{"id":70765,"date":"2021-07-21T17:00:00","date_gmt":"2021-07-21T15:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/?p=70765"},"modified":"2021-07-23T10:15:34","modified_gmt":"2021-07-23T08:15:34","slug":"die-gruene-oase-der-favela","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/hintergrund\/70765\/die-gruene-oase-der-favela\/","title":{"rendered":"Die gr\u00fcne Oase der Favela"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Inmitten eines der gr\u00f6ssten Armenviertel im Norden von Rio de Janeiro pflegen Anwohner:innen einen Gemeinschaftsgarten. Die Regierung der brasilianischen Metropole m\u00f6chte den Garten zu einem positiven Beispiel f\u00fcr urbanen und \u00f6kologischen Wandel machen. <\/strong><\/p>\n\n<p>Rucola, Koriander, Kohlbl\u00e4tter, Spinat und Auberginen werden von Rose Rodrigues und Roberto Nascimento aus den Beeten gepfl\u00fcckt, zusammengebunden und sorgf\u00e4ltig in eine Schubkarre gelegt. Dann laufen die beiden durch die Favela Manguinhos in der Nordzone Rio de Janeiros, um wie jeden Mittwochmorgen die Ertr\u00e4ge aus dem Gemeinschaftsgarten des Armenviertels an die Bewohner zu verteilen.<\/p>\n\n<p>Sie schieben ihre Karre durch enge Gassen, die von unverputzten H\u00e4usern ges\u00e4umt sind und zwischen denen ein wilder Kabelsalat aus irregul\u00e4ren Stromanschl\u00fcssen gespannt ist. Sie kommen \u00fcber Pl\u00e4tze, laufen an Fu\u00dfballfeldern und Gesch\u00e4ften vorbei. Und rufen: \u00abLebensmittelspende! Gesunde Lebensmittel aus dem Gemeinschaftsgarten.\u00bb Immer wieder bleiben Passant:innen stehen oder schauen aus den Haust\u00fcren, um Salat und Gem\u00fcse in Empfang zu nehmen. Viele wirken dabei etwas sch\u00fcchtern. \u00abDie Leute hier sind bescheiden, sie sch\u00e4men sich daf\u00fcr, etwas gratis zu bekommen\u00bb, erkl\u00e4rt Rose Rodrigues, die selbst aus Manguinhos stammt. \u00abAber es gibt auch viele, die Salat und Spinat nicht m\u00f6gen, weil sie meinen, es sei etwas f\u00fcr arme Leute, und sie wollen sich nicht arm f\u00fchlen\u00bb, wendet Roberto Nascimento ein. \u00abEs ist nicht einfach, die Leute f\u00fcr gesundes Essen zu begeistern. Sie essen lieber Fritten und trinken Cola.\u00bb<\/p>\n\n<p>Eine junge Frau mit einem Kind auf dem Arm bleibt stehen und zeigt auf den langen Koriander. Sie fragt, was das sei, so etwas habe sie noch nie gesehen. Nascimento erkl\u00e4rt, dass man im Gemeinschaftsgarten wilden Koriander anbaue, der anders aussehe als der Koriander im Supermarkt, aber daf\u00fcr viel besser schmecke.<\/p>\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"683\" src=\"https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/2021\/07\/20210616-DSC00158-1024x683.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-70852\" srcset=\"https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/2021\/07\/20210616-DSC00158-1024x683.jpg 1024w, https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/2021\/07\/20210616-DSC00158-300x200.jpg 300w, https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/2021\/07\/20210616-DSC00158-768x512.jpg 768w, https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/2021\/07\/20210616-DSC00158-1536x1025.jpg 1536w, https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/2021\/07\/20210616-DSC00158-2048x1366.jpg 2048w, https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/2021\/07\/20210616-DSC00158-510x340.jpg 510w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption>Rose Rodrigues und Roberto Nascimento verteilen das Gem\u00fcse in der Favela. \u00a9 Ian Cheibub<\/figcaption><\/figure>\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Ein Garten zwischen Marihuana und Kokain<\/h2>\n\n<p>Rund 40&#8217;000 Menschen leben in Manguinhos, es ist eine der gr\u00f6\u00dften Favelas von Rio de Janeiro. Von Copacabana erreicht man das Viertel mit der Metro in einer halben Stunde, aber es hat rein gar nichts mit dem Rio de Janeiro der Postkarten zu tun, den Str\u00e4nden, der Christus-Figur und dem Zuckerhut.