Acht Millionen Tonnen Plastik gelangen jedes Jahr ins Meer – und damit in die Nahrungskette. Über die Folgen hat der Filmemacher Craig Leeson hat einen aufrüttelnden Film gedreht. Im Interview erklärt er, was ihn antreibt

Das Plastikproblem löst Gefühle der Ohnmacht aus. Das dürfte nach diesem Film nicht besser sein. Dabei haben Konsumenten auch Macht. Konsumgüter und Dienstleistungen werden immer grüner – von der Unterhose bis zum Coiffeurbesuch. Wir betreiben Umweltschutz durch Konsum – wie von Zauberhand. Man muss nur richtig konsumieren.

Falsch, falsch, falsch. Auch wenn die Produktion aus und mit erneuerbaren Ressourcen richtig ist, ist sie nicht immer besser, denn die Grenzen des Wachstums können auch wir nicht verschieben. Erdöl ist und bleibt begrenzt, die Anbauflächen für pflanzliche Energien und Zellstoffe zur Produktion von Gütern ebenfalls. Die Weltmeere als Mülltonne für heimliche und unheimliche Plastikabfälle schlucken auch nicht alles.

Naturschutz bedeutet, der Natur die Wildnis zu lassen und diese im besten Fall zu mehren. Was uns fehlt, sind Grenzen. Wie weit dürfen wir gehen? Wann stimmt die Balance von Angebot und Nachfrage? Für mehr Grün in der Wirtschaft dürfen wir keine Natur opfern. Nicht für den Abbau von Lithium für die Batterien unserer Elektroautos, nicht für die Suche nach Ölvorkommen und nicht für die grenzenlose Herstellung von Plastik. Wir sind gefordert, unseren Konsums den Grenzen des Planeten anzupassen. Reisen ist nur ohne Motorkraft umweltneutral – «traveln» mit Flugzeug und Mietauto ist es nicht. Das passt ebenso wenig zum Globetrotter wie fünf Paar Sportschuhe und ein übervoller Kleiderschrank.

Umweltschutz heisst optimieren. Nicht beim Produkt, sondern beim Verbrauch. Wir optimieren unseren Verbrauch, bis Angebot und Nachfrage in einem umweltethisch korrekten Mass stimmen. Dann erst dürfen wir uns in kompostierbaren Plastiksesseln und surrenden E-Autos ausruhen. Der Film «A Plastic Ocean» dürfte auch die Letzten überzeugen. Wenn Sie diesen Sommer nach dem letzten Strohhalm greifen, wählen sie einen aus Papier. Es gibt sie auch in Bunt.

Einleitungstext zum Interview (weiter unten) von Inga Laas.

Dr Jenniver Lavers und Regisseur Craig Leeson untersuchen Möwen auf Plastik.

GEO.de: Herr Leeson, andere filmen die Schönheit von Stränden oder die Faszination der Unterwasserwelt. Warum haben Sie sich entschieden, einen Film über etwas so Unappetitliches wie Plastikmüll in den Ozeanen zu machen?

Craig A. Leeson: Eine Freundin, die Biologin und spätere Produzentin des Films, Jo Ruxton, machte mich 2010 auf das Problem aufmerksam. Sie plante damals gerade eine Expedition, um den Pazifischen Müllstrudel zu erforschen, und fragte mich, ob mir auf meinen Reisen und Surf-Trips das Plastik im Meer und an den Stränden aufgefallen sei. Ich sagte ihr: nein, aber ich würde mal darauf achten. Und in dem Moment, als ich anfing, danach zu suchen, sah ich es überall. Ich hatte mich so an den Anblick gewöhnt, dass es für mich unsichtbar geworden war.

Als Jo von ihrer Expedition zurückkam, hatte sie zwar keine riesige Plastikinsel gefunden, dafür aber etwas viel Heimtückischeres: einen Ozean voll mit Mikroplastik. Es war klar, wir haben hier ein großes Problem. Was wir nicht wussten, war, wie sehr die anderen Ozeane betroffen waren. Auch die Auswirkungen auf die Meerestiere kannten wir nicht. Das wollten wir herausfinden. Es war der Beginn einer vierjährigen Expedition zu 20 Orten rund um den Planeten.

Plastik ist hässlich, und wenn Meerestiere und -vögel es fressen, ist es für sie oft tödlich. Aber inwiefern ist es für Menschen gefährlich?

Diese Frage stellten wir uns auch, als wir sahen, wie viele Meerestiere Plastikteile verschlucken. Denn viele dieser Tiere sind Teil unserer Nahrungskette. Das Problem ist, dass die Schwermetalle und Giftstoffe aus der Industrie, die in die Ozeane gelangen, sich im Wasser nicht auflösen, sondern sich an feste Gegenstände anlagern. Plastik ist dafür ideal, es saugt die Toxine auf wie ein Schwamm. Und in der Nahrungskette der Meereslebewesen, vom Plankton bis zum Hai, reichern sich diese Giftstoffe an. Am Ende dieser Nahrungskette steht oft der Mensch. Forscher haben herausgefunden, dass diese Giftstoffe Krebs verursachen können, aber auch Diabetes, sie können Entwicklungs- und Lernstörungen verursachen, Autoimmunkrankheiten auslösen und unsere Fruchtbarkeit beeinträchtigen.

Wird die Menschheit das Problem in den Griff bekommen?

Im Moment ist die Situation völlig außer Kontrolle. Allein in diesem Jahr werden wir 300 Millionen Tonnen Plastik produzieren, die Hälfte davon für den einmaligen Gebrauch. Wir werden in diesem Jahrzehnt mehr Plastik verbrauchen als in allen Jahren seit seiner Erfindung. Ein großer Teil davon landet in den Ozeanen, acht Millionen Tonnen jedes Jahr – von denen70 Prozent auf den Meeresboden sinken. Was wir an der Oberfläche sehen, ist also nur ein kleiner Teil des Problems.

