Weltweit gibt es nach wie vor keine langfristig sichere Lösung zur Lagerung von Atommüll. Das zeigt eine neue Studie im Auftrag von Greenpeace Schweiz. Der Bericht veranschaulicht insbesondere die Risiken, die mit dem geplanten geologischen Tiefenlager in der Schweizer verbunden sind. Solange es keine sichere Lagerung von Atommüll gibt, darf kein neues Atomkraftwerk gebaut werden. 

Wohin mit dem hochradioaktiven Atommüll, der eine Million Jahre sicher gelagert werden muss? Diese Frage ist bislang unbeantwortet. Und zwar weltweit. Das zeigt der neue Bericht im Auftrag von Greenpeace Schweiz, für den über 800 wissenschaftliche Publikationen mit Bezug zur geologischen Tiefenlagerung von Atommüll analysiert wurden. 

Der Bericht zweifelt die Sicherheit des geplanten Schweizer Tiefenlagers im Standortgebiet Nördlich Lägern (Kantone Zürich und Aargau) an. Die Nationale Genossenschaft für die Lagerung radioaktiver Abfälle (Nagra) will den hochradioaktiven Abfall aus dem Betrieb von Atomkraftwerken in dickwandige Stahlbehälter verpackt in einer auf 900 m Tiefe liegenden Opalinustonschicht eingelagern. 

Neue Risiken identifiziert

Zu den Risiken beim Schweizer Konzept gehört insbesondere die Korrosion der Stahlbehälter und der Abfälle. Dabei entstehen Gase, die sowohl das Füllmaterial rund um die Behälter als auch das umgebende Gestein beschädigen. Radioaktivität kann dadurch schneller an die Oberfläche gelangen. Chinesische Forscher sind zum für die Schweiz besorgniserregenden Schluss gekommen, dass Stahlbehälter für die geologische Tiefenlagerung nicht geeignet sind. 

Die Stahlkorrosion ist nur eines der vielen Probleme beim geplanten Schweizer Tiefenlager. Es gibt eine ganze Reihe komplexer Prozesse, welche die Wissenschaft noch nicht vollständig versteht. So ist zum Beispiel unklar, inwiefern das «Mehrbarrierenkonzept» tatsächlich funktioniert: In einem Tiefenlager sollen verschiedene Barrieren – Abfallbehälter, Verfüllmaterial und Wirtsgestein – verhindern, dass Radioaktivität austritt. Die Verwitterungsprozesse der einzelnen Barrieren können aber die anderen Barrieren schwächen und so das «Mehrbarrierenkonzept» auf verschiedene Weise untergraben.

Zudem setzt sich der radioaktive Zerfall des Atommülls im Tiefenlager fort und erhitzt das umliegende Gestein. Diese Wärme kann seit langer Zeit ruhende Verwerfungen reaktivieren. Das würde zu Erdbeben führen und die Sicherheit des Tiefenlagers massiv beeinträchtigen. Die Wärme im Untergrund schwächt überdies die Barrierewirkung der Tonmineralien. Darüber hinaus wird zunehmend anerkannt, dass die Rolle von unterirdischen Bakterien und Pilzen bei kritischen chemischen Reaktionen nur unvollständig verstanden wird.

Jede Tonne Atomabfall zählt

«Angesichts all dieser Probleme ist es beunruhigend, mit welcher Gewissheit atomfreundliche Expert:innen für die Sicherheit des Schweizer Tiefenlagers einstehen», sagt Nathan Solothurnmann, Energieexperte bei Greenpeace Schweiz. «Auch der Bundesrat scheint der Bevölkerung aus finanziellen und politischen Gründen so rasch wie möglich ein endgültiges Konzept vorlegen zu wollen. Mit anderen Worten: Er versucht, das Problem der Atommüllentsorgung schnellstmöglich vom Tisch zu haben. Das ist gefährlich: Wir dürfen keine übereilten Entscheide treffen.»

Gemäss Kernenergiegesetz ist die wissenschaftliche und technische Machbarkeit der Langzeitlagerung hochradioaktiver Abfälle eine grundlegende Voraussetzung für den Betrieb von Schweizer Atomkraftwerken. «Unser Bericht zeigt, dass diese Voraussetzung nach dem aktuellen Wissensstand nicht gegeben ist. Jede zusätzliche Tonne Abfall erhöht die Kosten und Risiken für künftige Generationen. Daher ist es am sichersten, einen raschen Ausstieg aus der Atomenergie sicherzustellen und den Bau neuer Reaktoren in unserem Land um jeden Preis zu vermeiden», sagt Nathan Solothurnmann.

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