Swiss Re: Fortschritte und Widersprüche beim Umgang mit Klimaerhitzung und Fossilausstieg

Die Swiss Re ist neben der Munich Re die grösste Rückversicherungsanstalt der Welt und als solche so etwas wie die ultimative Risikoverwalterin unserer Gesellschaft. Sie unter-scheidet sich von der übrigen Geschäftswelt vor allem dadurch, dass sie die Ansichten der Wissenschaft zum Klimawandel fast auf der ganzen Linie teilt. Swiss Re äusserte schon vor fast 30 Jahren ihre Besorgnis über die potentiellen mittel- bis langfristigen Auswirkungen des Klimawandels auf ihr Geschäft mit Naturkatastrophen-Risiken. Doch bis heute hat der Versicherer nur zögerliche Schritte zur Stabilisierung des Klimas unternommen.

So gewährt zwar Swiss Re seit 2016 keine Investitionen mehr in den Kohlesektor, versichert hingegen weiterhin Unternehmen, bei denen sie nicht mehr investieren würde. Widersprüch-lich ist andererseits auch, dass Swiss Re keine Ölsand-Projekte mehr versichert, weiterhin aber 110 Millionen USD hält in Form von Obligationen von höchst umstrittenen Betreibern der Ölsand-Industrie sowie Entwicklern von Pipelines, die mit diesem Sektor in Verbindung stehen.

Nach Ansicht der Klimawissenschaft können die Ziele des Pariser Klimaabkommens nur dann auf kosteneffektive Weise erreicht werden, wenn keine neuen Kohlekraftwerke gebaut und die Bestehenden frühzeitig aus dem Verkehr gezogen werden. Wie alle Unternehmen haben auch Versicherer eine moralische Verpflichtung, ihre Geschäft auf die Ziele des Pari-ser Abkommens abzustimmen.

Die Versicherungsindustrie hat auch ein starkes Eigeninteresse an der Vermeidung einer unkontrollierbaren und chaotischen Verschlechterung des Klimas. Der britische Versicherer Aviva lässt keine Zweifel offen, was unkontrolliertes Klimachaos für die Versicherungsbran-che bedeuten würde: «Grosse Teile der Wirtschaft wären nicht länger versicherbar und der Markt für unsere Industrie würde drastisch schrumpfen».

Das vorliegende Hintergrundpapier fasst die vom Klimawandel ausgehenden finanziellen Risiken für die Versicherungsindustrie zusammen, analysiert die anhaltende Beteiligung der Swiss Re als Investor und Versicherer im Bereich der fossilen Energien, erläutert die Schrit-te, welche Swiss Re bisher unternommen hat, um ihre Beteiligung zu reduzieren, und schliesst mit einer Reihe von Empfehlungen an die Leitung der Swiss Re ab.

Finanzielle Risiken im fossilen Energiebereich

Angesichts des kontinuierlichen Aufwärtstrends der ökonomischen Kosten von Naturkata-strophen in den vergangenen drei Jahrzehnten, fielen die im ersten Halbjahr 2017 durch Naturkatastrophen verursachten Kosten eher bescheiden aus. Naturkatastrophen verur-sachten weltweit ökonomische Verluste von 53 Mia. USD – weniger als die Hälfte des zehn-jährigen Semesterdurchschnitts von 122 Mia. USD. Von diesen Verlusten waren 22 Mia. versichert, verglichen mit dem Zehnjahresdurchschnitt von 34 Mia. USD.

Gemäss einer kürzlich erschienenen Swiss Re Sigma Studie verursachen wetterbedingte Katastrophen durchgehend die höchsten jährlichen Versicherungsverluste weltweit. Über-schwemmungen in Europa, den USA, und China, Erdbeben in Neuseeland, Ecuador, Japan, Flächenbrände in Kanada, und Hagelstürme in den USA haben in den letzten Jahren die grössten wirtschaftlichen Schäden verursacht.

Interessanterweise hat die Swiss Re ihr Engagement im Naturkatastrophengeschäft reduziert – und ihr Unternehmensportfolio überprüft – nachdem eine Verschlechterung bei der Preisgestaltung und die Schadenerfahrung 2016 ihre Margen belasteten. Finanzanalysten rechnen damit, dass die versicherungstechnischen Ergebnisse für das erste Halbjahr 2017 weniger problematisch ausfallen werden als in den vorangehenden Quartalsperioden.
Je stärker sich der Klimawandel auswirkt, desto schwieriger wird es für die Rückversicherer mittel- und langfristig werden, das Naturkatastrophengeschäft gewinnbringend zu gestalten, ganz ungeachtet der Qualität ihrer Modelle. Wenn die Verluste aus Naturkatastrophen weiter anwachsen, werden ihre Modelle diesen Trend allmählich reflektieren und steigende Prä-mien werden dafür sorgen, dass die Naturkatastrophenversicherung immer weniger erschwinglich wird.

