Vor 20 Jahren hatten US-Bauern die ersten Gentech-Pflanzen angesät. Jetzt zeigt sich: Die Versprechungen der Gentechnik-Industrie haben sich als Mythen entpuppt. Für die Schweizer Landwirtschaft ist Gentechfreiheit ein Qualitätsvorteil.

Vor 20 Jahren hatten US-Bauern die ersten Gentech-Pflanzen angesät. Jetzt zeigt sich: Die Versprechungen der Gentechnik-Industrie haben sich als Mythen entpuppt. Für die Schweizer Landwirtschaft ist Gentechfreiheit ein Qualitätsvorteil.

Donnerstag, 5. November 2015

© Greenpeace / Marcus Gyger

 

Der kommerzielle Anbau von Gentech-Pflanzen ist in der Schweiz bis Ende 2017 verboten. Der Bund tut gut daran, das Moratorium in ein Verbot umzuwandeln und weiterhin auf den entscheidenden Qualitätsvorteil der gentechfreien Landwirtschaft zu setzen. «Die Agro-Gentechnik hat ihre grossen Ziele verfehlt. Ökologische Anbaumethoden und moderne Pflanzenzüchtung sind die längst verfügbaren Innovationen für die Landwirtschaft der Zukunft.» Philippe Schenkel, Landwirtschaftsexperte bei Greenpeace Schweiz, macht klar, dass die Gentechnik keine Lösung, sondern Teil des Problems ist. 

Vor zwei Jahrzehnten waren auf US-Feldern die ersten Gentech-Pflanzen angebaut worden. Seither gaben Monsanto, Syngenta und Bayer in Bezug auf diese Technologie die schillerndsten Versprechen ab. Nun, zwei Jahrzehnte später, zeigt sich, dass die Gentechnik keine davon erfüllen kann. Einige der im Labor demonstrierten Vorzüge liessen sich auf dem Feld nicht umsetzen, andere waren der Komplexität realer landwirtschaftlicher Ökosysteme und den tatsächlichen Bedürfnissen von BäuerInnen nicht gewachsen. In der Analyse «Zwei Jahrzehnte des Versagens – die gebrochenen Versprechen der Agro-Gentechnik» räumt Greenpeace mit den Mythen der Gentechnik auf.

Artenvielfalt wird vernichtet

Die Konzerne, die der Welt versprechen, mit Gentechnik die Ernährungssicherheit zu gewährleisten, vernichten mit Gentechnik und Pestiziden in Wahrheit die Artenvielfalt und gefährden die Gesundheit von Mensch und Tier. Statt weiterhin in eine Intensiv-Landwirtschaft zu investieren, braucht es die Förderung und Weiterentwicklung ökologischer, chemiefreier Anbaumethoden, also auch einen Forschungsschub im biologischen Landbau. 

Die Gentechnik zementiert nur das gescheiterte Modell der industriellen Landwirtschaft – mit ihren Monokulturen und dem Grosseinsatz von Pestiziden, die zum Verlust der biologischen Vielfalt führen, ihrer schlechten Kohlenstoffbilanz, dem grossen wirtschaftlichen Druck, den sie KleinbäuerInnen auferlegt, und ihrer Unfähigkeit, sichere, gesunde und gehaltvolle Nahrungsmittel dort bereitzustellen, wo sie benötigt werden. Gentech-Lebensmittel zielen an den Bedürfnissen der KonsumentInnen vorbei. Die aktuell angesagte Technik, die Cisgenese, ist genauso problematisch wie die Transgenese der ersten Generation gentechnisch veränderter Pflanzen. Die Gentechnik gehört eindeutig der agrarindustriellen Vergangenheit an und hat in einer ökologisch geprägten, fair gestalteten Zukunft keinen Platz.

Sieben Mythen der Gentechnik

Die Versprechen der Gentech-Befürworter im Faktencheck:

MYTHOS 1: Gentech-Pflanzen können die Weltbevölkerung ernähren.

FAKTEN: Gentech-Pflanzen sind nicht darauf ausgelegt, höhere Erträge zu erzielen. Die Gentechnik ist nicht dazu geeignet, die Probleme zu lösen, die Hunger und Mangelernährung begünstigen und aufrechterhalten. Sie zementiert nur das industrielle Landwirtschaftsmodell – das daran gescheitert ist, die Weltbevölkerung zu ernähren.

MYTHOS 2: Gentech-Pflanzen sind der Schlüssel zur Klimaresistenz.

