{"id":9765,"date":"2016-03-16T00:00:00","date_gmt":"2016-03-15T22:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/master.greenpeace.ch\/beitrag\/9765\/endlich-oeko-selbstverstaendlichisierung\/"},"modified":"2019-05-30T10:12:47","modified_gmt":"2019-05-30T08:12:47","slug":"endlich-oeko-selbstverstaendlichisierung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.greenpeace.ch\/de\/story\/9765\/endlich-oeko-selbstverstaendlichisierung\/","title":{"rendered":"Endlich \u00d6ko-Selbstverst\u00e4ndlichisierung?!"},"content":{"rendered":"<div class=\"post-content\">\n<div>\n<p><strong>Viele \u00d6ko-Engagierte und Umweltverb\u00e4nde haben sich der F\u00f6rderung von umwelt\u00adbewusstem Verhalten verschrieben. Seit 40 Jahren. Gebessert hat sich kaum etwas.<\/strong><\/p>\n<p>\u00abAber wir&nbsp;m\u00fcssen&nbsp;unsere Konsummuster doch massenhaft \u00e4ndern!\u00bb, sagen sie unbeirrt. Das ist zwar richtig, aber die \u00c4nderung geht offensicht\u00adlich nicht mit moralischen Appellen und kleinb\u00fcrgerlichen Verhaltens\u00adangeboten.<\/p>\n<p>Wie massenhafte Verhaltens\u00e4nderung real funktionieren kann, zeigt beispielsweise die britische Regierung, die sich eine sogenannte&nbsp;<em>Nudging Unit<\/em>&nbsp;zugelegt hat. Diese Abteilung setzt um, was die Psychologie unter dem Namen \u00abKleine Intervention \u2013 grosse Wirkung\u00bb erkannt hat und als&nbsp;<strong>Nudging*<\/strong>&nbsp;bezeichnet.<\/p>\n<p>Laut&nbsp;<em>Psychologie heute<\/em>&nbsp;(8\/2015) gelang es besagter Abteilung zum Beispiel, mit zwei neuen S\u00e4tzen am Anfang des Standard-Mahnbriefs an s\u00e4umige Steuerzahler die Steuereink\u00fcnfte massiv zu erh\u00f6hen. Sie lauteten: \u00abNeun von zehn B\u00fcrgerInnen zahlen ihre Steuern rechtzeitig. Im Moment geh\u00f6ren Sie zu einer kleinen Minderheit, die noch nicht bezahlt hat.\u00bb Nudging nutzt die Tatsache, dass die wenigsten Menschen Verhaltensauff\u00e4llige sein wollen und sich der effektiven oder angenommenen&nbsp;<a href=\"http:\/\/www.greenpeace.org\/switzerland\/de\/News_Stories\/Magazin\/Kunos-Kolumne\/das-ist-normal\/blog\/40114\/\">Norm<\/a>&nbsp;anpassen. Das heisst, sie legen jenes Verhalten an den Tag, von dem sie annehmen, es sei in ihrem Umfeld normal. Drei weitere Beispiele:<\/p>\n<ul>\n<li>In einer britischen Region, in der traditionell viel und stark gesalzene \u00abFish and Chips\u00bb gegessen werden, war der weit verbreitete Bluthochdruck zu einem medizinisches Problem geworden. Der Versuch, die Leute zu mahnen, ihren Salzkonsum zu mindern, war fruchtlos. Gen\u00fctzt hat dagegen der Ersatz der \u00fcblichen Salzstreuer mit 17 grossen L\u00f6chern durch solche mit weniger und kleineren L\u00f6chern (weil die Gewohnheit, den Salzstreuer zwei-, dreimal zu bet\u00e4tigen, beibehalten wurde).<\/li>\n<li>In \u00d6sterreich haben 99% der Bev\u00f6lkerung einen Organspendeausweis, in Deutschland nur 12%. In beiden L\u00e4ndern kann man frei w\u00e4hlen, ob man seine Organe nach dem klinischen Tod spenden will oder nicht. In \u00d6sterreich ist der beh\u00f6rdliche Standard, dass jedeR OrganspenderIn ist, ausser man melde sich aktiv ab. In Deutschland ist es umgekehrt.