Zurich Versicherung: Nachholbedarf im Umgang mit Klimawandel und Fossilausstieg

Nach Ansicht der Klimawissenschaft können die Ziele des Pariser Klimaabkommens nur dann auf kosteneffektive Weise erreicht werden, wenn keine neuen Kohlekraftwerke gebaut und die Bestehenden frühzeitig aus dem Verkehr gezogen werden. Wie alle Unternehmen haben auch Versicherer eine moralische Verpflichtung, ihre Geschäft an die Ziele des Pariser Abkommens anzupassen. Nach Ansicht der Klimawissenschaft können die Ziele des Pariser Klimaabkommens nur dann auf kosteneffektive Weise erreicht werden, wenn keine neuen Kohlekraftwerke gebaut und die Bestehenden frühzeitig aus dem Verkehr gezogen werden. Wie alle Unternehmen haben auch Versicherer eine moralische Verpflichtung, ihre Geschäft an die Ziele des Pariser Abkommens anzupassen.

Doch die Versicherungsindustrie hat überdies ein starkes Eigeninteresse an der Vermeidung einer unkontrollierbaren und chaotischen Verschlechterung des Klimas. Der britische Versicherer Aviva lässt keine Zweifel daran, was eine solche Entwicklung für die Versicherungsbranche bedeuten würde: «Grosse Teile der Wirtschaft wären nicht länger versicherbar und der Markt für unsere Dienstleistungen würde drastisch schrumpfen.»

Der vorliegende Text fasst die vom Klimawandel ausgehenden finanziellen Risiken für die Versicherungsindustrie zusammen, analysiert die anhaltende Beteiligung der Zurich als Investor und Versicherer im Bereich der fossilen Energien, erläutert die Schritte, die Zurich bisher unternommen hat, um ihre Beteiligung zu reduzieren, und vergleicht ihre Haltung zur Kohle mit den Positionen anderer Marktführer. Das Briefing schliesst mit einer Reihe von Empfehlungen an die Leitung der Zurich.

Finanzielle Risiken im fossilen Energiebereich


Angesichts des kontinuierlichen Aufwärtstrends der ökonomischen Kosten von Naturkatastrophen in den vergangenen drei Jahrzehnten, fielen die im ersten Halbjahr 2017 durch Naturkatastrophen verursachten Kosten eher bescheiden aus. In den USA allerdings verzeichnete die Versicherungs- und Rückversicherungsbranche allein im Mai 2017 Verluste von rund 3 Mia. USD, verursacht durch schwere Wärmegewitter, Gewitter, Tornados, Hagelwetter und damit verbundene schädliche Winde, und erhöhte laut Impact Forecasting das Schadentotal der Industrie für das laufende Jahr auf bereits über 12 Mia. USD. Es ist anzunehmen, dass Versicherer wie die Zurich, die im USA-Geschäft mehr Risiken abdecken, diesen Druck auf ihre Bilanz spüren. 
Wetterbedingte Katastrophen verursachen durchgehend die höchsten jährlichen Versicherungsverluste weltweit. Überschwemmungen in Europa, den USA, und China, Erdbeben in Neuseeland, Ecuador, Japan, Flächenbrände in Kanada, und Hagelstürme in den USA haben in den letzten Jahren die grössten wirtschaftlichen Schäden verursacht. 

Die Versicherungsgruppe Zurich meldete 2015 einen grossen Einbruch beim Betriebsgewinn verursacht durch ausserordentliche Schadenansprüche aus Elementarereignissen. Katastrophen wie der Flächenbrand von Fort McMurray, Überschwemmungen in Europa und Hagelstürme in Texas verursachten im zweiten Quartal von 2015 Verluste von 200 Mio. USD. Die jüngsten Quartalsabschlüsse der Gruppe wurden zudem beeinträchtigt durch Forderungen aus dem landwirtschaftlichen Rückversicherungsgeschäft in den USA, das gleich zwei aufeinanderfolgende Jahre mit grossen Katastrophenschäden verzeichnete. Mehr als die Hälfte dieser Verluste wurden von Stürmen in Texas verursacht. Verglichen mit dem Schadendurchschnitt der Jahre 2013-15 waren die katastrophalen Verluste im ersten Quartal von 2016 und 2017 mehr als viermal so hoch.

