Der Bieler Facharzt für Viszeralchirurgie Dr. Jérôme Tschudi (http://www.dr-tschudi.ch/) erfüllt sich einen langgehegten Traum und ist als Arzt und Crew-Mitglied derzeit bis Mitte Mai in Brasilien auf dem Greenpeace-Schiff Esperanza – und berichtet uns hier ungefiltert von seinen Erlebnissen und Eindrücken. Die Tour ist Teil der Kampagne zum Schutz des erst kürzlich entdeckten und von Greenpeace erforschten Amazonas-Riffes vor der brasilianischen Küste. Leider haben die Ölkonzerne ein Auge auf die Region geworfen, die als einzigartiges, ja neuartiges Ökosystem gilt. (https://www.greenpeace.ch/act/amazonas-riff/)

Jérôme Tschudi ist Teil einer wissenschaflichen Expedition. Sie soll die Basis legen, das bisher fast unerforschte ökologisch sensible und wertvolle Gebiet zu einem Meeresschutzgebiet zu machen, wo Fischerei-Aktivitäten und Ölbohrungen verboten sind. Ein WissenschaftlerInnen-Team ist mit an Bord und wird – u.a. mit einem ROV-U-Boot – Daten sammeln und das Riff dokumentieren. Das wird helfen, die Risiken und Konsequenzen von Ölbohrungen in dem ökologisch wertvollen Gebiet zu benennen, eine mögliche Schutzzone zu erarbeiten und die PolitikerInnen und die Bevölkerung davon zu überzeugen, dass es da unbedingt ein Meeresschutzgebiet braucht. 

Jerôme Tschudi sagt: «Ich freue mich, Leute kennenlernen, die sich aus Überzeugung und ohne persönlich Profit daraus zu schlagen für die Umwelt einsetzen, ihre Ideen, ihre Motivation, ihre Freuden und Ängste. Meine ganz grosse Hoffnung ist, dass wir es einmal schaffen, 40% der Weltmeere unter Schutz zu stellen.»

Mittwoch, 18.4.18
Greenpeace hat gestern aufgrund unserer Forschungsexpedition in einer Medienmitteilung bekannt gegeben, dass ein einzigartiges, schützenswertes Riff auf dem Unterwasser-Areal gefunden wurde, wo der Konzern Total nach Öl bohren will. Das Medienecho war weltweit gewaltig, es haben 187 Zeitungen darüber berichtet. Total war für eine Stellungnahme nicht verfügbar. An Bord wird diese Meldung mit Begeisterung aufgenommen und tröstet über die täglichen Schwierigkeiten unserer Forschungsarbeit hinweg. Am Abend gibts ein Barbecue auf dem Achterdeck in gelöster Stimmung. Wir feiern so Medienmitteilung und Geburtstag unseres Kapitäns in einem.
Aktuell wird daran gearbeitet, herauszufinden, wie weit das Riff in die geplanten Bohrfelder hineinreicht. Für uns bedeutet das intensive pausenlose Arbeit mit Bodenproben, Unterwasserkamera, Wasserproben etc. Gemäss Ronaldo scheint das Amazonas-Riff wesentlich grösser zu sein, als bisher angenommen. Er vermutet, dass es bis nach Französisch-Guyana reicht, was bedeuten würde, dass es sich nicht mehr um eine rein brasilianische Angelegenheit handeln könnte.
Dienstag, 17.4.18
Unsere gestrige Diskussion auf der Wache hat Wellen geschlagen. Der Kapitän war von einem erst vier Jahre alten gut ausgerüsteten, online angebotene Schiff mit 60 Kojen besonders angetan und hat es dem Greenpeace-Hauptsitz gemeldet. Die Esperanza kommt jedoch frisch zertifiziert aus dem Trockendock, wo sie umfassend revidiert worden ist. Das Zertifikat ist jeweils für fünf Jahre gültig. Das Evaluationsverfahren für einen Ersatzkauf soll 2019 beginnen, der Kauf oder Neubau ist für 2021 geplant. Das neue Schiff sollte weniger Treibstoff verbrauchen als die Esperanza, was von Occasionen nicht erwartet werden kann und einen elektrischen Antrieb voraussetzt. Affaire à suivre.
Wir mussten heute konsterniert feststellen, dass unsere Reusen von der Strömung mitgerissen worden sind. Nach vier Stunden erfolgloser Suche am Ort der Platzierung und in Richtung der Strömung müssen wir klein beigeben, wirklich enttäuschend.
Als ich kürzlich auf die Brücke kam, hat mich einer der wachhabenden Offiziere gebeten, ihm einen Kaffee zu bringen und die leeren Tassen mitzunehmen. Ich war etwas erstaunt, ist es doch sonst üblich, dass jeder sein Geschirr selber abwäscht und seinen Kaffee holt. Ich tat aber wie geheissen. Grölendes Lachen bei meinen KollegInnen, die nur auf meine Rückkehr gewartet hatten. Sie alle kennen das Spielchen. Als er von Victor seinen Kaffee erhält, meint der Offizier, er könne ruhig etwas mehr Zucker hinein tun.
Montag, 16.4.18
Tagtraum auf der Hundewache. Die Forschungsbedingungen am Amazonas-Riff sind sehr anspruchsvoll, vor allem macht uns der meist über zwei Knoten starke Strom zu schaffen, weil sich die Esperanza nicht an Ort halten lässt. Vorausgesetzt, dass sich Greenpeace international strategisch vermehrt in der Meeresforschung engagieren will, indem sie logistisch unabhängige Forschergruppen in ihrer Arbeit unterstützt, diskutieren mein Offizier und ich folgendes Szenario: Kauf oder Charter eines «Diving support vessel». Gegoogelt finden sich gleich mehrere Occasionen verschiedenen Alters und verschiedener Preisklassen. Diese sind mit dynamischem Positionssystem und aktiver Hub-Kompensation ausgestattet, erlauben Unterwasserarbeiten zwischen 400-1000m und vieles andere mehr. Sie sind von der Grösse der Esperanza oder etwas grösser und verfügen über bis zu 80 Kojen, Helikopterlandeplatz und Schwimmbad. Knackpunkt Finanzierung: Die Esperanza ist gut im Schuss und überdurchschnittlich ausgestattet, sie dürfte sich dadurch gut verkaufen lassen. Greenpeace könnte Firmen und Staaten unabhängige Umweltverträglichkeitsprüfungen anbieten, und würde dadurch neue Standards für solche schaffen. Sie könnte ausserdem «Greenpeace-Kreuzfahrten der besonderen Art» anbieten für besonders grosszügige Spender aber auch für « Touristen», die die besondere «Greenpeace-Atmosphäre» der grossen Familie und die Forschungsarbeiten hautnah miterleben möchten.
Dieses Szenario ist NICHT mit Greenpeace abgesprochen und ist als Diskussionsbeitrag zu verstehen.
Mit den Sonaren haben wir eine mehrere Meilen lange Steilwand am Meeresgrund entdeckt, die bisher unbekannt war. Steilwände im Meer sind in der Regel Orte erhöhter Biodiversität, d.h. sie sind Lebensraum für besonders viele Lebewesen, weil dort die Tiefsee und der Kontinentalsockel zusammentreffen. Wir versenken drei Reusen, mit denen an zuvor bestimmten Stellen Fische gefangen werden sollen für genetische Untersuchungen. Sind die Reusen erst im Wasser, wird die Markierungsboje nachgeworfen, die ein oranges Fähnchen hochhält, das das Auffinden später vereinfachen soll. Das Fähnchen liegt aber zuerst im Wasser und wird von besorgten Blicken verfolgt. Als es sich dann langsam aufrichtet, ertönen ermutigende Ausrufe an Deck, ganz wie bei einem Match, und als das Fähnchen dann stabil im Winde weht, wird allgemein gepfiffen und geklatscht. Melissa, unsere zierliche Brasilianerin versucht, den kräftigen Viktor zu umarmen, ihre Arme sind dafür aber viel zu kurz und alle müssen lachen. Viktor lacht mit und hebt Melissa mit einem Arm über seinen Kopf hoch, wie ein Schosshündchen.
Sonntag, 15.4.18
Wie bisher hielt auch der gestrige Tag seine Überraschungen für unser Team bereit. Zunächst kollidierte das Gerät zur Entnahme der Bodenproben offenbar mit einem Stein und war nachher nicht mehr zu öffnen. Zwe Mechanikern gelang es schliesslich, die Probe zu entnehmen und die verbogenen Achse wieder zu richten. Die gute Nachricht war, dass der Artikel Ronaldos und seiner Mitarbeiter zur letztjährigen Expedition zur Publikation akzeptiert wurde und demnächst schon einmal digital erscheint.
Auf meiner Wache spielt mein Offizier Musikstücke ab, meist zur Unkenntlichkeit verzerrte Coverversionen bekannter und erfolgreicher Songs, mit viel Elektronik drapiert und extrem repetitiv mit prominentem Schlagzeug unter-, pardon übermalen. Er findet diese Musik selbstredend sehr schön, ich enthalte mich der Stimme. Überhaupt habe ich auf der Esperanza kaum mir bekannte Musikstücke gehört, verschweige denn solche, die mir gefallen würden. An der Musik spüre ich den Generationenunterschied am meisten.
Der heutige sonntägliche Ruhetag wird eingehalten, es arbeiten nur die Wissenschaftler und Campaigner und die Küchenmannschaft.
Samstag, 14.4.18
Die eigentliche Forschungsarbeit ist nun voll angelaufen: Wir fahren die Planquadrate ab, in deren Bereich Probebohrungen bewilligt wurden und deren Untergrund wir bereits mit dem Sonar analysieren konnten. Die starke Strömung verbietet den Einsatz des Tauchroboters. Dagegen funktioniert die Entnahme von Bodenproben. Hierfür wird ein Chromstahlgerät eingesetzt, das sehr schwer ist und mit dem Kranen manipuliert werden muss. Schlägt es auf dem Meeresgrund auf, löst dies den Verschlussmechanismus aus, und eine Art Baggerschaufel schnappt sich eine Probe, die sie sicher einschliesst. Fabio hängt seine Go-Pro-Kamera in wasserdichter Hülle an das Halteseil des Geräts. Die Hülle ist bis 60m garantiert wasserdicht, sie bleibt dicht bis 110m, tiefer versagt die Kamera und zeichnet keine Bilder mehr auf. Sie filmt den Aufprall am Meeresgrund. Man sieht, wie die Strömung die Sandwolke wegtreibt. Mit jeder Welle wird das Gerät vom Meeresboden angehoben und schwebt dann einige Meter weiter, bevor es wieder am Boden aufprallt und eine neue Sandwolke auslöst. Infolge der Strömung ist die Sicht immer optimal. Dann kommt der Bootsmann auf die Idee, die hochauflösende Unterwasserkamera dem Gerät für die Bodenproben anzuhängen, womit sie zum Meeresboden gebracht werden kann. Wir können so endlich eine grössere Strecke des Meergrundes filmen. Die 35-jährige Usnea ist ein einzigartiges Energiebündel aus den USA. Von Beruf ist sie Pädagogin für Behinderte, arbeitet jedoch seit Jahren als Aktivistin für Greenpeace. «Us» nutzt jede freie Minute für ihr Krafttraining, «läuft» z.B. im Handstand über das schwankende Deck oder macht Übungen an einer an der Decke des Achterdecks montierten Stange. Sie möchte gerne längere als 3-monatige Einsätze fahren, aber ihr Freund würde das nicht mitmachen…
Freitag 13.4.18
Die gestrige Rettungsaktion hat Emotionen ausgelöst und Fragen aufgeworfen. Die Besprechung findet noch am selben Abend bei versammelter Crew auf dem Achterdeck statt. Jede Teilnehmerin, jeder Teilnehmer kann sich frei äussern. Zunächst wird kritisiert, dass zu wenig kommuniziert wurde. Auf der Esperanza wusste niemand, dass ein Boot seinen Propeller aus einem Fischernetz befreien musste, was zeitaufwändig gewesen war. Der Motorschaden war «nur» ein Absturz des Bordcomputers, was erst viel später bemerkt wurde. Vom Abschleppen dieses schweren Schlauchbootes erfuhr man auf dem Mutterschiff erst, als das Benzin auszugehen drohte. An Land wurden die Boote nicht aufgetankt und es hatte niemand an die Strömung und den dadurch vermehrten Treibstoffverbrauch gedacht. Es bestand kein Plan B für den Fall, dass Probleme auftreten. Auf den vier Booten nahm niemand eine klare Führungsverantwortung wahr, und ein Nachteinsatz war nicht eingeplant worden. Im Gewitter wurde die Crew tropfnass und bei auffrischendem Wind fror sie — selbst in den Tropen. Die Kritikpunkte werden aufgelistet, besprochen und der erste Offizier fasst die daraus abzuleitenden Massnahmen zusammen. Die Diskussion hat sachlich stattgefunden, alle haben ihr Fett weggekriegt und die Emotionen haben sich gelegt. Der Feierabend kann nun beginnen. Der ganze Tag ist der Gewinnung von Bodenproben gewidmet, praktisch ausschliesslich Sand. In der einen Probe findet sich ein ausgewachsenes Zwergkrebslein von ca. 5 mm Durchmesser mit einem Ballen Eier am Körper. Ronaldo wusste nicht, dass es so kleine Krebse überhaupt gibt.

