{"id":95873,"date":"2023-03-22T14:52:18","date_gmt":"2023-03-22T13:52:18","guid":{"rendered":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/?p=95873"},"modified":"2023-03-22T16:01:38","modified_gmt":"2023-03-22T15:01:38","slug":"klimaseniorinnen-mein-und-dein-recht-auf-leben-und-gesundheit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/story\/95873\/klimaseniorinnen-mein-und-dein-recht-auf-leben-und-gesundheit\/","title":{"rendered":"KlimaSeniorinnen: Mein und Dein Recht auf Leben und Gesundheit"},"content":{"rendered":"\n<p><strong>Pers\u00f6nliche Reflexion von Elisabeth Stern<\/strong><\/p>\n\n<p>In unserer Klage an den Gerichtshof f\u00fcr Menschenrechte, geht es uns Klimaseniorinnen wirklich in erster Linie um <em>unser<\/em> Recht auf Leben?<\/p>\n\n<p>Es sei vorweg zugegeben: Wir wollen nicht vorzeitig sterben, nur weil wir als Gesamtgesellschaft \u2013 inklusive Politik und Unternehmen &#8211; keine vern\u00fcnftige Klimapolitik hingekriegt haben, jedenfalls keine, die gut genug ist.&nbsp;<\/p>\n\n<p>Klagen wir also sehr egoistisch auf <em>unser<\/em> Recht auf Leben und auf <em>unser<\/em> Recht auf Gesundheit? Ausgerechnet wir alten Frauen, die statistisch gesehen in zehn Jahren sowieso von diesem Planeten verschwunden sind?&nbsp;<\/p>\n\n<p>Wir sind in einem doppelten Sinn \u00abvulnerable\u00bb. Einerseits durch die Hitzewellen, unter denen wir \u00e4ltere Frauen gem\u00e4ss vielen Studien am meisten leiden, und andererseits durch unsere Sichtbarkeit (exposure) in der \u00d6ffentlichkeit wegen oder dank unserer Klimaklage. Wir halten sozusagen den Kopf hin, lassen uns zB als wehleidige alte Lachnummern beschimpfen. Aktive alte Frauen triggern Beides: grosse Bewunderung und Verachtung (hate mails mit vollem Namen des Absenders!)<\/p>\n\n<p>Ja, wir halten den Kopf hin f\u00fcr alle Bev\u00f6lkerungsgruppen. Denn seinen eigenen Staat einklagen, ist kein Sonntags-Picknick und kann nur, wer eine besondere Betroffenheit nachweisen kann. Wir sind weit gekommen in diesem Prozess.<\/p>\n\n<p>Sollten wir vor Gericht gewinnen, hilft eine bessere Klimapolitik weniger uns alten Jahrg\u00e4ngen, daf\u00fcr umso mehr unseren Kindern und Kindeskindern.&nbsp; Und zugegeben: es war uns immer auch wichtig, etwas zu tun, das auch f\u00fcr unsere Kinder, Enkelinnen und Enkel positiv wirkt . Sie sind die Zukunft, nicht wir. Wenn wir jetzt aufgrund unserer besonderen Verletzlichkeit noch an den Voraussetzungen mitwirken k\u00f6nnen, die es f\u00fcr eine Umwelt braucht, in der unsere Nachkommen (eigene und \u2018fremde\u2019) gedeihen k\u00f6nnen, macht mich das schlicht und einfach gl\u00fccklich.<\/p>\n\n<p>Ich identifiziere mich ja nicht nur alleine mit meiner Person, sondern dar\u00fcber hinaus mit meinen Nachkommen, mit zuk\u00fcnftigen Generationen, sogar mit dem Planeten. Das weiss ich, seit ich das Foto der Erde aus dem All gesehen habe. \u00abEarthrise\u00bb entstand 1968, bei mir schlug das Bild allerdings erst zehn Jahre sp\u00e4ter ein. Mit ungemeiner Wucht hat es mein Blickfeld gesprengt und erweitert.<\/p>\n\n<p>Ich mache mir Sorgen um die Jungen. Manchmal habe ich Angst um sie in zweierlei Hinsicht. Sie sehen sich als \u00abletzte Generation\u00bb. Nicht als zuk\u00fcnftige! Was muss das f\u00fcr ein Lebensgef\u00fchl sein, sich als \u00abLetzte\u00bb zu f\u00fchlen? Sie sind nicht verantwortlich f\u00fcr die Zerst\u00f6rung, doch sie m\u00fcssen die Krise ausbaden, durchleben, irgendwie \u00fcberleben. Das Schlimme daran f\u00fcr mich pers\u00f6nlich: ich werde sie nicht besch\u00fctzen k\u00f6nnen. Dabei geht mein Sorgen und Trachten als Klimaseniorin prim\u00e4r darum, f<em>\u00fcr die zuk\u00fcnftige Generation unsere Erde lebenswert zu erhalten.<\/em><\/p>\n\n<p>(Ich mache in meiner Sorge keine Unterscheidung zwischen den eigenen und anderen Kindern.)