<\/p>\n\n<p>Die Stra\u00dfen und Gassen in Manguinhos sind feucht und von Hundekot \u00fcbers\u00e4t, und in vielen W\u00e4nden klaffen Einschussl\u00f6cher. Sie stammen von den Schusswechseln zwischen der Polizei und der Drogengang \u00abComando Vermelho\u00bb, Rotes Kommando, die in Manguinhos das Sagen hat. Bereits beim Betreten der Favela passiert man Barrikaden aus einbetonierten alten Eisenbahnschienen, die die Drogengang errichtet hat. An mehreren Stellen sieht man Jugendliche, die mit Pistolen und Gewehren um kleine Tische herum stehen. Darauf liegen Marihuana, Kokain und synthetische Drogen, die sie verkaufen.<\/p>\n\n<p>Umso \u00fcberraschter ist man dann, wenn man zum Gemeinschaftsgarten von Manguinhos gelangt, in dem Rose Rodrigues und Roberto Nascimento arbeiten. Er ist wie eine Oase inmitten einer W\u00fcste aus Beton, Zement und Ziegeln, pr\u00e4sentiert sich in leuchtenden Gr\u00fcnt\u00f6nen. Dunst steigt aus den Beeten auf, weil die Sonne bereits warm scheint.<\/p>\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"576\" src=\"https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/2021\/07\/20210616-DJI_0112-1024x576.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-70893\" srcset=\"https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/2021\/07\/20210616-DJI_0112-1024x576.jpg 1024w, https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/2021\/07\/20210616-DJI_0112-300x169.jpg 300w, https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/2021\/07\/20210616-DJI_0112-768x432.jpg 768w, https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/2021\/07\/20210616-DJI_0112-1536x864.jpg 1536w, https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/2021\/07\/20210616-DJI_0112-2048x1152.jpg 2048w, https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/2021\/07\/20210616-DJI_0112-510x287.jpg 510w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption>Der Gemeinschaftsgarten inmitten des Armenviertels aus der Vogelperspektive. \u00a9 Ian Cheibub<\/figcaption><\/figure>\n\n<p>Der Gemeinschaftsgarten von Manguinhos gilt als der gr\u00f6\u00dfte innerst\u00e4dtische Gem\u00fcsegarten S\u00fcdamerikas. Er existiert seit 2013 und umfasst zwei l\u00e4ngliche Terrains, die die Gr\u00f6\u00dfe von vier Fu\u00dfballfeldern haben und genau unter einer Hochspannungsleitung liegen.<\/p>\n\n<p>\u00abFr\u00fcher war dies der schlimmste Ort des Viertels\u00bb, erinnert sich Erivaldo Lira. Der klein gewachsene Mann mit B\u00e4uchlein und Schnauzer ist seit 16 Jahren Pr\u00e4sident der Einwohnervereinigung von Manguinhos und so etwas wie der B\u00fcrgermeister der Favela. \u00abDie Leute luden ihren M\u00fcll hier ab und es kamen Drogenabh\u00e4ngige, um Crack zu nehmen. Es waren rund 200 bis 300 Menschen, die unter schlimmen Bedingungen lebten, es stank zum Himmel, es war gef\u00e4hrlich, es gab Ratten und Ungeziefer\u00bb, erinnert er sich.