Vertrauliche Dokumente belegen es: Die Schweizer Atomindustrie klagt die Geschäftspraktiken der britischen Wiederaufarbeitungsfirma BNFL an. Die Vorwürfe, denen sich auch andere Unternehmen anschliessen, sind in Gesprächsprotokollen festgehalten: BNFL habe nichts aus vergangenen Fehlern gelernt, strafe die Kunden mit stetig wachsenden Kosten und behindere dadurch die Konkurrenzfähigkeit der Werke. Greenpeace begrüsst das Eingeständnis, dass die Wiederaufarbeitung in Sellafield ökonomisch unsinnig ist und fordert das Bundesamt für Energie auf, die kürzlich erlaubten Transporte aus der Schweiz nach Sellafield wieder zu verbieten – die Papiere zeigen klar, dass nicht mal mehr die Atomindustrie Vertrauen in die serbelnde Sellafielder Wiederaufarbeitungsfirma hat.

London/Zürich. Punkto Wiederaufarbeitung isst die Atomindustrie seit Jahren Kreide: In der Öffentlichkeit lobt sie jeweils überschwenglich die Vorteile der umstrittenen Technologie. Hinter verschlossenen Türen jedoch nimmt sie den Weichzeichner raus – und enttarnt damit die eigenen Aussagen in der Öffentlichkeit als Lügen. Dies belegen vertrauliche Verhandlungsprotokolle zwischen BNFL und ihren Wiederaufarbeitungskunden Schweiz, Deutschland, Japan, Holland und Italien (die Dokumente sind in England aufgetaucht und einsehbar unter www.BritishNuclearFuels.com). Die Protokolle vom September 2000 und März 2001 zeigen, wie unzufrieden die Kunden mit BNFL sind, die nach einem gravierenden Sicherheitsskandal ums Überleben kämpft. So stellen die Kunden fest, dass die Lage kritisch werde, weil die Bereiche Wiederaufarbeitung und Verglasung eine mangelnde Performance aufweisen. „I’m sure you don’t need me to tell you, that if BNFL’s under-performance continues in these areas, there could be a complete loss of confidence in all aspects of BNFL’s services.“ Und Heinrich Patak, Brennstoff-Experte der Elektrizitätsgesellschaft Laufenburg, der die Schweizer Werke in den Verhandlungen mit BNFL vertritt, sagte: „Schritt für Schritt ist BNFL zum früheren Verhalten zurückgekehrt, ist uninteressiert und nicht willens zu helfen (being unresponsive and unwilling to help).“ Das Problem: Die Preise sind zu hoch und die Kosten nicht kontrollierbar. Die Tatsache, dass die Kosten für die Wiederauafarbeitung in beinahe allen Bereichen massiv überschritten worden sind, ist für die BNFL-Kunden „höchst unbefriedigend und macht es uns unmöglich, unseren eigenen Brennstoff-Zyklus ökonomisch zu managen“. BNFL weigert sich, eine unabhängige Risiko-/Kostenanalyse durchführen zu lassen. Falls sich die Lage nicht ändere, erwägen die BNFL-Kunden sogar juristische Schritte. Die Papiere zeigen zudem, dass die Atomindustrie mit allen Mitteln versucht, die Kosten zu drücken: So ist auch der Streit um den Verbleib des Atommülls voll entbrannt. Die BNFL-Kunden wollen nicht mehr den ganzen Atommüll in die Heimatländer zurückholen, sondern den schwachaktiven Abfall der englischen Bevölkerung aufbürden. Dass dies auf Kosten von Mensch und Umwelt in England geht, scheint die Atomindustrie nicht zu kümmern – ebensowenig wie die Tatsache, dass dieser Handel gegen geltende englische Gesetze verstösst. Das traurige Doppelspiel der Atomindustrie ist nun endlich öffentlich. Die Konsequenz daraus lautet für die Behörden, die Transporte nach Sellafield endgültig zu verbieten.

Kontakt:
Eva Geel, Greenpeace Atom-Kampagne 01 / 447 41 24
Greenpeace Medienabteilung 01 / 447 41 11