Donnerstag 12.4.18
Funkmeldung: Eines der beiden Schlauchboote hat einen Motorschaden und wird vom anderen geschleppt, dessen Treibstoff dadurch langsam zur Neige geht! Distanz zum Mutterschiff: 18 Meilen. Das löst eine Notfallsituation aus: Wir wassern zwei weitere Schlauchboote, bestücken sie mit Proviant, Trinkwasserreserven sowie vollen Reservetanks. Vier weitere Crewmitglieder brechen auf, um unseren KollegInnen zu helfen. Die Esperanza ist soweit in ihre Richtung gefahren wie möglich. Die Wassertiefe beträgt hier nur noch 6.5m, weiter ist zu gefährlich bei einem Tiefgang von 5m. Während wir den Fortschritt der Rettungsaktion am Radar verfolgen, erzählt mir Ronaldo Filho, der Chef der Wissenschaftler, von seiner wunderbaren Rettung. Bei einem Tauchgang in der Karibik wurde er von der Strömung mit zwei Kameraden acht Meilen vom Begleitschiff abgetrieben. Beim Auftauchen waren sie allein auf hoher See. Um die Rettungskräfte loszuschicken, waren viele Telefonate und gute Beziehungen auf höchster Ebene nötig. Dass sie vom Rettungsflugzeug aus tatsächlich lokalisiert wurden, ist ein Wunder, drei Männer in schwarzen Neoprenanzügen auf hoher See sind praktisch unsichtbar. Dank abgeworfenen Rauchbomben konnte das Begleitschiff die Taucher finden und an Bord nehmen. Sie waren dehydriert, halluzinierten und verbrachten die Nacht im Spital, erholten sich aber komplett. Dann bestätigt mir Ronaldo die schwierige Arbeit der Umweltschützer in Brasilien. Auch ihm würden regelmässig hohe Geldsummen angeboten, damit er seine Forschungsarbeiten stoppe. Morddrohungen an ihn und seine Angehörigen sind keine Seltenheit. Er denkt, dass er aufgrund seines universitären Hintergrunds mit Beziehungen zur Regierung bisher geschont wurde. In Brasilien würden Umweltschützer aber zu Hunderten ermordet.
Unsere vier Schlauchboote kommen wegen der Strömung nur eine Meile pro Stunde voran und erreichen die Esperanza um Mitternacht. Wir machen Witze über den «Goldzahn». Nahtlos trete ich meine Wache an.

 

Mittwoch 11.4.18
Auf der Wache diskutieren wir unsere Probleme mit den stark schwankenden Strömungen. Ideal wären die Kombination eines Schiffs mit dynamischem Positionierungs-System (DPS) mit aktiver Kompensation der Belastung auf dem Tauchroboterkabel (active heave compensation). Solche Spezialschiffe können ihre Position computergesteuert genau halten dank so genannten Propellergondeln. Die aktive Kompensation der Belastung auf dem Kabel berücksichtigt den Einfluss der Wellen auf das Kabel. Wird das Schiff von einer Welle angehoben, wird das Kabel akut belastet, die Kabelrolle gibt nach und umgekehrt, sodass die Belastung ziemlich konstant bleibt. Doch sowas kostet viel Geld.
Unsere Schlauchboote mussten heute nochmals ausrücken. Die Zahnpatientin fuhr gestern mit an Land, kam aber nicht rechtzeitig zur Rückfahrt zurück. Sie wird heute abgeholt. Aus Sicherheitsgründen fahren immer zwei Schlauchboote zusammen. Ansonsten sind wir bereit für weitere Taten.

Dienstag 10.4.18
Unsere Schlauchboot-Teams bringen frühmorgens drei Journalisten an Land und nehmen einen weiteren mit zurück auf die Esperanza, ebenso wie nachträglich bestelltes Forschungsmaterial. Das nimmt den Grossteil des Arbeitstages in Anspruch. Ich kann heute erstmals voll beim Bergen der Boote mitmachen, was Spass macht. Das Roboterkabel wurde nach genauer Inspektion weniger beschädigt, als angenommen. Man hat sich darauf geeinigt, weitere Tauchgänge zu unternehmen, wenn die Strömung nicht mehr als zwei Knoten beträgt. Fabio, der gertenschlanke und braungebrannte Filmer (gut zu erkennen an seiner blauen Wasserflasche am Gürtel und der Videokamera), konnte aus dem Filmmaterial einige scharfe Fotos herauskristallisieren. Die Forscher sind begeistert. Der 32-Jährige hat in Brasilien Journalistik studiert und in Paris einen Bachelor of Arts in Film gemacht und einen Master in Dokumentarfilm. Neben Greenpeace arbeitet er unter anderem für das National Geographic, für Médecins sans frontières, die Unesco und die New York Times. Seine Filme wurden mehrfach preisgekrönt. Regie, Schnitt und Vertonung macht er selber. Er spricht Portugiesisch, fliessend französisch und englisch. Dieser bescheidene und unkomplizierte junge Mann und sein grosses Engagement für die Umwelt und für sozial benachteiligte Menschen beeindrucken mich enorm.

Montag 9.4.18
Nachts lesen wir einen Untersuchungsbericht zum Totalverlust eines grossen Containerschiffs 2015 vor Puerto Rico. Aufgrund der aufgezeichneten Gespräche der «Black Box» hatte der Kapitän nicht gemerkt, dass er zwölf Stunden alte Wetterdaten als Grundlage für seinen Kursentscheid zu Rate zog. Er steuerte sein Schiff direkt ins Auge des Wirbelsturms. Wirbelstürme entstehen erst bei Wassertemperaturen über 27 C°. Die Klimaerhitzung führt daher zu häufigeren und schwereren Wirbelstürmen. Der heutige Einsatz des Tauchroboters endet unerfreulich rasch. Die Strömung ist so stark, dass sie das mit Technik vollgepfropfte tonnenschwere Ungetüm sogleich Richtung Heck transportiert, wo das Kabel vom Propeller erfasst wird. Der Roboter schlägt brutal gegen den Rumpf. Das gut daumendicke Kabel ist beschädigt. Soweit erkennbar sind die fiberoptischen, elektronischen und mechanischen Kabel im Kabelinneren jedoch intakt geblieben. Wie immer in solchen Fällen kommt die Information tröpfchenweise, die Stimmung ist bedrückt. Um 17 Uhr dann eine Krisensitzung vor versammelter Crew: Die bisher gewonnenen Bilder sind von mässiger Qualität, sie zeigen das Riff mit gut erkennbaren Schwämmen und einigen Fischen. Der Untergrund ist kalkhart, es handelt sich tatsächlich um ein Riff. Das Resultat der Wasserproben muss noch abgewartet werden. Die Strömung ist extrem stark und verunmöglicht weitere Untersuchungen mit dem Tauchroboter.

Sonntag 8.4.18
Wie geplant versinkt der Tauchroboter um 6 Uhr morgens in den Fluten. Er liefert erste verwertbare Bilder vom Meeresgrund auf knapp 200 Meter Tiefe. Die geplanten Wasserproben können entnommen und analysiert werden. Leider löst sich der bewegliche Teil des Roboters nicht aus seiner Verankerung, sodass die Umgebung bildmässig nicht erfasst werden kann. Während wir das nächste Planquadrat ansteuern und das Sonar hinter uns herziehen, arbeiten die Angestellten der Firma fieberhaft an ihrem Roboter. Beim zweiten Tauchgang nachmittags landet der Roboter in einer Gestein-und Staubwolke auf dem Meeresgrund, bleibt aber wegen starker Strömung zu instabil, um das ROV (remote operated vehicle) ausfahren zu können.
Nach heutigen Kenntnissen erstreckt sich das Amazonas-Riff bis nach Französisch-Guyana. Die Ölfirma Total erhielt innert 48 Stunden eine Erlaubnis für Probebohrungen. Greenpeace wartet seit November 2017 auf die Erlaubnis, in den französischen Gewässern tauchen zu dürfen.
Die Algenplage der Saragossa See ist nicht zu übersehen. Ronaldo, der Expeditionschef der Wissenschaftler, erklärt mir, dass infolge des Klimawandels das Meerwasser wärmer wird, sodass sich diese Algen innert zwei Jahren explosionsartig vermehren konnten. Sie haben mittlerweile die afrikanische Küste erreicht, wo sie zuvor nicht vorkamen, und reichen weiter nach Norden und Süden. An Stränden verwesen sie und stinken. Es mussten deswegen bereits zwei bekannte brasilianische Ferienorte mit traumhaften Stränden schliessen.
Die 26-jährige Céline erlaubt mir, ihren Werdegang kurz zu skizzieren. Sie ist Biologin mit Bachelor-Abschluss. In einer Segelschule als Vorkurs für marine Berufe entdeckte sie ihre Liebe zum Meer und machte ihr Matrosendiplom. Seit zwei Jahren ist sie mit Greenpeace unterwegs und plant nun einen Master in Meeresbiologie.

Samstag 7.4.18
Die See geht hoch und die Wellen brechen sich flächendeckend um uns herum. An eine Wasserung des Tauchroboters war heute Morgen jedenfalls nicht zu denken. Um 13.30 Uhr ist eine Neubeurteilung der Lage vorgesehen, ganz wie bei einem verschobenen Skirennen. Nachmittags ertönt plötzlich ein Befehl zum Wassern von zwei Schlauchbooten. Es stellt sich heraus, dass diese für die Kameraleute bestimmt sind, die Aussenaufnahmen der Esperanza mit ihren Bannern machen. Zurück an Bord folgt die Übungskritik, zunächst durch den Bootsmann, dann nochmals durch den ersten Offizier. Vorgehen und Zeiten wurden offenbar eingehalten. Ich habe erstmals aktiv daran teilgenommen und konnte von aufbauender Kritik des ersten Offiziers profitieren. Abends dann habe ich ein interessantes Gespräch mit Hugo, einem der Techniker der Firma ROVCO, die die Tauchroboter vermietet. Neben Greenpeace wird die Firma natürlich von Öl- und Gasfirmen zugezogen, aber auch für die Suche nach Wracks, für marine Archäologie, schliesslich von der Armee zur Suche nach verschollenen Marschflugkörpern, bevor sie von anderen Mächten geborgen werden. Ihr Schiff wird dann häufig von grossen «Fischerbooten» beobachtet, die mit riesigen Radarschirmen bestückt sind, wie sie noch nie ein Fischerboot gesehen hat.

Freitag 6.4.18
Punkt um 8 Uhr werde ich unsanft geweckt durch Lärm und Vibrationen. Der Kapitän hat begonnen, die Esperanza genau an der gewünschten Position zu halten. Das erfordert höchste Konzentration, bewirken ein starker Wind von Beaufort 6, Wellen und ein an Richtung und Stärke wechselnder Strom genau das Gegenteil. Die Toleranzen sind gering. Entfernt sich das Schiff zu stark vom gewünschten Standort, können Verbindungskabel zur Kamera oder – noch schlimmer – zum Tauchroboter reissen. Das hätte sehr hohe Kostenfolgen und würde das Scheitern der Forschungsmission bedeuten. Um 9 Uhr wird der Tauchroboter dann erfolgreich gewassert. Die See geht jedoch so hoch, dass die hin und her tanzende Esperanza das Gerät zu beschädigen droht, sodass der Tauchgang abgebrochen wird. Statt dessen fahren wir mit dem Sonar ein Planquadrat ab zur Dokumentation des Bodenreliefs an dieser Stelle. Ein zweiter Versuch mit der Unterwasserkamera misslingt leider, weil die Kamera aufgrund der starken Strömung den Meeresboden gar nicht erreicht.
Abends unterhalten uns unsere Gäste mit brasilianischen Tänzen. Für mich als etwas unterkühlten Schweizer ist das eine gelungene und energiegeladene Vorstellung. Die Journalistin von «Deutsche Welle» in Brasilien erklärt mir, dass ihre deutschen Kollegen sagen, die Brasilianer seien «ganz nett, aber ein bisschen laut».

