Kilometerlange Langleinen, tausende Haken und mittendrin Tiere, die nicht gefangen werden sollten. Haie, Meeresschildkröten, Delfine und Seevögel geraten weltweit in die Netze und an die Haken der industriellen Fischerei. Was die Fischerei lapidar «Beifang» nennt, bedeutet für die betroffenen Tiere einen grausamen Tod. 

Haie als Beifang vor Westafrika: Der Fall «Naboeiro»

Wie dramatisch die Folgen sind, zeigt eine Greenpeace-Expedition im Atlantik vor Westafrika. Am 22. März 2026 beobachteten Greenpeace-Aktivist:innen von der «Arctic Sunrise» aus das spanische Langleinenfischerei-Schiff «Naboeiro». Die Besatzung fischte in der Kanarisch-Guineischen Konvergenzzone, einem besonders artenreichen Gebiet vor der Küste Westafrikas. Hier treffen kalte, nährstoffreiche Wasserströme auf warme Gewässer. Die Zone ist Lebensraum für Fische, Meeresschildkröten, Seevögel, Meeressäuger und zahlreiche Haiarten.

Innerhalb von nur 35 Minuten hievten die Fischer drei Exemplare des Grossaugen-Fuchshais an Bord. Das zeigen Aufnahmen von Greenpeace. Die Fischer schnitten die Haie in Stücke und warfen sie  über Bord. Sie hatten es nur auf die Flossen abgesehen. Die Tiere waren kein Ziel der Fischerei. Sie wurden zu Beifang.

Grossaugen-Fuchshai

© Steve De Neef

Die drei dokumentierten Tiere gehören zur Art des Grossaugen-Fuchshais (Alopias superciliosus). Die Art gilt als gefährdet und ist durch internationale und europäische Vorschriften geschützt. Für diese Haie gelten besondere Regeln: Werden sie gefangen, müssen sie möglichst schnell und unverletzt freigelassen werden. Die Tiere dürfen weder an Bord behalten noch angelandet (an Land gebracht) werden.

Die Aufnahmen von der «Naboeiro» zeigen jedoch, wie die Fischer die Haie mit einem Haken an Bord hieven. Sie zerteilten deren Körper und warfen diese ins Meer. Greenpeace sieht darin Hinweise auf Verstösse gegen geltende EU-Regeln. Auch das sogenannte Finning, das Abschneiden der Haiflossen, ist für EU-Schiffe verboten.

Was bedeutet Beifang?

Beifang sind Meerestiere, die bei der Fischerei ungewollt mitgefangen werden. Fanggeräte unterscheiden nicht immer zwischen Fischen, die gefischt werden sollen und anderen Meerestieren. Je nach Fangmethode geraten unterschiedliche Tiere in die Fallen, Netze oder an die Haken. Neben der Grundschleppnetzfischerei ist die Langleinenfischerei besonders problematisch. Dabei werden kilometerlange Hauptleinen mit zahlreichen beköderten Haken ins Meer gelassen. Die Fischer setzen sie vor allem ein, um grosse Fische wie Schwertfische zu fangen. Doch an den Haken bleiben auch Tiere hängen, die gar nicht gefangen werden sollen wie Haie, Meeresschildkröten und Seevögel.

Beifang ist eine der gravierendsten Auswirkungen der industriellen Fischerei. Gleichzeitig ist die Datenlage zum weltweiten Ausmass des Problems unsicher. Schätzungen zur jährlichen Beifangmenge reichen von knapp 7 bis zu 27 Millionen Tonnen. Fest steht: Für bedrohte und besonders langsam wachsende Arten wie den Grossaugen-Fuchshai wiegt jeder Verlust schwer.

Beifang Appell

Tausende Meerestiere geraten in die Falle und verenden als Beifang. Wir haben jetzt die Chance, bis 2030 30% der Weltmeere zu schützen.

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Das Problem ist grösser als ein einzelnes Schiff

Wie häufig solche Vorfälle vorkommen, lässt sich nur schwer feststellen. Die industrielle Fischerei findet unbeobachtet auf Hoher See statt. Die Besatzungen müssen ihre Fänge und Rückwürfe zwar dokumentieren, doch unabhängige Beobachter:innen sind im Nordatlantik sehr selten an Bord.

Auch die verfügbaren Fangdaten sind lückenhaft. Die spanischen Langleinenfischer meldeten 2024 für ein Gebiet im östlichen Nordatlantik 35’370 Kilogramm Grossaugen-Fuchshaie als Rückwurf. Doch es gibt erhebliche Unterschiede zwischen gemeldeten und tatsächlich beobachteten Fängen. Eine Studie aus dem Jahr 2022 kam bei drei gefährdeten Haiarten in Westafrika zum Ergebnis, dass die tatsächlichen Rückwürfe 32-mal höher gewesen sein könnten als die gemeldeten Werte.

Beifang ist kein unvermeidbarer «Nebeneffekt»

Es gibt technische Möglichkeiten, Beifang zu reduzieren. Dazu gehören beispielsweise veränderte Haken und Vorrichtungen zum Schutz von Seevögeln bei der Langleinenfischerei oder spezielle Netze. Solche Massnahmen können den Beifang bestimmter Arten verringern. Sie lösen jedoch nicht das grundsätzliche Problem der industriellen Fischerei. Denn solange ganze Fangflotten immer grössere Mengen Fisch aus dem Meer holen, geraten auch Tiere ins Netz, die nicht gefangen werden sollen.

Eine Möglichkeit, marine Ökosysteme vor zerstörerischer Fischerei zu schützen, sind gut überwachte Meeresschutzgebiete. Besonders streng geschützte Zonen, in denen keine Fischerei stattfindet, bieten Meereslebewesen Rückzugsräume und tragen dazu bei, dass sich Ökosysteme und Fischbestände erholen.

Gerade auf der Hohen See sind solche Schutzgebiete wichtig. Sie macht rund zwei Drittel der weltweiten Meeresfläche aus. Bisher ist jedoch weniger als ein Prozent davon geschützt. Das UNO-Hochseeschutzabkommen schafft erstmals einen rechtlichen Rahmen für ein Netzwerk von Meeresschutzgebieten auf der Hohen See. Greenpeace fordert, mindestens 30 Prozent der Weltmeere bis 2030 wirksam zu schützen.

Die Schweiz muss handeln

Auch wenn die Netze und Langleinen weit entfernt von der Schweiz ausgebracht werden: Die Schweiz spielt beim Schutz der Ozeane ebenfalls eine Rolle: Die erste UNO-Konferenz zum Hochseeschutzabkommen findet im Januar 2027 in New York statt. Die Schweiz wird teilnehmen, aber nicht mitbestimmen können, weil sie das Abkommen noch nicht ratifiziert hat. Beifang ist kein unvermeidbarer Kollateralschaden der industriellen Fischerei. Die Meere und Meerestiere brauchen Schutz und die Schweiz muss dazu beitragen.

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