<\/p>\n\n<p>Die Stadtverwaltung von Rio de Janeiro entschied dann im Rahmen eines Programms mit dem Namen \u00abHortas Cariocas\u00bb (G\u00e4rten von Rio) genau dieses Terrain zu einem positiven Beispiel f\u00fcr urbanen Wandel zu machen. \u00abEs gibt so viele ungenutzte Fl\u00e4chen in der Stadt, auf denen Lebensmittel angebaut werden k\u00f6nnten\u00bb, erkl\u00e4rt der Agronom J\u00falio C\u00e9sar Barros, der im Rathaus seit 2006 f\u00fcr das Programm \u00abHortas Cariocas\u00bb zust\u00e4ndig ist. Man k\u00f6nne durch urbane G\u00e4rten gleich mehrere Fliegen mit einer Klappe schlagen, sagt er: Verloren geglaubte Stadtr\u00e4ume zur\u00fcckgewinnen, Jobs schaffen, billige und gesunde Lebensmittel produzieren und au\u00dferdem Erziehungsarbeit leisten.<\/p>\n\n<p>Die H\u00e4lfte der rund 50 Gem\u00fcseg\u00e4rten Rios wurde in Schulen angelegt, wo sie nicht nur Lebensmittel f\u00fcr die Kinder und Jugendlichen produzieren, sondern auch dem Unterricht dienen. \u00abSo kommen die Sch\u00fcler mit der Natur in Kontakt und lernen, was gesunde Ern\u00e4hrung ist\u00bb, sagt Barros. Insgesamt produzieren die in dem Programm zusammengeschlossenen Gemeinschaftsg\u00e4rten jeden Monat 82 Tonnen Bio-Lebensmittel. \u00abVor der Corona-Pandemie wurde ein Teil davon verkauft\u00bb, sagt Barros. \u00abAber seit der Krise wird alles verteilt.\u00bb<\/p>\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"683\" src=\"https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/2021\/07\/20210614-DSC08597-1024x683.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-70861\" srcset=\"https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/2021\/07\/20210614-DSC08597-1024x683.jpg 1024w, https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/2021\/07\/20210614-DSC08597-300x200.jpg 300w, https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/2021\/07\/20210614-DSC08597-768x512.jpg 768w, https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/2021\/07\/20210614-DSC08597-1536x1025.jpg 1536w, https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/2021\/07\/20210614-DSC08597-2048x1366.jpg 2048w, https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/2021\/07\/20210614-DSC08597-510x340.jpg 510w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption>Erivaldo Lira geht durch die engen Strassen der Favela Manguinhos. \u00a9 Ian Cheibub<\/figcaption><\/figure>\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Kein k\u00fcnstlicher D\u00fcnger, keine Pestizide<\/h2>\n\n<p>Brasilien hat derzeit zwei gro\u00dfe Ern\u00e4hrungsprobleme: Auf der einen Seite haben viele Menschen durch die Corona-Pandemie so starke Einkommensverluste, dass sie sich nicht mehr ausreichend ern\u00e4hren k\u00f6nnen. Auf der anderen Seite essen gerade die Armen h\u00e4ufig extrem ungesund: zu viel Fett, Zucker, Salz. Die Folgen sind eine Zunahme von \u00dcbergewicht, Diabeteserkrankungen und Bluthochdruck.<\/p>\n\n<p>\u00abDie Menschen haben verlernt, richtig zu kochen\u00bb, sagt Rose Rodriques, w\u00e4hrend sie Kohlbl\u00e4tter verteilt. \u00abUnsere h\u00e4ufigsten Abnehmer:innen sind \u00e4ltere Frauen, die noch wissen, wie das geht. Am beliebtesten sind \u00fcbrigens S\u00fc\u00dfkartoffeln, weil sie am sattesten machen.\u00bb Aber heute hat sie die Knollen mit der violetten Schale nicht dabei. Es ist nicht Kartoffelsaison, sondern Salatsaison, weil die Temperaturen zwischen Mai und August in Rio niedriger sind als sonst und die Sonne nicht so brennt.