Donnerstag 5.4.18
Am Vorabend zeigt Fabio Nascimento zwei seiner Dokumentarfilme: einen von der letztjährigen Expedition zum Amazonas-Riff, einen anderen zur Antarktis. Der Unterschied könnte grösser nicht sein. Die Bilder sind so betörend schön, dass ich nachher gar nicht einschlafen kann und wach bin, als ich für die Wache geweckt werde. Wir sind nicht nur auf beachtliche 45 Personen angewachsen, auch das Durchschnittsalter ist gestiegen. Damit habe ich als Bordarzt sofort mehr zu tun und behandle Blutdruck, Schlafstörungen, Nervosität, Nikotinentzug. Ein abgebrochener Backenzahn bedarf zahnärztlicher Behandlung, ich bewundere die Professionalität des ersten Offiziers, der den Transfer an Land organisiert.
Wir sind am Zielort angekommen. Die Esperanza schleppt nun ein torpedoförmiges Sonar hinter sich her, das ein Relief des Meeresbodens aufzeichnet. Eine Gruppe schaut sich die Bilder an, die live ins Hauptquartier der Forscher übertragen werden. Die letztjährige Expedition zeigte ganz spezielle Eigenheiten des Riffs auf. Die Wissenschaftler werden aufgrund des Reliefs bestimmen können, wann sich der Einsatz des Tauchroboters lohnt. Den Nachmittag verbringen wir mit dem Aufsuchen einer bestimmten Stelle des Riffs. Für einen ersten Augenschein wird eine Kamera hinuntergelassen, was infolge starker Strömung nur nach Beschwerung mit mehreren Kilo Blei gelingt und mehrere harte Stunden Arbeit bedeutet.

3.4.2018 – Tag 23

Die brasilianischen Behörden haben uns noch nicht kontrolliert, als die Esperanza um 01 Uhr vom Quai ablegt. Wir schlängeln uns zwischen vor Anker liegenden Handelsschiffen durch in Richtung hohe See. Es sind ungewohnt viele Leute auf der Brücke, die neu an Bord gekommen sind und das Manöver sehen wollen. Der Chef der Wissenschaftler erzählt mir spontan mit mitreissender Begeisterung von ihrer Forschung. Das Sonar wird die Oberfläche des Riffs dokumentieren. Mit dem Tauchroboter soll es bis 1000m Tiefe untersucht werden mit Analyse von Bodenproben. Zur Untersuchung der Fische stehen Reusen auf Deck bereit, tausende Röhrchen zur Wasseranalyse in Riffnähe, mittlerer Tiefe und des Oberflächenwassers warten auf ihre Proben. Für viele Lebewesen scheint das Riff einen Durchgangskorridor zwischen Amazonas und der Karibik darzustellen, was mit genetischen Untersuchungen spezieller in beiden Ökosystemen vorkommender Arten bewiesen werden soll. Das Ziel ist die Ausscheidung bestimmter Zonen, die umfassend geschützt werden sollen von solchen mit eingeschränkter Nutzung wie Fischfang z.B.

Nachmittags werde ich von brasilianischen Journalisten der « Deutsche Welle » bei laufender TV-Kamera interviewt und bitte sie, ihre Fotos an Greenpeace Schweiz in Zürich zu übermitteln. Dann kriegen wir überraschend frei für den Rest des Tages, da an Ostern gearbeitet werden musste. Allerdings findet später noch eine Übung zum notfallmässigen Verlassen des Schiffs statt, damit die Neuankömmlinge das Vorgehen kennenlernen. Besammlung auf dem Helikopterdeck, mit voller Belegung sind das ganz schön viel Leute. Appell, Ausgabe der Schwimmwesten und Überlebensanzüge, nur das Besteigen der Rettungsinseln fehlt.

Nach dem Nachtessen putzen ein Italiener und ich die Messe. Er war in Somalia als Reporter für die New York Times und schwärmt von der Stadt Belem. Im Vergleich zu Mogadisciu dürfte Belem tatsächlich ein ruhiges Pflaster sein...

2.4.18 – Tag 22

Heute hat ein Lastwagen unseren Abfall abgeholt. Von Portugiesen habe ich heute erfahren, wie so ein Termin wahrgenommen wird. Wir hatten das Fahrzeug um 9 Uhr bestellt. Für die Angestellten der Firma heisst das, dass sie um 9 Uhr einsteigen und hierher fahren mussten, eine kulturelle Eigenart, wurde uns mitgeteilt. Immerhin waren sie vor dem Mittagessen vor Ort. Den Abfall haben wir schön sortiert in Plastiksäcken abgeliefert, was allerdings nachher damit geschieht, entzieht sich meiner Kenntnis.

Die Esperanza ist so voll, dass Mittag- und Abendessen quasi in Schichten gegessen werden müssen. Aus Rücksicht auf diejenigen, die noch nicht gegessen haben, wird schnell gegessen und Platz gemacht.

Nun sind noch die Journalisten und Kameraleute an Bord gekommen. Sie lassen sich das ganze Schiff zeigen und filmen ausgiebig. Ich zeige ihnen das Bord-« Spital » und gebe auf ihre Fragen bereitwillig Antwort. Glücklicherweise hat der momentane Bewohner des Spitals seine Siebensachen sorgfältig aufgeräumt, gestern sah das Spital noch anders aus.

Die Wissenschaftler, ihre Techniker und Assistentinnen richten zur Zeit ihre Arbeitsplätze ein. Es wird viel Material hergeschleppt und ausgepackt, das gibt Morgen viel aufzuräumen. Vom Kampagnenteam haben wir schöne orange Greenpeace T-Shirts erhalten, für mich ist es das erste solche T-Shirt, sieht toll aus.

Von Feiertagen haben wir leider nicht viel bemerkt. Immerhin wird heute Ostermontag schon um 3 Uhr Feierabend gemacht. Um Mitternacht heisst es dann « Leinen los » in Richtung Amazonas Riff.

30.3.2018 – Tag 19

Frühmorgens auf der Brücke angespannte Ruhe, die Konzentration ist richtig spürbar, ich kenne diesen Zustand. Es ist ganz wie im Operationssaal vor einem grösseren Eingriff, wenn man beim Hände waschen gedanklich schon die Operationsschritte durchgeht. Es kommen uns mehrere Tanker und sonstige Handelsschiffe entgegen, wodurch die an sich breite Fahrrinne deutlich schmaler wird. Das Wasser ist braun, mit Sedimenten des Amazonas vermischt. Die Skyline von Belem wird immer besser sichtbar, verschwindet zwischendurch hinter einer Regenwand, um dann wieder aufzutauchen. In Belem regnet es häufig, mehrmals am Tag, das Wasser ist aber warm, für uns Europäer ein eigenartiges Gefühl, als würde man unter einer Dusche stehen.

Auf Deck werden die Trossen bereitgelegt. Diese sind 4-5cm dick und haben am Ende ein « Auge » gespleisst, das auf dem Quai um einen der vielen Poller gelegt wird. Zwischenzeitlich ist der Lotse an Bord gekommen und hat das Kommando übernommen, er führt uns an einen Quai, auf dem wenige Meter entfernt jeweils ein grosser Markt stattfindet. Auf dem Quai warten schon verschiedene Leute von Greenpeace auf uns, nicht jedoch die Leute der Zoll-und Sanitätsbehörde, für die Karfreitag ein Feiertag ist, sie werden voraussichtlich montags an Bord kommen.

Vor versammelter Crew informiert der Chef Greenpeace vor Ort über die Verhaltensregeln an Land. Kein Schmuck und keine Uhren, der Pass nur in Form einer Fotokopie, möglichst wenig Geld mitnehmen, möglichst zu zweit oder in einer Gruppe umhergehen, keinen selbsternannten Touristenführern folgen, sondern nur solchen, die Greenpeace empfehlen kann, ab 21 Uhr das umzäunte Areal nicht verlassen, keine T-Shirts mit Greenpeace-Aufschrift, im Gespräch Greenpeace nicht erwähnen, weil die illegalen Holzfäller kein Pardon kennen. Keine Getränke von Unbekannten annehmen und darauf achten, dass niemand dem Getränk etwas beimischt. Wir kriegen alle ein eingeschweisstes Blatt Papier mit Notrufnummern ausgehändigt. Ab heute Abend wird eine Wache den Gangway (Treppe zum Schiff) überwachen, wir Wachführer sollen regelmässig mit ihm sprechen und zu trinken und essen anbieten, dies einerseits zur Kontrolle und andererseits um sicher zu gehen, dass er gegebenenfalls auch anruft. Belem gehört zu einer der Millionenstädte mit der höchsten Kriminalitätsrate, innert 3 Wochen wurden in Brasilien soviel Menschen umgebracht, wie in den ersten fünf Monaten von 2017 weltweit Terroranschlägen zum Opfer fielen. Mir ist damit bereits die Lust auf Ausgang vergangen. Ausserdem ist es an Land sehr heiss und schwül. Wenn man aus der klimatisierten Esperanza herauskommt, kriegt man den Eindruck, gegen eine Wand zu laufen. Wir trinken also unser Bier in der Lounge, unterhalten durch die Brasilianerin, die zu ihrer Musik tanzt, wie ich noch niemanden habe tanzen sehen, es bewegt sich an ihr einfach alles im Rhythmus zur Musik und sie lacht praktisch ununterbrochen.

29.3.2018 – Tag 18

In der Nacht kreuzen wir einen Tanker und mehrere Fischerboote, wir verfolgen also genau, was sich auf dem Radar tut. Dabei zeigt mir der Offizier sehr diskrete Echos, die ich übersehen hätte, und die Fischerboote sind. So sollen sich auch Segelyachten darstellen, was mich gleich etwas beunruhigt, weil übersehene Segelboote den schnell fahrenden Handelsschiffen unmöglich ausweichen können, dafür sind sie viel zu langsam. Plötzlich erscheint ein sehr grosses unregelmässiges Echo mit verschiedenen Farben auf dem Bildschirm. Ich erfahre, dass es sich um eine Regenwolke handelt. Das Gewitter ist von der Brücke aus gut zu sehen, die Regenwand wird von gelegentlichen Blitzen kurz beleuchtet, sie streift uns aber nicht. MIt dem Feldstecher beobachte ich, wie das Fischerboot in der Regenwand verschwindet. Dann muss ich in den « Nassraum », um die Lotsentüre fester zu verschliessen, weil Wasser eingedrungen ist. Die kräftigen Bolzen müssen nachgezogen werden, der Schlüssel dazu ist neben der Türe angebracht und soll auf gar keinen Fall entfernt werden… sicher nicht. Bleibt nur noch das Aufnehmen von etwa 40 l Meerwasser, das im Nassraum hin-und her schwappt. Später kontrollieren wir gelegentlich auf dem Bildschirm die Lotsentüre, sie wird von einer Videokamera überwacht. Sie bleibt dicht.

Nachmittags wird weiter geputzt und aufgeräumt. Irgendwie erinnert mich das an eine Braut, die sich für ihre Hochzeit herausputzt. Meine Arbeit ist das Abspritzen des Achterdecks und der Gemüse-und Obstkisten, damit wir sie mit frischem Gemüse/Obst füllen können.