FAKTEN: Bei der Entwicklung von Pflanzensorten, die Bäuerinnen und Bauern helfen, mit den Folgen des Klimawandels umzugehen, ist die konventionelle Pflanzenzüchtung der gentechnischen Züchtung um Längen voraus. Die Widerstandsfähigkeit gegen Klimastress hängt entscheidend von Anbaupraktiken ab, die die Vielfalt fördern und den Boden mit Nährstoffen versorgen. Die stark vereinfachten Anbausysteme, für die Gen-Pflanzen gemacht sind, sind für die Klimaresistenz kontraproduktiv.

MYTHOS 3: Gentech-Pflanzen sind für Mensch und Umwelt sicher.

FAKTEN: Programme zur langfristigen Umwelt- und Gesundheitsüberwachung sind entweder gar nicht vorhanden oder völlig unzulänglich. Unabhängige Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler beklagen, dass ihnen der Zugang zu Forschungsmaterial verweigert wird.

MYTHOS 4: Gentech-Pflanzen vereinfachen den Pflanzenschutz.

FAKTEN: Der Einsatz herbizidtoleranter und insektenresistenter Gen-Pflanzen führt schon nach wenigen Jahren zur Entstehung und Ausbreitung herbizidresistenter Unkräuter und pestizidresistenter Schädlinge. Dies erfordert wiederum den Einsatz weiterer Pestizide.

MYTHOS 5: Gentech-Pflanzen sind für Bäuerinnen und Bauern wirtschaftlich rentabel.

FAKTEN: Gentech-Saatgut ist durch Patente geschützt. Die Preise dafür sind in den letzten 20 Jahren in die Höhe geschnellt. Die Entstehung und Ausbreitung herbizidresistenter Unkräuter und pestizidresistenter Schädlinge verursacht Bäuerinnen und Bauern noch höhere Kosten, sodass sie langfristig kaum Gewinne erwirtschaften können.

MYTHOS 6: Die Koexistenz von Gentech-Pflanzen und anderen Landwirtschaftssystemen ist möglich.

FAKTEN: Gentech-Pflanzen kontaminieren Nicht-Gentech-Pflanzen. Weltweit wurden bislang fast 400 Fälle von Verunreinigungen erfasst. Um gentechnikfrei anzubauen, müssen Bäuerinnen und Bauern erhebliche, teilweise nicht tragbare Zusatzkosten auf sich nehmen.

MYTHOS 7: Gentechnik ist die Innovation, die für Ernährungssysteme die grössten Erfolge verspricht.

FAKTEN: Die fortschrittlichen Methoden der Züchtung können ohne Gentechnik bereits Pflanzen mit den Eigenschaften entwickeln, die uns die Gentechnik-Industrie vergeblich verheisst: darunter eine erhöhte Widerstandsfähigkeit gegen Krankheiten, Überschwemmungen oder Dürren. Gentech-Pflanzen sind nicht nur eine ineffektive Art von Innovation, sie sind auch für Innovationen selbst hinderlich. Dies ist auf Rechte des geistigen Eigentums zurückzuführen, die sich im Besitz einer Handvoll multinationaler Konzerne befinden.

Förderung von Alternativen nötig

Es gibt eine sichere Alternative zu Gentechnik – eine, die zudem erfolgreicher ist: Smart Breeding oder MAS (Markergestützte Selektion) ist eine Anwendung der Biotechnologie – ohne Gentechnik. Sie setzt auf den klassischen Züchtungsansatz, funktioniert schnell und effektiv. Sie ist zwar kein Wundermittel, aber eine echte, allerdings bisher weitgehend unbemerkte Revolution in der Pflanzenzucht. MAS hat bereits bei einer breiten Palette an Nutzpflanzen mit nützlichen Eigenschaften hervorgebracht. Beispielsweise wurden durch diese Art von Züchtung bestimmte Sorten von Gerste, Bohnen, Chili, Salat, Hirse, Reis, Soja, Tomaten und Weizen gegen Pilzkrankheiten resistent.  Zu neueren MAS-Sorten zählen auch Kulturpflanzen, die eine erhöhte Widerstandsfähigkeit gegen Dürre oder Überschwemmungen haben oder in Böden mit hohem Salzgehalt gedeihen können.

Nur eine an ökologische Prinzipien ausgerichtete Landwirtschaft, welche auf Biodiversität basiert und Menschen, Tiere, Gewässer und Böden schützt, kann die Welternährung dauerhaft sichern.

 

 

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