<\/p>\n\n<p>Als alles verteilt ist, kehren die 52-j\u00e4hrige Rodrigues und der 65-j\u00e4hrige Nascimento zur\u00fcck zum Gemeinschaftsgarten. Rund 350 rechteckige Beete wurden hier angelegt, in denen heute alles w\u00e4chst, was das subtropische Klima S\u00fcdostbrasiliens hergibt: Zucchini, Chicor\u00e9e, Kohl, Rote Beete, K\u00fcrbisse, Bohnen, Erbsen, Tomaten, Spinat, Bananen, Guaven, Papayas und Acerolakirschen. Manches Gem\u00fcse, beispielsweise Okraschoten, kann sogar alle zwei Wochen geerntet werden, anderes braucht l\u00e4nger zur Reife, etwa Maniok.<\/p>\n\n<p>\u00abIst ein Beet geerntet, graben wir die Erde mit unseren Hacken um, um die N\u00e4hrstoffe nach oben zu holen; oder wir tauschen die Erde komplett aus\u00bb, erkl\u00e4rt Marcos Dos Santos, den alle Marquinhos rufen. Der 28-j\u00e4hrige Schwarze leitet einen der beiden Gartenabschnitte in Manguinhos. \u00abWas wir pflanzen, entscheiden wir je nach Jahreszeit und auch danach, welche Samen oder Setzlinge wir von der Stadtverwaltung bekommen\u00bb, erkl\u00e4rt er. Heute hat Dos Santos eine Fuhre mit Chili-Setzlingen parat. Er sagt, dass man sie etwas versteckt einsetzen werde, weil in der Vergangenheit schon Chili-Str\u00e4ucher geklaut worden seien. \u00abSie machen sich gut auf dem Fensterbrett und die Schoten sind aromatisch\u00bb, sagt er. \u00abDeswegen sind sie wahrscheinlich beliebt.\u00bb<\/p>\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"683\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/2021\/07\/20210614-DSC08426-683x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-70868\" srcset=\"https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/2021\/07\/20210614-DSC08426-683x1024.jpg 683w, https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/2021\/07\/20210614-DSC08426-200x300.jpg 200w, https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/2021\/07\/20210614-DSC08426-768x1151.jpg 768w, https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/2021\/07\/20210614-DSC08426-1025x1536.jpg 1025w, https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/2021\/07\/20210614-DSC08426-1366x2048.jpg 1366w, https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/2021\/07\/20210614-DSC08426-911x1366.jpg 911w, https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/2021\/07\/20210614-DSC08426-227x340.jpg 227w, https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/2021\/07\/20210614-DSC08426-scaled.jpg 1708w\" sizes=\"auto, (max-width: 683px) 100vw, 683px\" \/><figcaption>Marcos Dos Santos lebt selbst in der Favela und arbeitet im Gemeinschaftsgarten. \u00a9 Ian Cheibub<\/figcaption><\/figure>\n\n<p>Insgesamt 22 Menschen arbeiten im Gemeinschaftsgarten von Manguinhos, 14 Frauen und acht M\u00e4nner, die meisten sind schon etwas \u00e4lter. \u00abEs wurden Leute eingestellt, die viel Zeit zu Hause verbrachten, arbeitslos oder pensioniert waren und wieder nach einer Aufgabe suchten\u00bb, sagt Eviraldo Lira von der Einwohnervereinigung, der beim Auswahlprozess half. Nach ihrer Anstellung wurden alle im \u00d6ko-Anbau geschult, denn es werden in Manguinhos weder k\u00fcnstliche D\u00fcnger noch Pestizide verwendet \u2013 allein schon daher, weil deren Anschaffung zu teuer w\u00e4re. \u00abWir setzen voll auf nat\u00fcrliche Mittel\u00bb, sagt Marcos dos Santos. So kompostiere man organische Abf\u00e4lle zu D\u00fcnger und bek\u00e4mpfe Sch\u00e4dlinge mit einer Mischung aus Seife und Kokos. Es gehe dabei auch um die De-Elitisierung von Bio-Lebensmitteln, die in Brasilien immer noch so teuer sind, dass arme Menschen sie sich nicht leisten k\u00f6nnen, erkl\u00e4rt J\u00falio C\u00e9sar Barros vom Projekt \u00abHortas Cariocas\u00bb.