Dann wird das « Mann-über-Bord-Manöver » nachgeholt. Alle rennen auf den Alarm hin zum dafür vorgesehenen Schlauchboot an Deck. Wer mit dem Wassern nichts zu tun hat, geht auf’s angrenzende Helikopterdeck und folgt mit den Augen der grossen orangenen Boje, die den « Mann » markiert. Obwohl wir mehrere Ausgucker sind, verlieren einige die Boje aus den Augen, weil sie nur auf dem Wellenberg sichtbar ist, im Wellental bleibt sie verborgen. Als Segler kenne ich verschiedene Manöver, um den « Mann » wieder an Bord holen zu können, auf dem Meer

28.3.2018 – Tag 17

Frühmorgens werde ich informiert, dass zwei Schlauchboote zu Wasser gelassen werden. Rein in die Kleider, für die Sonnencrème bleibt keine Zeit. Da ich in meiner Ruhezeit fotographiere, werde ich nicht eingespannt und kann in Ruhe meine Fotos und Videos aufnehmen. Es werden zwei Schlauchboote gewassert, wobei es für das zweite die erste Fahrt nach umfassender Revision ist. Leider platzt dabei der Kühlschlauch, der bei der Revision nicht ersetzt worden war, da er « gut aussah ». Dies zieht eine ganze Reihe von Komplikationen nach sich und endet mit verschmolzenen Elektrokabeln. Für unsere Mechaniker bedeutet dies mehrere Stunden Arbeit. Die zweite Testfahrt verläuft dann ohne weitere Probleme.

Da schon Schlauchboote im Wasser sind und die Esperanza ihre Geschwindigkeit gedrosselt hat, wird die Gelegenheit erfasst, die neue Lotsenleiter zu testen und am Aussenrumpf einen Metallhalter anzubringen, der beim Einsatz über dem Amazonas Riff das Sonar in Stellung halten wird. Dieses Gerät ist leistungsfähiger als das an Bord befindliche Echolot, das nur bis 70m reicht. Das Riff soll aber bis sehr viel tiefer untersucht werden, es wird von 200m gesprochen. Hierfür steht ein Tauchroboter an Deck mit Kameras, Lampen und Greifarm sowie Propellern. Daneben stehen zwei grosse Container, der eine wird als Kontrollraum für den Tauchroboter fungieren, im anderen ist wahrscheinlich sonst noch notwendiges Material verstaut. Die ganze Ausrüstung wird den Wissenschaftlern von Greenpeace geleast zur Verfügung gestellt.

Fasziniert schaue ich unserem Ausrüster zu, wie er auf der unruhigen Lotsenleiter schweisst. Schweissen ausserhalb des Bootsrumpfes auf hoher See, alle Achtung.

27.3.2018 – Tag 16

Um 3 Uhr morgens immer noch 26 Grad Celsius. Wieder eine dringliche Meldung. Diese Nacht haben Piraten vor Ghana mehr Glück gehabt, sie konnten ihren Angriff erfolgreich durchführen und die Reederei wird nun wohl Lösegeld zahlen müssen.

Die Klimaanlage hat nicht ganz den erwünschten Effekt gezeigt, weil ich in der vordersten Vorschiffskabine übernachte, die am Ende der Kühlschlaufe ist. Es reicht aber, um trotz der Hitze schlafen zu können.

Tagsüber schnappte mich der Bootsmann noch in meiner Ruhezeit. Er will den Zeitverlust im Schiffsunterhalt zu Beginn der Überfahrt aufholen, als wir alle mehr oder weniger aufgrund des schlechten Wetters und der Seekrankheit zur Untätigkeit gezwungen waren. Nun wird gestrichen, was das Zeug hält, unter sengender Sonne, das Sitzen auf dem kochend heissen Metalldeck ist nur mit einer Matte möglich, dazu trage ich eine lange Arbeitshose und habe mir Knieschoner angezogen, um die Kniescheibe zu entlasten. Ich hasse eigentlich das Auftragen von Sonnencrème, aber es gibt genug Beispiele um mich herum, was ohne passiert. Dann tropft es immer genau auf die Stelle, die ich malen will, ich bringe das mit den allgemeinen Reinigungsarbeiten in Zusammenhang, bis ich merke, dass die Tropfen von mir stammen. Wir sind nun wirklich in den Tropen, der Wind lässt immer mehr nach und die Temperaturen steigen. Die Brasilianerin sieht mich mitleidig an und meint ermutigend in ihrem bruchstückhaften Englisch: « In Belem more hot ».

Es arbeiten aber auch alle anderen unter Volllast. Leid tun mir vor allem die Mechaniker im Maschinenraum, wo es über 50 Grad heiss ist. Kein Murren, gute Stimmung, « chillen » beim Feierabendbier, was will man mehr.

Wenn ich sehe, wie unsere alte Lady Esperanza mit ihren 34 Jahren gut im Schuss ist, muss ich den Crews von Greenpeace ein Kränzchen winden. Mein Offizier meinte heute, Handelsschiffe seien nach 25 Jahren amortisiert bzw. abgeschrieben und müssten von da an keine Steuern mehr bezahlen, da ihre Lebensdauer bald abläuft. Bei Greenpeace ist jedenfalls jeder Franken gut angelegt!

26.3.2018 – Tag 15

Diese Nacht haben wir den brasilianischen Behörden unsere Route und approximative Ankunftszeit übermittelt. Im Gespräch erfahre ich, wie die Profis an Bord angestellt sind. Sie kriegen einen Vertrag für die aktuelle Mission, also z.B. Amazonas Riff. Da der Job als 24/7-Einsatz gilt, erhalten sie nach Abschluss der Expedition ihren Lohn für die gleiche Zeit weiter bezahlt, wie sie auf See waren. Gegen Ende des bezahlten Urlaubs wird ein neuer Vertrag aufgesetzt. Eine Garantie für die weitere Beschäftigung besteht aber nicht, und schon gar keine für das Einsatzgebiet, obwohl hier natürlich Wünsche angebracht werden können.

Die Medikamente im « Spital » sind für die niederländische Handelsschiffahrt vorgeschrieben und fein säuberlich in einer Inventarliste festgehalten. Ich bin nicht schlecht erstaunt, darin auch Kondome und sogar eine « Pille danach » vorzufinden, alles natürlich mit Verfalldatum. Eine grosse niederländische Apotheke liefert, was bestellt wird und nimmt verfallene Medikamente auch zurück. An Bord sind 5 attraktive junge Frauen und mindestens ebenso viele attraktive Männer. Es wird zwar viel gelacht und palavert, aber Flirts sehe ich keine, der Umgang ist kameradschaftlich und « asexuell ». Auch wenn mir vielleicht nicht alles bekannt ist, merke ich nichts von « # me too », was sicher zur angenehmen Atmosphäre an Bord beiträgt.

Nachmittags helfe ich wieder mit bei Unterhaltsarbeiten, für mich im wesentlichen putzen und streichen. Frische Luft und voll an der Sonne, dazu körperlich aktiv, es braucht wirklich nicht mehr, um Abends todmüde zu sein.

25.3.2018 – Tag 14

Während meiner Wache zeigt das Thermometer 24 Grad C um Mitternacht an, die Luftfeuchtigkeit liegt über 90%. Auf dem Radar ist nur ein Fischerboot bei seiner Arbeit zu erkennen. Die Esperanza hat eine Zusatzantenne eingebaut, die mit « Automatic Identification System » auch kleine Boote lokalisieren kann. Auf der Karte erscheint nun eine wahre Armada von Fischerbooten bis hin zur senegalesischen Küste. Erstaunlich, dass es überhaupt noch Fische im Ozean gibt. Wieder ertönt ein Notruf, diesmal von einem Schiff vor der nordamerikanischen Küste.

Am Mittagessen setze ich mich zum Ausrüster. Er kümmert sich unter anderem um die Ausrüstung an Deck und auf den Schlauchbooten. Er erzählt mir, dass er adipös gewesen sei. Vor drei Jahren hat er sich entschlossen, abzunehmen, dies praktisch ausschliesslich mit Sport. So macht er 1000 Liegestützen täglich und besucht auch täglich unseren Fitnessraum an Bord mit seinen verschiedenen « Folterinstrumenten ». Damit hat er 28kg verloren und halten können, alle Achtung. Wenn man seinen durchtrainierten athletischen Körper sieht, kann man ihn sich gar nicht fettleibig vorstellen.

Der erste Offizier fragt mich, wie ich mich in diesen zwei Wochen eingelebt habe. Gut, ich kenne nun die Routine und bin überrascht, wie reibungslos und sozusagen spannungslos das Zusammenleben mit der Crew ist. Von früheren zweiwöchigen Segeltörns weiss ich, dass eine Woche auf engem Raum gut toleriert wird, in der zweiten Woche bauen sich in der Regel Spannungen auf, sodass man dann froh ist, von Bord gehen zu können. Gleichzeitig freue ich mich aber auf unser erstes Etappenziel und vor allem auf die nachfolgenden wissenschaftlichen Arbeiten. Etwas Sorgen macht mir die extreme Hitze, die uns an Land erwartet und die vielen Leute, die an Bord kommen werden, die Esperanza wird mit etwa 45 Personen voll belegt sein. Für meine Kabine bedeutet das vier Personen auf engstem Raum. Hoffentlich sind alle diszipliniert…

Im Meer erkenne ich viele Algen, was ich bisher so auf hoher See nicht gesehen habe, Bedeutung? Einmal sind wir Delphinen begegnet, von Zeit zu Zeit versucht ein Schwarm fliegender Fische, einem Fressfeind zu entgehen. Diese landen manchmal ungewollt auf dem Deck von Segelyachten, das Deck der Esperanza liegt für sie viel zu hoch.

Heute hat sich niemand zum Kochen des Abendessens eingetragen, sodass ich mich wieder melde. Wieder hilft mir der Koch, wir kommen zügig voran und es bleiben sogar noch 10 min bis zur Essenszeit um 18 Uhr. Nur schade, dass ich mit dem Englisch des Inders so Mühe habe, er spricht zwar sehr gut, aber die Aussprache ist für mich schwer zu verstehen.

24.3.2018 – Tag 13

Wir haben die Cap Verden hinter uns gelassen und befinden uns etwa in der Mitte des Atlantiks. Es wird immer heisser, der Wind flaut ab und die Wellen legen sich zunehmend. Wir starten heute die Klimaanlage, sodass wir uns nachts wieder mit einem Leintuch werden zudecken können, jetzt war es dazu einfach zu heiss. Arbeiten an Deck sind bei extrem hoher Luftfeuchtigkeit schweisstreibend und entsprechend anstrengend.

Morgens wird noch gearbeitet, nachmittags ist dann Wochenendbetrieb. Am Abend nehmen alle am Barbecue auf dem Achterdeck teil, lockeres Ausklingen der Woche wie zu Hause im Garten. Unser Bootsmann ist Grillmeister, was gut ist für die Gruppenbildung, selbst der Kapitän bringt Bierbüchsen. Die Frauen haben sich schön gemacht und etwas frische Kleider aus der Reserve geholt, bravo. Der Radio-Offizier bringt die Musik mit, ferngesteuert mit seinem Handy über Lautsprecher, die er heute erst unter dem Helikopterlandeplatz montiert hat.

Ich kann kein einziges Musikstück erkennen und realisiere einmal mehr, dass uns eine gute Generation trennt, die meisten sind zwischen 20 und 35 Jahre alt. Dann habe ich noch ein Gespräch mit meinem Kabinenkumpel, der Neuseeländer/Australier ist der zweitälteste mit 55 Jahren und seit 10 Jahren bei Greenpeace tätig. Meist war er mit der Arctic Sunrise unterwegs und beschreibt mit viel Humor die Eigenschaften dieses Eisbrechers ohne Kiel, der manchmal so stark rollt, dass der Kapitän freiwillig seine Kabine mit einer der unteren Decks tauscht. Wer dann noch mag, kann sich in der Lounge einen Film ansehen. Ich werde das auslassen und etwas schlafen, bevor meine Wache um Mitternacht beginnt.