Auch bergen Investitionen und das Versicherungsgeschäft im fossilen Energiebereich zu-nehmende finanzielle Risiken für Swiss Re und andere Rückversicherer. Rückversicherer sind an mehreren Fronten klimarelevanten finanziellen Risiken ausgesetzt.

Zuerst vermindert der Übergang zu einer kohlenstoffarmen Wirtschaft den Wert von Unternehmen im fossilen Energiebereich. Finanzielle Beteiligungen von Versicherern an solchen Unternehmen können sehr schnell zu gestrandeten Investitionswerten werden. Lloyd’s of London warnt davor, dass dem Klimawandel und der Art und Weise wie die Gesellschaft darauf reagiert, «das Potential innewohnt, ganze Regionen und globale Industrien innert kürzester Zeit aufs Trockene zu setzen, mit direkten und indirekten Folgen für Investitionsstrategien und Verbindlichkeiten».

Die Aufsichtsbehörde der Bank of England warnt, dass Haftpflichtklagen gegen Unternehmen, die Klimawandel verursachen, für Versicherer schon bald die grösste Bedrohung darstellen könnten. «Die Geschichte zeigt, dass Haftpflichtfälle für die Versicherungsbranche auf die Dauer disruptiver sind als Verluste, die durch ein einzelnes Schlechtwetterereignis verursacht wurden, besonders wenn laufend neue Anspruchsberechtigte auftauchen», stellte die Behörde 2015 fest. Haftpflichtklagen gegen Asbestfirmen in den USA haben den Versicherern bis heute Verluste im Umfang von schätzungsweise 85 Mia. USD beschert.

Gegenwärtig sind vor US-Gerichten und in anderen Ländern mehrere Fälle hängig, bei denen Firmen im fossilen Brennstoffbereich wegen der Verursachung von Klimawandel auf Schadenersatz verklagt werden. Drei küstennahe kalifornische Counties und Städte klagten kürzlich gegen 37 fossile Brennstoffunternehmen, darunter namhafte Kohlegesellschaften wie Peabody Energy, Arch Coal und Rio Tinto. Wenn solche Klagen zum Erfolg führen, werden die Versicherer, welche die Haftpflicht-Risiken der fossilen Brennstoffunternehmen abdecken, mit grosser Wahrscheinlichkeit zur Kasse gebeten.

Überblick: Swiss Re und Klimawandel

Die Swiss Re spielt seit langem eine führende Rolle bei der Ermittlung von Klimarisiken. «Der Klimawandel könnte für unseren Planeten zur grössten Umwelt-Herausforderung des 21.Jahrhunderts werden» , schreibt die Swiss Re in einem Positionspapier. Der Klimawandel ist deshalb bei Swiss Re zu einem Top Topic, einem Leitthema von grösster strategischer Wichtigkeit erklärt worden.

Swiss Re verfolgt nach eigenen Angaben vier Ziele im Klimawandel-Bereich:

  • Die Risiken des Klimawandels besser verstehen lernen und diese, falls rele-vant, im Risikomanagement und in den Versicherungsmodellen integrieren.
  • Produkte und Dienstleistungen zur Risikominderung oder Anpassung an das Klimarisiko entwickeln.
  • Im Dialog mit Kunden, Angestellten und der Öffentlichkeit das Bewusstsein für die Risiken des Klimawandels schärfen, und mithelfen einen globalen Handlungsrahmen zum Klimawandel zu formulieren.
  • Verbesserung der eigenen CO2-Bilanz und Sicherstellen einer transparenten jährlichen Emissionsberichterstattung.

Bis Ende 2016 hatte die Swiss Re 26 nationalen und regionalen Regierungen zum Thema Klimarisiko-Widerstandsfähigkeit beraten und ihnen insgesamt $3.9 Mia Rückversicherungsschutz angeboten. Nicht klar ist hingegen, ob der weltweit führende Rückversicherer seine Position auch genutzt hat, um die betreffenden Länder zur Transition in kohlenstoffarme und nachhaltige Volkswirtschaften zu bewegen.

