Das Sammeln von Restplastik fördert die Kunststoffproduktion und zementiert schädliches Konsumverhalten. – Ein Positionspapier von Greenpeace Schweiz zur Kunststoff-Separatsammlung in der Schweiz (März 2021)

Konsument*innen tragen Säcke voll PET- und Milch-Flaschen zu den Detailhändlern und füllen dort die Sammelcontainer. Plastikrecycling ist ein Bedürfnis und zurzeit ein viel diskutiertes Thema. Angebote mit separaten Sammelsäcken häufen sich, Gemeinden führen Pilotversuche durch, verschiedene politische Vorstösse wurden eingereicht. Dieser Trend scheint gut für die Umwelt, ist es aber nicht wirklich. Greenpeace Schweiz steht einem Ausbau des Kunststoffrecyclings skeptisch gegenüber, denn dessen ökologische Nutzen ist gering. Durch vermehrtes Recycling werden aber umweltschädlichen Konsumverhalten und Denkweisen hingegen legitimiert und zementiert. Die Diskussion ist symptomatisch für eine in der Schweiz breit etablierte Denkweise zum Umgang mit Ressourcen: Die undifferenzierte Vorstellung, Recycling würde einen wesentlichen Beitrag zur Schonung der Ressourcen beitragen, ist in der Schweiz tief verankert. Recycling von Plastikabfall aus Haushaltungen ist für Greenpeace eine unzulängliche Lösung (siehe hierzu False-Solutions-Report). Und alle Massnahmen zur Optimierung des bestehenden Abfallsystems sind ohne systemische Umstellung auf Mehrweg lediglich ein Greenwashing. Es braucht ein fundamentales Umdenken.

Wenn eine Person in der Schweiz ein Jahr lang 70 Prozent ihres Kunststoffabfalls separat sammelt, entsteht ein ökologischer Nutzen, der dem Verzicht auf ein Rindsentrecôte entspricht.

Im Gegensatz zur heutigen, ungenügenden Praxis im Umgang mit Plastikabfall, weist eine separate Kunststoffsammlung zwar einen ökologischen Nutzen aus. Dieser ist aber sehr gering. Wenn eine Person in der Schweiz ein Jahr lang 70 Prozent ihres Kunststoffabfalls in eine Separatsammlung bringen würde, entsteht ein ökologischer Nutzen, der dem Verzicht auf ein Rindsentrecôte entspricht. Dies zeigt eine unabhängige Referenzstudie. Oder – in den Worten der Studie: «Der Verzicht von einem Ferienflug nach Sardinien oder Mallorca entspricht 30 Jahre Kunststoff sammeln.» (KurVE-Studie 2017)

Plastik ist kein zukunftsfähiges Material

Plastik ist ein Erdölprodukt. Einwegverpackungen aus Plastik sind daher nicht kompatibel mit unseren Klimazielen. Derzeit wird etwa 90 Prozent des Plastiks über die Hauskehrichtsammlung in KVAs verbrannt. Ein separates Sammelsystem würde nichts daran ändern, dass nur ein geringer Anteil an Plastik rezklierbar ist (sortenreines sauberes PET, teils PE und PP). Mischplastik, Multilayer-Verpackungen mit verschiedenen Kunststoffen oder auch Alu/Karton-Verpackungen mit Plastikbeschichtungen müssen auch im neuen System aussortiert werden, sodass weiterhin über 50 Prozent des Plastikabfalls in KVAs oder Zementwerken verbrannt würde. Daher kann das Plastik-Recycling als Etikettenschwindel der Abfallindustrie bezeichnet werden. Produkte, die aus rezykliertem Material (Rezyklat) hergestellt werden, sind meist minderwertig und schaffen zudem häufig neue Probleme, weil sie mit der Zeit verspröden und so zur Mikroplastik-Verschmutzung beitragen.

Auch mit separater Sammlung werden über 50 Prozent des Plastikabfalls in KVAs oder Zementwerken verbrannt werden.

Die Einführung eines flächendeckenden Plastik-Sammelsystems schafft mit dem Ausbau von Infrastruktur und Prozessen schnell grosse Abhängigkeiten, die wirksameren Kunstoffreduktionsmassnahmen und der Umstellung auf Mehrwegsysteme im Weg stehen werden (Locked-in-Syndrom). Die aufgebaute und finanzierte Infrastruktur muss ausgelastet bleiben. Eine Abnahme der Kunstoff-Abfallmenge würde für die Branche sofort Probleme schaffen. Solche Absurditäten gibt es bereits heute in anderen Bereichen der Branche, wie z.B. bei der Konkurrenz um Abfall wegen der tiefen Auslastung der KVA.