<\/p>\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Biodiversit\u00e4t kommt zur\u00fcck<\/h2>\n\n<p>Alle der 220 G\u00e4rtner:innen, die insgesamt in Rio in dem Projekt arbeiten, erhalten 500 Reais im Monat von der Stadt, die das Programm unterh\u00e4lt. Es sind derzeit umgerechnet weniger als 100 Franken, die aber in Brasilien gerade f\u00fcr Arme ein kleines Verm\u00f6gen sind. Au\u00dferdem d\u00fcrfen sich alle Mitarbeiter:innen mit so viel Gem\u00fcse und Fr\u00fcchten eindecken, wie sie wollen, es herrscht kein Mangel. Was \u00fcbrig bleibt \u2013 es sind in Manguinhos im Durchschnitt zwei Tonnen Lebensmittel pro Monat \u2013, wird in der Favela verteilt.<\/p>\n\n<p>Rose Rodrigues, die G\u00e4rtnerin, beschreibt, wie sich ihr K\u00f6rper durch die Ern\u00e4hrungsumstellung ver\u00e4ndert hat: \u00abFr\u00fcher habe ich viel minderwertiges Essen gegessen, vor allem Fast Food\u00bb, sagt sie. \u00abIch hatte hohen Blutdruck und die Konfektionsgr\u00f6\u00dfe 48. Heute trage ich 40, und mein Blutdruck ist gesunken.\u00bb Der Gemeinschaftsgarten hat daf\u00fcr gesorgt, dass Rodrigues das Privileg einer gesunden und ausgewogenen Ern\u00e4hrung zuteilwird, das in Brasilien sonst vor allem die Reichen genie\u00dfen.<\/p>\n\n<p>\u00abMein gesamtes Leben hat sich durch den Garten komplett ver\u00e4ndert\u00bb, erz\u00e4hlt auch die 72-j\u00e4hrige Dione da Silva und legt ihre Hacke f\u00fcr einen Moment zur Seite. Ihre Familie war einst aus dem trockenen und armen Nordosten nach Rio gekommen, sie arbeitete 20 Jahre lang als Putzfrau in einem Forschungslabor. \u00abMir tut die Arbeit mit der Erde und den Pflanzen gut. Es ist wie eine Therapie\u00bb, sagt sie. \u00abIch kehre damit auch zu meinen Wurzeln zur\u00fcck, meine Familie stammt von einem Bauernhof. Ohne den Garten w\u00fcrde ich zu Hause sitzen und h\u00e4tte nicht viel zu tun.\u00bb Es sind S\u00e4tze, die man von allen h\u00f6rt, die hier arbeiten.<\/p>\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"683\" src=\"https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/2021\/07\/20210614-DSC08355-1-1024x683.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-70876\" srcset=\"https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/2021\/07\/20210614-DSC08355-1-1024x683.jpg 1024w, https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/2021\/07\/20210614-DSC08355-1-300x200.jpg 300w, https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/2021\/07\/20210614-DSC08355-1-768x512.jpg 768w, https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/2021\/07\/20210614-DSC08355-1-1536x1025.jpg 1536w, https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/2021\/07\/20210614-DSC08355-1-2048x1366.jpg 2048w, https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/2021\/07\/20210614-DSC08355-1-510x340.jpg 510w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption>Arbeiterinnen setzen w\u00e4hrend eines Vormittags im Garten neues Gem\u00fcse, das Wochen sp\u00e4ter geerntet werden soll. Alles, was gepflanzt wird, ist biologisch. \u00a9 Ian Cheibub<\/figcaption><\/figure>\n\n<p>Und auch, dass sie stolz darauf sind, im Gemeinschaftsgarten besch\u00e4ftigt zu sein. \u00abEr hat die Favela positiv ver\u00e4ndert\u00bb, sagt Dione da Silva. \u00abAnstatt einer stickenden M\u00fcllhalde haben wir heute einen gr\u00fcnen und friedlichen Ort.\u00bb Durch den Garten ist auch die Fauna wiedergekehrt. Man h\u00f6rt Vogelgezwitscher aus den B\u00e4umen und Str\u00e4uchern, die das Terrain abgrenzen und sieht Bienen zwischen den Beeten umherschwirren. \u00abMedien aus aller Welt interessieren sich auf einmal f\u00fcr uns\u00bb, sagt da Silva.