<\/li>\n<li>Und Google, die Ober-Nudger-Firma: Ihr ist es beispielsweise gelungen, dass viele Internetbrowser Google als Standardsuchmaschine verwenden (d.h. eine Sucheingabe in der Adresszeile gen\u00fcgt bereits). Ob Suchmaschine oder eben Organspende, was eingerichtet wurde, ist best\u00e4ndig. So brauchen auch die meisten Umweltengagierten Google statt der \u00f6kologischen Alternativen ecosia.org (die man mit zwei Minuten einrichten m\u00fcsste).&nbsp;<\/li>\n<\/ul>\n<p><strong>Stirbt der \u00d6koprotestantismus aus?<\/strong><\/p>\n<p>Solche Ans\u00e4tze scheinen verheissungsvoll \u2013 und somit k\u00f6nnte der \u00d6koprotestant eigentlich aussterben. Also jene Spezies der Umweltbewegung, die das individuelle richtige Umwelt-Verhalten im Alltag predigt, dieses selber diszipliniert vorlebt und damit seine Mission rechtfertigt. Die \u00d6kotipps-Liste ist seine Bibel aus der er gerne vorliest. Auch repetitiv (mehr dazu&nbsp;<a href=\"http:\/\/www.greenpeace.org\/switzerland\/de\/News_Stories\/Magazin\/Kunos-Kolumne\/mein-tipp-kein-tipp-ohne-kampagne\/blog\/47766\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">hier<\/a>). Allerdings k\u00f6nnte er als alter Wein im neuen Schlauch \u00fcberleben, denn es hat sich eine Art \u00d6kokatholizismus entwickelt. Die Verhaltens\u00e4nderungs-Mission ist die gleiche geblieben, nur kommt sie mit Weihrauch umnebelt netter daher. Mit weichsp\u00fclendem Infotainment und coolem Klicken lautet das gleiche Motto nun: \u201eFinde spielerisch deinen Lebens\u00adstil-Typ heraus und ver\u00e4ndere ihn zum Richtigen\u201c. Solche mikroskopische Symptombek\u00e4mpfung ist an Floskeln wie \u00ableiste deinen eigenen Beitrag\u00bb erkennbar, die vorgaukeln, gesellschaftlich relevant zu sein. Ein Minischrittchen wird so zum Engagement empor\u00adstilisiert, das damit aber eher gel\u00f6scht, denn entfacht wird. So unterminiert dieses \u201eClickerism\u201c bzw. diese datenbankgemanagte \u00abKlickeria\u00bb den realen Wandel eigentlich tendenziell.<\/p>\n<p>\u00d6koprotestantische Appelle wie etwa \u00abSpar Strom und wir k\u00f6nnen uns ein AKW ersparen\u00bb oder \u00f6kokatholische Fussabdruck Online-Tests sind also ziemlich wirkungslos. Wirkung dagegen erzielt, wer echte oder als echt empfundene Normen ins Spiel bringt, z.B. mit Nudging so: \u00abIn einem Experiment begannen Hauseigent\u00fcmer messbar weniger Strom zu verbrauchen, als man sie darauf hinwies, dass ihre Nachbarn bereits zu den Energiesparern geh\u00f6rten. Gab man andere Gr\u00fcnde wie Umweltschutz, Kosteneinsparung oder Sorge f\u00fcr die zuk\u00fcnftige Generationen an, war der Effekt deutlich weniger ausschlaggebend\u00bb (ph 8\/15).<\/p>\n<p>So k\u00f6nnte gelingen, was notwendig ist:&nbsp;<strong>Eine \u00d6ko-Selbstverst\u00e4ndlichisierung f\u00fcr die Bagatellf\u00e4lle des Alltages.