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Die Tristan Languste galt als ausgerottet am Tiefseeberg Vema. Eine Greenpeace-Expedition konnte jetzt ihre Rückkehr dokumentieren – dank eines 2007 verhängten Fischereiverbots.

Mount Vema ist ein Tiefseeberg im Südostatlantik – entstanden durch vulkanische Aktivitäten vor 15 bis 11 Millionen Jahren. Aus 4.600 Meter Tiefe erhebt er sich bis 26 Meter unter die Meeresoberfläche. So dicht unter der Oberfläche sind  seine Gipfel sogar für  Taucher erreichbar – und für die Sonne. An seinen Gipfeln wiegen sich aus Tang bestehende Kelpwälder in der Strömung.

Zwischen ihren langgestreckten Zweigen schweben Hunderte von Gelbschwanzmakrelen und Streifenbrassen. Kalkbildende Algen, Korallen und viele Krebsarten finden hier – fast 1000 Kilometer vom südafrikanischen Festland entfernt – küstenähnliche, ideale Lebensbedingungen. Die tieferen Hänge sind Heimat für Schwarze Korallen und farbenreiche Gorgonien.

Greenpeace-Taucher überrascht von Vielfalt

Ein reines Paradies der Artenvielfalt haben Taucher hier auf ihrer Expedition mit dem Greenpeace-Schiff Arctic Sunrise entdeckt. Sogar der auf Vema bereits als ausgelöscht geltende Bestand der Tristan Languste nimmt wieder zu. Dutzende Exemplare konnten die Greenpeace-Taucher beobachten. Ein Hinweis darauf, dass ein 2007 von der Südostatlantischen Fischereiorganisation (SEAFO) verhängtes Verbot der Grundfischerei erste Erfolge zeigt.

«Wir sind überrascht, so viele Tristan-Langusten zu sehen», sagt Greenpeace-Meeresbiologe und Taucher Thilo Maack vor Ort. «Ohne das Fischereiverbot wäre diese Art hier für lange Zeit verloren gewesen.  Vema zeigt: Die Meere erholen sich, wenn man ihnen Zeit und Raum dafür gibt.»

Seeberge wie Vema sind Oasen  des Lebens in der Weite der Ozeane. Stömungen transportieren nährstoffreiches Tiefenwasser nach oben, wo es auf die sonnenbeschienenen oberen Schichten trifft. Nährstoffe und Licht ermöglichen Photosynthese und den Aufbau eines dichten Nahrungsnetzes mit vielen endemischen Arten – Tieren und Pflanzen, die nur an diesem Ort vorkommen. Tiefseeberge sind von enormer Bedeutung für das ökologische Gleichgewicht. Grosse Freiwasserfische wie Thunfische und Haie sowie Delfine, Wale und Seevögel finden hier Nahrung.

Greenpeace Meerescampaigner Thilo Maack während eines Tauchgangs am Mount Vema.

Wissenschaftler an Bord der Arctic Sunrise

«Wir wollten mehr über den Seeberg Vema erfahren», sagt Maack. «Kommen Wale und Delfine auf ihren langen Migrationsrouten vorbei? Wie ist es um die Artenvielfalt in diesem Lebensraum bestellt?» Wissenschaftler an Bord der Arctic Sunrise erkunden mit Hilfe von Unterwasser-Mikrofonen (Hydrofone) die Anzahl und Art vorbeiziehender Wale oder Delfine. Sie untersuchen Kelp, das die Taucher vom Plateau des Tiefseebergs mit an die Oberfläche bringen, um seine Herkunft zu klassifizieren. Auch die Universität von Kapsatdt ist an den Ergebnissen interessiert.

Mit Hilfe eines Unterwasserroboters erkundet die Besatzung der Arctic Sunrise die Berghänge des gewaltigen Unterwassermassivs und sucht nach verlorenem oder weggeworfenem alten Fischereigerät. Hinterlassenschaften früherer Fangflotten, die Vema auf der Jagd nach der teuren Tristan Languste befischten. Noch im 20. Jahrhundert gab es auf dem Seeberg eine riesige Population der Tristan Languste (Janus tristani). Bis sie 1981 auf Mount Vema am Rand der Ausrottung stand.  