<\/p>\n\n<p>Es macht mich w\u00fctend, dass junge Aktivist*innen selbst f\u00fcr gewaltfreie Klima Aktionen verurteilt werden, aber diejenigen, welche die Krise anfeuern, den Abbau von fossilen Energien weiterhin finanzieren, streichen Gewinne ein, erhalten die hohen L\u00f6hne, werden belohnt. Jede Verurteilung ist ein Schlag ins Gesicht und spottet jeglichem Gerechtigkeitssinn. Hie und da k\u00f6nnen die Jungen etwas Luft ablassen, d\u00fcrfen sogar am WEF der Polit- und Wirtschaftselite die Leviten lesen. Dann wird f\u00fcr den Moment zugeh\u00f6rt \u2013 im n\u00e4chsten Jahr erfahren wir, dass weiterhin hohe Investitionen in die fossile Energie get\u00e4tigt wurden. Wie f\u00fchle ich mich da zusammen mit den jungen Leuten durch und durch ver\u00e4ppelt. Ihre Zukunft wird t\u00e4glich verkauft.<\/p>\n\n<p>Sie wollen auf keinen Fall zu einem Konzern, der die Welt kaputt macht. Wen wunderts, dass junge Menschen in der Schweiz ihre eigene Zukunft <a href=\"https:\/\/www.nzz.ch\/visuals\/generation-z-netto-null-zukunft-ld.1704493\">laut einer neuen Studie<\/a> immer d\u00fcsterer sehen. Sie sorgen sich ums Klima (nebst Krieg) und fragen sich, ob die Menschen \u2013 sie pers\u00f6nlich! &#8211; genug Zeit haben, sich an die Klimaver\u00e4nderung anzupassen. Sie wissen, die Natur wird sich irgendwann erholen, aber wo bleiben die Menschen, wo bleiben sie? Sie stellen mir Fragen wie: \u00abK\u00f6nnen Sie mir Tipps geben, wie ich auch meine Mutter und Grossmutter dazu bringe, aktiv zu werden?\u00bb. So haben mich k\u00fcrzlich junge Studierende fast schon verzweifelt gefragt.<\/p>\n\n<p>Ich wiederhole, weil es mir wichtig ist: Es ist nicht das eigene \u00dcberleben und die eigene Gesundheit, die mich und viele von uns Klimaseniorinnen antreibt. Im juristischen Verfahren k\u00e4mpfen wir nur\u00a0f\u00fcr <em>unsere<\/em> Menschenrechte. Gleichzeitig ist es uns wichtig, dass dieser Kampf auch j\u00fcngeren und k\u00fcnftigen Generationen zu Gute kommt. Die grosse Sorge um die Zukunft unserer Kinder und Grosskinder ist ein wichtiger, nicht zu verleugnender Treiber f\u00fcr meinen Einsatz.<\/p>\n\n<p>Ein Einsatz, der 1977 begonnen hat und erst zu einem Ende kommen wird, wenn ich unter der Erde liege. Angefangen hat mein Engagement wegen der schockierenden Zahlen zu Kindern, die t\u00e4glich an Hunger sterben, dann kam die Friedensbewegung dazu, die Umweltbewegung, die Klimabewegung, die KlimaSeniorinnen.<\/p>\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"710\" src=\"https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/2023\/03\/95814ba5-gp0stqsyd_pressmedia-1024x710.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-95881\" srcset=\"https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/2023\/03\/95814ba5-gp0stqsyd_pressmedia-1024x710.jpg 1024w, https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/2023\/03\/95814ba5-gp0stqsyd_pressmedia-300x208.jpg 300w, https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/2023\/03\/95814ba5-gp0stqsyd_pressmedia-768x533.jpg 768w, https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/2023\/03\/95814ba5-gp0stqsyd_pressmedia-1536x1065.jpg 1536w, https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/2023\/03\/95814ba5-gp0stqsyd_pressmedia-2048x1420.jpg 2048w, https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/2023\/03\/95814ba5-gp0stqsyd_pressmedia-1969x1366.jpg 1969w, https:\/\/www.greenpeace.ch\/static\/planet4-switzerland-stateless\/2023\/03\/95814ba5-gp0stqsyd_pressmedia-490x340.jpg 490w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Die KlimaSeniorinnen lassen sich nicht beirren und stehen f\u00fcr ihre Rechte ein. \u00a9 Greenpeace\/Ex-Press\/Miriam Kuenzli<\/figcaption><\/figure>\n\n<p>Zum Gl\u00fcck gibt es die <em>Klimaklage<\/em> als Instrument, sich wegen mangelndem Klimaschutz gegen Staaten und Unternehmen zur Wehr zu setzen.<\/p>\n\n<p>Es ist sogar m\u00f6glich geworden zu klagen, weil die Freiheitsrechte k\u00fcnftiger Generationen eingeschr\u00e4nkt werden durch die jetzige \u00dcbernutzung. Das ist ein ganz neues Konstrukt. Das Erlauben von Emissionen heute sei ein Eingriff in die Freiheitsrechte der k\u00fcnftigen Generationen, <a href=\"https:\/\/www.bundesverfassungsgericht.de\/SharedDocs\/Pressemitteilungen\/DE\/2021\/bvg21-031.html\">schrieb das deutsche Verfassungsgericht<\/a>.