Schlegel, Greenpeace-Mediensprecher für die Westschweiz, blickt auf die vergangenen 12 Monate zurück und schildert seine persönlichen Eindrücke.

Mathias Schlegel

Mein Name ist Mathias Schlegel. Ich arbeite seit 15 Jahren für Greenpeace Schweiz. Während dieser Zeit war ich immer wieder mit der Frage nach den Schwerpunkten unserer Arbeit konfrontiert. Kurz: Sollte sich Greenpeace nicht stärker für einen tiefgreifenden gesellschaftlichen Wandel stark machen? Und sich stärker mit den Fragen beschäftigen, wie unsere Wirtschaft organisiert ist und welche Prinzipien unsere politischen Entscheide leiten – mit dem Ziel, eine nachhaltige Beziehung zwischen dem Planeten und seinen Bewohner:innen herzustellen?

Greenpeace Schweiz hat sich diesen Fragen ab 2022, kurz nach dem Ende der Covid-19-Krise, verstärkt gewidmet. Seit über einem Jahr bin ich ein Teil des Teams, das sich mit Fragen zur sozioökonomischen Transformation (Change) befasst. Die vergangenen 12 Monate waren reich an Aktivitäten und persönlichen Eindrücken. Davon möchte ich erzählen.

Eine realitätsferne Wirtschaft anprangern

Greenpeace Schweiz unterstützte die internationale Petition «Wohlstand für alle» für ein faires Steuerabkommen im Rahmen der Vereinten Nationen. Die derzeitige Situation begünstigt die reichsten Menschen und Unternehmen. Sie bunkern ihren Reichtum zum Nachteil eines grossen Teils der Weltbevölkerung. Eine Realität, an die Greenpeace-Aktivist:innen die Mächtigen dieser Welt am Weltwirtschaftsforum in Davos Anfang 2025 erinnerten. Sie beschlagnahmten unter anderem symbolisch die Privatjets der Superreichen und forderten sie auf, für die von ihnen verursachten Umweltschäden zu zahlen.

Am Overshoot Day, am 7. Mai hatten wir die Gelegenheit, mit Studierenden der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK) zusammenzuarbeiten, indem wir der Schweiz unter dem Motto «Die Erde rechnet ab» die Rechnung präsentierten.

Es erschien uns sinnvoll gerade an diesem Tag, der uns unseren Überkonsum vor Augen führt, mit jungen Menschen zusammenzuarbeiten und über unsere Zukunft nachzudenken. Besonders auch vor dem Hintergrund, dass die politischen Entscheidungsträger unseres Landes drastische Kürzungen bei den Budgets für den Schutz der Umwelt und zum Nachteil der am stärksten benachteiligten Menschen ins Auge gefasst hatten.

Der Donut als Kompass

Die Bilanz ist besorgniserregend. Wir missbrauchen die Ressourcen, die uns der Planet zur Verfügung stellt, während der Schutz der weniger privilegierten Menschen immer mehr abnimmt und sich der Reichtum in den Händen einer Minderheit konzentriert, die keinen Bezug mehr zur Realität hat. 

Dabei stellt uns der Planet alle notwendigen Ressourcen zur Verfügung, damit alle Menschen in Wohlstand leben können. Probleme entstehen erst, wenn es darum geht, die Ressourcen zu teilen. Es stellt sich die Frage: Wie kann ein neuer Ansatz entwickelt werden, der sowohl die Grenzen unseres Planeten als auch eine gerechte Verteilung der Ressourcen berücksichtigt?

Die britische Ökonomin Kate Raworth hat darauf eine Antwort gefunden. Als Alternative zum ungebremsten Wirtschaftswachstum mit seinen gravierenden Folgen für Mensch und Umwelt entwickelt sie die Donut-Ökonomie. Der Donut kombiniert die menschlichen Grundbedürfnisse und die planetaren Grenzen. Der innere Rand steht für das «gesellschaftliche Fundament» mit Grundbedürfnissen wie politischer Teilhabe, Gesundheit und Bildung. Der äussere Rand steht für die planetaren Belastungsgrenzen wie Klimawandel und Verlust der Artenvielfalt. Das ist die «ökologische Decke».

Auf den ersten Blick erschien mir diese Donut-Geschichte ein wenig utopisch. Doch nachdem ich mich näher informiert hatte, stellte ich fest, dass dieses Modell in der Westschweiz bereits angewendet wird. 

Die Universität Lausanne hat eine Reihe von Indikatoren nach dem Donut-Modell für die Entwicklung des Grossraums Genf entwickelt. Die Fédération vaudoise de coopération (Fedevaco) stellt den Donut in den Mittelpunkt ihrer Überlegungen mit Partnergemeinden. Der Donut ist sogar Gegenstand von Studien des renommierten Eidgenössischen Materialprüfungs- und Forschungsinstituts (EMPA).

Donut-Gemeinden gesucht

Um den Donut in der Schweiz zu fördern, haben wir einen innovativen Ansatz gewählt: Greenpeace sucht Gemeinden, die bereit sind, mit uns in den Donut zu steigen. Die Gemeinden setzen es sich zum Ziel, so zu politisieren und zu wirtschaften, dass sie die planetaren Belastungsgrenzen einhalten. Gleichzeitig sorgen sie dafür, dass die Menschen auf einem sicheren sozialen Fundament stehen.

In der Nominierungsphase können alle, die möchten, eine Gemeinde mit bis zu 20’000 Einwohner:innen nominieren. Sobald eine Gemeinde die Anzahl benötigter Nominierungen geschafft hat, kommt sie in die engere Auswahl. Wir fragen die Gemeinde zu einem späteren Zeitpunkt, ob sie am Gemeindeprojekt teilnehmen möchte. Die Anzahl benötigter Nominierungen ist relativ zur Einwohner:innenzahl. Je mehr Menschen eine Gemeinde nominieren, desto höher stehen die Chancen, dass wir die Gemeinde von einer Teilnahme überzeugen können. Bereits haben über tausend Personen eine Gemeinde nominiert. Die zählen auf den «Happiness-Effekt!».

Als Westschweizer bin ich etwas enttäuscht, dass wir nur Gemeinden in der Deutschschweiz berücksichtigen. Das ist jedoch verständlich. Denn wir möchten die Beteiligung der Einwohner:innen sicherstellen. Das erfordert einen grossen Koordinationsaufwand, der bei der geringen Zahl unserer französischsprachigen Mitarbeiter:innen nicht machbar ist.

Mein Favorit ist die Gemeinde Lichtensteig im Toggenburg Meine Mutter stammt aus einer Nachbargemeinde. Lichtensteig oszilliert zwischen Tradition und Moderne, mit einem aussergewöhnlichen architektonischen Erbe und innovativen Initiativen für Künstler:innen und Handwerker:innen. Hier wurde 1863 auch die Toggenburger Bank gegründet, aus deren Fusion mit der Bank in Winterthur 1912 der künftige Bankriese UBS hervorging. Gibt es einen besseren Ort in der Schweiz, um eine sozioökonomische Umgestaltung in Angriff zu nehmen?

Ich freue mich darauf, die Entwicklung dieses Projekts im Jahr 2026 weiter zu verfolgen und es auch in der Westschweiz bekannter zu machen.