Plastikverbrauch würde steigen

Zweifelsohne sind Kunststoffsammlungen bei den Konsumentinnen und Konsumenten sehr beliebt. Diese sind des Plastiks in ihrem Leben überdrüssig. Gaukelt man ihnen vor, mit einer separaten Kunststoffsammlung wesentlich zum Umweltschutz beizutragen, sinken Problembewusstsein und Handlungsdruck. Das ist bereits bei anderen Materialien wie Einwegglas zu beobachten (Mehrweg-Glas schneidet in Studien am besten ab, Einwegglas-Recycling jedoch am schlechtesten). Gemäss Medienberichten steht der Detailhandel hinter den Kunststoff-Recycling-Plänen. Dies erstaunt wenig. Die Branche braucht Antworten auf die Plastikflut, welche die Kundschaft immer mehr nervt. Nun versucht man zu argumentieren, Verpackungen seien kein Problem denn sie würden schliesslich rezykliert. Doch dies ist eine Scheinlösung. Ohne innovative Umstellung auf Mehrwegsysteme, ist eine Zunahme des Plastikeinsatzes im Vertrieb von Lebensmitteln und Konsumgütern zu erwarten. Ein damit erhöhter Ressourcenverbrauch jedoch nicht kompatibel mit unseren planetaren Grenzen.

Konsumgüterindustrie in der Pflicht

Der aktuelle Kunststoffeinsatz ist mit einem nachhaltigen Umgang mit Ressourcen also nicht vereinbar. Anstelle auf falsche Lösungen zu setzen, müssen Ansätze verfolgt werden, die zu einer echten Verminderung des Ressourceneinsatzes führen. Vorrang müssen Vermeidung- und Wiederverwendungsstrategien haben, welche die Schliessung von echten Materialkreisläufen ermöglichen (echte Kreislaufwirtschaft). Darauf sollten die Firmen ihre Innovationskraft lenken und nicht in ein neues «Recycling»-System, das kaum zur Schonung der Ressourcen beitragen wird.

Berechnungen von Greenpeace Schweiz zeigen, dass gleich viel CO2 eingespart werden könnte (24 kg pro Person und Jahr bei einer «flächendeckenden» Kunststoffsammlung gemäss Projekt der Recycling-Branche), wenn rund ein Fünftel der Verpackungen entweder komplett abgeschafft würden (z.B. Gemüse, Früchte) oder auf Mehrweg-Behälter mit Refill-Systemen umgestellt würden (z.B. Reinigungsmittel, Shampoo, Getreide, Trockenfrüchten, Teigwaren, Tierfutter, Take-Away, Milchprodukte etc.). Entsprechende Pilotversuche bestätigen die Beliebtheit von solchen Systemen bei der Kundschaft. Solche Systeme müssen jetzt partnerschaftlich von Konsumgüterherstellern, Detailhandel und Gesetzgeber*innen vorangetrieben werden:

  • Bereitstellung einer umfassenden Mehrweg-Infrastruktur und branchenübergreifende Standardisierung der Mehrweg-Systeme. Dies beinhaltet auch eine flächendeckende und funktionierende Hintergrund-Logistik, inkl. Transport, Transportverpackungen, Vertriebs- und Reinigungssysteme etc. Diese müssen primär von den Herstellerfirmen bereitgestellt werden gemäss dem EPR-Prinzip (Erweiterte Hersteller-Verantwortung, engl. extended producer responsibility). 
  • Entwicklung und Verwendung von standardisierten Mehrweg-Behältern/Behältertypen und entsprechende Anpassung der Verkaufslogistk. Die Behälter sollen dauerhaft wiederverwendbar und  aus hochwertigem und langlebigem Material bestehen, damit sie am Ende des Lebenszyklus sortenrein rezykliert und wiederverwendet werden können (Ökodesign für echtes Recycling, z.B. Flasche-zu-Flasche Recycling ohne Downcycling).
  • Einfache Rückgabe- und Wiederauffüllmöglichkeiten bei jeder Verkaufsstelle oder Zuhause, um das System für Kund*innen praktisch zu machen (Vier Grundmodelle: 1. Refill at Home, 2. Refill on the Go, 3. Return from Home, 4. Return on the Go).

Dazu müssen auch das Versorgungssystem und die gängigen Konsummuster (z. B. Regionalisierung der Versorgung, Verkleinerung des Sortiments, Aufgabe von verpackungsintensiven Produkten) überdacht werden. Das ökologische Potenzial von innovativen Mehrweg-Lösungen von Konsumgüterverpackungen ist letztlich deutlich höher, als das Potenzial von Recycling-Systemen.

Es braucht nun eine Mehrweg-Infrastruktur und branchenübergreifende Standardisierung der Mehrweg-Systeme.

Die Pläne, die derzeit in der Öffentlichkeit portiert werden, sehen einen vorgezogenen Entsorgungsbeitrag auf Kunststoffverpackungen vor, um das Sammel-, Trenn- und Aufbereitungssystem zu finanzieren. Ähnliches System gibt es schon für die Separatsammlung von PET-Getränkeflaschen. Greenpeace befürwortet eine Abgabe auf Kunststoffverpackungen. Die muss allerdings so ausgestaltet werden, dass sie eine Lenkungswirkung erzielt und einen Anreiz schafft, Verpackungen zu vermeiden. Zudem sollten die Einnahmen in die Entwicklung von innovativen alternativen Liefersystemen fliessen, welche auf eine möglichst grosse Vermeidung von Verpackungen zielen.

Schluss mit der Plastikflut – Unterzeichne jetzt unsere Petition für Mehrweg-Lösungen!