{"id":81750,"date":"2022-02-27T11:33:48","date_gmt":"2022-02-27T10:33:48","guid":{"rendered":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/?p=81750"},"modified":"2022-02-27T11:33:51","modified_gmt":"2022-02-27T10:33:51","slug":"romeo-und-julia-von-rio","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/hintergrund\/81750\/romeo-und-julia-von-rio\/","title":{"rendered":"Romeo und Julia von Rio"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Tierisch tragische Lovestory: Illegaler Handel, Waldrodungen und die zur\u00fcckgehende biologische Vielfalt machen der Wildtierpopulation Brasiliens zu schaffen. In Rio de Janeiro gibt es deswegen noch ein einziges frei lebendes Ara-Weibchen. Aus Einsamkeit besucht es t\u00e4glich seine Artgenossen im Zoologischen Garten. Dort hat es auch einen treuen Partner. In der Stadt sind Romeo und Julia kleine Stars.<br><\/strong><\/p>\n\n<p>Julia kommt jeden Morgen und bleibt bis zum Abend. Romeo wartet meistens schon auf sie, und die beiden leisten sich f\u00fcr den Rest des Tages Gesellschaft. Sie schn\u00e4beln durch den Maschendrahtzaun, kr\u00e4chzen, zupfen sich gegenseitig das Federkleid und legen die K\u00f6pfe schief. Bei Einbruch der D\u00e4mmerung fliegt Julia wieder davon und l\u00e4sst Romeo zur\u00fcck in seiner Voliere im\u00a0<meta charset=\"utf-8\">\u00abBio Parque<meta charset=\"utf-8\">\u00bb, dem neu er\u00f6ffneten Zoologischen Garten von Rio de Janeiro.<\/p>\n\n<p>Wo Julia die Nacht verbringt, wei\u00df niemand genau. Aber es muss irgendwo im Dschungel der brasilianischen Metropole sein, in deren Mitte der gr\u00f6\u00dfte innerst\u00e4dtische Nationalpark der Welt liegt. Zahlreiche Wildtiere sind hier zu Hause, etwa Affen, Anakondas, Kaimane und Faultiere. Und eben auch Julia, ein gro\u00dfer bunt gefiederter Gelbbrustara, landl\u00e4ufig w\u00fcrde man sagen:\u00a0ein\u00a0Papagei.<\/p>\n\n<p>Julia, wie die Angestellten des Zoos sie getauft haben, ist der einzige frei lebende Ara Rios. Das ist einerseits r\u00e4tselhaft, weil keiner genau wei\u00df, woher Julia stammt und wie sie in die Stadt gekommen ist. Andererseits ist es tragisch, weil Aras sehr gesellige Tiere sind und man sie in der Natur nie alleine antrifft. Julia muss also auf der Suche nach Gesellschaft gewesen sein, als sie zum ersten Mal ihre Artgenossen im Zoo besuchte. Das ist jetzt rund zwei Jahrzehnte her, seitdem kommt sie fast jeden Tag.<\/p>\n\n<p>Rund 35 Aras leben im Park in einer artgerecht gestalteten, rund 1000 Quadratmeter gro\u00dfen Voliere. Sie teilen sie sich mit Dutzenden anderen Papageienv\u00f6geln, Sittichen, Tukanen und Hokkoh\u00fchnern. Als Besucher:in l\u00e4uft man durch die bis zu sieben Meter hohe Voliere, w\u00e4hrend \u00fcber einem die Tiere in leuchtenden Farben umher flattern, kr\u00e4chzen, schnattern und pfeifen. In Freiheit fliegen Aras rund 30 Kilometer pro Tag, dieses Bed\u00fcrfnis sp\u00fcrt man auch hier. Ebenso begreift man, warum die Ureinwohner:innen Brasiliens den V\u00f6geln einst den Namen \u00abArara\u00bb gaben. Sie verlautsprachlichten ihren Ruf.<\/p>\n\n<p>Man muss in dem polychromatischen Spektakel genau hinschauen, um Julia auszumachen. Sie sitzt gerade oben auf der Voliere und wird immer wieder von anderen Aras besucht, darunter ihr Romeo (auch sein Name stammt von den Zoo-Angestellten). Er krallt sich mithilfe seines kr\u00e4ftigen Schnabels von unten ans Gitter. Bei ihren Rendezvous tauscht das Paar aber nicht nur Z\u00e4rtlichkeiten aus, sondern auch Futter. Romeo bringt ab und zu Samen aus den Futterstellen der Voliere mit und Julia besorgt Fr\u00fcchte aus der Natur.