<\/p>\n\n<p>Der Gemeinschaftsgarten hat das Leben von Dione da Silva ver\u00e4ndert. Das Leben von Leonardo Ferreira hat er wahrscheinlich gerettet. \u00abIch arbeitete f\u00fcr die Firma\u00bb, sagt der 22-j\u00e4hrige G\u00e4rtner. Er meint das Rote Kommando, die Drogengang, der er sich mit 13 Jahren anschloss. \u00abIch war mit den falschen Leuten unterwegs\u00bb, sagt er. \u00abAber ich habe den Absprung geschafft.\u00bb Statt einer Knarre schwingt Ferreira heute den Gartenschlauch, mit dem die Beete jeden Tag gew\u00e4ssert werden. Er sagt: \u00abIch h\u00e4tte damals nie gedacht, dass ich mal als G\u00e4rtner tauge. Es macht mich gl\u00fccklich, etwas zu pflanzen, es wachsen zu sehen und schlie\u00dflich zu ernten.\u00bb<\/p>\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Preis f\u00fcr nachhaltige Entwicklung<\/h2>\n\n<p>F\u00fcr J\u00falio C\u00e9sar Barros von der Stadtverwaltung z\u00e4hlt dieser konkrete soziale Wandel zu den gr\u00f6\u00dften Errungenschaften von \u00abHortas Cariocas\u00bb. Wissenschaftler:innen aus aller Welt kommen nun nach Rio, um sich \u00fcber die Gemeinschaftsg\u00e4rten zu informieren. Das Programm ist so erfolgreich, dass es 2019 im Rahmen der Konferenz des Mail\u00e4nder Vertrags f\u00fcr Urbane Ern\u00e4hrungspolitik unter 104 Bewerbern mit dem ersten Preis ausgezeichnet wurde. \u00abDer B\u00fcrgermeister von Tel Aviv, das auf dem zweiten Platz landete, besuchte uns anschlie\u00dfend, um zu schauen, was wir besser machen\u00bb, sagt Barros und lacht. 2020 wurde \u00abHortas Cariocas\u00bb dann in die UN-Liste mit essenziellen Projekten aufgenommen, die dabei helfen, die Ziele f\u00fcr eine nachhaltige Entwicklung bis 2030 zu erreichen.<\/p>\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"683\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/2021\/07\/20210616-DSC09986-683x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-70882\" srcset=\"https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/2021\/07\/20210616-DSC09986-683x1024.jpg 683w, https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/2021\/07\/20210616-DSC09986-200x300.jpg 200w, https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/2021\/07\/20210616-DSC09986-768x1151.jpg 768w, https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/2021\/07\/20210616-DSC09986-1025x1536.jpg 1025w, https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/2021\/07\/20210616-DSC09986-1366x2048.jpg 1366w, https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/2021\/07\/20210616-DSC09986-911x1366.jpg 911w, https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/2021\/07\/20210616-DSC09986-227x340.jpg 227w, https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/2021\/07\/20210616-DSC09986-scaled.jpg 1708w\" sizes=\"auto, (max-width: 683px) 100vw, 683px\" \/><figcaption>Der Gemeinschaftsgarten in der Favela wurde sogar mit einem Preis ausgezeichnet. \u00a9 Ian Cheibub<\/figcaption><\/figure>\n\n<p>Tats\u00e4chlich k\u00f6nnten die Gemeinschaftsg\u00e4rten von Rio ein Vorbild f\u00fcr zahlreiche St\u00e4dte in Entwicklungsl\u00e4ndern sein. \u00abUngenutzte oder schlecht genutzte Fl\u00e4chen bek\u00e4men einen Zweck, man schafft Arbeit, Nahrung, verk\u00fcrzt die Wege zwischen Produzenten und Konsumentinnen und ver\u00e4ndert das Sozialgef\u00fcge prek\u00e4rer Viertel\u00bb, sagt J\u00falio Barros. Wie viel Potenzial in der Idee steckt, bewies 2020 eine Studie der Technischen Universit\u00e4t Wien in Zusammenarbeit mit dem brasilianischen Institut Pereira Passos (IPP). Sie kam zu dem Ergebnis, dass sich in Rio allein durch die Bepflanzung von Flachd\u00e4chern fast 40 Prozent der Bev\u00f6lkerung mit Lebensmitteln versorgen lie\u00dfen. Die H\u00fcrden auf dem Weg dorthin sind fehlender politischer Wille, fehlendes Geld und fehlende Bildung der Bev\u00f6lkerung.