Haben Sie während der Dreharbeiten selber noch etwas dazugelernt?

Ja: dass Plastik niemals verschwindet. Wenn wir es wegwerfen, ist es nicht weg – sondern zum Beispiel im Hals oder im Magen anderer Arten. Ich war geschockt, als mir dämmerte, dass ich sogar persönlich verantwortlich war. Die Dinge, die wir achtlos wegwerfen – Zahnbürsten, Plastikverpackungen, Strohhalme -, das sind genau die Sachen, die wir in den Mägen von Vögeln wiederfinden.

Was tun Sie heute, um die Ozeane zu retten?

Wir vergessen gern, dass die Erde mit ihrer hauchdünnen Atmosphäre eine winzige, merkwürdige Insel des Lebens ist, die mit Tausenden Stundenkilometern durch das All rast. Wir haben nur die eine Chance, jetzt das Richtige zu tun. Für mich persönlich sind die Filme und Geschichten, die ich als Journalist mache, Vehikel, um mehr Verständnis für die Probleme dieses Planeten zu wecken. Persönlich, zu Hause und im Studio, recyceln wir alles, kompostieren Essenreste – und auf dem Kompost ziehe ich Gemüse.

Und was kann jeder Einzelne von uns tun?

Aufmerksam sein. Sieh dir alles an, was du wegwirfst, und frage dich, ob du es nicht noch irgendwie verwenden kannst, ob es recycelt werden kann. Habe immer eine Stahlflasche mit Leitungswasser dabei. Oft ist Leitungswasser sogar besser als Mineralwasser aus Plastikflaschen – und manchmal bis zu 1000 Prozent günstiger. Verwende keine Strohhalme! Allein in den USA werden jeden Tag 500 Millionen Strohhalme verwendet. Nimm eine wiederverwendbare Tasche mit zum Einkaufen und kaufe Gemüse, das nicht in Plastik eingeschweißt ist. Verwende keine Duschgels oder Zahnpasta, die Mikroplastik enthalten. Das Zeug haben wir in jedem Ozean gefunden, den wir besucht haben. Benutze Seifenstücke statt flüssiger Seife für Hände, Haare und Körper – solche Gels bestehen ohnehin größtenteils aus Wasser und brauchen unnötig viel Verpackung. Wasche deine Fleece-Kleidung so selten wie möglich! Denn bei jedem Waschgang gelangen mikroskopisch kleine Plastikteilchen in die Flüsse und Meere. Und das Wichtigste: Wende dich an die lokalen Politiker und fordere, dass Unternehmen zu einem verantwortungsvollen Umgang mit Plastik verpflichtet werden. Deutschland hat in dieser Beziehung schon viel erreicht – etwa mit der Einführung des Grünen Punkts im Jahr 1991.

Weitere Informationen zum Film „A Plastic Ocean“: https://www.plasticoceans.org/buy-or-rent-a-plastic-ocean/

 

Serie 1

Ein Leben ohne Plastik: Pragmatisch und gezielt gehen Anneliese Bunk und Nadine Schubert auf das Problem zu: «Kauen Sie gerne auf Plastik? Sicher nicht, oder?» Dann schlagen sie Alternativen vor. Denn Kaugummi ist genau das, was es nicht sein soll: Plastik. Ohne missionarischen Unterton erklären die Frauen, wie sie schrittweise alles Plastik aus ihrem Alltag verbannt haben. Geht nicht? Geht wohl. Ihre Erkenntnisse haben Bunk und Schubert in ihrem Buch «Besser leben ohne Plastik» zusammengefasst. Selbstverständlich plastikfrei gedruckt.

 

Serie 2

Eine sehr persönliche und künstlerische Umsetzung ist das Projekt des Fotografen Fabrice Monteiro. Bis zu seinem 18. Lebensjahr ist der leidenschaftliche Surfer in Senegal aufgewachsen. Als er 20 Jahre später zurückkehrt, erkennt er Senegal nicht wieder. «In manchen Gegenden sind die Bäume nicht mehr grün. Sie sind schwarz – bis zur Unkenntlichkeit behängt mit schwarzen Plastiksäcken.» Mit dem afrikanischen Designer Jah Gal beginnt er, die Plastikverschmutzung zu dokumentieren. Entstanden ist «The Prophecy», eine Fotostory, deren Making-of man sich hier anschauen kann.

 

Serie 3

Welchen Reinigungseffekt hat es, sich unter der Dusche mit Plastik einzureiben? Keinen, könnte man meinen. Trotzdem bestehen manche Duschpeelings zu 90 Prozent aus Kunststoffen. Es wird Zeit, unser Badezimmer einer ordentlichen Reinigung zu unterziehen. Dazu berichten wir im Beitrag «Mikroplastik in Produkten, Kleidern und Kosmetik» und liefern eine umfangreiche Kosmetik-Produkteliste, in der Sie Ihre eigenen Produkte überprüfen können.

 

Serie 4

Bei der Serie 4 handelt es sich um den Artikel, den Sie soeben gelesen haben.

 

Serie 5

Max Liboiron vereint in ihren Arbeiten Grassroots, Feminismus und Wissenschaft und hat ein ausschliesslich von Frauen besetztes Institut der Meereswissenschaften aufgebaut. Hier beschäftigen sich Wissenschaftlerinnen mit den Auswirkungen von Plastik in den Meeren. Unsere Autorin und Wissenschaftlerin Bettina Wurche hat die Selfmadefrau interviewt. Entstanden ist ein interessantes Gespräch zwischen zwei spannenden Wissenschaftlerinnen.