<\/p>\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Den Tierh\u00e4ndler:innen entflohen<\/h2>\n\n<p>Kennengelernt haben m\u00fcssen sich die beiden bei Julias ersten Besuchen im alten Zoo. Trotz des Zauns zwischen ihnen wurden sie ein Paar \u2013 eine Entscheidung mit Konsequenzen, denn Aras gelten als monogam, das hei\u00dft, sie gehen feste Paarbindungen ein, die viele Jahre halten k\u00f6nnen, unter Umst\u00e4nden sogar ihr ganzes Leben lang. In Freiheit kann ein Ara 35 Jahre alt werden, in Gefangenschaft sogar 80 Jahre. Wie in William Shakespeares Drama <meta charset=\"utf-8\">\u00abRomeo und Julia<meta charset=\"utf-8\">\u00bb ist daher auch diese tierische Beziehung eine tragische. Denn das Liebespaar wird immer durch einen Metallzaun getrennt sein und k\u00fckenlos bleiben. Der Vorteil der Paarbindung bei den Aras ist, dass sie Energie raubende Werbung um ein Weibchen und Rivalit\u00e4ten unter den M\u00e4nnchen verhindert, sie dient also der Friedenssicherung. Au\u00dferdem kooperieren die Paare bei der Aufzucht des Nachwuchses, was dessen \u00dcberleben sichert.\u00a0<\/p>\n\n<p><meta charset=\"utf-8\">\u00abWir werden das ja h\u00e4ufig gefragt<meta charset=\"utf-8\">\u00bb, sagt ein Zoo-Mitarbeiter in der Voliere. <meta charset=\"utf-8\">\u00abWarum lasst ihr Julia nicht einfach hinein zu ihren Artgenossen? Oder warum lasst ihr Romeo nicht hinaus?<meta charset=\"utf-8\">\u00bb Beides w\u00e4re unverantwortlich, sagt er, weil Julia in der Natur offensichtlich gut zurechtkomme. Sie sei gut ern\u00e4hrt, habe ein leuchtendes Federkleid und man wisse nicht, wie sie auf ein Leben in Gefangenschaft reagieren w\u00fcrde. Romeo wiederum wurde im Zoo geboren und hat keine Erfahrung mit dem Leben in der Wildnis. Er w\u00fcsste beispielsweise nicht, wie und wo er nach Futter suchen sollte.\u00a0<\/p>\n\n<p>Unklar ist bis heute, wie Julia eigentlich nach Rio gelangt ist. Der letzte frei lebende Gelbbrustara wurde 1818 in der Stadt von einem australischen Wissenschaftler gesichtet, damals waren Rios W\u00e4lder komplett f\u00fcr Kaffeeplantagen abgeholzt worden. Es wird daher vermutet, dass Julia vor Tierh\u00e4ndler:innen nach Rio geschmuggelt wurde und dann entflog, vielleicht bei jemandem, der sie illegal als Haustier hielt. Die Hauptverbreitungsgebiete der Aras, von denen man acht Arten unterscheidet \u2013 etwa der Blauara und der Gr\u00fcnfl\u00fcgelara \u2013 sind heute der Amazonaswald und die angrenzenden \u00d6kosysteme etwa das Cerrado oder das \u00dcberschwemmungsgebiet Pantanal im Westen Brasiliens. Sie liegen Tausende Kilometer von Rio entfernt.\u00a0<meta charset=\"utf-8\">Und sind alles Gebiete, die vermehrt durch Abholzung und Austrocknung bedroht sind.<\/p>\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Opfer des illegalen Wildtierschmuggels<\/h2>\n\n<p>Viele der Aras, die heute im Park leben, wurden einst bei Polizeiaktionen gegen Wildtierschmuggler:innen beschlagnahmt. Ihr pr\u00e4chtiges Gefieder, ihr Charisma und ihre Intelligenz \u2013 sie\u00a0nutzen Werkzeuge, l\u00f6sen Probleme, erkennen sich im Spiegel \u2013\u00a0machen sie extrem begehrt. Im Ausland kann ein Ara auf dem Schwarzmarkt bis zu 3000 Dollar einbringen. Dabei hilft das bunte Kleid der Aras ihnen zwar, sich im dichten Dschungel gegenseitig zu finden, wo sie in Gruppen von bis zu 50 Exemplaren zusammenleben; aber die Farbenpracht erleichtert es auch illegalen J\u00e4ger:innen, sie aufzusp\u00fcren.\u00a0<\/p>\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"683\" src=\"https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/2022\/02\/de742c4a-parrot_cage-1024x683.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-81751\" srcset=\"https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/2022\/02\/de742c4a-parrot_cage-1024x683.jpg 1024w, https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/2022\/02\/de742c4a-parrot_cage-300x200.jpg 300w, https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/2022\/02\/de742c4a-parrot_cage-768x512.jpg 768w, https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/2022\/02\/de742c4a-parrot_cage-1536x1024.jpg 1536w, https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/2022\/02\/de742c4a-parrot_cage-2048x1366.jpg 