<\/p>\n\n<p>Erivaldo Lira, der \u00abB\u00fcrgermeister\u00bb, sagt sp\u00e4ter, dass der Gemeinschaftsgarten Manguinhos von einem Ort der Dritten Welt zu einem Ort der Zweiten Welt gemacht habe. \u00abWir waren eine der schlimmsten Favelas von Rio, aber heute kommen Reporter:innen, um \u00fcber den positiven Wandel zu berichten.\u00bb Die G\u00e4rtnerinnen und G\u00e4rtner, die sich im Schatten eines Bananenbaums ausruhen, nicken bevor sie wieder zu ihren Hacken greifen, um Unkraut zu j\u00e4ten, Setzlinge zu pflanzen und Salat zu ernten.<\/p>\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n<p><strong>Philipp Lichterbeck<\/strong>, Jahrgang 1972, lebt seit 2012 in Rio de Janeiro. Der freie Korrespondent und Reporter berichtet f\u00fcr deutsche, schweizerische und \u00f6sterreichische Medien \u00fcber Brasilien und den Rest Lateinamerikas. 2013 erscheint sein Buch \u00abDas verlorene Paradies. Eine Reise durch Haiti und die Dominikanische Republik\u00bb.<\/p>\n\n<p><strong>Ian Cheibub<\/strong> (geb. 1999) ist ein visueller Geschichtenerz\u00e4hler, der in Rio de Janeiro lebt und an der Universidade Federal Fluminense studiert. Er arbeitet zudem als Fotograf f\u00fcr Reuters und berichtet f\u00fcr andere Medien \u00fcber Geschichten in Brasilien. In seiner Arbeit versucht er zu verstehen, welche Mechanismen die Menschen aus dem Globalen S\u00fcden entwickeln, um zu \u00fcberleben.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Inmitten eines der gr\u00f6ssten Armenviertel im Norden von Rio de Janeiro pflegen Anwohner:innen einen Gemeinschaftsgarten. Die Regierung der brasilianischen Hauptstadt m\u00f6chte den Garten zu einem positiven Beispiel f\u00fcr urbanen und \u00f6kologischen Wandel machen. <\/p>\n","protected":false},"author":49,"featured_media":70850,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"_planet4_optimize_post_is_variant":false,"_planet4_optimize_experiment_name":"","_planet4_optimize_variant_name":"","ep_exclude_from_search":false,"p4_og_title":"","p4_og_description":"","p4_og_image":"","p4_og_image_id":"","p4_seo_canonical_url":"","p4_campaign_name":"not set","p4_local_project":"not set","p4_basket_name":"not set","p4_department":"","footnotes":""},"categories":[1],"tags":[33],"p4-page-type":[194],"gpch-article-type":[196],"class_list":["post-70765","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-unkategorisiert","tag-ernaehrung","p4-page-type-hintergrund","gpch-article-type-reportage"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/70765","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/49"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=70765"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/70765\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/70850"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=70765"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=70765"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=70765"},{"taxonomy":"p4-page-type","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/p4-page-type?post=70765"},{"taxonomy":"gpch-article-type","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/gpch-article-type?post=70765"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}