalien in rezykliertem Plastik ausgehen.<\/p>\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p><em><strong>Auch mit separater Sammlung werden \u00fcber 50 Prozent des Plastikabfalls in KVAs oder Zementwerken verbrannt werden.<\/strong><\/em><\/p>\n<\/blockquote>\n\n<p>Die Einf\u00fchrung eines fl\u00e4chendeckenden Plastik-Sammelsystems schafft mit dem Ausbau von Infrastruktur und Prozessen schnell grosse Abh\u00e4ngigkeiten, die wirksameren Kunstoffreduktionsmassnahmen und der Umstellung auf Mehrwegsysteme im Weg stehen werden (Locked-in-Syndrom). Die aufgebaute und finanzierte Infrastruktur muss ausgelastet bleiben. Eine Abnahme der Kunstoff-Abfallmenge w\u00fcrde f\u00fcr die Branche sofort Probleme schaffen. Solche Absurdit\u00e4ten gibt es bereits heute in anderen Bereichen der Branche, wie z.B. bei der Konkurrenz um Abfall wegen der tiefen Auslastung der KVA.<\/p>\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Plastikverbrauch w\u00fcrde steigen<\/strong><\/h2>\n\n<p>Zweifelsohne sind Plastiksammlungen bei den Konsumentinnen und Konsumenten sehr beliebt. Diese sind des Plastiks in ihrem Leben \u00fcberdr\u00fcssig. Gaukelt man ihnen vor, mit einer separaten Plastiksammlung wesentlich zum Umweltschutz beizutragen, sinken Problembewusstsein und Handlungsdruck. Das ist bereits bei anderen Materialien wie Einwegglas zu beobachten (Mehrweg-Glas schneidet in Studien am besten ab, Einwegglas-Recycling jedoch am schlechtesten).<\/p>\n\n<p>Gem\u00e4ss Medienberichten treibt der Detailhandel seit einigen Jahren Projekte zum Recycling von Plastik voran. Im Rahmen der \u00dcberarbeitung des Umweltschutzgesetzes dr\u00e4ngen die Detailh\u00e4ndler stark auf die \u00d6ffnung des Monopols f\u00fcr die Abfallentsorgung. Dies erstaunt wenig. Die Branche braucht Antworten auf die Plastikflut, welche die Kundschaft immer mehr nervt. Nun versucht man zu argumentieren, Verpackungen seien kein Problem denn sie w\u00fcrden schliesslich rezykliert. Doch dies ist eine Scheinl\u00f6sung. Ohne innovative Umstellung auf Mehrwegsysteme, ist eine Zunahme des Plastikeinsatzes im Vertrieb von Lebensmitteln und Konsumg\u00fctern zu erwarten. Ein damit erh\u00f6hter Ressourcenverbrauch ist jedoch nicht kompatibel mit unseren planetaren Grenzen.<\/p>\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Konsumg\u00fcterindustrie in der Pflicht<\/strong><\/h2>\n\n<p>Der aktuelle Plastikverbrauch ist mit einem nachhaltigen Umgang mit Ressourcen also nicht vereinbar. Anstelle von falschen L\u00f6sungen, m\u00fcssen Ans\u00e4tze verfolgt werden, die zu einer echten Verminderung des Ressourceneinsatzes f\u00fchren. Vorrang m\u00fcssen Vermeidung- und Wiederverwendungsstrategien haben, welche die Schliessung von echten Produktkreisl\u00e4ufen erm\u00f6glichen (echte Kreislaufwirtschaft). Darauf sollten die Firmen ihre Innovationskraft lenken und nicht in ein neues \u00abRecycling\u00bb-System, das kaum zur Schonung der Ressourcen beitragen wird.<\/p>\n\n<p>Unsere Berechnungen zeigen, dass gleich viel CO2 eingespart werden k\u00f6nnte (24 kg pro Person und Jahr bei einer \u00abfl\u00e4chendeckenden\u00bb Plastiksammlung gem\u00e4ss Projekt der Recycling-Branche), wenn rund ein F\u00fcnftel der Verpackungen entweder komplett abgeschafft w\u00fcrden (z.B. Gem\u00fcse, Fr\u00fcchte) oder auf Mehrweg-Beh\u00e4lter mit Refill-Systemen umgestellt w\u00fcrden (z.B. Reinigungsmittel, Shampoo, Getreide, Trockenfr\u00fcchten, Teigwaren, Tierfutter, Take-Away, Milchprodukte etc.). Entsprechende <a href=\"https:\/\/www.landbote.ch\/migros-prueft-schweizweiten-verkauf-unverpackter-lebensmittel-592967293957\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Pilotversuche<\/a> best\u00e4tigen die Beliebtheit von solchen Systemen bei der Kundschaft. Solche Systeme m\u00fcssen jetzt partnerschaftlich von Konsumg\u00fcterherstellern, Detailhandel und Gesetzgeber:innen vorangetrieben werden:<\/p>\n\n<ul class=\"is-style-accent-info wp-block-list\">\n<li>Bereitstellung einer umfassenden Mehrweg-Infrastruktur und branchen\u00fcbergreifende Standardisierung der Mehrweg-Systeme. Dies beinhaltet auch eine fl\u00e4chendeckende und funktionierende Hintergrund-Logistik, inkl. Transport, Transportverpackungen, Vertriebs- und Reinigungssysteme etc. Diese m\u00fcssen prim\u00e4r von den Herstellerfirmen bereitgestellt oder zumindest finanziert werden gem\u00e4ss dem EPR-Prinzip (Erweiterte Hersteller-Verantwortung, engl.