23.3.2018 – Tag 12

Wir sind während meiner Wache einem Schiff begegnet! Gesehen haben wir es aber nur auf dem Radar, einem grossen Bildschirm ziemlich genau in der Mitte der Brücke. Nun kennt ja jeder, was ein Radar ist. Meinte ich auch, aber dieses Gerät kann noch viel mehr, als einfach einen Gegenstand in der Ferne nachzuweisen. Es zeigt uns an, um welches Schiff es sich handelt, Schiffsname, Heimathafen, Schiffslänge und -tonnage, Kurs, Geschwindigkeit, Zeit bis zur Kreuzung unserer beider Routen, Zeitpunkt des Minimalabstands zur Esperanza. Es wird dann etwas über einer Meile entfernt vorbeiziehen. Da das Schiff beim Beginn meiner Wache 16 Meilen entfernt lag, lag es noch hinter dem Horizont und war entsprechend nicht zu sehen, ausser eben auf dem Radar. Und dennoch wussten wir fast alles darüber, ohne Funkkontakt. Dann stellte der Offizier eine Funktionsstörung des Satellitenkompass fest, was er daran erkannte, dass die beiden anderen Kompasssysteme übereinstimmten. Ein irrtümlicher Kurswechsel wurde dadurch vermieden.

Plötzlich ging ein Alarm los. Nachts ist die Brücke nicht beleuchtet, um die Nachtsicht nicht einzuschränken, nur das schwache rötliche Leuchten der Monitore ist sichtbar, und es ist alles still bis auf die üblichen Schiffsgeräusche. Das Alarm gebende Gerät leuchtet rot auf, wir müssen hinlaufen, um dem unangenehm lauten Piepsen ein Ende zu bereiten. Auf dem Display steht, dass ein Piratenangriff auf ein Schiff vor Nigeria stattgefunden hat, das von einem Schnellboot aus beschossen wurde. Es folgte ein Schusswechsel und das Schnellboot drehte ab, kaperte kurz darauf ein Fischerboot und zwang dieses, einen Hafen in Benin anzulaufen. Kaum haben wir uns darüber ausgetauscht, ertönt ein Notruf auf der Seenotfrequenz. Das Schiff liegt aber vor Frankreich und ist damit für die Esperanza, die sich mitten im Atlantik befindet, innert nützlicher Zeit unerreichbar.

Wie immer kontrolliere ich auf der elektronischen Karte, wo sich unser Schiff befindet, jeden Tag ein klein bisschen weiter zum Ziel Belem in Brasilien hin. Wie immer hat der Offizier die Kartenupdates der Admiralität zu Beginn der Wache ins System eingespeist. Wir werden uns schon bald bei den brasilianischen Behörden anmelden müssen, auf der Karte ist eingezeichnet, wann wir die Meldepflicht erfüllen müssen, und zwar noch weit innerhalb der internationalen Gewässer. Zum x-ten Male studiert der Offizier die Seekarte zum Einlaufen nach Belem ein, wann welcher Kurswechsel zu erfolgen hat und wo die Untiefen sind.

Die Tide erreicht in Belem rund 3m, je nach Wasserstand bleibt nur wenig Wasser unter dem Kiel. Dieser befindet sich bei der Esperanza gut 5m unter der Wasseroberfläche. Er zeigt mir, wo der Lotse zusteigt, der dann unser Schiff bis zum Quai führen wird. Dieser wird mit der neuen Lotsenleiter an Bord steigen können, ein speziell langes Trittbrett ist mir bei dieser aufgefallen, dieses verhindert, dass sich die Leiter um ihre Achse dreht, was den Lotsen aus dem Gleichgewicht bringen könnte. Beim Manöver müssen alle Anwesenden Schwimmwesten tragen, die Lotsentüre im Rumpf wird geöffnet und die wasserdichte Türe zum Schiffinneren muss geschlossen sein. Dies habe ich anhand der schriftlichen Warnschilder im sogenannten «Nassraum» der Esperanza erfahren, das Manöver habe ich noch gar nicht mitbekommen.

Den ganzen Nachmittag haben wir mit Putzen und Streichen verbracht. Nach dem Auftragen einer dritten Grundierungsschicht auf den rostbehandelten Stellen durften wir dann grössere Bereiche des Decks streichen. Es ist eine wahre Freude, wenn endlich aller Rost verschwunden ist und das Deck wie neu glänzt. Die Amerikanerin fragte mich heute ganz besorgt, ob ich diese einfachen Arbeiten erniedrigend finde. Ich konnte sie beruhigen. Keine Arbeit ist für mich erniedrigend, jede hat ihren Wert und muss geschätzt werden, aber es gibt schon Leute, die besser streichen als ich.

Ich habe noch gar nie erwähnt, wie die Arbeit auf der Esperanza organisiert ist: Tagwache um 07.30Uhr, Arbeitsbeginn um 08 Uhr, Pause um 10 Uhr für eine Viertelstunde, dann erneut Arbeit bis zum Mittagessen Punkt 12 Uhr. Mittagspause bis 13 Uhr, dann wird bis 15 Uhr gearbeitet mit derselben Pause wie morgens. Um 17 Uhr ist Arbeitsschluss mit der bereits beschriebenen « Bier-Stunde » auf dem Achterdeck. Für Wachhabende besteht ein separater 24-Stunden-Arbeitsplan, Ämtchen kommen dazu, wie z.B. das Putzen der Duschen, WC’s, der Messe etc. jeweils morgens in der Regel bis 09 Uhr.

Der Unterhalt so eines grossen Schiffs gibt unglaublich viel zu tun, nebst den von mir beschriebenen relativ unqualifizierten Arbeiten sind drei Ingenieure, ein Elektriker, zwei Mechaniker, ein Ausrüster, ein Informatiker, ein Bootsmann, vier Matrosen mit mir als angelernter Matrose und Schiffsarzt voll damit beschäftigt, alle Systeme in Schwung zu halten. Der Kapitän und seine drei Offizieren schauen dazu, dass die Esperanza ihr Programm einhält und ihre Ziele erreicht und der Koch mit seiner Assistentin sorgen für das leibliche Wohl aller.

Vor Feierabend kam die Crew in der Messe zusammen und der Kapitän hat uns über die neuen Vorschriften für Matrosen informiert. Diejenigen, die auch auf der Brücke Wache schieben, brauchen hierfür ein spezielles Papier, ich habe wohl gerade noch Glück gehabt… Greenpeace hat einen Informationsbogen zugemailt, in dem jede mögliche Unterstützung zur Weiterbildung angeboten wird. Vorerst werden die Matrosen alle zwei Wochen vom Bootsmann und ersten Offizier qualifiziert, diese Qualifikationen sind für die Zulassung zur Prüfung nötig.

Dann erwähnte er noch, dass wir Belem dank den kräftigen Passatwinden wohl bereits in einer Woche erreichen werden mit einem etwas längeren Aufenthalt als primär vorgesehen. Er warnte uns vor Ausgängen an Land, Belem soll ein gefährliches Pflaster sein, was mir später von einem der Mechaniker bestätigt wurde, er wurde dort am gleichen Tag gleich zweimal ausgeraubt.


22.3.2018 – Tag 11

Die Wache war wieder ruhig. Ich verbringe sie zum grössten Teil mit meinen Runden durch die Esperanza, was mich fast überall hinbringt ausser in die Kabinen. Nach wenigen Tagen spüre ich meine Knie, auf den steilen Treppen schlage ich ausserdem häufig meine linke Achillessehne an, weil beim Treppablaufen praktisch nur die Ferse Platz auf den schmalen metallenen Stufen findet, und vom Hochziehen am Treppengeländer schmerzt meine rechte Schulter vermehrt, was mich dazu zwingt, mich vor allem mit dem linken Arm hochzuziehen.

Wahrscheinlich tritt jetzt ein Trainingseffekt ein, «meine» Hundwache bleibt mir scheinbar erhalten zu bleiben. Dazwischen wird geplaudert, mein Offizier ist glücklicherweise gerne für Gespräche zu haben, wenn seine Arbeit ihn nicht gerade fordert. Er war zuerst gelernter «Wasserbauer» oder so ähnlich, ein knochenharter Job mit Unterhalt von Böschungen, Holzarbeiten, Schleusen, Bauten im und am Wasser, in Kanälen etc. Irgendeinmal hat er realisiert, dass sein Beruf keine Aufstiegschancen bietet und er ihn körperlich nicht ewig würde durchhalten können. Er machte das Berufsabitur und studierte Nautik an der Fachhochschule, ist nun dritter Offizier auf der Esperanza, beruflich sind damit alle Optionen offen.

Greenpeace hat 2017 eine «Plastiktour» im Mittelmeer durchgeführt, um Regierungen und Bevölkerung für das Problem Plastik zu sensibilisieren. Plastik wird unter UV-Strahlung in kleine Bruchstücke zerkleinert, die von Fischen geschluckt werden und so in die Nahrungskette gelangen. Was das auf längere Zeit bedeutet, ist unklar, besser bekannt sind die Bilder verhungerter Jungvögel, deren Magendarmtrakt voll mit Plastikteilen war, die sie von ihren Vogeleltern verfüttert bekommen hatten. In den Ozeanen gibt es insgesamt 5 Wirbel, wo verschiedene Strömungen zusammentreffen, und wo sich dieser Plastikmüll ansammelt.

Auf meine Frage, ob man nicht versuchen sollte, diese Wirbel mit Trillionen von Plastikteilen auszufischen, hat er mich auf www.theoceancleanup.com hingewiesen. Die Organisation wurde 2013 von einem 1994 geborenen Holländer gegründet mit dem Ziel, den Pazifikwirbel bis 2050 leer zu fischen. Da die Plastikteilchen mehrheitlich an der Oberfläche schwimmen, werden Ölsperrenähnliche Gebilde eingesetzt, in denen sich der Plastikmüll ansammelt. Geplant ist die Verwertung dieses Plastiks durch Pyrolyse an Land, einerseits also durch Rückbau zu Monomeren als Grundstoff für neue Plastikprodukte, andererseits zu Erdöl. Längerfristig soll die Organisation durch den Verkauf dieser Produkte sich selbst finanzieren können.

Dann wollte ich wissen, wieviel Diesel mit den Elektromotoren gespart werde. Der Verbrauch wird auf etwa einen Drittel reduziert, der Diesel wird ja zum Betreiben der Generatoren benötigt, die den Strom für den Elektroantrieb und den Schiffsbedarf liefern. Im Logbuch haben wir dann den täglichen Verbrauch nachgesehen. Lotsen verlangen in der Regel, dass die Hauptmotoren laufen, um im Notfall volle Kraft zu haben. Obwohl wir also bei der Ausfahrt von Bordeaux mit dem Ebbstrom den ruhigen Fluss hinuntergefahren sind, war der Treibstoffverbrauch dort etwa dreimal höher als später auf See. Ich frage mich nun, ob Kreuzfahrtschiffe, die täglich bis zu 320 to Treibstoff benötigen, nicht auf Elektroantrieb umgestellt werden sollten, man kann sich den Gewinn für Reederei und Umwelt vorstellen, vor allem, wenn dieses Antriebskonzept breit nachgeahmt werden sollte.

Den Nachmittag haben wir Decksmannschaft mit Streichen verbracht. Wo Rost geklopft worden war, mussten wir zunächst eine Grundierung und dann einen Aluminiumprimer auftragen. Ein Zeitverzug muss unbedingt vermieden werden, schon nach Stunden bildet sich auf den freiliegenden Stahlteilen Flugrost. Ich werde morgen jeden Knochen spüren. Es geht ja nicht nur ums Streichen, was einfach wäre. Der Rost bildet sich jeweils, wo Meerwasser stehen bleibt, bei Relingstützen, in der Fussreling, sonstigen Aufbauten auf Deck etc., die natürlich mehr oder weniger gut zugänglich sind.

Entsprechende Verrenkungen sind nötig, für ältere Semester wie mir fehlt dann jede Eleganz… Den Spanier, der die schwerste Arbeit durchführte, nämlich das Klopfen und Wegfräsen des Rosts habe ich gefragt, ob er das in der spanischen Marine auch habe machen müssen. Er lachte und meinte, sie hätten jeweils Einsätze von 2 Monaten auf See gehabt und dann 3 Monate Urlaub, Unterhaltsarbeiten seien während des Urlaubs in der Werft durchgeführt worden…so geht’s auch, nur teurer.