Die Swiss Re als Investor im fossilen Brennstoffbereich

Im Juli 2017 kündigte die Swiss Re an, ihr 130 Mia. USD starkes Investmentportfolio unter ethische Indices zu verschieben. Seit Anfang 2017 würden bei Investitionen ökologische und soziale Gesichtspunkte, sowie Erwägungen zur guten Regierungsführung berücksichtigt. Die Umschichtung des Portfolios soll Ende des dritten Quartals 2017 abgeschlossen sein.

ESG-Kriterien zu berücksichtigen, heisst es bei Swiss Re weiter, «ist wirtschaftlich sinnvoll und reduziert Abwärtsrisiken, besonders für langfristige Investoren.» In der Mitteilung von Swiss Re heisst es zudem, die Firma habe «für einen Teil ihrer ESG-Investitionsbedürfnisse» die MSCI ESG Index Familie und den festverzinslichen Bloomberg Barclays MSCI Corporate Nachhaltigkeitsindex gewählt. Greenpeace befürwortet zwar den ESG-integrierenden Inves-titionsansatz als Minimallösung für alle Investoren, doch dies allein ist heutzutage nicht ausreichend. Die Wahl dieses neuen Ansatzes bedeutet nämlich nicht, dass die Swiss Re nun keinen fossilen Brennstoffrisiken mehr ausgesetzt ist.

Gemäss Daten, die durch die Beratungsfirma Profundo für dieses Briefing analysiert wurden, besitzt Swiss Re kleinere Anteile an Obligationen von Kohleunternehmen wie Duke Energy. Gleichzeitig besitzt der Versicherer grössere Obligationen-Anteile an anderen sehr umstrittenen fossilen Unternehmen wie den kanadische Ölsand-Betreibern Cenovus Energy und Husky Energy. Swiss Re besitzt auch Anleihen an Kinder Morgan Energy Partners, Energy Transfer Partners und Enbridge Energy Partners. Diese Firmen spielen Schlüsselrollen bei den umstrittenen TransMountain, Keystone und Dakota Access Pipelines, Projekte notabene, welche die Rechte der Indigenen verletzen oder dazu dienen, Ölsand aus Kanada zu exportieren.

Swiss Res Investitionen in Ölsand und damit verbundene Pipelines-Projekte sind noch augenfälliger wenn man bedenkt, dass der Versicherer grundsätzlich entschieden hatte, keine Versicherungsleistungen mehr für solche neuen Ölsand-Projekte zu leisten. Klimarelevante Richtlinien der Assekuranz stellen sich als widersprüchlich heraus wenn weiterhin Unternehmen versichert werden, bei denen nicht mehr investiert wird. Im Fall von Swiss Re geht die Widersprüchlichkeit auch in die andere Richtung.

Indem der MSCI Corporate Sustainability Index für alle Swiss Re Investitionen eingesetzt wird, sollten hoffentlich solche klimaschädigende Beziehungen aus der Welt geschaffen werden. Doch auch ein mit dem Index kompatibles Portfolio ist keine Garantie für ein 100% sauberes Portfolio. Der neue ESG Anleihen-Benchmark umfasst z.B. auch Total SA, die grosse französische Ölgesellschaft, welche gegenwärtig beabsichtigt, in gefährlicher Nähe zum noch fast völlig unerforschten Amazonas-Riff nach Öl zu bohren.

Nebst der Anwendung des Nachhaltigkeits-Indizes hat die Swiss Re auch beschlossen, Investitionen in Unternehmen, die einen bedeutenden Teil ihres Umsatzes (30% oder mehr) mit thermischer Kohle erzielen, künftig auszuschliessen. Unklar bleibt vorderhand, ob damit das Investitions-Portfolio von Swiss Re mit den Klimazielen des Pariser Abkommens übereinstimmt.

Wir brauchen heute dringend Investitionen in Unternehmen, die nichts mit fossilen Brennstoffen zu tun haben und die Menschenrechte respektieren – mit anderen Worten keine Unternehmen aus dem fossilen Brennstoffsektor und grundsätzlich keine nicht-nachhaltigen Industrien, die uns alle den Risiken aussetzen, welche eine Nichterfüllung des Pariser Abkommens mit sich bringen würde. Gewisse Kapitaleigner handeln bereits. Der grösste kommerzielle dänische Pensionsfonds gab diese Woche bekannt, künftig die Kohlenstoffemissionen seiner Beteiligungen im Auge zu behalten und Gelder aus Unternehmen, die das Pariser Klimaabkommen verletzen, abzuziehen.