<em> extended producer responsibility<\/em>).&nbsp;<\/li>\n\n\n\n<li>Entwicklung und Verwendung von standardisierten Mehrweg-Beh\u00e4ltern\/Beh\u00e4ltertypen und entsprechende Anpassung der Verkaufslogistk. Die Beh\u00e4lter sollen dauerhaft wiederverwendbar und&nbsp; aus hochwertigem und langlebigem Material bestehen, damit sie am Ende des Lebenszyklus sortenrein rezykliert werden k\u00f6nnen (\u00d6kodesign f\u00fcr echtes Recycling, z.B. Flasche-zu-Flasche Recycling ohne Downcycling).<\/li>\n\n\n\n<li>Einfache R\u00fcckgabe- und Wiederauff\u00fcllm\u00f6glichkeiten bei jeder Verkaufsstelle oder Zuhause, um das System f\u00fcr Kund:innen praktisch zu machen (Vier Grundmodelle: 1. Refill at Home, 2. Refill on the Go, 3. Return from Home, 4. Return on the Go).<\/li>\n<\/ul>\n\n<p>Dazu m\u00fcssen auch das Versorgungssystem und die g\u00e4ngigen Konsummuster (z. B. Regionalisierung der Versorgung, Verkleinerung des Sortiments, Aufgabe von verpackungsintensiven Produkten) \u00fcberdacht werden. Das \u00f6kologische Potenzial von innovativen Mehrweg-L\u00f6sungen von Konsumg\u00fcterverpackungen ist letztlich deutlich h\u00f6her, als das Potenzial von Recycling-Systemen.<\/p>\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p><em><strong>Es braucht nun eine Mehrweg-Infrastruktur und branchen\u00fcbergreifende Standardisierung der Mehrweg-Systeme.<\/strong><\/em><\/p>\n<\/blockquote>\n\n<p>Die Pl\u00e4ne, die derzeit in der \u00d6ffentlichkeit portiert werden, sehen einen vorgezogenen Entsorgungsbeitrag auf Plastikverpackungen vor, um das Sammel-, Trenn- und Aufbereitungssystem zu finanzieren. Ein \u00e4hnliches System gibt es schon f\u00fcr die Separatsammlung von PET-Getr\u00e4nkeflaschen. Wir bef\u00fcrworten eine Abgabe auf Plastikverpackungen. Die muss allerdings so ausgestaltet werden, dass sie eine Lenkungswirkung erzielt und einen Anreiz schafft, Verpackungen zu vermeiden. Zudem sollten die Einnahmen in die Entwicklung von innovativen alternativen Liefersystemen fliessen, welche auf eine m\u00f6glichst grosse Vermeidung von Verpackungen zielen.<\/p>\n\t\t\t<section\n\t\t\tclass=\"boxout  \"\n\t\t\t\n\t\t>\n\t\t\t<a\n\t\t\t\tdata-ga-category=\"Take Action Boxout\"\n\t\t\t\tdata-ga-action=\"Image\"\n\t\t\t\tdata-ga-label=\"n\/a\"\n\t\t\t\tclass=\"cover-card-overlay\"\n\t\t\t\thref=\"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/handeln\/wir-muessen-die-plastikproduktion-stoppen\/\" \n\t\t\t><\/a>\n\t\t\t\t\t\t\t<img\n\t\t\t\t\t\tsrc=\"https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/2023\/04\/7f4045a7-gp0sttylf_web_size.jpg\"\n\t\t\t\t\t\tsrcset=\"https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/2023\/04\/7f4045a7-gp0sttylf_web_size-300x200.jpg 300w, https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/2023\/04\/7f4045a7-gp0sttylf_web_size-768x512.jpg 768w, 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Plastikabkommen abzuschliessen.<\/strong><\/p>\n\t\t\t\t                                    <a\n                        class=\"btn btn-primary\"\n                        data-ga-category=\"Take Action Boxout\"\n                        data-ga-action=\"Call to Action\"\n                        data-ga-label=\"n\/a\"\n                        href=\"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/handeln\/wir-muessen-die-plastikproduktion-stoppen\/\"\n                        \n                    >\n                        Petition unterzeichnen\n                    <\/a>\n                \t\t\t<\/div>\n\t\t\t\t\t<\/section>\n\t","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Sammeln von Restplastik f\u00f6rdert die Kunststoffproduktion und zementiert sch\u00e4dliches Konsumverhalten. 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