Mittlerweile hat der Wind aufgefrischt und die See geht hoch, die Esperanza rollt wieder deutlich mehr. Ich habe jetzt gelernt, wie man in dieser Situation durch die Gänge läuft, nämlich richtig schräg, ganz so, wie sich ein Motorradfahrer in die Kurve legt. Das sieht dann ziemlich lustig aus, die Füsse auf der einen Seite des Gangs und der Kopf auf der anderen. Durch das Rollen läuft man dann nicht gerade, sondern von der einen Seite des Gangs auf die andere und wieder zurück. Schwieriger wird das Kreuzen mit entgegenkommenden Personen…


21.3.2018 – Tag 10

Der Wind hat aufgefrischt, sonst ist die Wache ruhig verlaufen, seit Tagen war kein Schiff mehr in Sicht. Um 01 Uhr musste ich alle Uhren der Esperanza um eine Stunde zurückstellen, nun schon zum zweiten Mal. Zum Schutz vor Schäden sind diese unter der Decke angemacht, es sind Kletterkünste angesagt. Generell sind die Stahlkappenschuhe sehr nützlich, beim vielen Stahl und den vielen Kanten trete ich häufig dagegen und bin so optimal geschützt. Der Goretex hat meine Füsse bisher einwandfrei trocken gehalten und die Sohle ist wirklich ein Hammer, sie gibt guten Halt selbst auf dem glatten gestrichenen und nassen Stahldeck.

Auf jeder Wache lerne ich dazu. Erstmals habe ich auf meinen Runden die Löschwasserspritzkanonen bemerkt, die in der Nähe der Helikopterplattform platziert und für solche Landeplätze Vorschrift sind. Erfahren habe ich auch, dass auf der Esperanza der Kompass gleich dreifach vorhanden ist, einmal magnetisch, dann als Gyrokompass und schliesslich als Satellitenkompass. Das ist kein Luxus, ein Kompasssystem kann durchaus ausfallen. Transportiert das Schiff beispielsweise eine Ladung von Stahl, funktioniert der magnetische Kompass nicht zuverlässig. Der Gyrokompass orientiert sich nicht am magnetischen Nordpol, sondern an der Erdrotationsachse, und wird bei Ausfall von einem Pickettdienst der Firma sofort und weltweit ersetzt. Der Satellitenkompass könnte z.B. einem Cyberangriff zum Opfer fallen. Als Segler bin ich beeindruckt.

Der wachhabende Offizier hat mir diese Nacht vom Greenpeace Einsatz vor der Ostküste Nordamerikas erzählt, wo die republikanische Regierung mit den extrem lauten Schallkanonen nach Öl suchen will. Dieser Unterwasserlärm ist so stark, dass er Schalltraumen bei Lebewesen auslöst, was z.B. bei Walen zu Hirnblutungen führen kann und möglicherweise zu den gefürchteten Orientierungsstörungen mit Strandung der Tiere. Im Minimum vertreibt er die Tiere weitherum. Um das zu beweisen, müssen die Walgesänge an ausgewählten Orten aufgenommen werden und zwar vor und später nach dem Schallkanoneneinsatz. Hierzu kooperiert Greenpeace mit den Wissenschaftlern vor Ort, die sehr dankbar waren, dank Greenpeace ihre Bojen bergen, auswerten und mit neuen Batterien versehen zu können. Ein weiteres begeisterndes Beispiel erfolgreicher Kooperation.

Ich bin gerade aufgestanden und unter die Dusche gegangen. Auf der Esperanza wird Süsswasser durch Osmose aus Meerwasser gewonnen. Für mich als Segler von eher kleinen Booten der absolute Luxus. Bisher habe ich auf diesen Booten im allerbesten Fall mit Meerwasser geduscht mit deutlich kleinerem «Wohlfühleffekt». Übrigens ist das so gewonnene Wasser auch gut zu trinken und durchaus vergleichbar mit Hahnenwasser zu Hause.

Wenig später ohrenbetäubender Lärm. Es wird Rost geklopft, entweder mit einem Hammer, oder dann mit entsprechenden Maschinen, die vor allem an Ecken und Kanten sowie an Leitungen etc. zum Einsatz kommen. Absolute Schwerarbeit in unkomfortabler Stellung, kniend, liegend etc. Ist der Rost abgeklopft, erfolgt die Applikation eines Grundierungsmittels, um den Stahl zu schützen. Dieser wird später in der richtigen Farbe überstrichen. Der Bootsmann will mir das nicht zumuten, ich verbringe den Nachmittag mit Enteisen des Kühlschranks im Spital mit Reinigung und Kontrolle des Inventars sowie später mit erneutem Sortieren des Abfalls.

Um 17 Uhr ist jeweils Arbeitsschluss und « Bier-Zeit ». Man trifft sich auf dem Achterdeck unter dem Helilandeplatz, wo ein altgedientes Ledersofa festgezurrt ist, ein Tisch aufgestellt wurde mit Stühlen darum herum. Die Raucher frönen ihrem Laster, ich halte mich mit Bemerkungen zurück. Dazu gibt’s Bier, jede Dose 50 Cents, jeder schreibt sich ein und zahlt später. Die Stimmung ist heiter, kameradschaftlich, es wird viel gelacht. Selbst die Brasilianerin, die kürzlich ihre Freundin verloren hat, die als Umweltaktivistin in Brasilien auf offener Strasse erschossen wurde, zeigt ihr latinisches Temperament. Sie spricht nicht besonders gut englisch, mischt das mit Portugiesich, unterhält sich besonders gern mit dem einen Spanier, der Portugiesisch aber nur teilweise versteht. Die Missverständnisse sind dabei das Lustigste.


20.3.2018 – Tag 9

Es scheint, dass ich nun fest für die sogenannte Hundswache zwischen Mitternacht und 04 Uhr eingeteilt bin, was ich erst auf Nachfrage hin gestern Abend erfahren habe. Wir haben die kanarischen Inseln hinter uns gelassen und werden sanft von Passatwinden vorwärtsgeschoben, natürlich immer unter Motor. Während der ganzen Wache sind wir keinem einzigen Schiff begegnet. Die Temperaturen sind stark gestiegen, nachts 21 Grad Celsius, tagsüber natürlich mehr, was man beim stetig wehenden Passatwind aber gar nicht so bemerkt. T-Shirt und Shorts sind dennoch angesagt. Wir stehen dann auf der Brücke und der zweite Offizier erklärt mir die Sternbilder, er liebt es, den GPS-Standort des Schiffes mit astronomischer Navigation zu bestätigen. Er konnte mir so erstmals das langsam auszumachende Kreuz des Südens am Himmel zeigen.

Endlich habe ich verstanden, warum die riesigen Hauptmotoren nie laufen. Die Schrauben werden tatsächlich von Elektromotoren angetrieben, die den Strom von Diesel-Generatoren erhalten ohne zwischengeschalteter Batterie. Die Generatoren verbrauchen sehr viel weniger Diesel als die Hauptmotoren, sie produzieren Strom für den Antrieb und den übrigen Schiffsbedarf. So lässt sich Treibstoff sparen und es ist mehr als genug Strom vorhanden für jeden erdenklichen Zweck.

Nach dem «Ausschlafen» habe ich die angelieferten Medikamente im « Spital » eingeordnet. Nachmittags half ich dann der Decksmannschaft einen Teil von Reling und Kajütaufbau mit Phosphorsäure anzufrischen und verstehe somit besser, warum überall diese Notfallkits zur Behandlung von Verätzungen der Augen angebracht sind. Die Arbeiten wurden aber mit Schutzbrille durchgeführt, bei lärmigen Arbeiten wird zusätzlich ein Ohrschutz getragen. Unser Chef sprach von der Phosphorsäure als « Aufheller », was den Effekt sehr gut wiedergibt. Danach wurden die bearbeiteten Teile mit dem Hochdruckreiniger abgespritzt und sind bereit zum Streichen morgen. Da unsere Füsse immer wieder von Meerwasser umspült werden, können nur höher liegende Schiffsteile gestrichen werden.

Die Zeit bis zum Feierabend verbrachten wir mit dem Sortieren des Abfalls in die verschiedenen Container auf dem Achterdeck, wiederverwendbarer Plastik, nicht wiederverwendbarer, Tetrapacks, Metalle, organische Abfälle, Papier, allgemeiner Müll. Aluminiumdosen werden vor dem Entsorgen platzsparend gepresst. Schliesslich wurden die Mülleimer gereinigt und wieder an ihren Standort gebracht. Dazwischen fand ich etwas Zeit, meine Wäsche zu machen. Irgendwie freut mich natürlich, dass auf der Esperanza zwei Miele Waschtürme diese Arbeit verrichten, die fast ununterbrochen laufen, und dies anstandslos.

Für mich waren diese Arbeiten streng genug. Einerseits kämpft man ja immer darum, das Gleichgewicht zu behalten, dann kommt erst die eigentliche Arbeit dazu. Auf einem Handelsschiff wie der Esperanza sind alle Teile massiv und schwer, schon das Öffnen und Schliessen der Türen ist anstrengend, weil immer mehrere schwer gehende Hebel zu betätigen sind, die die Tür dann aber auch wasserdicht verschliessen. Der Bootsmann schaut genau, welche Arbeiten er mir als Ältestem der Crew-Mitglieder geben kann, ohne mich einerseits zu überfordern und andererseits einer übermässigen Verletzungsgefahr auszusetzen


19.3.2018 – Tag 8

Zwischen Mitternacht und 4 Uhr morgens war ich auf der Brücke zur Unterstützung des wachhabenden Offiziers. Das heisst, nur zeitweise, weil meine Hauptaufgabe ein stündlicher Rundgang durch das Schiff war, auf dem alle kritischen Räume und Einrichtungen zu kontrollieren waren, die Feuer fangen oder beschädigt werden könnten. Also alle Decks mit besonderem Augenmerk auf die dort festgezurrten Schlauchboote und Container, die das wissenschaftliche Material enthalten inklusive der Tauchroboter, aber auch der Rettungsinseln, die sich aus ihren Halterungen lösen könnten.

Im Batterieraum hatten wir beim letzten Rundgang vor meinem Dienst Diesel vorgefunden, dieses wurde aufgefangen und der Raum gereinigt. Dann waren die Maschinenräume, der Maschinenkontrollraum, die Waschküche, der Gymnastikraum, alle Werkstätten, die Lagerräume etc. zu kontrollieren, wobei lose Gegenstände gesichert werden müssen, die Bilgen auf Wassereinbruch kontrolliert werden und trotz überall vorhandener Rauchmelder auf Rauchbildung zu achten ist. Irgendwelche Feststellungen waren sofort per Funktelefon dem Wachhabenden zu melden. Der Rundgang benötigt rund 20 Minuten und es sind viele sehr steile Treppen hinab- und wieder hinaufzusteigen. Dafür kenne ich nun alle Räume der Esperanza, die ich gar nicht für möglich gehalten hätte. Genau so stelle ich mir die Arbeit von Securitas vor.

Auf der Brücke hat mich der zweite Offizier ausführlich über die verschiedenen Navigationsmittel informiert. Dabei zeigte er mir einen Bewegungsmelder, der Alarm schlägt, wenn sich während 12 Minuten auf der Brücke niemand aufhält. Wird dieser nicht gleich abgestellt, wird zunächst der erste Offizier und dann der Kapitän alarmiert. Um 15.30Uhr werden heute das Vorgehen bei Feueralarm und im Falle der Aufgabe des Schiffes geübt. Sicherheit überall. Eindrücklich!

Neben den Kontrollen bleibt auf der Brücke Zeit zum Plaudern. Mit dem Deutschen konnte ich deutsch sprechen, was mir eher liegt als englisch. Er arbeitet seit knapp 5 Jahren für Greenpeace und hat von seinen Einsätzen erzählt. Obwohl von Natur eher zurückhaltend, waren seine Erzählungen voller Herzblut und haben mich gepackt.

Als Beispiel erzählte er von Einsätzen gegen illegale Fischerei im indischen Ozean und vor der afrikanischen Küste. Da Greenpeace prinzipiell gewaltfrei vorgeht und auf ihren Schiffen keine Waffen mitführt, sind solche Einsätze riskant. In Afrika wurde das Problem so gelöst, dass Greenpeace die Schiffe und ihre Crew liefert, die Staaten, denen das illegale Treiben vor ihren Küsten selbstverständlich bekannt ist, stellen die Vertreter der öffentlichen Hand, die dann für die Kontrollen der angehaltenen Fischerboote zuständig sind, was wiederum zu saftigen Bussen führt bis hin zum Lizenzentzug. Win-win Situation durch Kooperation.