Die Swiss Re als Versicherer von Unternehmen im fossilen Brennstoffbereich

Als Risikogaranten spielen Versicherungsgesellschaften so oder so eine entscheidende Rolle bei der Entwicklung der Industriegesellschaft. Kein Hochhaus könnte gebaut werden, keine Fabrik den Betrieb aufnehmen ohne Versicherung. Das gilt auch für klimazerstörende Kohlenbergwerke, Pipelines, Riesenstaudämme und thermische Kraftwerke.

Daten zu Marktanteilen und spezifischen Versicherungsverträgen im Versicherungsgeschäft liegen nicht vor. Es ist jedoch bekannt, dass mehr als die Hälfte des Prämieneinkommens der Swiss Re aus der Schadenrückversicherung stammt, davon 33% aus EMEA, 45% aus den Amerikas, und 22% aus Asien/Pazifik. Profundo stuft die Swiss Re als einen der führenden Rückversicherer für den Bau und Betrieb von Anlagen und Unternehmungen im Öl-, Gas-, Petrochemie-, Energie- und Bergbaubereich ein.

Die Swiss Re behauptet, bei Entscheiden zum Abschluss von Verträgen im Versicherungsgeschäft ökologische, soziale und governance (ESG) Kriterien zu berücksichtigen, z.B. bei der Risikoeinschätzung für grosse Infrastrukturprojekten, und bietet gemäss ihren Richtlinien für Bergbau in geschützten Gebieten, Offshore-Ölbohrungen in der Arktis , Fracking bei nicht-offengelegten Informationen, und Greenfield Ölsand Projekte keinen Versicherungsschutz an.

Im April 2017 beschloss AXA im Interesse einer konsequenten Klimapolitik für Kohleunternehmen keinen Versicherungsschutz mehr anzubieten. Die Swiss Re hingegen hat bisher nichts nachvollziehbares unternommen, um neue Kohleprojekte grundsätzlich vom Versicherungsschutz auszuschliessen. Mit anderen Worten, die Swiss Re ist nach wie vor bereit, die Kohleprojekte von Unternehmen zu versichern, in die sie aus Gründen des Klimaschutzes kein Geld mehr investieren würde; das scheint ein blinder Fleck in der Klimapolitik des Rückversicherers zu sein.

Schlussfolgerungen und Empfehlungen

Als Investor und Versicherer von Kohleunternehmen hat die Swiss Re zwar erste Schritte unternommen; sie muss aber mehr tun, wenn sie mit ihren führenden Konkurrenten in Sachen verantwortliche Klimapolitik Schritt halten will.

Im Juni dieses Jahres forderten Greenpeace Schweiz und 12 weitere Organisationen der weltweiten Unfriend Coal Coalition die Swiss Re auf, folgende Massnahmen im Zusammenhang mit fossilen Energien und dem Klimawandel zu treffen:

  • Die Swiss Re sollte bis Oktober 2017 ihre Geschäftspolitik dahingehend ändern, dass sie Kohleunternehmen nicht mehr versichert, neben einem kompletten Investitionsrückzug aus solche Firmen (grob definiert als Unternehmen, die mindestens 30% ihres Umsatzes oder ihrer Energie aus Kohle gewinnen);
  • Nach Oktober 2017 sollte die Swiss Re auch alle andern Unternehmen im fossilen Brennstoffbereich aus ihrem Versicherungsgeschäft ausschliessen und all-fällige Investitionen abziehen;
  • Gleichzeitig mit ihrem Rückzug aus dem fossilen Energiesektor sollte sie ihre Unterstützung für Quellen sauberer Energie entsprechend erhöhen.

Im November 2017 wird die Unfriend Coal Coalition die Politik der 25 führenden Versicherungsgesellschaften (einschliesslich Swiss Re) hinsichtlich Kohle und Klimawandel analysieren und eine entsprechende Bewertung veröffentlichen. Indem Swiss Re die obengenannten Empfehlungen umsetzt, schützt sie ihr langfristiges Eigeninteresse und leistet einen wichtigen Beitrag zu ihrer letztendlich gesellschaftlichen Aufgabe: den Schutz ihrer Kunden vor katastrophalen Risiken.

Weitere Informationen:

Webseite Unfriend Coal: http://unfriendcoal.com/coal/

Asti Roesle, Projektleiterin Greenpeace Schweiz
+41 (0)44 447 41 35, asti.roesle@greenpeace.org

Katya Nikitenko, Finanzexpertin Greenpeace Schweiz,
+41 (0)79 937 63 83, katya.nikitenko@greenpeace.org

Peter Bosshard, Koordinator Unfriend Coal Coalition, Leiter Finanzprogramm The Sunrise Projekt
001 510 213 1431, peter@sunriseproject.org.au

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