Wir haben europaweit Apfelplantagen auf Pestizidrückstände untersucht. Die Laborresultate sind erschreckend: Boden- und Wasserproben sind zum Teil mehrfachbelastet – auch in der Schweiz ist die Situation alarmierend

 


 

Montag, 15. Juni 2015

«An apple a day keeps the doctor away.» Der tägliche Apfel ist ein nährstoff- und vitaminreiches Lebensmittel. Und gesund. Das wurde uns so jedenfalls schon in Kindertagen eingebläut. Im Grundsatz stimmt das. Bloss: Möglicherweise gilt das nur für ökologisch produzierte Früchte. Bei konventionell angebauten Äpfeln könnte es anders aussehen.

Der tägliche Apfel könnte mit Hilfe von giftigen Chemikalien produziert worden sein: Das jedenfalls lässt der Testbericht «Der bittere Nachgeschmack der europäischen Apfelproduktion und wie ökologische Lösungen aussehen» vermuten: Wir liessen in zwölf europäischen Ländern 36 Wasser- und 49 Bodenproben aus Apfelplantagen auf Rückstände von Pestiziden untersuchen. 64 dieser Stichproben wiesen Rückstände auf, über die Hälfte war mehrfach belastet. Schlusslicht war eine Bodenprobe mit 13 verschiedenen Giften. Insgesamt fanden sich 53 Pestizide, darunter besonders giftige wie DDT und hormonell wirksame Substanzen wie Endosulfan. 20 der Gifte sind extrem beständig und lassen sich daher über Jahrzehnte in der Umwelt finden. Einige der analysierten Substanzen sind mittlerweile verboten, jedoch noch immer auffindbar. Kommen hohe Gefährdung und lange Beständigkeit zusammen, sind die Gifte besonders bedenklich. Greenpeace hatte im Mai aufgezeigt, dass Pestizide die Gesundheit vor allem von LandwirtInnen, ihren Familien und Menschen in den Anbaugebieten gefährden – und die Artenvielfalt dramatisch reduzieren.

Pestizid-Cocktails am Bodensee

In der Schweiz nahmen wir am Bodensee sieben Boden- und sechs Wasserproben. Darin konnten neun verschiedene Pestizide nachgewiesen werden mit bis zu fünf Pestiziden in einer einzigen Probe. Darunter waren Gifte, die sowohl umweltgefährlich sind (zum Beispiel für Frösche und andere Wasserlebewesen), als auch ein Risiko für die menschliche Gesundheit darstellen. Bedenklich sind auch die Tests von Blüten aus vier Apfelplantagen: Alle Proben enthielten sechs bis neun Pestizide oder deren Abbauprodukte. Höchste Konzentrationen wiesen das Insektizid Chlorpyrifosmethyl und das Fungizid Iprodion auf. Chlorpyrifos kann Entwicklungs- oder Verhaltensstörungen bei Kindern auslösen und steht im Verdacht, Krebs sowie neurodegenerative Krankheiten wie Alzheimer und Parkinson zu begünstigen. Zudem ist es extrem schädlich für Bienen und andere Bestäuber – wie auch die gefundenen Wirkstoffe Lufenuron und Pirimicarb. Bienen besuchen Apfelblüten regelmässig und können mit diesen Giften in Kontakt kommen. Besonders riskant sind sich ergänzende Effekte: Fungizide, die für Bienen als unbedenklich erachtet wurden, können für diese giftig sein in Kombination mit anderen Pestiziden.

Eine moderne, ökologische Landwirtschaft ist möglich

Die teils sehr hohen Gift-Konzentrationen deuten darauf hin, dass die Plantagen kurz vorher gespritzt wurden. Wenn die Apfelknospen aufbrechen, beginnt die Spritzsaison. Bis drei Wochen vor der Ernte werden Apfelplantagen rund zwanzigmal gespritzt. «Die Testserie gibt Einblick in den Alltag der konventionellen Apfelproduktion, wo gesundheits- und umweltgefährdende Gifte eingesetzt werden. Ein solches System ist krank und macht krank. Es braucht einen Wechsel hin zu einer pestizidfreien Landwirtschaft und nur noch Investitionen in die Weiterentwicklung ökologischer Anbaumethoden», sagt Marianne Künzle, Landwirtschaftsexpertin bei Greenpeace Schweiz.

Dass eine giftfreie Apfelproduktion machbar ist, zeigen die langjährige Praxiserfahrung von Obstbauern, die bereits heute chemiefrei arbeiten, sowie einige vielversprechende Forschungsprojekte. Die Rezepte sind unter anderem: Begleitpflanzen in Apfelplantagen, die Nützlinge anziehen und die Bodengesundheit fördern, der Einsatz von Verwirrstoffen gegen den Apfelwickler oder die Nutzung standortangepasster und robuster Sorten. Es gibt chemiefreie Lösungen; sie müssen nur gefördert werden.

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