<\/p>\n\n<p>Sind wir \u00e4ltere Frauen Opfer? Ja, im Sinne der pers\u00f6nlichen Betroffenheit und dem erh\u00f6hten Gesundheitsrisiko als Folge der zunehmenden Hitzetage.<\/p>\n\n<p>Wir sind aber auch h\u00f6chst kompetente <em>agents of change<\/em>. Denn unsere Klimaklage bringt den EGMR zum ersten Mal in die Situation, sich zum Klimaschutz eines Mitgliedstaates zu \u00e4ussern. Und zur Frage, ob Klimaschutz ein Menschenrecht ist.<\/p>\n\n<p>Es sind unsere Gedanken, unsere Visionen, die die Welt formen, die die Zukunft gestalten. Es hat 14 Milliarden Jahre gedauert, um uns hierher zu bringen, Sie und ich sind das Ergebnis davon. H\u00f6chstwahrscheinlich hat die Evolution keinen dritten Arm oder ein drittes Bein f\u00fcr uns geplant, sondern h\u00f6chstwahrscheinlich einen enormen Bewusstseinszuwachs, es ist mehr in unseren Gehirnen vorgesehen, vielleicht sogar ein Quantensprung. Die Achtsamkeit, das Bewusstsein einiger heute lebender Menschen ist erstaunlich, ich sehe das nicht nur fl\u00fcchtig hier und da in Menschen, sondern oft sind es grosse Ver\u00e4nderungen. Ja, es kann gut sein, dass der Homo sapiens von diesem Planeten verschwindet, der Planet Erde wird sich irgendwann erholen, aber wir sind weg, manche Menschen denken so, aber viele andere sehen die Chance, die wir jetzt haben, etwas Neues zu schaffen, in dem Sinne, dass einer Transformation oft oder immer eine Krise vorausgeht.\u00a0Ich glaube fest daran, und ich halte diesen Glauben oder diese Hoffnung aufrecht, weil er mich inspiriert.<\/p>\n\n<p class=\"is-style-accent-2\"><em><a href=\"https:\/\/klimaseniorinnen.ch\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/Elisabeth-Stern-DE.pdf\">Elisabeth Stern<\/a> ist Ethnologin im Ruhestand. Sie hat in Z\u00fcrich Psychologie studiert und an der University of California einen MA und PhD in Kulturanthropologie gemacht. Sie arbeitete bei der Stiftung Kinderdorf Pestalozzi f\u00fcr interkulturelle Bildung. Sie lehrte Ethnologie an der Universit\u00e4t Z\u00fcrich, arbeitete als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der University of Zimbabwe in Harare und als Senior Lecturer f\u00fcr interkulturelle Managementkompetenz an der Universit\u00e4t St. Gallen. Sie war Co-Gesch\u00e4ftsf\u00fchrerin eines Umweltunternehmens zur Finanzierung von Umweltprojekten.\u00a0<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es sei vorweg zugegeben: Wir wollen nicht vorzeitig sterben, nur weil wir als Gesamtgesellschaft keine vern\u00fcnftige Klimapolitik hingekriegt haben.<\/p>\n","protected":false},"author":48,"featured_media":95897,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"_planet4_optimize_post_is_variant":false,"_planet4_optimize_experiment_name":"","_planet4_optimize_variant_name":"","ep_exclude_from_search":false,"p4_og_title":"","p4_og_description":"","p4_og_image":"","p4_og_image_id":"","p4_seo_canonical_url":"","p4_campaign_name":"","p4_local_project":"","p4_basket_name":"","p4_department":"","footnotes":""},"categories":[1],"tags":[34,50],"p4-page-type":[75],"class_list":["post-95873","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-unkategorisiert","tag-klimagerechtigkeit","tag-klima","p4-page-type-story"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/95873","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/48"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=95873"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/95873\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media\/95897"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=95873"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=95873"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=95873"},{"taxonomy":"p4-page-type","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/p4-page-type?post=95873"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}