Ökologische Landwirtschaft schont die Umwelt und erzeugt hochwertige Lebensmittel. Doch kann sie die Welt ernähren? Eine aktuelle Studie zeigt: Ja, Bio kann mehr als bislang gedacht!


Food Art Work von Instagram food artist and enthusiast Ida Skivenes (IdaFrosk)
Dienstag, 3. Februar 2015 Food Art Work von Instagram food artist and enthusiast Ida Skivenes (IdaFrosk) © IdaFrosk

Die Schweizer Agrarpolitik will zwar eine ökologischere Landwirtschaft, fördert aber grösstenteils eine intensive Landwirtschaft. So haben sich die Soja-Importe als Futtermittel für die Tiere in unseren Ställen seit 1990 verzehnfacht. Fast die Hälfte davon wird zur Leistungssteigerung an Rinder und Kühe verfuttert, deren Mägen nicht für dieses Futter gemacht sind. Die Soja-Importe tragen tragen dazu bei, dass Urlandschaften in Südamerika immer mehr unter Druck kommen und sorgen in der Schweiz für eine Überproduktion von Milch. Das ist absurd. Dabei ginge es anders: Naturnah und tiergerecht wäre etwa die Fütterung mit Gras bzw. Heu. Dass der Anbau von Lebensmitteln und die Haltung von Tieren mit der Natur statt gegen sie erfolgen sollte, zeigt unter anderem das weltweite Bienensterben – eine Folge des Einsatzes von Pestiziden und zerstörter Lebensräume durch die Landwirtschaft und durch Zersiedelung.

Doch können ökologisch erzeugte Lebensmittel die stetig wachsende Weltbevölkerung überhaupt ernähren? Das ist seit Jahren umstritten: Die im Vergleich mit konventioneller Landwirtschaft erzielten Erträge galten lange als zu niedrig. Ein Forscherteam der US-Universitäten in Berkeley und Tallahassee kommt jetzt zu einem überraschenden Ergebnis: Die Ertragsunterschiede zwischen Bio und konventionell sind weit geringer als gedacht – und in einigen Bereichen gar nicht vorhanden. Angesichts der ökologischen Vorteile spricht das eindeutig für Bio.

Die Forscher werteten für ihre Arbeit die Ergebnisse von 115 Studien aus, die sich mit den Erträgen von biologisch und konventionell wirtschaftenden Landwirten beschäftigen. 38 Länder wurden berücksichtigt, über 50 Pflanzenkulturen untersucht.

Die wesentlichen Ergebnisse sind:

  • Die Unterschiede zwischen konventionellem und ökologischem Landbau verschwinden fast, wenn ökologisch wirtschaftende Betriebe auf vielfältige Anbausysteme setzen. Beispiele hierfür sind der parallele Anbau verschiedener Kulturarten auf einem Feld, das sogenannte «multi-cropping», oder Systeme mit umfangreichen Fruchtwechseln, auch Rotationen genannt.
  • Die Erträge im ökologischen Landbau fallen zwar tatsächlich niedriger aus als im konventionellen – aber nur um etwa 19 Prozent. Frühere Studien hatten dies weitaus dramatischer dargestellt.
  • Bei Hülsenfrüchten wie Bohnen oder Linsen werden längst vergleichbar hohe Erträge erzielt, die grössten Unterschiede gibt es bei Getreide und Hackfrüchten wie etwa Zuckerrüben oder Kartoffeln.
  • Die hohen Erträge im konventionellen Anbau sind zuletzt auch das Ergebnis einseitiger Forschungs- und Entwicklungsarbeit.

Wir benötigen einen Richtungswechsel

Denn in den vergangenen Jahrzehnten richtete sich die Forschung darauf aus, Sorten für konventionelle Systeme zu entwickeln. Diese Pflanzen sind an den Einsatz von Pestiziden und chemischen Düngemitteln angepasst. Dringend benötigte Eigenschaften für die ökologische Landwirtschaft fehlen ihnen hingegen; sie wurden bei der Züchtung der modernen Sorten weniger berücksichtigt. Im Vergleich schneiden solche Hochleistungssorten unter biologischen Anbaubedingungen dann selbstverständlich schlechter ab.

Insbesondere bei Getreide besteht Aufholbedarf für die ökologische Landwirtschaft. Hier muss in Züchtungsprogramme für den ökologischen Landbau investiert werden. Gleiches gilt für die Forschung, die sich dem Management von Pflanzen unter ökologischen Anbaubedingungen widmet. Die Ertragsunterschiede zwischen Bio und konventionell werden zunehmend geringer ausfallen – wie schnell dies gehen wird, hängt massgeblich von öffentlichen wie privaten Investitionen in Forschung und Entwicklung ab.

Ökologische und ökonomische Vorteile

Die Vielfalt im ökologischen Anbau wirkt sich nicht nur positiv auf den Ertrag aus, sie hat auch ökologische und ökonomische Vorteile: Sie macht den Verzicht auf chemischen Pflanzenschutz und Kunstdünger erst möglich. Die Artenvielfalt profitiert, Gewässer werden weniger belastet und die Böden nicht übernutzt. Vielfältige Systeme sind stabiler und damit auch für die Herausforderungen des Klimawandels besser gewappnet als einseitige Kulturen oder Betriebe. Sie puffern nicht nur schwankende und extreme Umweltbedingungen besser ab, für den einzelnen landwirtschaftlichen Betrieb reduziert sich das Risiko des Ertragsausfalls einer einzelnen Kultur. Jahre mit niedrigen Marktpreisen oder anderen widrigen Absatzbedingungen können besser ausgeglichen werden, wenn der Betrieb sich auf mehrere Standbeine stützt und nicht etwa nur auf die Produktion einer einzelnen Sonderkultur setzt.

Das Problem der Versorgung einer wachsenden Weltbevölkerung mit ausreichend hochwertigen und sicheren Lebensmitteln kann indes nicht nur am Ertragsniveau der Landwirtschaft festgemacht werden. Schon heute handelt es sich bei Hunger mehr um ein Gerechtigkeits- und Verteilungsproblem. Hilfsorganisationen und Institutionen wie die UN sind sich auch hier längst einig: Der Schlüssel liegt in der Etablierung von ökologisch und sozial nachhaltigen, an agrarökologischen Prinzipien ausgerichteten Anbausystemen.

Im Greenpeace-Report «Ecological Livestock» sind Kriterien für eine ökologische und zukunftsfähige Nutztierhaltung formuliert. 

Greenpeace setzt sich weltweit ein für eine biologische, gentech- und chemiefreie Landwirtschaft.

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