Innerhalb von 20 Jahren nahezu zerstört

Die Tristan Languste ist die teuerste Langustenart weltweit und stammt in der Regel von der Insel Tristan da Cunha –  laut Marine Stewardship Council aus einer nachhaltigen Fischerei. Die Vema-Population der Tristan-Languste entwickelte sich somit mehr als 1800 Kilometer vom natürlichen Verbreitungsgebiet dieser Art. Das macht sie einzigartig. Über Jahrhunderte hinweg gelangten die Langustenlarven nur durch Zufall mit der Meeresströmung von Tristan da Cunha nach Mount Vema. Auf diese Weise baute sich sehr langsam ein Bestand auf. Die menschliche Gier brauchte weniger als 20 Jahre, um den Langustenbestand an den Rand des Aussterbens zu bringen.

Mount Vema und der Südostatlantik sind Beispiele dafür, wie natürliche Ökosysteme zusammenbrechen. Denn die Ozeane sind praktisch ohne Schutz. Nur rund drei Prozent der Meeresgebiete sind wirklich frei von menschlichen Eingriffen. Das ist zu wenig, um ein langfristiges Überleben der Arten zu sichern. Der Artenverlust schreitet doppelt so schnell voran wie an Land. Landwirtschaft und Fischerei sind die Hauptursachen für die Verschlechterung. Die industrielle Fischerei fischt auf über der Hälfte der Weltmeere – ein Drittel aller Fischpopulationen gilt als überfischt. Zwei Drittel der Meere stehen unter dem Einfluss von Fischfarmen, Schifffahrtsrouten und destruktiven Industrien wie Tiefseebergbau sowie Öl- und Gasbohrungen. Seit dem späten 19. Jahrhundert sind rund die Hälfte aller Korallenriffe verschwunden und fast ein Drittel aller anderen Meeresarten.

640.000 Tonnen Fischereigerät pro Jahr in den Ozeanen

Hinzu kommt der Plastikmüll: 12 Millionen Tonnen Plastik landen jährlich im Meer – so viel wie ein durchschnittlicher Müllwagen pro Minute entsorgt. Jegliches Plastik in den Ozeanen wird möglicherweise zur tödlichen Falle für Tiere, kann sie ersticken, fesseln oder schwer verletzen. Eine ganz bestimmte Art Plastik jedoch wurde extra hierfür gebaut: Fischereigerät, das auch dann noch tödliche Beute macht, wenn es längst ausrangiert ist.

Der neue  Greenpeace-Bericht «Ghost Gear» fasst die Bedrohung durch Geisterausrüstung zusammen: Jährlich landen rund 640.000 Tonnen altes Fischereigerät in den Ozeanen, was einem Gewicht von mehr als 50.000 Doppeldeckerbussen entspricht. Zehn  Prozent des Plastikeintrags in die Meere stammen von Netzen, Leinen, Bojen oder ähnlichem. Abfälle aus der Fischerei wie Verpackungsbehälter oder Klebeband tragen ebenfalls dazu bei. In einigen Regionen der Ozeane bildet Fischereiausrüstung den grössten Teil des dort vorkommenden Plastiks.

30 Prozent der Meere unter Schutz stellen

Überfischung, Vermüllung, Geisternetze, direkte und indirekte Auswirkungen des Klimawandels strapazieren die Tiefseeberge genauso wie den Rest der Meere. Daher fordert Greenpeace mit Blick auf die laufenden UN-Verhandlungen über ein globales Abkommen zum Schutz der Hohen See von den politischen Entscheidungsträgern strenge Kontrollen und echten Meeresschutz. Greenpeace fordert, bis 2030 dreissig Prozent der Meere unter Schutz zu stellen.