Klimawandel, Corona, Krieg. Junge Menschen leben in einer schwierigen Zeit. Die Generation Krise sieht sich mit Problemen konfrontiert, die sie gezwungenermassen übernehmen muss. Wie geht es ihr dabei? Und was braucht sie, um psychisch gesund zu bleiben? Ein Interview mit der Klimaaktivistin Hanna Hochreutener und der Psychologin Irina Kammerer.

Hanna Hochreutener, Maturandin, Klimaaktivistin, Kunstschaffende © Jörn Kaspuhl

Frau Hochreutener, wie gehts? 

Heute sehr gut; mein Leben ist spannend. Aber manchmal bin ich besorgt, sogar sehr. Der Zustand unserer Welt gibt mir zu denken.

Was belastet Sie am meisten? 

Das Klima. Der Krieg in der Ukraine. Generell der Zustand des Planeten.

Wenn es Ihnen nicht gutgeht, wie fühlen Sie sich dann?

Manchmal bin ich deprimiert, manchmal aber einfach mega hässig.

Während der Pandemie hat die Politik gut funktioniert. Innert weniger Tage waren die Flugzeuge am Boden und die Autobahnen leer. Folglich war die Luft besser. Macht es Sie wütend, dass die Politik beim Klima versagt, und zwar seit Jahrzehnten? 

Ja, schon. Aber ich habe herausgefunden, dass es nichts nützt, wenn ich mich auf dieses Versagen fokussiere. Ich versuche mich auf das zu konzentrieren, was möglich ist.

Das heisst?

Ich engagiere mich in der Klimagruppe Ausserrhoden. Hier kann ich etwas gegen meine Angst und Ohnmacht tun. Aktiv sein ist der beste Weg.

Was unternehmen Sie konkret? 

Wir bieten in den Schulen Klimalektionen an, ab und zu organisieren wir einen Klimastreik, und aktuell setzen wir uns für das neue Energiegesetz in unserem Kanton ein, gegen welches die Öllobby das Referendum ergriffen hat. Das Gesetz ist landesweit eines der progressivsten!

Also sehen Sie in der Politik trotz allem immer noch ein taugliches Mittel?

Hmm … Ich bin sicherlich von der Politik sehr enttäuscht. Aber sie hat im Moment die besten Mittel, um grundlegende Veränderungen voranzutreiben. Wollen wir das Referendum erfolgreich bekämpfen, müssen wir mit den Parteien zusammenarbeiten. Es ist der einzige Weg. 

Eigentlich geht Sie die Klimakrise ja gar nichts an. Das haben Ihnen die älteren Generationen eingebrockt.

Ja, das ist unfair. Ich schrieb meine Maturaarbeit zur Frage, wie sich die Klimakrise auf die Psyche junger Menschen auswirkt. Bei den Gesprächen mit ihnen hörte ich immer wieder, welch grosse Last all die Krisen für sie bedeuten und wie sie darunter leiden. Das tut mir weh. 


Irina Kammerer, Leiterin des Bereichs Beratung und Therapie für Kinder/Jugendliche und Paare/Familien der Universität Zürich @ Jörn Kaspuhl

Frau Kammerer, die meisten jungen Menschen sind be­sorgt um die Zukunft unseres Planeten. Diese Sorgen können sich zu Angststö­rungen oder Depressionen auswachsen. Ist das medizinisch bedenklich?

Es kommt ganz darauf an, über welche Ressourcen die jungen Menschen verfügen – für sich selbst sowie auch in Bezug auf Familie und Freundeskreis. Zu einer psychischen Störung kommt es, wenn Stressoren und Ressourcen nicht mehr in der Balance sind. Zurzeit geht es in diese Richtung. Die Stressoren prasseln nur so auf die jungen Menschen ein. Zeigte bis anhin bereits ein Viertel eine psychische Störung, so hat das – vor allem mit der Pandemie – nochmals zugenommen. 

Beunruhigt Sie das? 

Die Zunahme kann punktuell sein und wieder abnehmen. Ob das so ist, wissen wir noch nicht. Beunruhigend ist aber, dass immer weniger junge Menschen in festen, verlässlichen Strukturen aufwachsen. Sie sind Basis für einen gesunden Selbstwert und auch Basis, um aufstehen und sagen zu können: So geht es nicht. 

Dann sind Proteste und Demonstratio­nen also ein Weg, um psychisch gesund zu bleiben?

Zuerst gilt es zu analysieren, woher die Ängste kommen und welches der beste Weg ist, um sie anzugehen. Zu demonstrieren ist aber sicher eine Möglichkeit. Mich beeindruckt das Engagement der Klimajugend sehr. 

Sie haben selbst vier Kinder. Was tun Sie, damit sie in diesen herausfordern­den Zeiten psychisch gesund bleiben?

Was die Kinder beschäftigt, nehmen wir am Familientisch auf und reden darüber. Besonders der Klimawandel ist ein grosses Thema, aktuell auch der Krieg in der Ukraine. Wir bestärken sie darin, sich mit jenen Themen und Fragen auseinanderzusetzen, die für sie wichtig sind, und helfen ihnen dabei.

Dann können Ihre Kinder also auf jene verlässlichen Strukturen zurückgreifen, die Sie erwähnt haben.

Ich gehe davon aus … Wir versuchen das sehr zu leben. Sichere und tragfähige Beziehungen gelten als Schutzfaktor für die weitere Entwicklung, und zwar für das ganze Leben. Kann ein Kind dies nicht erfahren, ist es anfälliger, eine psychische Störung zu entwickeln.

Autor: Christian Schmidt, Journalist, Texter für Non-Profit-Organisationen und Buchautor. Freischaffend aus Überzeugung. Diverse Auszeichnungen, u. a. Zürcher Journalistenpreis.

Weitere spannende Inhalte zum Thema Krise findest du in der aktuellen Ausgabe des Greenpeace-Magazins.