Der Unterhalt der Greenpeace-Flotte verschlingt sehr viel Geld, und ich habe mich oft gefragt, ob in unserer digitalen Welt ein solches Instrument noch gerechtfertigt ist. Die Schiffe erlauben aber nicht nur wissenschaftliche Arbeiten und Einsätze auf Ozeanen, sie sind auch im Inland effektiv, z.B. bei der Kontrolle des illegalen Holzschlags, wenn sie den Fluss hochfahren, bis praktisch sichergestellt ist, dass der ganze Schiffsverkehr nur noch Holztransporten gilt. Die Antwort ist detaillierter ausgefallen, hat mich aber total überzeugt.


18.3.2018 – Tag 7 

Sonntag ist Ruhetag, was ich erst heute früh, frisch geduscht und rasiert, erstmals erfahren habe. Also kein festes Programm, ausser des obligatorischen auf der Brücke und im Maschinenraum sowie den beiden Mahlzeiten mittags und abends. Diese werden am Sonntag von der Crew gekocht, mittags haben sich meine drei vorgesetzten Kolleginnen eingeschrieben (USA, Belgien, Brasilien), es gibt Pommes frites (amerikanisch, nicht belgisch), vegetarische Würstchen an einer gut riechenden Zwiebelsauce, dazu Ratatouille und Salat, ich habe mich schon informiert. Die Mahlzeit entsteht bei lautem Latino-Sound in der typisch fröhlichen Atmosphäre der jungen Frauen in einem Mix aus Englisch und Portugiesisch.

Zum Abendessen habe ich mich eingetragen, zusammen mit einem sanftmütigen Spanier mit dunkelbraunen Augen, die ihm einen leicht melancholischen Aspekt geben. Er hatte mich bereits beim Spleissen angeleitet, geduldig und freundlich wohlwollend, als wären wir schon lange Kumpels. Die neue Strickleiter für den Piloten hat er mittlerweile fast fertiggestellt, sieht toll aus. Er hat seinen spanischen Militärdienst in der Marine gerade abgeschlossen, war dann einige Monate mit Médecins sans frontières in Yemen, wo er an der Infrastruktur vor Ort gearbeitet hat, Einrichtung von Sanitätshilfstellen, Montage von Solaranlagen, Frisch-und Abwasser etc. Nun möchte er als nächstes auf der Arctic Sunrise in die Arktis, wird aber via USA reisen müssen, ist also auf ein Visum angewiesen, was mit dem Stempel von Yemen und seinem schwarzen Bart mit dem sonnengebräunten Gesicht schwierig sein dürfte.

Gestern habe ich mein zweites Gespräch mit unserem Kapitän gehabt, er hat mir meinen Arbeitsvertrag als Greenpeace Freiwilliger ausgestellt, damit ich bei der Einreise nach Brasilien gegenüber der Zollbehörde nicht in Schwierigkeiten komme. Darin habe ich erfahren, dass Greenpeace mir die Reisespesen zur An- und Abreise bezahlt, dazu die Kranken-und Unfallversicherung inkl. Rapatriierung und schliesslich 4.5 Euro pro geleistetem Arbeitstag, also etwa gleich viel wie mein Sold in der Rekrutenschule 1974. Den ersten Kontakt hatte ich im Rahmen der Diskussion über den Fleischkonsum und dann ein kurzes Gespräch unter 4 Augen zum Kennenlernen.

Den Käpitän muss man sich als grossgewachsenen athletischen ca 40-jährigen vorstellen, mit kurzen Haaren, kantigem Gesicht, hellen klaren Augen und breitem Brustkorb, deutlich muskulöser, als man sich das für seine Funktion vorstellen würde, immer sauber rasiert und sportlich elegant gekleidet. Könnte damit sehr gut auch als Berufsmilitär durchkommen. Er kam gestern aus dem Fitnessraum im Sportdress mit Handschuhen, die die Finger freilassen, aha. Eine Führungspersönlichkeit, die keine Zweifel aufkommen lässt, wirkt auf mich leicht distanziert, was nicht negativ gemeint ist.

Nachmittags gab’s für diejenigen, die sich das wünschen, ein Gymfit im Helikopterhangar mit Seilklettern inkl. technischer Anleitung, Bockspringen und anderen schweisstreibenden Übungen, die älteren Semester hatten dankend abgelehnt, ich begnügte mich mit Foto-und Videodokumentation. Dann wurde das Banner vom Vortag aufgezogen und auf Deck fotographiert mit einem Grossteil der Crew. Beim Vorbereiten des Abendessens hatte der Koch Mitleid mit dem Spanier und Schweizer, die etwas hilflos wirken mussten, übernahm die Leitung der Operation Nachtessen, das dadurch zweifellos viel an Qualität gewonnen hat. Nach dem Nachtessen werde ich mich im Wacheschieben als Ausguck auf der Brücke instruieren lassen, die für mich von Mitternacht bis 04.00Uhr stattfinden wird, näheres wurde mir noch nicht mitgeteilt.


17.03.2018 – Tag 6

Heute ist Samstag, damit dauert das Arbeitsprogramm bis mittags, dann ist Dienstbetrieb, wo dieser unabdingbar ist, z.B. auf der Brücke, im Maschinenraum etc. sowie die Ämtlein. Ich habe heute die Messe zu putzen, jeweils nach dem Frühstück, Mittag-und Abendessen. Morgen wird unser Koch seinen freien Tag haben, und wir Matrosen werden für alle kochen, ich habe mich für das Abendessen eingetragen. Der Inder kocht ausgezeichnet, präsentiert täglich ein leckeres Buffet mit sehr viel Gemüse und Salat. Auch wenn ich nicht zum Kochen auf die Esperanza gekommen bin, möchte ich die Kolleginnen und Kollegen nicht enttäuschen, das Menü wird gutschweizerisch sein, die Mengen werden mich stressen, ich habe noch nie für 20 Leute gekocht.

Greenpeace muss sich durch und durch nachhaltig verhalten, was sich von selbst versteht. Die Umsetzung dagegen ist schwierig, selbst bei gutem Willen. So ist sattsam bekannt, dass die Viehzucht viel Methan freisetzt, das als Treibhausgas noch wirksamer ist als CO2 und den Klimawandel damit beschleunigt. Also sollten wir weniger Fleisch und Milchprodukte konsumieren. An Bord der Esperanza wurde dieses Thema bei versammelter Crew diskutiert und die Mehrheit hat sich schliesslich in der Umfrage für 3x wöchentlich Fleisch ausgesprochen, einige wenige wünschen weiterhin täglich Fleisch essen zu können. Die Fleischportionen sind allerdings klein und weit davon entfernt, was sonst in Restaurants aufgetischt wird. Ausserdem werden keine Speisereste fortgeworfen, sie werden bei der nächsten Mahlzeit aufgewärmt und dann auch gegessen.

Dann mussten wir heute die Vorratskammern reinigen und auf abgelaufene Nahrungsmittel absuchen, diese aussondern und solche beiseitelegen, die vor Ablauf und Ankunft in Brasilien konsumiert werden müssen. Die brasilianischen Behörden kontrollieren einlaufende Schiffe sehr genau, und abgelaufene Nahrungsmittel können bis zu 10’000 Euro Busse kosten. Auch dies wurde diskutiert, das Fortwerfen einwandfreier Nahrungsmittel nur aufgrund eines Ablaufdatums auf der Verpackung ist allen Anwesenden ein Greuel. Der Österreicher meinte dazu, er besorge sich seine Nahrungsmittel ausschliesslich aus den Mülltonnen der Grossverteiler, die abgelaufene Lebensmittel nicht mehr verkaufen dürfen und daher entsorgen.

Foodwaste als Umweltsünde im Konflikt mit regulatorischen Vorgaben. Dann hatten Freiwillige kürzlich moniert, dass teilweise Nahrungsmittel von Konzernen gekauft wurden, die für Umweltsünden bekannt sind. Wir kriegten nun eine lange Liste der Hersteller, die beim Einkaufen nicht berücksichtigt werden dürfen und mussten die Vorratskammer nach deren Produkten absuchen, die ebenfalls sobald als möglich konsumiert werden sollen, wonach sie durch solche zu ersetzen sind, die vor Ort biologisch hergestellt wurden. Ich habe dennoch nicht schlecht gestaunt, wieviele biologisch hergestellte Produkte es in der Vorratskammer gibt, sodass wir eher von einer Bereinigung des Sortiments sprechen müssen, « nobody is perfect ».

Nachmittags wurde ich vom Diensthabenden auf der Brücke über die aktuellen Sicherheitseinrichtungen der Esperanza informiert, es hat sich diesbezüglich wirklich sehr viel getan, seit ich meinen « B-Schein » erworben habe und mein kleines Boot mit Loran C ausgerüstet hatte. Besonders beeindruckt hat mich der Notsender, der sich nach einem überraschenden Sinken des Schiffes automatisch 5m unter Wasser vom Schiff löst und dann fortlaufend SOS sendet und damit die letzte Position des Schiffes. Besteht dagegen genügend Zeit, um in die Rettungsinsel zu steigen, kann der Sender mitgenommen werden und wird dann die Position der Rettungsinsel senden, was Suche und Bergung entsprechend erleichtert. – Diese Nacht werden wir Madeira passieren und weiter Kurs auf die kanarischen Inseln halten.


16.03.2018 – Tag 5

Immer noch hohe Dünung, aber das Wetter ist deutlich freundlicher mit Sonnenschein und Cumulus-Wolken. Die Esperanza gleitet viel ruhiger vorwärts, rollt leider immer noch recht stark hin und her, aber mittlerweile sind alle seefest geworden und die Seekrankheit ist kein Thema mehr. Nach der morgendlichen Putztour haben wir im Vorschiff recht viel Meerwasser aus der Bunker Station, wo der Ansatzstutzen für den Diesel steht, entfernt, in einer Werkstatt auf Deck musste aufgeräumt werden, der Sturm hat seine Spuren hinterlassen.

Später musste eines der bekannten Greenpeace Banner kreiert werden, Protest gegen eine neue Ölpipeline zum Pazifik. Das Banner wurde im Helikopter-Hangar auf der Blache aufgezogen, die den Hangar zum Schiffsheck zu abschliesst. Dann wurde mittels Beamer der Text darauf projiziert und wir konnten den Schriftzug von Hand nachziehen. Das tönt ganz einfach, bei Wind und Seegang ist weder die Blache noch das Banner ruhig zu halten, auch wenn sich zwei Helfer alle Mühe geben, beide angespannt zu halten. Ausmalen der Buchstaben mit wasserfesten Filzstiften, fertig war « mein » erstes Greenpeace Banner.

Beim Mittagessen habe ich vom Österreicher der Crew erfahren, wie Greenpeace-Aktivisten ausgebildet werden. Er hatte dazu einen Einführungskurs im Tessin besucht, wobei es vor allem um den Gewaltverzicht ging, um Kommunikationstechniken, um Spannungen zu reduzieren, wobei die Leute auch geschult wurden, auf ihre nichtverbale Kommunikation zu achten, welches Verhalten von anderen als aggressiv verstanden werden könnte. In weiteren Kursen wird je nach Eignung und Wünschen das Schlauchbootfahren trainiert, die Einsatztaktik vermittelt, oder das Klettern, alles auf sehr hohem Niveau.

Er meinte, es sei auf so einem Schiff sehr viel Knowhow vorhanden. Und das bringen Leute verschiedenster Nationen mit, auf der Esperanza sind das bei 20 Leuten immerhin 16 verschiedene Nationalitäten, neben 3 Deutschen, 2 Russen und 2 Spaniern sind je eine oder ein Vertreter von Panama, Zentralafrikanische Republik, Ukraine, Österreich, Neuseeland, Litauen, Indien, Philippinen, Schweiz, Belgien, USA, Bulgarien und Brasilien dabei. Entsprechend ist die offizielle Sprache an Bord Englisch. Alle arbeiten sehr professionell, es herrscht aber ein kameradschaftlicher Umgangston und alle sind sehr hilfreich, was ich als ältester Teilnehmer und Novize sehr zu schätzen weiss.