Je stärker sich der Klimawandel bemerkbar macht, desto schwieriger wird es mittel- und langfristig für Versicherer werden, ihre Dienstleistungen zu einem erschwinglichen Preis anzubieten, ganz ungeachtet der Qualität ihrer Modelle. Sollten die Verluste aus Naturkatastrophen weiter anwachsen, werden auch die Modelle diesen Trend allmählich reflektieren und steigende Prämien dafür sorgen, dass Versicherungsschutz für viele allmählich unerschwinglich wird. Versicherer machen schon heute in flutgefährdeten Gegenden immer mehr Vorbehalte und stellen so ihre exponiertesten Kunden vor ein Dilemma.
Darüber hinaus bergen Investitionen und das Versicherungsgeschäft im fossilen Brennstoffbereich zunehmende finanzielle Risiken für Zurich und andere (Rück)Versicherer. (Rück)Versicherer sind an mehreren Fronten klimarelevanten finanziellen Risiken ausgesetzt.

Zuerst vermindert der Übergang zu einer kohlenstoffarmen Wirtschaft den Wert von Unternehmen im fossilen Energiebereich. Finanzielle Beteiligungen von Versicherern an solchen Unternehmen können sehr schnell zu gestrandeten Investitionswerten werden. Lloyd’s of London warnt davor, dass der Klimawandel und die Reaktion der Gesellschaft darauf «ganze Regionen und globale Industrien innert kürzester Zeit ins Abseits  manövrieren könnten, mit direkten und indirekten Folgen für Investitionsstrategien und Verbindlichkeiten».

Die Aufsichtsbehörde der Bank of England warnt, dass Haftpflichtklagen gegen Unternehmen, die Klimawandel verursachen, für Versicherer schon bald die grösste Bedrohung darstellen könnten. «Die Geschichte zeigt, dass Haftpflichtfälle für die Versicherungsbranche auf die Dauer schädlicher sind als Verluste, die durch eine einzelnes Schlechtwetterereignis verursacht wurden, besonders wenn laufend neue Anspruchsberechtigte auftauchen», stellte die Behörde 2015 fest. Haftpflichtklagen gegen Asbesthersteller in den USA haben den Versicherern bis heute Verluste im Umfang von rund 85 Mia. USD beschert.
Gegenwärtig sind vor US-Gerichten und anderswo mehrere Fälle gegen Firmen im fossilen Brennstoffbereich hängig, die wegen Verursachung von Klimawandel zur Verantwortung gezogen werden. Drei küstennahe kalifornische Counties und Städte klagten kürzlich gegen 37 fossile Brennstoffunternehmen, darunter namhafte Kohlegesellschaften wie Peabody Energy, Arch Coal und Rio Tinto. Wenn solche Klagen erst mal zum Erfolg führen, werden Versicherer, welche die Haftpflicht-Risiken der fossilen Brennstoffunternehmen abdecken, mit grosser Wahrscheinlichkeit zur Kasse gebeten.

Zurich als Investor im fossilen Brennstoffbereich



Zurich hat viel Geld in sauberen Energiequellen angelegt, mit dem Ziel, insgesamt 2 Mia. USD in Grüne Anleihen (Green Bonds) zu investieren. Doch um den Klimawandel abzuschwächen, ist ein schneller Ausstieg aus der Kohlekraft unumgänglich. Im Gegensatz zu Aegon, Allianz, Aviva, AXA, HCF, Munich Re, SCOR, Storebrand und Swiss Re, hat Zurich bisher weder Investitionen aus Kohle- oder anderen Unternehmen im fossilen Brennstoffbereich abgezogen, noch eine entsprechende Absicht bekundet. Unklar ist auch, ob das Portfolio der Zurich im Einklang mit den Pariser Klimazielen steht.

