Es riecht nach Skandal: Eine Interessengemeinschaft der chemischen Industrie Basels, eigentlich die Auftraggeberin der Untersuchungen über ihre eigenen Chemiemülldeponien bei Muttenz, und das Baselbieter Amt für Umweltschutz (AUE), eigentlich die Aufsichtsbehörde über die Deponie-Untersuchungen, basteln gemeinsam an der Formu-lierung der Untersuchungsberichte herum – und kehren dabei das wesentliche unter den Tisch: die Sanierungsbedürftigkeit der Chemiemülldeponien Feldreben und Rothausstrasse. Greenpeace fordert die Totalsanierung und eine unabhängige Untersuchung der Sachverhalte.

Zürich. Was ist eigentlich in Basel los? Es
kann kaum noch von Unabhängigkeit gesprochen werden (vgl. BaZ vom
02.03.02), wenn das Baselbieter Amt für Umweltschutz und Energie
(AUE) in di-versen von der Basler chemischen Industrie dominierten
Projektgruppen und Steuerungsausschüssen einsitzt und gemeinsam mit
den Chemiekonzernen an der Formulierung der Untersuchungsberichte
über die Muttenzer Chemiemülldeponien herumbastelt. Der
ursprüngliche Untersuchungsbericht des Geotechnischen Institutes,
der gemäss Basler Zeitung systematisch redigiert und verwässert
wurde, ist für die Öffentlichkeit nicht einsehbar. Stattdessen
veröffentlichte ein von Chemievertretern dominiertes, sogenanntes
Projektteam einen «Zusammenfassenden Bericht», der das eigentlich
Skandalöse verschweigt: dass mindestens zwei von drei untersuchten
Muttenzer Deponien einen Fall für eine Totalsanierung darstellen,
weil die Grenzwerte überschritten worden sind.

Sauberes Trinkwasser und Chemiemüll vertragen
sich nicht. Dass die Chemiemülldeponien Feldreben, Margelacker und
Rothausstrasse eine Gefahr für die Trinkwassergewinnung in der Hard
darstellen, weiss man in Muttenz schon seit mehr als 40 Jahren.
Bereits 1957 forderte die Baselbieter Finanzdirektion, dass alle
von der Chemischen Industrie abgelagerten, wassergefährdenden
Stoffe aus der Feldrebengrube entfernt werden sollten. Doch die
Baudirektion stellte sich quer die rund 13’000 Tonnen Chemiemüll
der Geigy und Ciba (jetzt Novartis, Ciba SC und Syngenta) liegen
noch heute dort begraben. Die Chemiemülldeponien Feldreben,
Margelacker und Rothausstrasse bei Muttenz liegen allesamt in der
Grundwasserschutz-Zone Au im unmittelbaren Einflussbereich der
Trinkwasserfassung Hard. Die Deponien bedrohen damit das
Trinkwasser von 100’000 Menschen aus der Stadt und der
Agglomeration Basel. Obwohl in dem von den Chemiekonzernen und dem
Kanton am 29. Januar 2002 veröffentlichten «Zusammenfassenden
Bericht» schwerwiegende Wissenslücken, aber trotzdem mehrere
Grenzwertüberschreitungen eingeräumt werden, ist das für die
Autoren-schaft nicht weiter beunruhigend. In ihrer Beurteilung der
Belastungssituation stelle sich ihnen lediglich «die Frage nach der
Hintergrundbelastung und der Reproduzierbarkeit der Ergebnisse».
Auf gut deutsch: Entweder sind die zu hohen Werte für Chemie und
Kanton demnach «nur natürlich und normal» oder sonst halt ein
«Messfehler».

Ein Messfehler? Wohl kaum: Bei der Deponie
Feldrebengrube wurde der Grenzwert der Altlas-tenverordnung im
Gewässerschutzbereich Au (AltlV vom 1. Okt. 1998) für das
hochgiftige Tetrachlorethan mit 0.89 Mikrogramm Schadstoffe/Liter
Grundwasser (µg/l) weit überschritten; dies trotz starker
Verdünnung des Grundwassers mit Rheinwasser. Dieser Wert ist knapp
das Doppelte des entsprechenden Grenzwertes von 0.5 µg/l. Bei der
Deponie Rothausstrasse wurde der Grenzwert für Vinylchlorid mit 0.3
µg/l gleich fünffach überschritten. Der Chemiemüll liegt teilwei-se
direkt im Grundwasser. Deshalb ist anzunehmen, dass das
Grundwasser, welches die Deponie durchspült, im direkten
Abstrombereich der Deponie noch höhere Schadstoffkonzentrationen
aufweist. Auch Ammonium überschreitet den Grenzwert; doch um
wieviel, darüber ist im Zusammenfassenden Bericht nichts zu lesen.
Gemäss Altlastenverordnung sind diese Deponien sanierungsbedürftig.
Der giftige Chemiemüll muss ausgegraben werden!

Greenpeace fordert mit Nachdruck eine von
Kanton und Industrie unabhängige Untersuchung durch die EAWAG
(Eidg. Anstalt für Wasserversorgung Abwasserreinigung u.
Gewässerschutz) und der Universität Basel (Geologisches Institut
und Institut für organische Chemie). Wie bereits in der
Interpellation Halder (Landrätin BL) formuliert, soll die
unabhängige Expertise bestehende Wissenslücken im Bereich Analytik
und Hydrogeologie füllen. Die Untersuchungen sollen im Rahmen eines
Sanierungsprogrammes geschehen und die Grundlagen für die
Totalsanierungen liefern, die aufgrund der
Grenzwertüberschreitungen unumgänglich sind. Was für die angeblich
gesicherte Deponie Bonfol gilt, muss erst recht für die völlig
ungesicherten Chemiemülldeponien in der Region Basel gelten. 

Kontakt:

Matthias Wüthrich, Greenpeace Chemiekampagne, 01/447 41 31

Greenpeace Medienabteilung, 01/ 447 41 11