Viele Menschen sehen die zunehmende Plastikschwemme kritisch, doch um aktiv etwas dagegen zu unternehmen sind sie zu bequem. Wir haben mit Anneliese Bunk, einer der beiden Autorinnen von «Besser leben ohne Plastik», über den Aufwand eines kunststofffreien Alltags gesprochen.

Frau Bunk, wie plastikfrei leben Sie?

Bei uns zuhause gibt es schon noch Plastik, sei es das Telefon, Lego für die Kinder oder Fensterrahmen. Völlig plastikfrei zu leben ist in Deutschland kaum möglich und auch nicht mein Anspruch. Meine Familie und ich versuchen soweit wie möglich auf Plastik zu verzichten und bewusst mit Plastik umzugehen. Vor allem kaufen wir weder in Plastik eingepackte Reinigungsmittel oder Lebensmittel.

Warum haben Sie sich dazu entschlossen?

Ich möchte gesünder leben. Plastik enthält sehr viele Schadstoffe, dass es an Lebensmittel abgibt und auch in die Umwelt, was wir in der Folge dann wieder zu uns nehmen. Diesen Kreislauf möchte ich gerne durchbrechen.

Wie kam es zu ihrer Entscheidung, ihren Plastikkonsum zu reduzieren?

Mich hat der Film „Plastic Planet“ sehr beeindruckt. Der ist vor sechs Jahren angelaufen und seither hat sich nichts geändert. Im Gegenteil: die Kunststoffindustrie produziert jedes Jahr mehr. Ich denke, es fehlt auch Aufklärung. Auf jeder Zigarettenschachtel steht drauf, dass sie gesundheitsschädigend sind, aber was für Stoffe in Plastik drin sind, wissen die wenigsten.

Wann ging ihr plastikfreies Leben los?

Wir haben damit vor etwa zwei Jahren damit begonnen. Da habe ich das erste Mal ein Waschmittel selbst produziert. Und dann habe ich mich Stück für Stück weiter vorgearbeitet. Das ist für mich eine Herzensangelegenheit.

Ist das für Sie mit zusätzlichem Aufwand verbunden?

Ich sehe eigentlich gar keinen Mehraufwand. Beispiel Waschmittel: Wir haben zwei Jungs, die spielen viel draußen, wir waschen also ziemlich viel. Früher hatten wir einen Bedarf von 50-60 Liter Waschmittel. Um den Jahresbedarf nach Hause zu bringen – also für Einkaufen, Bezahlen, nach Hause fahren – brauchten wir circa zwei bis drei Stunden. Heute kaufe ich unseren Bedarf auf einmal, das sind nämlich zehn Stück Kernseife und bereite daraus ein Waschmittel. Dafür benötige ich viel weniger Zeit und spare außerdem Geld.

Sie sparen Geld?

Ja, ich habe das durchgerechnet. Meine Familie gibt im Monat rund 150 Euro weniger aus, dadurch dass wir bewusster einkaufen und viele Dinge nicht mehr kaufen.

Wie sieht denn ihr Einkauf so aus?

Wir kaufen ganz normal ein: im Supermarkt Milch und Joghurt im Mehrwegglas. Ich höre dann oft: wie schaffst Du das ganze Glas zu schleppen? Aber ich kaufe ja zum Beispiel keine Reinigungsmittel oder Shampoo mehr. Da hab ich so viel Platz mehr in der Einkaufstasche, dass ich die Milch im Glas locker tragen kann. Grundnahrungsmittel wie Mehl oder Haferflocken gibt es in Papiertüten. Für loses Obst und Gemüse gehen wir eher in kleinere Geschäfte oder in Gemüseläden. Aber loses Gemüse kann man fast überall bekommen. Beim Einkaufen benutze ich natürlich den von mir entwickelten Baumwollbeutel. Da kann man auch Lebensmittel drin lagern. Im Sommer halten Kräuter und Salate in so einer angefeuchteten Tasche bis zu vier Tagen.

Wie fand ihre Familie denn die Umstellung?

Die Kinder waren total einfach zu überzeugen. Die vermissen nichts und trauern auch nichts nach. Ich glaube mein Mann hat anfangs gehofft, das sei nur so eine Phase. Inzwischen ist er aber auch total überzeugt davon.

Wie sind die Reaktionen aus dem Umfeld?

Die Leute sind in der Regel fasziniert und wollen wissen wie es geht und nachmachen. So kam es auch zu dem Buch. Die Idee dazu kam beim Crowdfunding für die Naturtaschen. Da hatten meine Familie und ich das schon anderthalb Jahre gelebt und deswegen wollte ich mal einige Tipps aufschreiben, wie die Leute ihren Plastikkonsum reduzieren können. Und da kam dann auch ein ganz tolles Feedback zurück. Das Buch hatte dementsprechend auch sehr viele Vorbestellungen. Ich hoffe, dass wir damit ganz vielen Menschen praktische Tipps vermitteln können, um weniger Plastik zu konsumieren.