Laut einer Analyse des Forschungsunternehmens Profundo für das vorliegende Briefingpapier hält die Zurich gegenwärtig Beteiligungen an Kohlegesellschaften im Wert von mindestens 164.7 Mio. USD. Ihr Portfolio umfasst grössere Beteiligungen mit Risikopotential an Bergbau- und Energiegesellschaften wie Duke Energy, Glencore und BHP Billiton. Doch diese Kohleholdings machen weniger als 0,5% von Zurichs gesamtem Bond-Portfolio aus. Das Unternehmen könnte sich deshalb die Kohle-Divestitionspolitik ihrer Konkurrenten ohne grossen Kostenaufwand zu eigen machen.

Gleichzeitig hält die Zurich weiterhin hunderte Millionen Dollars an Obligationen von anderen fossilen Brennstoffgesellschaften wie BP, Chevron, Transcanada, Kinder Morgan und sogar Energy Transfer Equity, die Firma hinter der umstrittenen Dakota Access Pipeline. Weil Energy Transfer und deren Töchter die indigenen Rechte der Standing Rock Sioux missachteten und zudem die schlechteste Bilanz in Sachen Ölunfälle hat, zogen zahlreiche Investoren und Banken 2017 ihre Gelder zurück.

Im vierten Quartal von 2016 verdoppelte die Zurich Versicherung ihren Anteil an der Duke Energy Corporation. Fast zur gleichen Zeit tat der Norwegische Staatsfonds seine Absicht kund, Duke Energy aus seinem milliardenschweren Portfolio auszuschliessen, weil das Risiko von schweren Umweltschäden als «zu gross» veranschlagt wurde.

Das legt den Schluss nahe, dass der verantwortliche Investitionsansatz der Zurich nicht weit genug geht. Wohl hat der Versicherer sein Ziel von 2 Mia. USD Investitionen in grünen Anleihen und 100 Mio. USD in Impact Investing schon fast erreicht, doch das Handlungsdefizit beim Ausstieg aus fossilen Brennstoffunternehmen ist sehr enttäuschend. Zu einem Zeitpunkt, da die Welt dringend fossil-freie, menschenrechtskonforme Investitionen braucht, von denen Unternehmen im fossilen Brennstoffbereich und grundsätzlich nicht nachhaltige Industrien ausgeschlossen sind, bleibt die Zurich hinter ihren Konkurrenten zurück.

Zurich als Versicherer von Unternehmen im fossilen Brennstoffbereich

Als Aussteller von Risikogarantien spielen Versicherungsgesellschaften bei der Entwicklung der Industriegesellschaft wohl oder übel eine entscheidende Rolle. Kein Hochhaus könnte gebaut werden, keine Fabrik den Betrieb aufnehmen ohne Versicherung. Das gilt auch für klimazerstörende Kohlenbergwerke, Pipelines, Riesenstaudämme und thermische Kraftwerke. 
Zurichs Versicherungsgeschäft ruht hauptsächlich auf drei Säulen: Die allgemeine Versicherung, die ungefähr 46% der Profite ausmacht; Global Life, mit 25%; und die Farmers Insurance Group, mit 29%. Laut Profundo ist Zurich einer der wichtigsten globalen Sachversicherer, basierend auf ihrer Fähigkeit, Kapazitäten auf globaler Basis einzusetzen. Sie ist nach wie vor einer der wichtigsten Akteure im nordamerikanischen Energiesektor. Bei der Haftpflichtversicherung im Strommarkt hat sich Zurich als bedeutender Energieversorger-Versicherer erwiesen und verfolgt dort eine langfristige Strategie. Zurich versichert oft globale Aktivitäten (mit der Fähigkeit zahlreiche lokale Policen auszustellen) und bietet als Hauptversicherer in solchen Fällen – je nach Ort und Art des Risikos – Schadenlimiten von bis zu 100 Mio. USD an. 
Im April 2017 beschloss AXA im Interesse einer konsequenten Klimapolitik Unternehmungen im Kohlenbereich keine Versicherungsdienstleistungen mehr anzubieten. Die Zurich hingegen hat bisher nichts unternommen, um neue Kohleprojekte grundsätzlich vom Versicherungsschutz auszuschliessen. Sie ist demnach weiterhin bereit, Kohle- und andere fossile Brennstoffprojekte zu versichern und zu finanzieren. Das ist ein blinder Fleck in der Klimapolitik dieses Versicherers.

