In der norwegischen Arktis zieht sich die Eisdecke als Folge der Klimaerwärmung zurück. Jetzt wo sich viele Ölkonzerne zurückgezogen haben, kommen die Industriefischer. Das hat fatale Folgen für das unerschlossene marine Ökosystem.  


Mittwoch, 2. März 2016 Gelbhaar-Quelle © Alexander Semenov

Die arktischen Gewässer sind weniger gut erforscht als der Mond. Jahrtausendelang galt die Tiefsee als Hort von Ungeheuern, die ins Wasser gefallene Seefahrer verschlingen. Noch vor rund 150 Jahren behaupteten Biologen, unterhalb von 600 Metern existiere gar kein Leben im Meer. Heute sind Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler überzeugt: Da unten leben unzählige unentdeckte Tierarten.

Die nördliche Barentssee und die Gewässer rund um Spitzbergen sind Heimat einer ausserordentlichen Biodiversität von globaler Bedeutung. Hier gibt es Kaltwasserkorallen, verschiedene Walarten wie Belugas, Finn- und Grönlandwale, Eisbären, Walrösser und einige der weltweit größten Kolonien von Seevögeln wie etwa Papageitaucher und Lummen. Diese Meeresregionen beheimaten zudem ausgesprochen fortpflanzungsfreudige Fischbestände. In der Barentssee leben über zweihundert Fischarten, von denen der Kabeljau die am weitaus bekannteste und wirtschaftlich wichtigste ist: Der Kabeljau-Bestand in der nordöstlichen Arktis ist der grösste der Welt. Da unten liegt wahrlich Magie in der Luft bzw. im Wasser: Narwale sind die Einhörner der Meere, Wasserschnecken, auch Seeschmetterlinge genannt, gleiten mit zarten Flügeln wie Elfen durch das Wasser, und die langen Tentakel der Gelbhaar-Quallen erinnern an das Märchen von Rapunzel.

Statt den Ölkonzernen kommen jetzt die Industriefischer

Doch wie bei den Gebrüdern Grimm üblich, machen sich auch hier Bösewichte auf, die Idylle zu zerstören: Die Industriefischer rüsten auf. Mit ihren tonnenschweren und riesigen Netzen wollen sie die unberührte Unterwasserwelt verwüsten. Sie sehen sich als Nutzniesser der Klimaerwärmung. Denn wenn sich das Eis zurückzieht haben ihre Monsterschiffe freie Bahn.

Das ist für die Fangunternehmen eine willkommene Gelegenheit. Die Industrie hat den «Run» auf die Ressourcen – Rohstoffe, aber auch Tiere – der Arktis eröffnet. Doch bereits Ölkonzerne wie Shell, die glaubten, zur Erschliessung neuer Vorkommen weiter in die Arktis vordringen zu können, scheiterten. Es handelt sich um ein riesiges Gebiet, das in den vergangenen Jahren abgetaut ist und nun von Schiffen befahren werden kann: Zwischen 1998 und 2008 hat die Eisausdehnung in der Barentssee um 50 Prozent abgenommen.

Eine neue Greenpeace-Untersuchung (engl.) zeigt, dass industrielle Fischereiflotten mit Grundschleppnetzen immer weiter in abgelegene Gebiete der nördlichen Barentssee im norwegischen Teil der Arktis vordringen. Dort, wo zuvor dickes Eis der Ausbeutung der Meere im Weg stand, können Fischtrawler inzwischen weit in bislang unerschlossenes Gebiet vordringen. Greenpeace hat rund 18 Millionen Schiffs-Positionssignale der Fischereiindustrie analysiert. Die Ergebnisse zeigen: Mehr als 100 der insgesamt 189 Trawler mit Lizenzen für den norwegischen Sektor der Barentssee fischten bis auf Breitengrad 78 und nördlicher – also in genau jenen Gegenden, die sonst für den Grossteil des Jahres zugefroren waren.

Die drei Fangunternehmen, die den Fischfang in der norwegischen Barentssee dominieren, haben alle schon in den hohen, bislang unzugänglichen Breitengraden nach Kabeljau gefischt. Über ein Netzwerk von Händlern und Fischverarbeitern beliefern sie Abnehmer in Europa, Asien und Nordamerika. Nicht zuletzt der britische Imbissklassiker «Fish and Chips» sorgt für stete Nachfrage nach Kabeljau aus der Barentssee.

Was muss sich ändern?

Das Problem ist, dass es in Norwegen keine Gesetzgebung gibt, welche die zum grossen Teil unentdeckten und empfindlichen Meeresgebiete der nördlichen Barentssee adäquat unter Schutz stellt. Die Fischereiunternehmen und der Fischhandel haben bislang keine Unternehmensrichtlinien, die die Fischerei in diesen Gewässern oder die Abnahme der Fische verhindern. Dementsprechend ist das Gebiet schutzlos der industriellen Fischerei mit ihren zerstörerischen Praktiken ausgeliefert.

Das muss sich ändern. Greenpeace fordert die norwegische Regierung auf, in der nördlichen Barentssee und rund um Spitzbergen ein Meeresschutzgebiet einzurichten, in dem jegliche industrielle Nutzung untersagt ist. Von den Fischereiunternehmen und ihren Abnehmern verlangen wir, dort nicht zu fischen. Dieser Teil des Meeres ist von immenser Bedeutung für die Artenvielfalt des Planeten: Er darf nicht kommerziellen Interessen zum Opfer fallen.

Unterzeichnen Sie unsere Petition zum Schutz der Arktis.

Teilen
Twittern
Teilen
+1
E-Mail
WhatsApp