{"id":9447,"date":"2016-12-28T00:00:00","date_gmt":"2016-12-27T22:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/master.greenpeace.ch\/beitrag\/9447\/ach-das-bessere-argument\/"},"modified":"2019-05-30T10:00:18","modified_gmt":"2019-05-30T08:00:18","slug":"ach-das-bessere-argument","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/story\/9447\/ach-das-bessere-argument\/","title":{"rendered":"Ach, das bessere Argument"},"content":{"rendered":"<p><b>\u201eDas bessere Argument soll gewinnen!\u201c \u2013 wer w\u00fcrde dem widersprechen wollen? Aber sollen sollte man, teilweise. Aus mindestens zwei Gr\u00fcnden. Der erste Grund: Zwar ist der Satz f\u00fcr Entscheidungs- und Sachfragen in Beruf und Alltag richtig, er gilt jedoch bei Wertefragen nicht an sich. Und diese sind in gesellschaftlichen Belangen entscheidend. Das heisst, man k\u00fcrt jenes Argument zum besseren, das in Bezug zu einer gesellschaftlichen besser zur eigenen Einstellung passt. Und bei dieser gilt es vier Aspekte zu unterscheiden: Eine kopflastige Einstellung ist eine Meinung (wissensbasiert), eine \u201ebauchlastige\u201c ist Sympathie bzw. Antipathie (spontane Annahme oder Ablehnung) und die Mischung Meinung und Sympathie ist die \u00dcberzeugung. Der vierte Aspekt ist die Norm, das heisst, man \u00fcbernimmt, was im Umfeld getan oder gedacht wird. Je nach Fragestellung dominiert der eine oder andere dieser vier Aspekte.<\/b><\/p>\n<p>Das Problem beim Argumentieren in gesellschaftlichen Fragen ist nun, dass sich oft nur eine kleine Minderheit wirklich f\u00fcrs Thema interessiert und also mit Wissensargumenten ansprechbar ist. Die meisten Menschen reagieren bei den meisten Themen entweder mit Norm (z.B. nehmen SVP-W\u00e4hler an, was ihre Partei sagt) oder auf der Ebene &#171;Sympathie\/Antipathie&#187;: Sie beurteilen prim\u00e4r emotional, ob z.B. AKWs sofort, binnen einer n\u00fctzlichen Frist oder m\u00f6glichst sp\u00e4t abgeschalten werden sollen. Die hintergr\u00fcndige Emotion, nicht die Kognition entscheidet \u00fcber die G\u00fcte eines Arguments in Wertefragen, d.h. der emotionale Kontext ist relevanter als der rationale, naturwissenschaftlich-technische Inhalt. Ein einziges \u201eArgument\u201c, das die Sympathie einer Zielgruppe trifft, kann diese gegen andere Argumente immunisieren. In diesem Zusammenhang ist zu bedenken, dass starke Emotionen wie Wut und Angst nur f\u00fcr \u00dcberzeugte mobilisierend wirken; Schwankende dagegen k\u00f6nnen sie als \u00fcbertrieben und daher unsympathisch empfinden.<\/p>\n<p>Um einem m\u00f6glichen Missverst\u00e4ndnis vorzubeugen: Argumentieren ist unerl\u00e4sslich \u2013 f\u00fcr Begr\u00fcndungen, zur Exploration einer Sache und um den gedanklichen Bleistift zu spitzen. Ebenso unerl\u00e4sslich ist es aber, die Einstellungen eines Zielpublikums zu beachten. Denn es gibt keine allgemein akzeptierte Instanz, die im Zweifels- oder Streitfall festlegte, welcher Massstab zur Bewertung des \u201eBesseren\u201c gelten soll. Also wird ein individueller genommen, den jede Person gem\u00e4ss ihrer Einstellung zum Thema (unbewusst) skaliert.