In einem Dorf in der Demokratischen Republik Kongo DRK gehen die Menschen auf die Barrikaden: Skrupellose europäische Firmen holzen ihren Lebensraum, den Urwald ab. Die Regierung schickt statt Hilfe das Militär.

In einem Dorf in der Demokratischen Republik Kongo DRK gehen die Menschen auf die Barrikaden: Skrupellose europäische Firmen holzen ihren Lebensraum, den Urwald ab. Die Regierung schickt statt Hilfe das Militär.

 

In der Provinz Equateur im Norden der zentralafrikanischen DRK liegt mitten im Urwald der kleine Ort Bokoweli. Zentrum ist ein staubiger Platz mit festgestampfter roter Erde und einem wackeligen Holzpavillon. Unter dessen marodem Dach versammeln sich die Bewohner von Bokoweli. Sie diskutieren viel, die Menschen sind wütend. Denn sie fürchten um ihr Dorf, den Urwald rings herum und um ihre Zukunft. «Unsere Bäume werden gefällt, exportiert, manchmal einfach liegen gelassen», sagt Lucie Poki, die Witwe des früheren Dorfoberhauptes «Wir wissen nicht, wohin diese grossflächige industrielle Abholzung noch führen soll.»

Dieser Holzeinschlag, die Rodung der Wälder in der Region um Bokoweli betrifft die Menschen ganz direkt. Denn dort schlägt das Herz des afrikanischen Urwaldes — nach dem Amazonas die zweite grüne Lunge der Erde. Und Existenzgrundlage für die lokale Bevölkerung. Aber das wertvolle tropische Holz weckt kommerzielle Interessen; vor allem europäische Unternehmen lassen im grossen Stil Bäume fällen, es entstehen immer mehr lichte Stellen im Urwald. Seit über zehn Jahren kämpft Greenpeace gegen diese Aktivitäten der Holzindustrie in den Wäldern. Jetzt waren MitarbeiterInnen der Umweltorganisation wieder einmal im Kongo: Silvain Trottier von Greenpeace Frankreich und seine afrikanischen KollegenInnen machten sich an verschiedenen Orten rund um die Stadt Lisala ein Bild von der Lage. Und trafen auf regelrechte Überfallkommandos: Die Holzfäller dort kommen in die abgelegenen Orte, nehmen sich oft gewaltsam, was sie wollen, und verschwinden wieder.

Gewalt und leere Versprechen

In Bokoweli versprach das belgische Unternehmen Sicobois als Gegenleistung für die Einschlagerlaubnis den Bau einer Schule und anderer Infrastruktur. Und verschwand 2005 aus dem Ort – ohne die Schule je fertigzustellen. Das Gebäude ist ein Rohbau; Lucie Poki ist wütend: «Die Schule ist in einem desaströsen Zustand!», schimpft sie.

Ihre Ansicht teilt auch Gbégbé Bokoyo, Vorsitzender des Verwaltungsausschusses der Gemeinde: «Sicobois erfüllt seine Verpflichtungen nicht», sagt er. «Wir könnten regelmässig nach Lisala gehen, um mit der Firma zu verhandeln, aber nie würde etwas dabei herauskommen. Sie wollen weder, dass die Menschen die genaue Menge des gefällten Holzes kennen, noch die abgeholzten Baumarten.»

Die skrupellosen Praktiken von Sicobois enthüllte Greenpeace schon im Dezember 2013. Das Unternehmen ist verantwortlich für gewaltsame Übergriffe auf Menschen aus der Region um Lisala; die Brutalität wird vom kongolesischen Militär und der Polizei gedeckt. 2011 arbeitete eine andere Holzfirma, Siforco, im Dorf Yasilika mit lokalen Militärs und der Polizei zusammen, um den Widerstand der Bevölkerung gegen den Holzeinschlag gewaltsam niederzuschlagen. Greenpeace lenkte durch jahrelange Kampagnenarbeit die Aufmerksamkeit auf diesen Fall, und erreichte so, dass der deutsch-schweizerische Siforco-Mutterkonzern Danzer aus dem Forest Stewardship Council (FSC) ausgeschlossen wurde.

Die Menschen in Bokoweli allerdings ergriffen selbst die Initiative. Im Juli dieses Jahres beschlagnahmten sie von Sicobois die Geräte und versuchten, ein Aussetzen des Holzeinschlags zu erzwingen – ohne Erfolg. Im Auftrag der Firma griffen Polizei und Militär ein, Sicobois kann weiter exportieren. Rund 40 Prozent des Holzes aus dem Kongo wird nach Europa verschifft, weitere 40 Prozent gehen nach China. Sicobois hat Konzessionen für den Holzeinschlag rund um Lisala, oft in entlegenen Gegenden – und agiert dort wie in einem rechtsfreien Raum.

Allein sind die Menschen machtlos

Zwar gibt es in der DRK seit einiger Zeit eine neue behördliche Waldverordnung, doch kaum ein Unternehmen hält sich daran. Schätzungsweise rund 90 Prozent des Holzes im Land werden illegal geschlagen. Erst im Januar fing Greenpeace im Hafen des französischen Caen eine Ladung solch illegalen Holzes ab,  die Sicobois von dort verschifft hatte.

Bei der Dorfversammlung auf dem staubigen Platz in Bokoweli haben die Menschen ihrem Ärger Luft gemacht. Aber ohne Unterstützung bleiben sie machtlos. Vor allem die EU könnte ihnen helfen, indem sie die Geschäftspraktiken europäischer Unternehmen genauer reguliert und kontrolliert und das Gesetz gegen illegalen Holzhandel konsequent durchsetzt.

Denn sonst verlieren die Menschen in Bokoweli und überall in den Wäldern des Kongobeckens ihre Heimat; schon jetzt ist ihre Lebensgrundlage bedroht. Das weiss auch Lucie Poki: «Uns bleibt bald nur noch die Rinde der grossen Bäume, um die Särge für unsere Toten zu zimmern.»

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