15.03.2018 – Tag 4

Wir schippern nun weitab der portugiesischen Küste in Richtung Südwesten. Der Wind hat nachgelassen, die Dünung persisitiert und die Wellenhöhe erreicht beachtliche 7m, trifft uns etwas von der Seite und führt immer noch zu starken Rollbewegungen des Schiffs. Am Morgen war mein Ämtchen das Putzen der Duschen, was aber nicht möglich war, weil die eine verstopft war. Unser Australier hat dann mit Schraubzieher, Metalldraht und Weinessig das verstopfte Rohr entstopfen können, in der engen Dusche noch unangenehmer als zu Hause für den Spengler, unterstützt durch den Spanier der Crew. Dann habe ich die Duschen doch noch reinigen können, ohne stehende hin-und herschwappende Pfütze. Meine Kolleginnen haben in der Zwischenzeit eine im Sturm aus ihrer Halterung gerissene Rettungsinsel gesichert, sie ist beschädigt und wird eingeschickt werden müssen, Sicherheit geht vor.

Interessant war ein Gespräch mit dem Chiefmate, seit 15 Jahren im Beruf, verheiratet mit 3 schulpflichtigen Kindern, die während seiner berufsbedingten monatelangen Absenzen durch die Mutter erzogen werden. Diese habe schon vor der Hochzeit gewusst, was auf sie zukommen würde. Er würde gerne etwas mehr verdienen, was in einer vollprofessionellen Crew eines üblichen Handelsschiffes möglich wäre, aber sein Herz wäre nicht dabei, es ginge nur noch um’s Geld. Dann erzählt er von der Entwicklung der Organisation Greenpeace von einigen Aktivisten mit spektakulären Aktionen zu einer Organisation, die vorwiegend wissenschaftliche Grundlagen erarbeitet, um stichhaltige Argumente zum Schutze der Umwelt ins Feld führen zu können.

Die Wissenschaftler, die hierfür an Bord kommen, sind begeistert, weil sie in jeder erdenklichen Art von der Mannschaft/Frauschaft unterstützt werden, was auf gecharterten Schiffen nicht der Fall sei, dort seien Mannschaft und Kapitän nur für die Schiffsführung zuständig und kümmerten sich kaum um die Bedürfnisse der Wissenschaftler und seien auch nicht an den Resultaten interessiert. Die Organisation sei grösser geworden und habe sich den neuen Gegebenheiten angepasst, sei hierarchisch flach organisiert, die Schiffscrews hätten die Möglichkeit, ihre Bedürfnisse und Verbesserungsvorschläge mit Erfolg vorzubringen, es herrsche ein Teamgeist und eine Kameradschaft wie auf anderen Schiffen eben nicht.

Dann mussten wir Decksmannschaft, d.h. drei für mich «blutjunge» und mir vorgesetzte Frauen und ich den im Schiff angesammelten Abfall in die hierfür vorgesehenen Container auf Deck verfrachten, schön säuberlich getrennt in Plastik, Papier, Metall, allgemeinen Müll. Organische Abfälle (Küchenabfälle und Essensresten) werden gekühlt aufbewahrt und später im Hafen der Wiederverwertung zugeführt. Vor dem Nachtessen half ich noch beim Reparieren von zwei Seifenspendern, wobei die Amerikanerin geschickt den einen erneut mit bordinternen Ersatzteilen zu einer zweiten Lebensspanne reanimieren konnte, beim anderen war das defekte Teil in Plastik eingeschweisst und nicht zugänglich. Ich hätte mir die Reparatur schon gar nicht zugetraut.


14.03.2018 – Tag 3

In der letzten Nacht frischte der Wind stetig auf und erreichte morgens zwischen 50 und 60 Knoten, Beaufort 9-10. Zuerst hatten wir ihn in der Nase, die Esperanza wurde stark abgebremst und kämpfte sich jeden Wellenberg hinauf, um auf dem Wellenkamm nach vorne zu kippen und mit grossem Krach und einer Gischtwolke ins Wellental einzutauchen. Ab Cap Finisterre, der Nordwestecke Spaniens, hatten wir Wind und Wellen von der Seite, das Boot rollte also hin und her, was für mich einfach zu viel des Guten war.

Trotz Stugeron schaffte ich es kaum, mich anzuziehen, zum Frühstück begnügte ich mich mit einem Tee, um gegebenenfalls nur den Tee aufnehmen zu müssen. Zum Glück hatte ich am Vortag das « Spital » gründlich untersucht und wusste damit, wo die Tabletten gegen Reisekrankheit zu finden waren. Im kleinen Raum ohne Lüftung hätte ich mich sonst nicht lange aufhalten können, ohne erbrechen zu müssen. Damit konnte ich diejenigen mit Medikamenten versorgen, denen es genauso erging wie mir selbst.

Dann habe ich mich hingelegt und gebe zu, mich von möglichst vielen Aufgaben gedrückt zu haben. Es waren denn auch ganz andere Fähigkeiten gefragt als meine, eine rinnende Leitung musste abgedichtet werden, irgendwo kam Salzwasser herein und die Quelle musste gefunden und verschlossen werden. Am schlimmsten waren die unglaublich vielen umherfliegenden oder rollenden Gegenstände, obwohl wir zuvor möglichst alles felsenfest angezurrt zu haben glaubten.

Zusammen mit den anderen tausenden Geräuschen, die auf dem Schiff zu hören sind, war es wirklich laut, das ging von schlagenden Türen über herunter fallende Gegenstände, die dann klirrend oder krachend auf dem Boden herumkollerten, einmal nach der einen, dann auf die andere Bootsseite. Der Koch hatte seinen Laptop auf den Boden seiner Küche (Pantry) gelegt, damit er nicht herunterfallen konnte, dafür rutschte er mit Schwung über den Küchenboden und krachte in den Ofen, wo der Bildschirm zerbrach. Sogar der WC-Deckel sprang aus seiner Halterung und lag am Boden und die Spülung tropfte unter dem Spüldeckelrand heraus. Der Kapitän änderte den vorgesehenen Kurs mehr nach Süden, um dem Tiefdruckgebiet schneller zu entkommen und die Wellen in einem günstigeren Winkel empfangen zu können. Bezüglich Wetterbesserung wurden wir auf Morgen vertröstet, aber ändern können wir das ohnehin nicht.


13.03.2018 – Tag 2

Die Biscaya hat ihrem schlechten Ruf alle Ehre erwiesen, sie empfing uns mit 5m hohen Wellen und heftigem Wind von 26Knoten oder Beaufort 7. Ich hatte vor der Abfahrt eine Tablette Stugeron 25mg eingenommen, die gut geholfen hat, fühlte mich zwar übel und schlecht, schwitzte mehr als die geheizten Innenräume das sonst verlangt hätten, musste aber nicht erbrechen und nahm sogar am Abendessen teil, wo sich nur 7 Gäste zählen liessen. Unsere Amerikanerin versorgte mittlerweile die Brasilianerin mit den schlimmsten Symptomen der Seekrankheit, den Australier und andere Nationalitäten und ich spendete meine Stugeron. Später habe ich dann weitere Packungen davon im « Spital » an Bord vorgefunden, als ich zu meiner Information dort Inventar machte.

So ein Seegang ist ja schon gewöhnungsbedürftig. Beim Laufen wird man von der einen zur anderen Wand geworfen, was man von Filmen oder eigener Erfahrung ja kennt. In der engen Koje dagegen fühlt sich das noch viel ungewohnter an, wie auf der Achterbahn spürt man einmal die Matratze fast gar nicht mehr, um dann wieder mit Nachdruck dagegen gedrückt zu werden. Kommt noch ein Rollen des Schiffs dazu, hebt man nicht nur ab, sondern rutscht in der Koje nach oben oder fusswärts, je nachdem, ob das Schiff nach Steuer- oder Backbord rollt. Auf dem WC ist es gleich, man kämpft aus verständlichen Gründen darum, auf der Brille sitzen zu bleiben.

Geht die See hoch, wird es im Schiff gelegentlich dunkel, wenn eine Welle die Bullaugen überspült. Neu war für mich das Schlagen der Anker in ihrer Halterung, die sich im Seegang etwas gelöst hatten, was gerade in meiner Mannschaftskoje im Vorschiff sehr gut hörbar war, als würde jemand mit einem Hammer auf Metall schlagen, und zwar gleich zweimal hintereinander, einmal hin und wieder zurück. Wir haben das später am Tag, nachdem sich der Seegang etwas gelegt hatte, korrigiert, hoffentlich erfolgreich. Gleichzeitig wurde auch kontrolliert, ob die Reparatur im Bug gehalten hatte. Es war praktisch kein Wasser eingedrungen, die Schiffswand war nur etwas feucht und der Verantwortliche zeigte sich zufrieden. Auch sonst wurde alles festgezurrt, was sich bewegen könnte, dies im Hinblick auf die angekündigte Front vor Cap Finisterre, wo Spanien im Nordwesten endet, mit angekündigten Wellen von 7m Höhe…

Morgens wurde ich in der Putzequipe eingeteilt, habe danach im sog. Spital nicht schlecht gestaunt, was die Vorschriften für die kommerzielle Schiffahrt für ein relativ kleines Schiff wie die Esperanza so alles vorschreiben, so z.B. einen Defibrillator und vieles andere mehr. In allen Geräten fanden sich geladenen Batterien, einwandfrei gewartet! Dann wurde in auf Deck im Spleissen von Trossen beübt und konnte bewundernd den anderen zusehen, wie sie eine neue mobile Leiter für die Hafenpiloten spleissten, je eine Frau und ein Mann, und ihr hätte ich die kraftzehrende Arbeit nicht so auf Anhieb zugetraut. Später habe ich von ihr erfahren, dass sie als Kadettin auf einem Containerschiff ihren Beruf erlernt hat und sich nun für die nächste Berufsstufe weiterbildet, Greenpeace als Kaderschmiede.

12.03.2018 – Tag 1
Ich wurde am Flughafen per Taxi abgeholt und direkt zur Esperanza gebracht, die beflaggt am Quai in Bordeaux lag. Darum herum herrschte emsiges Treiben, zwischen Informationsständen mit Freiwilligen bildete sich eine lange Warteschlange von Menschen, die alle an der Führung des Greenpeace Schiffes teilhaben wollten.

Mein Seesack wurde irgendwohin verstaut und ich wurde gleich in die Freiwilligengruppe integriert. Mit einer Crew von knapp 20 Leuten und über 60 Freiwilligen aus ganz Frankreich, die sich alle verpflegen mussten, waren Sylvie und ich voll damit beschäftigt, Geschirr abzuwaschen und aufzuräumen. Die Freiwilligen in Pause waren teilweise todmüde, konnten kaum die Augen offen halten oder schliefen gleich ganz ein, waren sehr früh am Morgen hergereist und würden auch spät wieder nach Hause kommen. Sylvie hatte als alleinerziehende Mutter ihre 3 Adoleszenten zu Hause gelassen, um hier auszuhelfen, ihr Einsatz war erstaunlich und für sie selbstverständlich. Am Samstag haben 1500 und am Sonntag 1800 Leute die Esperanza besucht und sich die Erklärungen der Freiwilligen angehört, die gegen den starken Wind anschreien mussten, ihre Erklärungen mit fuchtelnden Händen unterstrichen, und abends kaum mehr einen Ton über die Lippen brachten.

Nach kurzem Schlaf hiess es Leinen los um 2 Uhr morgens bei Hochwasser und offener Hebebrücke. Ich war noch gar nicht eingeführt und wurde auf die Brücke kommandiert, um mir meinen zukünftigen Job als Matrose anzuschauen. Männer und Frauen standen dort im strömenden Regen im Scheinwerferlicht und warteten auf ihren Einsatz. Die schweren Trossen wurden am Quai losgemacht und ins Wasser geworfen und die Mann-/Frauschaft an Deck rannte hin und her, alle an der einen dicken und schwerenTrosse ziehend, ganz wie beim Seilziehen, aber nur in einer Richtung, bis alle Trossen an Deck waren. Das Verstauen unter Deck hat dann noch einige Zeit gedauert, Treppe rauf und Treppe runter. Unterdessen gab der Pilot seine Anweisungen, um das Schiff durch die Hebebrücke und in der Mitte der Fahrrinne zu halten, völlige Ruhe auf der Brücke, man hörte nur die Kursbefehle des Piloten. Gegen Morgen erreichten wir den Golf von Biscaya und wurden dort von einer steifen Brise mit Beaufort 7 empfangen und 5m hohen Wellen. Der Pilot liess sich vom Helicopter auf dem Helikopterlandeplatz der Esperanza abholen.