2048w, https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/2022\/02\/de742c4a-parrot_cage-510x340.jpg 510w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption><meta charset=\"utf-8\">\u00a9 Good Wives and Warriors<\/figcaption><\/figure>\n\n<p>Wegen seiner Artenvielfalt ist Brasilien heute besonders betroffen vom Schmuggel mit Wildtieren, der nach dem Drogen- und dem Waffenhandel die drittgr\u00f6\u00dfte illegale Handelsaktivit\u00e4t der Welt ist. Die Umweltbeh\u00f6rde Ibama sch\u00e4tzt, dass j\u00e4hrlich bis zu 38 Millionen Wildtiere in Brasilien gefangen werden. Der gr\u00f6\u00dfte Teil davon sind V\u00f6gel: Aras, Papageien, Tukane. H\u00e4ufig gefangen werden aber auch Affen, Raubkatzen und Schlangen. 90 Prozent der Tiere, so sch\u00e4tzt das Ibama, \u00fcberleben die Strapazen der Gefangenschaft und des Transports nicht. Die Liebe zwischen Romeo und Julia ist daher auch die Geschichte zweier \u00dcberlebenden.<\/p>\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Auswilderung f\u00fcr mehr Biodiversit\u00e4t<\/h2>\n\n<p>Doch vielleicht findet die Geschichte der beiden Aras auch ein ganz ungeahntes Ende. Zu den Aufgaben von Rios Park\u00a0z\u00e4hlt n\u00e4mlich auch die Aufzucht und Auswilderung einiger Tierarten in Kooperation mit verschiedenen Forschungseinrichtungen. Zu den ausgew\u00e4hlten Spezies z\u00e4hlt auch der Ara. Rund 20 von ihnen sollen Ende 2022 in Rios Tijuca-Nationalpark freigelassen werden und dort auch zur Diversifizierung der Fauna beitragen. <meta charset=\"utf-8\">\u00abAras k\u00f6nnen Fr\u00fcchte knacken, deren Schalen zu hart f\u00fcr andere V\u00f6gel sind, etwa die einiger Palmenarten<meta charset=\"utf-8\">\u00bb, erkl\u00e4rt der Biologe Marcelo Rheingantz von Rios Bundesuniversit\u00e4t UFRJ, der das Auswilderungsprojekt mit dem Namen Refauna koordiniert. <meta charset=\"utf-8\">\u00abDie Aras verbreiten die Samen und sorgen f\u00fcr eine gr\u00f6\u00dfere Pflanzenvielfalt.<meta charset=\"utf-8\">\u00bb\u00a0<\/p>\n\n<p>Vor ihrer Auswilderung erhalten die ausgew\u00e4hlten Jungv\u00f6gel ein Training, durch das sie an eine Walddi\u00e4t gew\u00f6hnt werden und au\u00dferdem lernen sollten, Gefahren zu erkennen, etwa die unz\u00e4hligen oberirdisch gespannten Kabel und Leitungen, an denen sich viele V\u00f6gel in Rio verletzten; oder ihre nat\u00fcrlichen Feinde, etwa Greifv\u00f6gel. Wenn es so weit ist, hofft Rheingantz, werde sich Julia den ausgewilderten Aras anschlie\u00dfen und f\u00fcr sie eine Art Lehrerin der Wildnis sein. Ob sie dann weiterhin jeden Tag treu in den Zoo komme oder sich eventuell einen Partner suche, mit dem sie Nachwuchs zeugen k\u00f6nne, m\u00fcsse man abwarten.<\/p>\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n<p><strong>Philipp Lichterbeck<\/strong>, Jahrgang 1972, lebt seit 2012 in Rio de Janeiro. Der freie Korrespondent und Reporter berichtet f\u00fcr deutsche, schweizerische und \u00f6sterreichische Medien \u00fcber Brasilien und den Rest Lateinamerikas. 2013 erscheint sein Buch \u00abDas verlorene Paradies. Eine Reise durch Haiti und die Dominikanische Republik\u00bb.<\/p>\n\n<p><strong>Becky Bolton<\/strong> und <strong>Louise Chappell<\/strong> arbeiten seit 2007 unter dem Namen <meta charset=\"utf-8\">\u00abGood Wives and Warriors<meta charset=\"utf-8\">\u00bb zusammen, kurz nachdem sie ihr Studium der Malerei an der Glasgow School of Art abgeschlossen hatten. Sie teilen ihre Zeit zwischen der Gestaltung von gro\u00dfformatigen Installationen f\u00fcr Kunstr\u00e4ume und der Ausf\u00fchrung von Illustrationsauftr\u00e4gen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Tierisch tragische Lovestory: Illegaler Handel, Waldrodungen und die zur\u00fcckgehende biologische Vielfalt machen der Wildtierpopulation Brasiliens zu schaffen. In Rio de Janeiro gibt es deswegen noch ein einziges freilebendes Ara-Weibchen. 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