<\/strong><\/p>\n<p>PS: Zwei weitere auf psychologischen Erkenntnissen beruhende \u00abmassenf\u00e4hige Verhaltens\u00ad\u00e4nderungsmethoden\u00bb sind&nbsp;<strong>Scham-&nbsp;<\/strong>und<strong>&nbsp;\u00abRider-Elephant-Path\u00bb-Strategien<\/strong>:<\/p>\n<ul>\n<li>Erstere hat Jennifer Jacquet in ihrem Buch \u00fcber die Scham als politische Kraft beschrieben**. Als ein Beispiel daf\u00fcr f\u00fchrt sie den Fall Kalifornien an, bei dem der Staat drohte, die 500 gr\u00f6ssten Steuers\u00fcnder auf seiner Web-Page zu ver\u00f6ffentlichen, worauf die allermeisten S\u00e4umigen umgehend einzahlten.<\/li>\n<li>Die zweite, das&nbsp;<strong>\u00abRider-Elephant-Path\u00bb-Modell<\/strong>&nbsp;ist das Resultat einer Untersuchung der Heath Brothers*** von \u00fcber 50 F\u00e4llen realer Ver\u00e4nderung aus zwanzig L\u00e4ndern. Es besagt, dass die menschliche Tr\u00e4gheit, der \u00abElephant\u00bb, nur dann einen neuen Weg einschlagen wird, wenn dieser in kleine Schritte zerlegt wird. Weil so der Weg f\u00fcr den Elefanten als machbar erscheint, wird er ihn &#8211; und nur dann &#8211; auch gehen. Egal, was der Kopf (\u00abRider\u00bb) auch sagen oder wollen mag. Ein Prinzip, das jede\/r selber aus dem Alltag kennt. Erstaunlich aber, dass derselbe Mechanismus auch auf Gemeinde-, Firmen- oder L\u00e4nderebene wirksam ist. Mehr zum Modell und dem Buch dahinter in einer n\u00e4chsten Kolumne.<\/li>\n<\/ul>\n<p>* \u00abNudging\u00bb, auf deutsch \u00abStupser\u00bb, ist jener kleine Anstoss, der gen\u00fcgt, um das Verhalten zu \u00e4ndern. Zum Beispiel bekannt aus den Superm\u00e4rkten (mit allerdings anderer Absicht): Der kleine Stupser an der Kasse, n\u00e4mlich Schoko\u00adriegel auf Kinderaugenh\u00f6he anzubieten, bewirkt, dass das Kind unbedingt einen solchen haben will. Umgekehrt zeigen Schulkantinen, bei welchen Obst auf Augen- und Schokolade auf B\u00fcckh\u00f6he angeboten werden, einen markanten gesundheitsf\u00f6rderlichen Effekt. Standardwerk: \u00abNudge: Wie man kluge Entscheide anst\u00f6sst\u00bb, Cass Sunstein und Richard Thaler (2009). Und eine&nbsp;<strong>Warnung<\/strong>: \u201eBig Data\u201c und Nudging \u00e0 la Google ist nicht nur paternalistisch (\u201eGoogle weiss, was f\u00fcr mich gut ist\u201c), sondern wegen ihrem manipulativen Charakter hochproblematisch. Zu dieser verhaltens\u00f6konomischen Methode gibt es viel Forschung, z.B. an der ZHAW, und auch kritische Literatur.<\/p>\n<p>**&nbsp;<a href=\"http:\/\/www.fischerverlage.de\/buch\/scham\/9783100359025\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">\u00abScham. Die politische Kraft eines untersch\u00e4tzten Gef\u00fchls\u00bb, Jennifer Jacquet (2015)<\/a><\/p>\n<p>***&nbsp;<a href=\"http:\/\/www.fischerverlage.de\/buch\/switch\/9783596190256\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">\u00abSWITCH &#8211; Ver\u00e4nderungen wagen und dadurch gewinnen!\u00bb, Chip und Dan Heath (2011)<\/a><\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Viele \u00d6ko-Engagierte und Umweltverb\u00e4nde haben sich der F\u00f6rderung von umwelt\u00adbewusstem Verhalten verschrieben. Seit 40 Jahren. Gebessert hat sich kaum etwas. \u00abAber wir&nbsp;m\u00fcssen&nbsp;unsere Konsummuster doch massenhaft \u00e4ndern!\u00bb, sagen sie unbeirrt. 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