Aus neueren Prozessakten geht angeblich hervor, dass die Zurich für Firmen wie Murphy Oil USA und Arch Coal Versicherungsdienste geleistet hat. Murphy Oil befand sich im Streit mit Überkapazitätsversicherern wie Zurich und Swiss Re nach einer durch Hurrikan Katrina verursachten Rohölpest in Murphys Meraux-Raffinerie. Diese Ölpest (von der US-Umweltschutzbehörde EPA als grösste Umweltbelastung im Zusammenhang mit Katrina bezeichnet), die begleitenden Sachschäden, sowie die angeblich in diesem Zusammenhang erlittenen Verletzungen und Nachteile haben zu mehr als 26 Sammelklagen geführt.
Der Arch Coal soll Zurich überhöhte Haftungsdeckung gewährt haben für den Betrieb der Minen von Thunder Bay, dem angeblich grössten einzelnen Steinkohle-Tagbau-Komplex der Welt.17 Arch Coal ist eine der Kohlegesellschaften, die kürzlich in Kalifornien mit einer Klimahaftpflicht-Sammelklage konfrontiert wurden.

Der neue CEO Mario Greco will die Zurich jetzt in eine einfachere, schlankere, verantwortlichere und geschäfts-zentriertere Organisation umformen. Eine Priorität ist dabei die Verringerung der Volatilität der kommerziellen Versicherungsergebnisse und eine vermehrte Ausrichtung auf das Sachversicherungs-Privatkundengeschäft.18 In diesem Zusammenhang sollte die Zurich auch ihre Risikoexposition bei den fossilen Brennstoffen vermindern, angefangen mit der Einstellung jeglicher Versicherungsdeckung für Kohleunternehmen. Das wäre eine verantwortungsvolle, umsichtige und zukunftsweisende Entscheidung, die sich auf lange Sicht bezahlt machen würde.

Schlussfolgerungen und Empfehlungen 

Als Investor und Versicherer von Kohleunternehmen hat die Zurich zwar erste Schritte unternommen; sie muss aber noch deutlich mehr tun, um mit in Sache verantwortlicher Klimapolitik führenden Konkurrenten Schritt zu halten. Dabei sollte Zurich darauf achten, ihre Absichten transparent und breit zu kommunizieren.

Im Juni dieses Jahres forderten Greenpeace Schweiz und 12 weitere Organisationen der weltweiten Unfriend Coal Coalition die Zurich auf, im Zusammenhang mit Kohle und Klimawandel folgende Massnahmen zu treffen:

  • Die Zurich ändert bis Oktober 2017 ihre Geschäftspolitik: sie versichert keine Kohleunternehmen mehr und zieht alle Investitionen aus dem Kohlebereich ab (grob definiert: Unternehmen, die mindestens 30% ihres Umsatzes oder ihrer Energie aus Kohle gewinnen);
  • Nach Oktober 2017 schliesst die Zurich auch alle übrigen Unternehmen im fossilen Brennstoffbereich aus ihrem Versicherungsgeschäft aus und zieht allfällige Investitionsgelder ab;
  • Gleichzeitig mit ihrem Rückzug aus dem fossilen Energiesektor erhöht sie ihre Unterstützung für saubere Energien entsprechend.

Im November 2017 wird die Unfriend Coal Coalition die Kohle- und Klimawandelpolitik von 25 führenden Versicherungen (die Zurich ist auch dabei) analysieren und klassieren und die Ergebnisse veröffentlichen. Indem die Zurich die obengenannten Empfehlungen in die Tat umsetzt, schützt sie ihr langfristiges Eigeninteresse und leistet einen wichtigen Beitrag zu ihrer letztendlich gesellschaftlichen Aufgabe: Den Schutz ihrer Kunden vor katastrophalen Risiken.

Kontaktpersonen:
Katya Nikitenko, Leiterin Finanzkampagne, Greenpeace Schweiz, katya.nikitenko@greenpeace.org, + 41 79 937 6383
Peter Bosshard, Direktor des Finanzprogramms, The Sunrise Project, peter@sunriseproject.org.au, +1 510 213 1438

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