Was wären denn Tipps für Einsteiger?

Es gibt Produkte, die haben mich total fasziniert, zum Beispiel Kokosöl. Man braucht nie wieder Abschminkpads oder Feuchttücher. Das kann man alles mit Kokosöl ersetzen. Das ist deutlich günstiger, schadstofffrei und funktioniert: damit bekommt man selbst wasserfeste Wimperntusche ab.

Was empfehlen Sie noch?

Waschsoda. Das funktioniert super als Toilettenreiniger. Dabei bindet es zudem Säuren im Abwasser. Man muss nie wieder diese ganzen Reinigungsmittel mit den vielen Gefahrensymbolen kaufen. Mein Ziel ist es, das wirklich niemand mehr Toilettenreiniger kauft. Das ist überhaupt kein Mehraufwand, denn Waschsoda gibt es in vielen Geschäften fast ohne Plastikverpackung und steht einfach ein Meter weiter links oder rechts von den Produkten, die man vorher für teures Geld gekauft hat. Das gleich gilt für die Verwendung von Seife statt Duschgel. Es gibt so tolle Seifen!

Dieser Text wurde im enorm Magazin veröffentlicht. enorm ist das Magazin für den gesellschaftlichen Wandel. Es will Mut machen und unter dem Claim «Zukunft fängt bei Dir an» zeigen, mit welchen kleinen Veränderungen jeder Einzelne einen Beitrag leisten kann. Dazu stellt enorm inspirierende Macher und ihre Ideen sowie Unternehmen und Projekte vor, die das Leben und Arbeiten zukunftsfähiger und nachhaltiger gestalten. Konstruktiv, intelligent und lösungsorientiert.

 

Anneliese Bunk (rechts) ist Designerin und lebt in München. Sie produziert die Naturtasche: einen Baumwollbeutel, der den Einkauf loser Lebensmittelermöglicht, ohne dabei Müll zu produzieren. Nadine Schubert (links) ist Journalistin und lebt in einem fränkischen Dorf. Ihre Erfahrungen und Alternativen teilt Sie in ihrem Blog auf besser-leben-ohne-plastik.de.

 

Anneliese Bunk und Nadine Schubert geben in ihrem Buch nützliche Tipps für ein plastikfreies Leben.

 

 

 

 

 

 

 

Serie 1

Bei der Serie 1 handelt es sich um den Artikel, den Sie soeben gelesen haben.

 

Serie 2

Eine sehr persönliche und künstlerische Umsetzung ist das Projekt des Fotografen Fabrice Monteiro. Bis zu seinem 18. Lebensjahr ist der leidenschaftliche Surfer in Senegal aufgewachsen. Als er 20 Jahre später zurückkehrt, erkennt er Senegal nicht wieder. «In manchen Gegenden sind die Bäume nicht mehr grün. Sie sind schwarz – bis zur Unkenntlichkeit behängt mit schwarzen Plastiksäcken.» Mit dem afrikanischen Designer Jah Gal beginnt er, die Plastikverschmutzung zu dokumentieren. Entstanden ist «The Prophecy», eine Fotostory, deren Making-of man sich hier anschauen kann.

 

Serie 3

Welchen Reinigungseffekt hat es, sich unter der Dusche mit Plastik einzureiben? Keinen, könnte man meinen. Trotzdem bestehen manche Duschpeelings zu 90 Prozent aus Kunststoffen. Es wird Zeit, unser Badezimmer einer ordentlichen Reinigung zu unterziehen. Dazu berichten wir im Beitrag «Mikroplastik in Produkten, Kleidern und Kosmetik» und liefern eine umfangreiche Kosmetik-Produkteliste, in der Sie Ihre eigenen Produkte überprüfen können.

 

Serie 4

Weniger künstlerisch, aber mindestens so bildgewaltig kommt der Film des Regisseurs Craig Leeson «A Plastic Ocean» daher. Auch hier steht ein persönlicher Bezug zum Meer und zu seiner Verletzlichkeit am Anfang einer rund vier Jahre dauernden Dokumentation durch alle Ozeane der Erde.

 

Serie 5

Max Liboiron vereint in ihren Arbeiten Grassroots, Feminismus und Wissenschaft und hat ein ausschliesslich von Frauen besetztes Institut der Meereswissenschaften aufgebaut. Hier beschäftigen sich Wissenschaftlerinnen mit den Auswirkungen von Plastik in den Meeren. Unsere Autorin und Wissenschaftlerin Bettina Wurche hat die Selfmadefrau interviewt. Entstanden ist ein interessantes Gespräch zwischen zwei spannenden Wissenschaftlerinnen.

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