<\/p>\n<div class=\"post-content\">\n<p>Gewiss k\u00f6nnten bzw. sollten Ethik und Wissenschaft als Instanzen dienen; nur ist einerseits Ethik wiederum mit Werten verbunden und andrerseits gibt es zu jeder wissenschaftlichen Studie eine Gegenstudie &#8211; und man nimmt jene als g\u00fcltig an, die einem besser passt.<\/p>\n<p>Das spricht nicht gegen das Argumentieren, aber daf\u00fcr, davon wegzukommen, dass ein Argument wie in einem offenen Wettkampf gewinnen k\u00f6nne; und also stattdessen dahin zu kommen, dass \u201eemotionale Einsicht\u201c bzw. die \u201esympathische Ansprache\u201c ausschlaggebend f\u00fcr als n\u00f6tig befundene Einstellungs\u00e4nderung ist.<\/p>\n<p>[\u00dcbrigens: Ohnehin w\u00e4re es bei Auseinandersetzungen um Werte und Einstellungen kl\u00fcger, die jeweiligen Interessen auf den Tisch zu legen, und nicht Argumente, die oft bloss Schlagabtausch und Wertestreit ausl\u00f6sen, was ein l\u00e4hmendes Patt oder ein Weitermachen-wie-bisher nach sich zieht. (War das nun ein gutes Argument?)].<\/p>\n<p>Der zweite Grund, dem Satz \u201edas bessere Argument soll gewinnen\u201c nur eingeschr\u00e4nkt zuzustimmen, ist das sogenannte Killerargument. Wer es einsetzt, sieht es im Grunde als bestes Argument und will mit ihm eine unbehagliche Sache abblocken. \u201eBesser\u201c bedeutet hier \u201em\u00e4chtigere Position\u201c oder trickreichere Rhetorik. Eine g\u00e4ngige Methode ist, auf eine andere Ebene zu wechseln, als die, auf der die Partnerin oder der Gegner spielt. Ein Klassiker ist, eine Projektidee mit dem Argument \u201eHast du ein Budget?\u201c abzuw\u00fcrgen. Wer unterliegt, bezeichnet das als Killerargument, weil sie oder er sich machtlos f\u00fchlt. Und jener, der killt, sieht ein m\u00f6gliches Patt oder gar eine Niederlage voraus, will sich aber durchsetzen und fl\u00fcchtet also auf eine andere Ebene. Das geschieht oft mit einer Floskel, die entweder klug (\u201eDa fehlt eine Strategie!\u201c), abgekl\u00e4rt (\u201eDas haben wir schon versucht\u201c) oder besorgt (\u201eDas f\u00fchrt zu B\u00fcrokratie und gef\u00e4hrdet Arbeitspl\u00e4tze\u201c) t\u00f6nen soll.<\/p>\n<p>Das ist ebenso plump wie oft vorkommend. Raffinierter sind jene Killerargumente, die auf eine gesellschaftlich anerkannte Norm setzen. Beliebt ist etwa dem eigenen Argument das Attribut \u201edemokratisch\u201c beizuf\u00fcgen, z.B. dann wenn man &#171;etwas f\u00fcr alle&#187; fordert: Und wer sich dem widersetzt, setzt sich der Gefahr aus, als undemokratisch zu gelten.<\/p>\n<p><span style=\"text-decoration: line-through;\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p>PS: \u00dcbrigens, gegen Killerargumente gibt es mindestens drei (bekannte) Mittel: Erstens nachfragen und um Begr\u00fcndung bitten bzw. zur Ausgangsfrage zur\u00fcckzukehren. Zweitens einen Gegenangriff auf die Person starten. Oder drittens ein Beispiel anf\u00fchren, welches das Killerargument in extremis weiterdenkt und so ins Absurde zieht.<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eDas bessere Argument soll gewinnen!\u201c \u2013 wer w\u00fcrde dem widersprechen wollen? Aber sollen sollte man, teilweise. 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