Plastik liegt in der Luft. Nicht nur buchstäblich. Alle reden über Umweltverschmutzung durch Plastik und über die nötigen Gegenmassnahmen.

Ein plastikspeiender Drachen protestiert an der Meereskonferenz „Our Ocean“ in Malta. 5. Okt. 2017 © Bente Stachowske

Plastikmüll breitet sich in der Umwelt und im Meer aus. Um dies zu erkennen, muss man keine grossen wissenschaftlichen Studien betreiben. Bis zu 12 Millionen Tonnen Plastik gelangen jedes Jahr in die Ozeane. So ist es keine Überraschung, dass Plastik überall und insbesondere im Wasser vorhanden ist, wo es Meerestiere schädigt und sich in der Nahrungskette anreichert.

Überall auf der Welt engagieren sich Menschen für eine Welt ohne Einwegplastik und gegen die Wegwerfkultur. Sie ändern ihre individuellen Lebensgewohnheiten, sie unterzeichnen Petitionen oder sie sensibilisieren ihr Umfeld und lokale Geschäfte.

Die Bewegung #BreakFreeFromPlastic wird immer grösser und ist nicht mehr zu stoppen!

Aber was macht die Politik? Kürzlich hat die EU-Kommission ihre europäische Plastikstrategie vorgelegt. Diese Strategie dokumentiert die Vision und Ziele der EU-Kommission zum Thema und soll zu entsprechenden Massnahmen und Aktionen führen.

Die Europäische Union ist (zusammen mit den Ländern des Nordamerikanischen Freihandelsabkommens) nach China der zweitgrösste Plastikproduzent der Welt.

In der EU entstehen jährlich 25,8 Millionen Tonnen Plastikmüll. Davon werden 70 Prozent verbrannt oder deponiert.
Aus der EU gelangen jedes Jahr 150’000 – 500’000 Tonnen Plastikmüll ins Meer.
Die Menge an Mikroplastik, die aus EU-Ländern in die Umwelt gelangt, wird auf 75’000 bis 300’000 Tonnen jährlich geschätzt.
Diese Zahlen müssen unbedingt sinken. Auf den ersten Blick scheint die neue Plastikstrategie der EU die Dringlichkeit der Situation zu erfassen. Und sicherlich ist es ein Fortschritt, dass es überhaupt eine solche Strategie gibt. Schaut man aber genauer hin, enthält das EU-Papier leider nicht viel Neues.

Die Strategie bietet einige gute Ansätze, etwa dass Bestandteile von Mikroplastik (zum Beispiel Plastikkügelchen in Kosmetika) künftig als giftige Umweltverschmutzung gelten, die unter die EU-Chemikalienverordnung fällt.

Ziel der Strategie ist, dass Plastikverpackungen auf dem EU-Markt bis zu Jahr 2030 zu 100 Prozent aus Mehrwegplastik bestehen oder recyclingfähig sind. Erfreulicherweise soll bereits 2018 ein erster Gesetzgebungsvorschlag im Bereich Einwegplastik vorliegen.

Störend ist jedoch, dass die Strategie den Schwerpunkt auf Recycling legt. Recycling erscheint als das Allheilmittel. Reduktion und Wiederverwendung spielen dagegen eine untergeordnete Rolle. Das Ziel der Strategie ist jedoch nicht erreichbar, wenn Produktion und Verbrauch von Plastikverpackungen und Einwegplastik nicht gesenkt werden. Vieles davon ist ohnehin unnötig. Zudem gibt es erprobte Alternativen, die nur darauf warten, auf grösserer Stufe eingesetzt zu werden.

Pfandsysteme werden immer breiter genutzt. Es entstehen laufend Geschäfte mit unverpackten Lebensmitteln. Städte und öffentliche Plätze bieten wieder vermehrt Trinkwasserbrunnen an. Wiederverwendbare Produkte sind im Trend. Aber all diese Alternativen zu Plastik müssen gestärkt werden, und zwar durch fortschrittliche und weitreichende politische Massnahmen.

Jetzt gilt es für die Menschen in Europa, wachsam zu sein und die Regierungen zu gesetzlichen Anpassungen aufzufordern. Damit Einwegplastik so schnell wie möglich verboten wird. Es herrscht dringend Handlungsbedarf. Wir können nicht Jahre warten, bis der Prozess auf EU-Ebene die Plastikkrise löst. Jetzt ist der Moment für Veränderungen, packen wir die Chance!

Wer nicht in Europa lebt, kann trotzdem helfen. In dieser globalisierten Welt wirkt sich alles, was in Europa beschlossen wird, auch auf andere Regionen aus: Über Konzerne mit Hauptsitz in Europa, über Handelsbeziehungen oder auch einfach durch das Beispiel, das beweist, dass weitreichende Massnahmen gegen Einwegplastik durchaus praktikabel sind.

Während wir die politische Entwicklung weiterhin beobachten, können wir alle unseren Beitrag leisten: Trinkhalme und Plastiktüten vermeiden, Mehrwegflaschen nutzen oder uns im persönlichen Umfeld gegen Plastikmüll einsetzen. Jeder Schritt zählt, egal ob klein oder gross! Denk dir etwas aus, und mach mit in der Bewegung! Zusammen schaffen wir es! #BreakFreeFromPlastic!

Elvira Jiménez ist verantwortlich für die EU-Plastikkampagne bei Greenpeace und war Leiterin der Schiffstour „Less Plastic More Mediterranean“ vom Sommer 2017

 

Auswirkung der neuen EU-Plastik-Richtlinien auf die Schweiz

Obwohl die Schweiz nicht in der EU ist, beeinflussen uns deren gesetzliche Veränderungen unmittelbar. Viele EU-Entscheide werden in der Schweiz ähnlich nachvollzogen, so etwa das Teilverbot von bienenschädlichen Pestiziden. Um die Plastikflut einzudämmen, werden auch bei uns immer mehr Kampagnen und politische Vorstösse gestartet. Der Grünen-Nationalrat Balthasar Glättli hatte in der Vergangenheit mit einer Motion erfolglos versucht, Mikroplastik in der Schweiz zu verbieten. Nun überlegt er sich, erneut politisch vorzugehen, um nicht zur  «Mikroplastik-Müllhalde Europas» zu werden. Nicht nur der Markt würde geflutet werden, sondern auch unsere Gewässer noch viel stärker belastet.
Das Bafu (Bundesamt für Umweltschutz) selber wartet zurzeit noch ab und will die neuen EU-Regelungen für die Schweiz prüfen, sobald die konkreten Regulierungsvorschläge veröffentlicht werden.
Wir müssen nicht auf die nächsten politischen Entwicklungen warten, jeder von uns kann seinen eigenen Teil beitragen. Angefangen vom Verzicht auf Strohhalme und Plastiksäcke oder dem Benutzen von wieder auffüllbaren Trinkflaschen: Jeder Schritt, jede Handlung zählt, egal ob klein oder gross. Was machst du, um einen Beitrag zu leisten? Wähle deine eigene Aktion und werde Teil der plastikfreien Bewegung #BreakFreeFromPlastic!